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Komitee für Grundrechte und Demokratie, Aquinostr. 7 - 11, 50670 Köln,
Tel.: 0221 - 97269 -30, Fax: - 31
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Artikel zum Buch: Gewaltbereite Politik und der G8-Gipfel
Sehr geehrte Damen und Herren,
In der Anlage bieten wir Ihnen einen zusmmenfassenden Artikel zu unserem
Buch "Gewaltbereite Politik und der G8-Gipfel" von Wolf-Dieter Narr. Wir
würden uns freuen, Sie könnten den Text insgesamt oder in Auszügen
abdrucken.
Wolf-Dieter Narr ist emeritierter Politikwissenschaftler der FU Berlin
und Mitgründer des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Für Fragen
stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Elke Steven
Elke Steven
Komitee für Grundrechte und Demokratie
Aquinostr. 7 - 11, 50670 Köln
Tel.: 0221 - 97269 -30, Fax: - 31
0177 - 7621303
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Gewaltbereite Politik und der G8-Gipfel
Wolf-Dieter Narr
Knapp 30 Personen machten sich am 1. Juni 2007 auf den Weg nach
Heiligendamm. Dort beobachteten sie vom 2. bis 8. Juni, ausgewiesen vom
Komitee für Grundrechte und Demokratie, das demonstrative Geschehen rund
um den G-8-Gipfel am 6. und 7. Juni. Der Bericht ihrer Beobachtungen
liegt nun als buchdicke Broschüre im Eigenverlag des Komitees vor (Dez.
2007). Er ist für den Preis von 10 Euro zu erhalten. Er belegt
detailliert, wie mehrere Zehntausende vor allem junger Menschen aus
allen Teilen der Bundesrepublik, kräftig aus anderen Ländern ergänzt,
phantasievoll und friedlich gegen die humanen und umweltgerichteten
Kosten raubbauender Globalisierung für eine andere, menschen- und
umweltgerechtere Welt demonstrierten. Nicht als bloße Manifestation
angemaßter globaler Macht von 8 Staaten durch ihre Spitzenvertreterin
und -vertreter wird Heiligendamm Anfang Juni 2007 erinnert werden. Wie
dort Zehntausende von BürgerInnen, in der Mehrzahl aus großen, geradezu
mustergültig demokratisch organisierten Camps, 6 Tage lang friedlich
demonstrierten, dass eine andere Welt möglich ist, wird vielmehr als
demokratische Demonstration und als gemeinsames Lernen im Gedächtnis
bleiben.
Im Demonstrationsbuch zum G-8-Gipfel im Fünf-Sterne-Hotel Kempinski zu
Heiligendamm finden sich folgende Beobachtungen, Bezüge, Argumente und
Analysen:
- Das Grundrecht auf Demonstration
Die Basis der Beobachtungen und Beurteilungen bildet das Grundrecht
aller Bürgerinnen und Bürger, frei zu demonstrieren, wo immer sie dies
von ihren Interessen motiviert wollen. Dieses Grundrecht, frei zu
demonstrieren, ist ein zentraler Bestandteil repräsentativer Demokratie.
BürgerInnen können weithin nur indirekt über gewählte VertreterInnen (Repräsentanten) am politischen Geschehen mitwirken. Gerade darum stellt
das Demonstrationsrecht eine fundamentale Bedingung der Demokratie dar.
Hier können BürgerInnen ihre Meinung im Kollektiv öffentlich in ganzer
Person ausdrücken. Exklusiv repräsentative Demokratie verkümmerte ohne
die demonstrative Mund-zu-Mund-Beatmung durch unmittelbare
Meinungsäußerungen der BürgerInnen. Darum legt das Komitee für
Grundrechte und Demokratie so großen Wert darauf, das Recht zu
demonstrieren, unverkürzt zu erhalten. Darum hat es seit 1981 zahlreiche
Demonstrationen beobachtet und über sie berichtet. Um alle BürgerInnen
darüber zu informieren. Um das Demonstrationsrecht weder durch
einseitige Berichte von Seiten zuständiger politischer und eingesetzter
polizeilicher Instanzen, noch durch solche von Seiten der Medien oder
anderer an Demonstrationen Beteiligter trüben zu lassen.
