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Archipel [Monatsblatt] > Nr. 150 (06/2007) > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT
Landwirtschaftsforum in Nyéléni - Mali
von Heike Schiebeck (Longo maï) | 2007-06-18
Nyéléni war eine Frau. Sie lebte im 18. Jahrhundert in einem Dorf im
guineischen Wald von Westafrika. Nyélé bedeutet in der Sprache der Bambara
die erstgeborene Tochter. Sie blieb ein Einzelkind, für die Bambara ein
Fluch, denn würde Nyéléni heiraten, blieben ihre Eltern im Alter allein. In
ihrer Kindheit litt sie unter dem Spott des Dorfes. Deshalb beschloss
Nyéléni, den Frauen ihre Würde zurückzugeben. Sie versorgte ihre Eltern und
wies alle heiratswilligen Männer ab. Neben den traditionellen Frauenarbeiten
tat sie auch alles, was in ihrem Volk Männersache war: Brunnen graben, auf
die Jagd gehen, Bienen halten. Nyéléni nahm nicht an Dorffesten teil,
forderte die Männer jedoch zu landwirtschaftlichen Wettbewerben heraus. Sie
besiegte alle Männer ihres Dorfes und der weiteren Umgebung. Ihr Ansehen
wuchs. Sie verbesserte Anbaumethoden und schuf durch Auslese des Saatgutes
Getreidesorten wie den Fonio. Nyéléni wurde zur Legende und ist heute ein
Symbol für Entschlossenheit, Hoffnung und Selbsthilfe, erklären uns die
malischen Frauen am ersten Tag des Forums, dem Frauenforum.
Nyéléni, das Dorf am Stausee von Sélingué, wurde eigens für das Forum
errichtet. In nur zwei Monaten haben alle verfügbaren Maurer und Dachdecker
der Umgebung 110 kleine Rundhäuser aus Lehmziegel für die 500 Delegierten
gebaut. In den Lehmhäusern, die mit kegelförmigen Dächern aus Bambusstäben
und Reisstroh gedeckt sind, hält sich die Kühle der Nacht bis über Mittag,
draußen steigt die Temperatur auf 38°C. Als wir am Tag vor Beginn des Forums
ankommen, fehlen im Dorf noch Strom, Wasser und die Türen vor den
Plumpsklos. In einer letzten Nachtschicht wird alles fertig gestellt.
Die TeilnehmerInnen des Forums kommen vor allem aus den südlichen Ländern
der Welt, aus Europa sind wir 45, ich bin die Einzige aus Österreich.
Aufgrund der Erfahrungen bei Weltsozialforen mit bis zu 150.000 Personen
wurde die Zahl auf 500 beschränkt. Via Campesina, der Weltfrauenmarsch,
Friends of the Earth, Organisationen traditioneller Fischer und weltweite
Sozialbewegungen haben das Forum zwei Jahre lang vorbereitet. Sie haben den
Organisationen aus Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika dreiviertel der
Plätze zugeteilt, weil in vielen südlichen Ländern 80 Prozent der
Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten. «Die meisten von uns erzeugen
selbst Lebensmittel,» heißt es in der "Erklärung von Nyéléni"[*], die am
Forum verfasst wurde. «Wir sind bereit, fähig und willens, alle Menschen der
Welt zu ernähren. Insbesondere Frauen und indigene Völker haben im Lauf der
Jahrtausende das Erfahrungswissen in der Landwirtschaft und für die
Zubereitung des Essens geschaffen, ihre Leistungen werden jedoch gering
geschätzt. Unser Kulturerbe und unsere Fähigkeiten, gute, gesunde und
ausreichende Lebensmittel zu erzeugen, werden durch Neoliberalismus und
einen globalisierten Kapitalismus bedroht und untergraben.»
Die ersten zwei Tage vergehen damit, das Programm vorzustellen und diverse
Eröffnungsreden, darunter auch die des Präsidenten von Mali, anzuhören. Mali
hat Ernährungssouveränität in das Gesetz für Agrarpolitik aufgenommen. Dann
teilen wir uns auf in thematische Arbeitsgruppen. Die Themen lauten:
- lokale Märkte und Welthandel;
- Erfahrungswissen und Technologie;
- natürliche Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut, Biodiversität als
Gemeingut;
- Nutzung der natürlichen Ressourcen durch die einzelnen Sektoren;
- Konflikte und Katastrophen;
- Lebens- und Arbeitsbedingungen, Migration;
- Produktionsmodelle.
Ich wähle die Arbeitsgruppe 3, weil Gentechnik und die Erhaltung des
bäuerlichen Saatgutes dort hineingehört.
In jeder Gruppe bearbeiten wir drei Fragen: Wofür kämpfen wir? Wogegen
kämpfen wir? Was können wir tun? In unserer Gruppe sind etwa hundert Leute
aus allen Teilen der Welt. Henry Saragih aus Indonesien, der Generalsekretär
von Via Campesina, erklärt: «Vor der Ausbreitung des Neoliberalismus
verfügten wir über Nutzungsrechte auf Land und Wasser. Das hat sich
geändert. Viele Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, haben heute
Hunger, weil alles exportiert wird. Das trifft auch für den Fischfang zu.»
