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Im Freien Fall: Zehn Jahre nach der Asienfinanzkrise
von Walden Bello
13.08.2007 - ZNet / Focus on the Global South
http://zmag.de/artikel/im-freien-fall-zehn-jahre-nach-der-asienfinanzkrise
Zehn Jahre nach der Finanzkatastrophe in Asien (1997) wachsen die Ökonomien
entlang des Westpazifiks wieder - wenngleich nicht in derselben
Geschwindigkeit wie vor der Krise. Zweifellos hat die Region unauslöschliche
Narben davongetragen. Schlüsselindikatoren sind Armut, Ungleichheit und
soziale Destabilisierung. Vor der Krise waren diese Indikatoren günstiger.
So haben beispielsweise die schmerzhaften Arbeitsmarktreformen in Südkorea
zu einer stillen Verzweiflung geführt, die für eine der höchsten Suizidraten
in den 'Entwicklungsländern' verantwortlich ist.
GLOBALE FINANZARCHITEKTUR? WO BITTE?
Trotz des Geredes über eine "neue globale Finanzarchitektur" existiert kaum
etwas, was die massiven Kapitalbewegungen regulieren könnte. Wir sprechen
von Kapital, das mit Cybergeschwindigkeit durch das weltweite Finanznetzwerk
schießt.
Die Enthusiasten des Überlass-es-den-Märkten-Ansatzes behaupten, Sorgen
seien unnötig. Seit 2002 - als Argentinien bankrott ging -, habe es keine
größeren Krisen gegeben, so ihr hoffnungsvoller Kommentar. Leute, die es
besser wissen, wie der Wall-Street-Insider Robert Rubin (Schatzamtsminister
unter Bill Clinton) zeigen sich hingegen äußerst besorgt, selbst wenn sie,
wie Rubin, gegen Regulierungen sind: "Finanzkrisen (wie die Asienkrise)
werden in Zukunft mit großer Sicherheit unausweichlich sein - vielleicht
noch ernstere", so Rubin. "Die Märkte werden größer, Information verbreitet
sich schneller, die (Finanz-)Flüsse sind größer, die Handels- und
Kapitalmärkte verschmelzen immer mehr... Zudem ist es wichtig, darauf
hinzuweisen, dass niemand vorhersagen kann, wo die nächste Krise stattfinden
wird, in einem Immobilienmarkt, Neubranchenmarkt oder wo auch immer". Eine
aktuelle Studie der Brookings Institution bestätigt Rubins Befürchtung: In
den vergangenen dreißig Jahren fanden über hundert Finanzkrisen statt.
DIE HERRSCHAFT DES FINANZKAPITALS
Die schiere Masse an spekulativem Kapital, das im Finanzkreislauf hin- und
herschießt, ist absolut verwirrend. Laut McKinsey Global Institute belief
sich "der Kern des Finanzvermögens" im Jahr 2005 auf $140 Billionen. Ein
signifikanter Teil dieser globalen Werte wird von traditionellen
Kommerzbanken gehalten. Dennoch hielten Finanzoperateure, die keiner Bank
angehören, im Jahr 2005 $46 Billionen in Händen. Sie sind zu wichtigen
Mittlern zwischen Banken und Sparern geworden. Hedgefonds hielten 2005 $1,6
Billionen und Private-equity-Investoren rund $600 Milliarden. Diese Zahlen
und Daten über den verblüffenden Aufstieg und die erstaunliche Größe des
globalen Finanzkapitals stammen von dem Ökonomen C.P. Chandrasekhar. Er
präsentierte sie auf der Konferenz 'A Decade After: Recovery and Adjustment
since the East Asian Crisis', die zwischen dem 12. und 14. Juli in Bangkok
stattfand. Bangkok war 1997 das Epizentrum des finanziellen Erdbebens
gewesen.
