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http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=1322552
Frankfurter Rundschau 21.04.2008
Aufstand der Tagelöhner
Griechenlands Gastarbeiter wehren sich
Athen (dpa) - Sie arbeiten für Hungerlöhne, haben kaum Rechte und sind
ständig von Abschiebung bedroht. Trotzdem gingen in Griechenland jetzt
erstmals 3000 Tagelöhner meist aus dem Nahen Osten und Asien auf die
Barrikaden - mit Erfolg.
Zähneknirschend stimmten am Wochenende Großbauern im Westen der Halbinsel
Peloponnes einer Erhöhung des Tageslohns von 22 auf 28 Euro zu. Denn nach
dem drei Tage langen Ausstand drohten ihre reifen Erdbeeren auf den Feldern
zu verfaulen.
"Griechen sind sich zu fein"
"Wir haben es geschafft! Es ist ein Wunder geschehen", jubelte ein junger
Mann aus Sri Lanka im griechischen Fernsehen über den "ersten Sieg von
Einwanderern für ein besseres Leben", wie die Athener Presse kommentierte.
Diesmal saßen die Einwanderer am längeren Hebel: "Griechen sind sich zu
fein, um diese Arbeit zu machen", berichtete ein Reporter im Rundfunk über
das Dilemma der Großbauern in der Erdbeerernte, die derzeit auf Hochtouren
läuft. Denn den Plantagenbesitzern um die für ihre wohlschmeckenden
Erdbeeren bekannten Kleinstadt Nea Manolada drohte wegen des Streiks das
wirtschaftliche Aus. Die empfindlichen Früchte können nämlich binnen Stunden
vergammeln.
"Blutige Erdbeeren auf dem Peloponnes"
Entsprechend kochten die Emotionen in der Region in den vergangenen Tagen
hoch. Im Fernsehen waren Bilder von Prügeleien zwischen empörten Bauern und
verzweifelten Arbeitern zu sehen. Die Polizei nahm mehrere Menschen
vorübergehend fest.
Gewerkschafter, welche die Streikenden unterstützten, warfen den Großbauern
"Terrormethoden" vor. Sie hätten ihre Vorarbeiter auf die Tagelöhner
gehetzt.
"Blutige Erdbeeren auf dem Peloponnes", titelte die linksliberale Athener
Zeitung "Eleftherotypia". "Die Verzweiflung macht aus friedlichen und
ängstlichen Schafen Helden", meinte ein Reporter. "Eleftherotypia" nannte
die Zustände eine "Schande für das Land".
Griechische Fernsehsender zeigten Bilder von Menschen, die "wie Schweine" in
provisorisch aus Brettern und Plastikplanen gezimmerten Hütten hausen. Ihre
Bewohner flüchteten vor den Kameras - aus Angst, von ihren Arbeitgebern
erkannt und bestraft zu werden. Denn die meisten von ihnen sind "halblegale
Einwanderer", denen die vorläufige Aufenthaltserlaubnis jederzeit entzogen
werden kann.
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12354
Neue Rheinische Zeitung 30.04.2008
Strawberry fields forever?
Über den Erdbeerkrieg und einen "Sklavenaufstand" in Griechenland
Von Eberhard Rondholz
Es gibt ja altmodische Leute, der Autor dieser Zeilen gehört dazu, die essen
Erdbeeren seit eh und je erst, wenn ihre Zeit gekommen ist - das heißt, wenn
sie im Freien reif werden, also im Rheinland so ab Mitte Juni. Heute werden
die roten Früchtchen allerdings ganzjährig angeboten, und dann kommen sie
beispielsweise aus dem südlichen Griechenland, aus der Landschaft Elis auf
der Peloponnes. Doch unter welchen Umständen werden die Unmengen an
Erdbeeren produziert?
25.000 Tonnen jährlich werden allein in dem kleinen Ort Manolada, nicht weit
vom antiken Olympia, unter Plastikplanen produziert und zu Spottpreisen auf
den europäischen Märkten angeboten. Wie das kommt, das interessiert die
Erdbeeresser kaum, selbst in Athen nicht, wo das Kilo Erdbeeren zur Zeit für
1,50 Euro zu haben ist.
