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wir-klimaretter.de - 9. März 2008
Stacheldraht gegen Klimaflüchtlinge
"Wenn Inseln verschwinden, Gletscher schmelze, ganze Landstriche vertrocknen, dann hat das auch Folgen für unsere Sicherheit". Diese Aussage stammt vom Javier Solana, dem "Hohen Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik" der EU. Ein Thesenpapier, dass der EU-Chefdiplomat angefertigt hat, zeichnet ein düsteres Bild: Europa droht ein neuer Ansturm von Flüchtlingen, denen die Ernte verdorrt oder die eigene Heimat unter den Füßen versinkt.
Die Folgen des globalen Klimawandels lassen die alten Rezepte und Konzepte der internationalen Sicherheitspolitik immer überholter erscheinen. Das hat nun auch die Europäische Union erkannt. Auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs will EU-Chefdiplomat Javier Solana in der kommenden Woche in Brüssel höchstpersönlich Alarm schlagen: Wenn der Teufelskreis aus Armut, Klimaschäden und Kampf um Rohstoffe nicht endlich ernst genommen werde, könnten bald Millionen von Klima-Migranten an der Türschwelle der Union stehen. "Die Risiken des Klimawandels sind real, seine Auswirkungen sind zu sehen", heißt es in dem Papier.
Vor allem der Kampf um das Wasser hat längst begonnen. "Zwei Drittel der arabischen Bevölkerung hängen von Wasserquellen ab, die nicht in ihren Ländern entspringen", so der Bericht. Als Beispiel nennt er den Jordan oder den Yarmuk. Es hätten aber auch der Syr Daria, Schu oder der Wachsch in Zentralasien sein können. Nach Untersuchungen der kirgisischen Akademie der Wissenschaften gingen in den zentralen Höhen des Tientschans die Niederschlagsmengen dramatisch zurück, Konflikte um Wasser sind längst Realität.
Für Usbekistan mit über 22 Millionen Bewohnern und gewaltigen Baumwollfeldern ist ein ungehinderte Wasserzulauf aus Tadschikistan und Kirgisistan überlebenswichtig. Die beiden Gebirgsstaaten sind zwar arm an Gas- und Erdölvorkommen, jedoch speisen die Gletscher des Tientschan- und Pamirgebirges den Syr Darja und Amu Darja, die beiden Hauptflüsse der Region zwischen chinesischer Grenze und Kaspischem Meer. Für Kirgisistan und Tadschikistan sind die Flüsse potenzielle Energieträger, während Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan die Ströme zur Bewässerung benötigen.
Auf einem Treffen der Organisation für Zusammenarbeit im August 2007 in Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, machte der usbekische Präsident Islam Karimow seinem Ärger Luft. "Eingriffe bei grenzüberschreitenden Flussläufen dürften nur im Einvernehmen aller Anrainerstaaten geschehen". Der tadschikische Präsident konterte und versicherte, dass kein Vorhaben in Tadschikistan sich gegen ein anderes Land richten würde. Tadschikistan benötigt den Strom aus der Wasserkraft. Schon im Winter 2006/2007 war Gas und Strom im gesamten Land praktisch für Monate abgestellt. "Sollte sich das noch einmal wiederholen, steht Tadschikistan vor einer Katastrophe", mutmasst ein tadschikischer Journalist in Duschanbe.
Solanas Papier nennt weitere solcher Konfliktzentren: Die Verwüstung und Versteppung in Afrikas Sahelzone lässt immer mehr Wasserquellen versiegen. Das Agrarland könnte dort um bis zu 75 Prozent schrumpfen, im schlimmsten Fall dürfte der Hunger Abermillionen von Menschen gen Norden treiben. "Die Gesamtwirkung ist, dass Konflikte um knapper werdende Ressourcen angeheizt werden."
Dass schließlich die aus Wasserkraft und Bodenschätzen gewonnene Energie immer öfter als machtpolitische Trumpfkarte eingesetzt wird, liegt spätestens seit dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine Anfang 2006 auf der Hand. Erst in der vergangenen Woche war das Tauziehen zwischen Moskau und Kiew wieder aufgeflammt. "Weil viele Rohstoffvorkommen in Staaten mit großen wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen liegen, wird die Instabilität wahrscheinlich zunehmen", mutmaßen die EU-Analysten.
Mehr Krisen und Konflikte vor Europas Haustür liessen der EU gar keine Wahl: Eine neue Art von globaler Umwelt-Diplomatie ("Carbon Diplomacy") sei das Gebot der Stunde. Denn der riesige Problemdruck liefert, so zynisch es klingen mag, oft den entscheidenden Anstoss zur Einigung. So bedurfte es in der indonesischen Unruheprovinz Aceh erst der dramatischen Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004, um die Bürgerkriegsparteien zu einem Waffenstillstand zu zwingen.
Solana will nun auf dem Gipfel das Bewusstsein bei Europas Staatenlenkern für das Problem schärfen. Sein Bericht geht davon aus, dass es gelingt, die Treibhausemissionen bis 2050 zu halbieren. "Der Klimawandel ist ein Schlüsselfeld der internationalen Politik geworden", bilanzieren Solanas Krisenwächter. Und: Das 2050-Ziel müsse unbedingt erreicht werden. "Sonst", so heißt es, müssen wir uns auf ganz andere Katastrophen einstellen".
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