Einige Analysten interpretieren das explosive Wachstum des Finanzkapitals
als Folge der Überkapazitäten, mit denen sich die globale Wirtschaft
herumschlägt. In weiten Teilen der globalen Wirtschaft (wesentliche
Ausnahmen sind beispielsweise China und Amerika) sei es zu einer
Entschleunigung der Investmenttätigkeit gekommen; Aufgrund dieser Stagnation
seien Kapitalisten nicht mehr sonderlich motiviert, in Produktionssparten zu
investieren, sondern neigten eher dazu, ihr Geld in spekulative Aktivitäten
zu stecken (Spekulation heißt, aus bestehenden Werten noch mehr Wert zu
quetschen). Die Tatsache, dass das prozentuale Verhältnis von globalen
Finanzwerten zu den jährlichen Erträgen aus der Produktion von 109% im Jahr
1980 auf 316% im Jahr 2005 wuchs, bestätigt dies (Martin Wolf, Kolumnist der
Financial Times, zitiert in seiner Zeitung entsprechende Aussagen des
McKinsey Institutes).
Spekulative Tätigkeiten, als Mittel der Geldvermehrung, überrunden auch den
Handel. Das tägliche Volumen der Wechselkurstransaktivitäten an
internationalen Märkten liegt derzeit bei $1,9 Billionen (am Tag). Der
Handel mit Gütern und Dienstleistungen erbringt im Vergleich $9,1 Billionen
jährlich. Das heißt, Spekulationen bringen an einem einzigen Tag 20 Prozent
dessen ein, was der globale Handel in einem Jahr erwirtschaftet! Martin Wolf
gehört zu den Cheerleadern der Globalisierung. Er bringt die
Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen globalen Kapitalsparten auf den
Punkt, wenn er schreibt: "Der neue Finanzkapitalismus repräsentiert den
Triumph des Wertehandels über die Langzeitproduzenten".
Zehn Jahre nachdem der Internationale Währungsfonds und die USA die Schuld
an der Asienkrise der mangelnden Transparenz bei Finanzaktionen in den
Asienstaaten zugeschrieben haben, gilt Vernebelung noch immer als
Tagesparole des weltweiten Finanzhandels. Die Winkelzüge und Mutationen des
spekulativen Kapitals haben die Möglichkeiten nationaler oder
multinationaler Regulationsbehörden längst hinter sich gelassen. Zu
traditionellen Krediten, Aktien und Bonds sind mittlerweile neue, exotische
Finanzinstrumente hinzugekommen. Einer dieser Exoten, die im Finanzgeschäft
geradezu explodieren, sind Derivate. Unter Derivaten versteht man den
Finanzhandel - Kauf oder Verkauf - mit Risikowerten. Gehandelt wird nicht
mit den zugrundeliegenden Werten sondern mit deren Risiken. Heutzutage
können mit jeder Art von Handel oder Geschäft Risikodeals betrieben werden -
sei es Frieden oder Rohöl, Internet oder Wetterprognosen.
Parallel zur Entstehung neuer komplexer Instrumentarien verlief der Aufstieg
der Hedgefonds und der Private-equity-Fonds. Sie sind die dynamischsten
Spieler im globalen Casino. Hedgefonds gelten als Hauptschuldige an der
Asienfinanzkrise 1997. Heute sind sie weniger reguliert denn je. Ihre Zahl
beträgt über 9500. Hedgefonds investieren - kurz- oder langfristig - in eine
Vielzahl von Dingen. Ziel ist maximaler Profit bei möglichst geringem
Risiko. Private-equity-Unternehmen greifen Firmen an, um Kontrolle über sie
zu erlangen. Danach bauen sie die Firmen um und verkaufen sie mit Profit
weiter.