Doch seit letzten Sonntag wissen auch die Athener, was bis dahin keiner
wissen wollte: unter welchen Bedingungen die Billig-Erdbeeren produziert
werden. Die Erdbeerarbeiter hatten nämlich beschlossen zu streiken, worauf
von den griechischen Großagrariern angeheuerte Schlägertrupps die Arbeiter
zusammenschlugen, mit ihnen auch ein paar kommunistische Gewerkschafter, die
sich mit den Streikenden solidarisiert hatten und anschließend ins
Krankenhaus mussten. Tagespresse und Fernsehen berichteten ausführlich über
den "Sklavenaufstand", wie ihn die Athener Zeitung "Ta Nea" nannte.
Die Erdbeerarbeiter von Manolada, das sind sämtlich Ausländer, unter anderem
illegale Immigranten aus Bangladesh und Pakistan, und sie leben unter
erbärmlichen Bedingungen. Ein Dach aus Plastikplanen, eine Matratze auf dem
blanken Erdboden, das ist oft alles. Tagelohn: 18 bis 23 Euro, bei einer
täglichen Arbeitszeit bis zu 12 Stunden. Und davon müssen einige von ihnen
noch drei bis sechs Euro für Kost und Logis abliefern, weitere drei Euro
Provision für die Vermittler dieser Arbeitsplätze.
Der Regierung ist dieser Dauerskandal seit langem bekannt, sind doch einige
der Erdbeerarbeiter - vor allem Bulgaren - legal im Land und mit einer
zeitlich begrenzten Arbeitsgenehmigung ausgestattet. Illegal ist dagegen das
Treiben der Erdbeerfarmer, die sich nicht an griechische Gesetze halten, die
eine Beschäftigung unterhalb vorgeschriebener Mindestlöhne unter Strafe
stellen. Doch der Regierung fiel bisher nicht ein, den Sklavenhaltern von
Manolada das Handwerk zu legen, solange die breitere Öffentlichkeit nichts
von den Lebensumständen der Immigranten erfuhr.
Am Ende blieben die Sklavenarbeiter von Manolada Sieger im Erdbeerkrieg,
weil sie sich nicht einschüchtern ließen und weil ihre Arbeitgeber fürchten
mussten, dass die erntereifen Früchte massenhaft verfaulen würden. 25 Euro
pro Tag zahlen die Ausbeuter jetzt, was allerdings noch weit unter dem in
Griechenland verbindlichen Mindestlohn liegt - der beträgt 30 Euro für den
Achtstundentag. Und der wird auch anderswo im Land nur zu oft
unterschritten.
Auf rund 1,2 Millionen wird die Zahl der billigen ausländischen
Arbeitskräfte in Griechenland geschätzt, rund 700.000 haben inzwischen
Papiere als Arbeitsimmigranten auf Zeit, eine halbe Million aber lebt völlig
illegal in Hellas. Viele wurden von Schleppern ins Land gelotst, sind auf
dem Weg ins erhoffte Ziel in einem anderen europäischen Land hier
gestrandet. Einen Asylantrag stellen die wenigsten, als
"Wirtschaftsflüchtlinge" hätten sie damit in Griechenland ohnehin keinen
Erfolg, bei einer Anerkennungsquote von durchschnittlich 0,6 Prozent in den
letzten Jahren. So nehmen die Gestrandeten jede Arbeit an, zu welchen
Konditionen auch immer.
Eins aber ist sicher: das Beispiel der Erdbeerarbeiter von Manolada wird
Schule machen. Vor allem die illegalen Immigranten aus Mittelost und
Südostasien arbeiten auch anderswo in Griechenland unter ähnlichen
Bedingungen, und nicht alle werden sich das auf Dauer klaglos gefallen
lassen. Jetzt, da sie aus dem Fernsehen erfahren haben, dass man sich mit
Erfolg wehren und dabei zumindest auf die Solidarität griechischer
Gewerkschafter zählen kann. (CH)
- Fotos
- http://athens.indymedia.org/front.php3?lang=el&article_id=851322
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