2. Der angeblich gewaltdurchzogene Anfang am 2. Juni in Rostock
Das demonstrative Geschehen vom 2. bis 8. Juni wurde mit einer
Riesendemonstration und Versammlung am 2. Juni im Rostocker Hafen
eröffnet. 80.000 Menschen trafen sich dort, um die herrschende Form der
Globalisierung zu kritisieren. Sie schafft weltweite Ungleichheiten
unter den Menschen. Sie zerstört die Umweltbedingungen aller organischen
und anorganischen Geschöpfe. Die Eröffnungsversammlung war noch nicht zu
Ende, da hallte der Gewaltruf durch die Medien; wurden Bilder
gewalttätiger Auseinandersetzungen übers Fernsehen in die Wohnzimmer
geflimmert; wurde der Vorwurf gewalttätiger Teilnehmer an der
Versammlung mündlich und zeitungsschriftlich verbreitet. Nicht wenige
Vertreter selbst von den Gruppen, die die Versammlung organisiert
hatten, sprachen sich gegen diejenigen pauschal aus, die Gewalt geübt
hätten. Die Polizei meldete Hunderte teilweise schwer verletzter
PolizeibeamtInnen. Teilnehmende an der Versammlung wurden als ertappte
oder vermutete „Gewalttäter“ festgenommen. Die Polizeiführung,
konzentriert in der Sonderbehörde Kavala, erklärte zugleich, sie habe
durchgehend eine „Deeskalationsstrategie“ verfolgt. Sie werde trotz der
negativen Überraschung durch „Gewalttäter“ daran festhalten. Um dem
Versammlungsverlauf gerecht zu werden und beurteilen zu können, welche
Behauptungen zutreffen, hat die BeobachterInnengruppe ein Doppeltes
getan. Sie hat zuerst (a) die Vorgeschichte der Junitage zwischen
Rostock und Heiligendamm untersucht. Sie hat (b) die Berichte, die die
BeobachterInnen gegeben haben, als dichte Beschreibung des Geschehens am
2. Juni und der folgenden Tage bis zum 8. Juni komponiert.
- Vorgeschichte. Die politisch polizeiliche Einstimmung des
Junigeschehens geschah in zweifacher Weise. Auf der einen Seite wurde
der G8-Gipfel als ein absolutes Gut vorausgesetzt. Das gelte es
uneingeschränkt und kompromisslos gegenüber allen irgend erwartbaren
Gefährdungen zu sichern. Die sichernde Prävention ging soweit, dass die
„hohen Staatsgäste“ nicht einmal von Ferne demonstrierende BürgerInnen
mit dem Fernglas wahrnehmen können sollten. Denn, so die Ansicht der
Sonderbehörde Kavala, einer der Staatsmänner, solcher Bürgeräußerungen
ungewohnt, könnte davon irritiert werden. Auf der anderen Seite wurde
prognostisch vermutet, geheimdienstlich verfassungsschützerische
Berichte legten solche Prognosen nahe, die Demonstrierenden enthielten
einen terroristischen, „islamistisch“ geschnitzten Kern. Um diesen Kern
lagerten noch vor dem Kranz friedlich Demonstrierender „gewaltbereite“
Gruppen „autonom“, „schwarzblockig“. Also müsse die Polizei bereit sein,
dass unter Umständen mit Sprengstoff u.ä. instrumentierte Gewalttaten
gegen das Gruppenbild „Sieben Herren und eine Dame“ begangen würden.
Demgemäß wurde über zwei Jahre lang hoch gerüstet. Ein Draht- und
Eisenzaun wurde unübersteigbar großzügig um Heiligendamm gezogen. Die
Bundeswehr wurde um grundgesetzlich nicht gedeckte Amtshilfe ersucht.