AKKUMULATION VON RESERVEN - EINE VERTEIDIGUNGSSTRATEGIE
Es gibt keine weltweite Finanzaufsicht, die den Wirbelwind der globalen
Finanzen noch bezähmen könnte. Daher haben die asiatischen Staaten eigene
Schritte unternommen, um sich vor den diebischen globalen Spekulanten zu
schützen, die die Ökonomien ihrer Region schon einmal zu Fall gebracht haben
(durch jene berüchtigten Panikverkäufe in den Juli- und August-Wochen 1997,
als 100 Milliarden Dollar abgestoßen wurden). Einige Länder des ASEAN-Paktes
haben sich mit China, Südkorea und Japan zur Finanzgruppe "ASEAN Plus Three"
zusammengeschlossen. Dieses Bündnis ermöglicht es jedem Mitgliedsstaat,
große Kapitalreserven einzusetzen, sollte seine Währung - wie 1997 - von
Spekulanten angegriffen werden.
Noch wichtiger ist der Aufbau massiver Finanzreserven, die man durch große
Handelsüberschüsse erzielt. Dieses Ziel erreichen diese Staaten durch eine
Unterbewertung ihrer Währungen. Zwischen 2001 und 2005, so der
Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, konnten 8 asiatische Staaten - Japan,
China, Südkorea, Singapur, Malaysien, Thailand, Indonesien und die
Philippinen ihre Gesamtreserven, von rund $1 Billion auf $2,3 Billionen,
mehr als verdoppeln. China führt - mit Reserven im Wert von $900 Milliarden
- die Runde an, gefolgt von Japan.
Dies hat zu einer paradoxen Situation geführt. In unserer globalen
Wirtschaft, mit starken Stagnationstendenzen, hält der Zwillingsmotor
China/USA (China als Motor der Produktion und Amerika als Motor des Konsums)
die Weltwirtschaft am Laufen. Die amerikanische Wirtschaft in Trapp zu
halten, erfordert konstante Kreditströme aus China und anderen
ostasiatischen Staaten in Richtung Amerika - um den Konsumhunger der
amerikanischen Mittelschicht nach Produkten aus China und Asien zu
finanzieren. Gleichzeitig fließt sehr wenig Kapital aus Ostasien in jene
Länder, die es bitter nötig hätten - zum Beispiel in die afrikanischen
Staaten. Sie erhalten kaum Kapitalreserven, da sie als nicht kreditwürdig
gelten.
DER ABSTIEG DES INTERNATIONALEN WÄHRUNGSFONDS
Der Aufbau massiver Reserven in den asiatischen Staaten ist eine direkte
Folge der bitteren Erfahrungen mit dem IWF. Die (asiatischen) Regierungen
erinnern sich daran, dass die Krise Ergebnis einer
Dreifach-Schlagkombination des IWF war - eins, zwei, drei. Zunächst hatte
der IWF, gemeinsam dem dem US-Schatzamt, die (asiatischen) Staaten gedrängt,
ihre Kapitalkonten zu liberalisieren. Dadurch wurde der Abfluss von
ausländischem Kapitals erleichtert - was die nationalen Währungen in den
Keller trieb. Als Nächstes stellte der IWF diesen Ländern Kredite über
mehrere Milliarden Dollar zur Verfügung - nicht etwa zur Rettung ihrer
nationalen Ökonomien sondern zur Rettung der ausländischen Kreditgeber.
Drittens, als ihre Ökonomien schwankten, schrieb der IWF den Regierungen
eine Politik der zyklischen Ausgabenbegrenzung vor. Dadurch vollzog sich der
Absturz in die Rezession noch schneller.
"Nie wieder", lautete der Slogan der betroffenen Regierungen. Die Regierung
Thaksin in Thailand erklärte die "finanzielle Unabhängigkeit" vom IWF,
nachdem Thailand 2003 seine Schulden an den IWF zurückgezahlt hatte. Man
schwor, sich nie mehr an den IWF zu wenden. Auch Indonesien erklärte, es
werde bis 2008 seine sämtlichen Schulden beim IWF tilgen. Die Philippinen
rückte davon ab, neue IWF-Kredite aufzunehmen. Malaysien hatte dem IWF schon
während der Asienkrise getrotzt, indem es auf dem Höhepunkt der Krise eine
Kontrolle über die Kapitalflüsse verhängte.