Die Länderberichte über die Zerstörung der Umwelt und den Zugriff
transnationaler Konzerne auf Land, Wälder, Saatgut und die Meere sind
erschütternd. In Malaysia und Indonesien holzen skrupellose Geschäftemacher
den Urwald ab und legen Palmölplantagen an, in Südostasien werden die
Fischrechte privatisiert. Fischer mit kleinen Booten verlieren ihre Arbeit,
weil große Fischfangunternehmen mit Industrieschiffen die Meere
rücksichtslos ausbeuten. An diesem Forum sitzen Imperialismus,
Neoliberalismus, der Freihandel und das Patriarchat auf der Anklagebank. Die
Regierungen holen selbst die Konzerne ins Land und beteiligen sich an der
Vertreibung der indigenen Gemeinschaften, die auf ihrem Land Nutzungsrechte,
aber keine Eigentumstitel haben. Ein Kampf ums Überleben.
Selbsthilfe und Widerstand
Ermutigend sind dann die vielen Beispiele von Selbsthilfe und Widerstand.
Wir teilen uns nach Sprachen in kleinere Gruppen auf und brauchen keine
Übersetzung mehr. Ich wähle die englischsprachige Gruppe, in der Asien stark
vertreten ist. Für Pramila Swaim, Indigene aus dem indischen Bundesstaat
Orissa, sind Graswurzelbewegungen unabdingbar. Ohne sie verkommt
Ernährungssouveränität zu einer hohlen Phrase. Entscheidungen müssen auf
lokaler Ebene gefällt werden. Pramila leitet eine nichtkommerzielle
Saatgutbörse. Sie vergibt Saatgut an Bäuerinnen und Bauern, die es ihr
später zurückgeben, manchmal auch Sorten, die sie noch nicht hat. Pramila
arbeitet mit 2000 Dörfern zusammen, das sei aber nur ihr Bereich, betont
sie, daneben gäbe es andere Saatgutbörsen. Das Saatgut muss in den Händen
der Gemeinschaften bleiben, die es über Jahrhunderte selektioniert haben.
In Südindien hat Monsanto genmanipulierten Reis auf Versuchsfeldern
ausgesät. Einige tausend Bauern haben die Felder angezündet und ihre
Regierung solange unter Druck gesetzt, bis Monsanto gehen musste. «Wir sind
aber nur ein Bundesstaat Indiens mit 50 Millionen Einwohnern. Wir wollen ein
gentechnikfreies Indien.» Andere Länder, andere Dimensionen. Eine
gentechnikfreie Welt wollen wir alle.
Bei der Beantwortung der Fragen sind wir uns schnell einig.
Ernährungssouveränität braucht umfassende Agrarreformen, die den Arbeitenden
die Nutzungsrechte auf Land, Saatgut und Wasser sichern und
Solidar-Wirtschaften, in denen Menschen, nicht Profite, im Mittelpunkt
stehen. Das Wissen dafür ist vorhanden. Die Gruppenergebnisse werden in der
«Erklärung von Nyéléni», die vorgeschlagenen Aktionen in einem globalen
Aktionsplan zusammengefasst. Organisationen, die nicht am Forum vertreten
sind, sollen sich anschließen.
Die Küche: Ein eingezäunter Platz in der Sonne. Etwa fünfzig Frauen kochen
für uns Frühstück, Mittag- und Abendessen. An offenen Feuerstellen brutzelt
und brodelt es in großen Pfannen und Töpfen. Zum Frühstück gibt es in
Sesamöl ausgebackene kleine Hirsekrapfen und Khenkuliba, einen
Heilkräutertee aus Blättern des lichten Waldes der Savanne. Die Frauen
verwenden zum Kochen Mais, Hirse, Reis, Kohl, Fisch, Fleisch von Schafen,
Hühnern und Rindern, alles im Dorf erzeugt. Sie bereiten Soßen aus Blättern,
die wir nicht kennen. Mangos und kleine grüne Bananen erntet man hier das
ganze Jahr.
Um vier Uhr früh, jeden Morgen, noch bevor der Muezzin in der Ferne zum
Gebet ruft, höre ich Stimmen aus dem Rundhaus nebenan. Wie wenn einer den
anderen weckt, dann diskutieren sie laut, lachen, streiten. Nach einer Weile
schaue ich hinaus, denn ich kann nicht mehr einschlafen. Auf Bastmatten am
Boden sitzen sechs Männer aus Nepal. Sie winken mir zu, ich solle mich zu
ihnen setzen. Freundlich, äußerst gut aufgelegt, erzählen sie mir: «Ja, wir
sind auch Bergbauern. Bei uns arbeiten dreiviertel der Bevölkerung in der
Landwirtschaft. Wir haben gerade den König verjagt. 238 Jahre lang war
dieses Königshaus an der Macht. Ihr da in Europa, ihr habt doch schon längst
keine Könige mehr? In Katmandu, unserer Hauptstadt, haben wir demonstriert.
Das Militär hat in die Menge geschossen und 25 Menschen getötet. Aus
Empörung sind Millionen in die Stadt geströmt. Wir haben 19 Tage lang
demonstriert, dann ist er gegangen. Jetzt schreiben wir eine neue
Verfassung, darin wird auch Ernährungssouveränität stehen.»
Als es hell wird, gehen wir frühstücken.
[*] Die vollständige Erklärung von Nyéléni in deutscher Sprache
http://www.nyeleni2007.org/spip.php?article331
Bilder, Interviews und Berichte vom Forum unter nyeleni2007.org [en/fr/es]
http://www.nyeleni2007.org/?lang=en&lang_fixe=ok
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