Sie stand bereit. Sie war mit Schnellbooten und Panzerspähwagen zu
Wasser und zu Land präsent. Nicht zuletzt dienten Tornadoflüge dazu,
endlich nicht am Hindukusch, sondern in Mecklenburg-Vorpommern
eingesetzt, den „Feind“, nämlich demonstrierende BürgerInnen, vorab ob
möglicher Wühlmaustätigkeiten und Anfang Juni im demonstrierenden
„Einsatz“ auszuspähen. Statt Feind-, militärisch gewandte
Bürger-„Aufklärung“. Wer nennt die Polizeien, die sichernd im großen
Kreis um Rostock, Heiligendamm und den Flughafen Laase mit
Hubschraubern, Blaulichtwagen ohne Ende und schlagsicher verpackten
Polizeien zusammenkamen?! Deeskalation? Kavala und die hinter ihr
stehende Politik, repräsentiert durch die Innenminister Caffier
(Mecklenburg-Vorpommern) und Schäuble vor allem, betrieben
spekulationsgesicherte Eskalation pur.
- Unser Beobachtungs-Bericht vom Samstag, den 2. Juni, und von den
Tagen 3. bis 8. Juni weist nach, dass der mit Spekulationsluft gefüllte
Ballon präventiver Sicherungen wie eine einzige Kette von Knallfröschen
zerplatzte. Am 2. Juni gab es gewaltvermischte Handgemenge zwischen
Demonstrierenden und Polizeigruppen. Es gab Steinwürfe. Es gab manche
verletzte Polizeibeamte. Die eingesetzten, divers gefärbten, oftmals wie
Bürger in Zivil gekleideten, also vielfach mehr oder minder bis zu ihren
heruntergelassenen Helmblenden wahrhaft vermummten Polizeigruppen wurden
jedoch von allem Versammlungsanfang an nicht so eingesetzt, dass alle
wechselseitigen Aggressionen möglichst vermieden wurden. Die
Polizeileute wurden vielmehr so unter die versammelten BürgerInnen
eingestreut und griffen immer erneut einzelne Demonstrierende heraus,
dass die Polizei nicht Gewalt vermied, sondern Gewalt sicherte. Das
rechtfertigt keinen Steinwurf. Feststeht jedoch: dass die Polizeileitung
Kavala, die schon im Mai durch eine hanebüchen begründete, also
unfundierte Allgemeinverfügung alle Demonstrationen grundrechtswidrig
untersagte, in jeder öffentlich allgemeineren Äußerung täuschte (zu
ihren Gunsten nehmen wir an, sich auch selbst täuschte. Nur, wozu
brauchen wir Sicherheitsorgane, die zu Ungunsten der BürgerInnen, aber
zugunsten ihrer eigenen Bedeutung jedes Augenmaß und jede „Intelligence“
vermissen lassen?!). Die Täuschung reicht skandalös bis zur Angabe der
Zahl verletzter PolizeibeamtInnen und der Schwere von deren
Verletzungen. Von Sonntag, den 3. Juni, bis Freitag, den 8. Juni,
glänzten die Demonstrationen als Demonstrationen gegen die schlimmen
Folgen kapitalistisch einseitiger Globalisierung. Sie glänzten zugleich
als praktizierte Friedensbewegung. Aggressive Akte, durchgehend am
Rande, sind fast nur der falsch und übermäßig eingesetzten Polizei
zuzuschreiben.
- Eine mehrfache „Moral“ ist aus der demonstrationenumkränzten
Heiligendammge-schichte zu ziehen.
Unterstellt, man will lernen und nicht wie die „verantwortlichen“
Politiker und leitenden Polizeibeamten obstinat mit eingewachsenen
Scheuklappen auf seinem selbstverschuldeten, sicherheitswahngleichen
Irrtum beharren. IM Caffier verdiente ohnehin den Preis nachgewiesener
Lernunfähigkeit, den er mit seinem Bundeskollegen leider teilen muss.