Ironischerweise ist der IWF zu einem der Hauptleidtragenden des Debakels von
1997 geworden. Der Internationale Währungsfonds - jene arrogante
Organisation aus rund 1000 Eliteökonomen -, hat sich nie mehr von der
massiven Glaubwürdigkeits- und Legitimitätskrise, von der es damals
überrollt wurde, erholt. Die Krise verschärfte sich 2002 durch den Bankrott
des IWF-Musterschülers Argentinien. 2006 folgten Brasilien und Argentinien
dem Beispiel Thailands und zahlten ihre Schulden restlos an den IWF zurück,
um finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Hugo Chavez erklärte den Austritt
Venezuelas aus IWF und Weltbank. Das war die zweite schallende Ohrfeige für
den IWF.
Im Grunde wurde der IWF durch seine größten Kreditnehmer boykottiert.
Dadurch stürzte er in eine tiefe Haushaltskrise. In den letzten beiden
Jahrzehnten hatte der IWF seine Operationen in erster Linie über
Kreditrückzahlungen finanziert. Finanziers waren seine Klienten aus den
'Entwicklungsländern' - und weniger die Beitrittszahler-Regierungen aus dem
Norden. Da die größten Borger sich weigerten, weiter auszuborgen,
versickerten die Rückzahlungen zu einem Rinnsal. Resultat dieser
Entwicklung: Die Prognosen des IWF hinsichtlich Einnahmen aus Zins- und
Säumniszahlungen halbierten sich - von $3,19 Milliarden im Jahr 2005 auf
$1,39 Milliarden im Jahr 2006. Bis 2009 werden sie sich abermals halbiert
haben - auf $635 Millionen. Diese Reduktion führt zu etwas, was Ngaire
Woods, Fondsexperte der Universität von Oxford, als "große Quetschung des
Budgets" des IWF bezeichnet.
Die beschriebene Serie von Ereignissen führte dazu, dass der IWF heute kaum
noch Einfluss auf die 'Entwicklungsländer' hat. Er ist krampfhaft auf der
Suche nach einer neuen Rolle. Der Verlust an Macht und Autorität ist nicht
allein auf den Widerstand der 'Entwicklungsländer' gegen weitere
IWF-Interventionen zurückzuführen.
Selbst die Bush-Administration hat zu einer Erosion der vom IWF angestrebten
bedeutsamen Rolle in der globalen Finanzwelt beigetragen - indem Amerika
eine Maßnahme der konservativen amerikanischen Vizedirektorin des IWF, Ann
Krueger, per Veto blockierte. Kruegers Schritt sah die Schaffung eines neuen
Gremiums - unter Kontrolle des IWF - vor, des 'Souvereign Debt Restructuring
Mechanism' (SDRM). Dieser Mechanismus sollte es 'Entwicklungsländern'
ermöglichen, eine Pause bei ihren Schuldenrückzahlung einzulegen, während
sie neue Konditionen mit den Kreditgebern aushandeln. Viele
'Entwicklungsländer' hielten das geplante SDRM für ein zu schwaches
Instrument. Washingtons Veto jedoch zeigte, dass Bush und seine Leute nicht
einmal eine minimale Kontrolle über die internationalen Operationen von
US-Finanzinstitutionen tolerieren würden.
THAILAND: EIN STAAT LEHNT DEN NEOLIBERALISMUS AB
In den Nachwehen der Asienkrise ist nicht nur der IWF sondern der
Neoliberalismus selbst kollabiert. Er war die dominante Ideologie der 90er
Jahre. Malaysien verhängte Kontrollen über seine Kapitalflüsse und
stabilisierte die Wirtschaft. Dies führte dazu, dass Malaysien die Rezession
(1998 - 2002) besser meisterte als andere betroffene Staaten. Am
dramatischsten vollzog jedoch Thailand den Bruch mit dem Neoliberalismus.
Drei Jahre lang hatte die thailändische Regierung vertrauensvoll die
neoliberalen Vorgaben des IWF befolgt. Es waren drei Jahre der Stagnation.
Als die Regierung von Thaksin Shinawatra an die Macht kam, trieb sie eine
antizyklische, nachfrageorientierte Politik, im Sinne eines
Neokeynesianismus, voran, um die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen. Sie
fror die Schulden des ländlichen Raumes ein, führte eine staatliche
Krankenversicherung ein und stellte jedem Dorf die Summe von 1 Million Baht
zur Verfügung, um ein Sonderprojekt zu finanzieren. Neoliberale Ökonomen
blickten düster in die Zukunft. Doch die Maßnahmen halfen der thailändischen
Wirtschaft tatsächlich, sich wieder in Richtung eines moderaten Wachstums zu
entwickeln. Stimuliert wurde dieses Wachstum durch die heißlaufende
chinesische Wirtschaft. Der wachsende thailändische Export ist seither zum
Stützpfeiler des Wirtschaftswachstums in Thailand geworden.
Die Krise von 1997 - durch die 1 Million Thailänder binnen weniger Wochen
unter die Armutsgrenze rutschten -, brachte die thailändische Bevölkerung
gegen die neoliberale Globalisierung auf. Selbst als die Regierung sich
erneut darauf konzentrierte - durch Einkommensbeihilfen für die ärmsten
Bevölkerungsschichten (auf dem Land und in der Großstadt) - die
Binnennachfrage zu stimulieren, blieb die öffentliche Stimmung gegen den
Freihandel bestehen. Am 8. Januar 2006 versuchten mehrere tausend Thailänder
ein Gebäude im thailändischen Chiang Mai zu stürmen, wo Verhandlungen über
ein Freihandelsabkommen (FTA) zwischen der USA und Thailand stattfanden. Die
Verhandlungen wurden daraufhin eingefroren. Präsident Thaksins Eintreten für
dieses Abkommen war einer der Gründe für seinen Legitimitätsverlust. Im
September 2006 wurde er endgültig gestürzt.
Thailand: Auf der einen Seite herrschte Wut über die Globalisierung,
parallel dazu gewann ein alternatives ökonomisches Paradigma an Ansehen. Es
hatte und hat die Unterstützung des populären Königs Bhumibol. Das Konzept
nennt sich "Subsistenzwirtschaft" und ist eine nach innen gerichtete
Strategie, mit Schwerpunkt auf Graswurzel-Selbstversorgung und stärkerer
Vernetzung der ökonomischen Binnennetzwerke. Kritiker sagen, die neue
Regierung - die Präsident Thaksin mit Hilfe des Militärs stürzte -, nutze
die Popularität des Monarchen und die Selbstversorgungsökonomie, um ihre
Herrschaft zu legitimieren. Wie auch immer, in Thailand ist 'Globalisierung'
heutzutage ein Schimpfwort.
KOREA: AUFGEZWUNGENER NEOLIBERALISMUS
Während Thailand mit dem Neoliberalismus und dem IWF gebrochen hat, befolgte
die südkoreanischen Regierung die vom IWF aufgedrängten neoliberalen
Reformvorgaben bis fast aufs I-Tüpfelchen: Der Arbeitsmarkt wurde radikal
umstrukturiert, der Bereich Handel und Investitionen liberalisiert. Laut dem
Soziologen Chang Kyung Sup war der "Abbau von Arbeit für Südkoreas
Unternehmen der wichtigste Rettungsanker. Selbst nachdem die schlimmsten
Schrecksekunden vorbei waren, setzten die meisten der großen südkoreanischen
Unternehmen weiter auf organisatorische und technologische Umstrukturierung
zur Minimierung von Arbeitsplätzen. Auf diese Weise gelang ihnen die
Wiedergeburt als Exporteure im globalen Wettbewerb".