- So schlimm das ist: offiziellen Behauptungen über (terroristische)
Gefährdungen ist nicht zu trauen. Sie sind im fernsten demokratisch
nur, wenn sie zureichend belegt werden.
- Polizeiliche Eingriffe zusammen mit einem quantitativen und
qualitativen „Overkill“ an gewalttätig einsetzbarem Personal und
gewaltsam benutzbaren Mitteln sind durch nicht überprüfbare Sicherheitsund
Risikospekulationen nicht zu legitimieren.
- Die immer stärkere informationelle Zersetzung bürgerlicher Integrität
(Art. 2 GG; s. auch die einschlägigen Entscheidungen des
Bundesverfassungsgerichts einschließlich des „Volkszählungsurteils“)
durch die schier unbegrenzte Datengier der dazu gesetzlich ermächtigten
Sicherheitsbehörden führt nicht zu einem Mehr an bürgerlicher
Sicherheit. Auch nicht solcher eines demokratisch grundrechtlich
verfassten Staates. Sie hat vielmehr ein qualitatives Weniger
bürgerlicher Sicherheit und grundgesetzlich verfasster Demokratie zur
Folge. Sähen wenigstens die Abgeordneten der Landtage und des
Bundestages vor allem solche Zusammenhänge endlich ein! Heiligendamm
kann als anderes Menetekel gelesen werden.
- Der Sicherungsaufwand der staatlichen Instanzen vor und rund um
Heiligendamm war nicht nur umgekehrt proportional der Gefährdung durch
die eigenen BürgerInnen oder globalisierungskritische BürgerInnen aus
dem Ausland. Der Sicherungsaufwand stand in keinem Verhältnis zur
nachdemokratischen, globalisierungsautoritären Struktur des G8-Gipfels
und seiner bestenfalls machtsymbolischen, ansonsten aber erwartbar
er-gebnislosen Zirkusfunktion ohne artistischen Spaß.
- Angesichts der Eigenart solcher politisch substantiell
talschluchttiefen Gipfel sind globalisierungskritische BürgerInnen
demokratischen Elans gehalten, mehrfach nachzudenken: zum einen, ob es
sich lohne, Großdemonstrationen um einen Hochsicherheitstrakt selbst
gefangener Spitzenpolitiker zu arrangieren; zum anderen, ob es nicht
vorzuziehen sei, mithilfe rundum einschlägiger Themen für lokal,
regional, national und dadurch vermittelt global demokratiegemäßere
Prozeduren und Entscheidungsmechanismen zu demonstrieren; zum dritten,
ob es nicht wichtiger sei – das ist zum Teil in Rostock geschehen,
jedoch zu punktuell geblieben -, ungleich mehr als
globalisierungskritisch groß zu demonstrieren, während die Adressaten
polizeiabgeschottet fliehen, eigene (alternative) Konzepte und ihre
Umsetzung voranzutreiben.
4. Der G8-Gipel zu Heiligendamm – ein Fiasko
Die Demonstrationen waren, soweit nicht grundrechtswidrig weithin
verboten, eine leicht eingeschränkte demokratische Freude. Eingeschränkt
war sie zum einen durch einige, demonstrierend am 2. 6. selbst-,
jedenfalls mitverschuldete „Dellen“. Eingeschränkt war sie vor allem,
weil sich die Dame im Herrenkränzchen im Sicherheitstrakt Kempinski zu
Heiligendamm wegstahl (und ohnehin mit ihren Herren zu allen drängenden
Fragen der Zeit, sie allenfalls erschwerend, nichts zu sagen hatte/hat).
Darüber und anderes mehr handelt der Komiteebericht ausführlich und
begründet: „Ge-waltbereite Politik und der G-8-Gipfel“ (Hg: Komitee für
Grundrechte und Demokratie, ISBN 978-3-88906-125-6, 192 Seiten, 10,- Euro)
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