Südkorea galt als klassisches aktives 'Entwicklungsland'. In einem seiner
Berichte charakterisierte der amerikanische Vertreter für Handel Südkorea
einst als "das schwierigste Terrain weltweit" für US-Unternehmen. Aber unter
dem Management des IWF hat sich Südkorea zu einer weit liberaleren
Wirtschaft als selbst Japan entwickelt. "Mit erschreckender
Geschwindigkeit", wie Chang auf der Konferenz in Bangkok sagte, hätten sich
die südkoreanischen Finanz- und Industrieunternehmen entnationalisiert. Mehr
als 40% der Aktien der wichtigsten südkoreanischen Finanz- und
Industriekonglomerate sowie Firmen seien mittlerweile in ausländischem
Besitz. Samsung ist zu 47% in ausländischer Hand, das Stahlunternehmen Posco
zu über 50%, Hyundai Motors zu 42% und LG Electronics zu 35%.
Der Internationale Währungsfonds protzt mit Südkorea als einer
"Erfolgsstory". Die Koreaner hassen den IWF und verweisen auf die enormen
sozialen Kosten des sogenannten 'Erfolges'. Die Armut hat deutlich
zugenommen. 1996 waren 3% der Bevölkerung arm, 2006 waren es 11,6%. Der
Gini-Index, mit dem (soziale) Ungleichheit gemessen wird, schnellte von 0,27
auf 0,34 hoch. In Südkorea schwindet die soziale Solidarität; Emigration,
Scheidungen und zerbrochene Familien nehmen in alarmierender Weise zu. Die
Selbstmordrate ist schwindelerregend. "Wir haben eine einzige große
unglückliche Gesellschaft, die die Zeitspanne vor der Krise als 'Goldenes
Zeitalter' sieht", so Chang.
DER FREIE FALL
Rückblickend gesehen, hat die Asienfinanzkrise 1997 wahrscheinlich den Fall
des IWF ausgelöst. Sie hat aber auch den Niedergang der ostasiatischen
'Entwicklungsländer' eingeleitet - wie der Ökonom Jayati Ghosh auf der
Veranstaltung in Bangkok erläuterte. Diese Staaten hatten es mit viel
Aggressivität und Umsicht geschafft, ihre Nationalökonomien in die
Weltwirtschaft zu integrieren. Die globalen ökonomischen Kräfte sollten ihre
nationalen Ökonomien stärken, anstatt sie an den Rand zu drängen, so das
Ziel. Doch seit 1997 sind alle Ökonomien Südostasiens von Narben gezeichnet
und geschwächt - trotz der verschiedenen Richtungen, die sie seither
einschlugen. Die Krise war der Wendepunkt. Davor waren sie Frontstaaten der
Entwicklung gewesen, nachahmenswerte Modelle. Das 21. Jahrhundert sollte ihr
Jahrhundert werden. Es ist ihnen entglitten. Dieser Bruch markiert den
Übergang zum neuen Fackelträger China. In ihrer geschwächten Situation
werden die kleineren ost- bzw. südostasiatischen Staaten wirtschaftlich
immer abhängiger werden von der Dynamik des gigantischen Nachbarn.
Walden Bello ist Professor für Soziologie an der University of the
Philippines in Diliman. Er ist zudem Senior Analyst von 'Focus on the Global
South', einem Forschungs- und Rechtshilfeinstitut mit Sitz in Bangkok.
Orginalartikel [mit Links]: All Fall Down: Ten Years After The Asian
Financial Crisis
[Washington, DC: Foreign Policy In Focus, July 30, 2007]
http://fpif.org/fpiftxt/4429
Übersetzt von: Andrea Noll
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