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Zurück aus Heiligendamm
Schmerz und Freude
Ein Bericht aus Heiligendamm
Das hier ist mein (längerer) Bericht aus Heiligendamm, gemacht für die
Leserinnen und Leser des zakkblokk. Die Fotos sind nicht spektakulär, ich habe
sie mit meiner simplen Digitalkamera gemacht, ihre Qualität ist deshalb und
auch wegen der oftmals hektischen Situation nicht brillant. Ich setz sie als
Thumpnails rein, wer draufklickt bekommt die Größe 800x600 bei unter 300KB.
Es ist Dienstag Nachmittag, zahlreiche Autos brechen von Düsseldorf mit dem
Ziel "Protestcamp" in der Nähe von Rostock auf und ich darf mit. Es ist eine
bunte Truppe, altersmäßig zwischen Anfang 20 und Mitte 40, Menschen mit und
ohne Arbeit (letztere haben sich extra Urlaub genommen), Schulabbrecher fahren
gemeinsam mit Promovierten. Während der stundenlangen Fahrt kreisen die
Gespräche um Gott und die Welt und um die bevorstehenden Stunden. Die Bilder
von prügelnden Polizisten und Wasserwerfern haben niemanden abgeschreckt, wohl
aber deutlich gemacht, was sie erwarten kann.
Die Gegend vor Rostock liegt in nächtlichem Nebel, als wir ankommen. Müde
finden wir den Weg in die Stadt, der Nebel klärt sich, am Protestcamp werden
wir erwartet und von freundlichen Menschen direkt zum Düsseldorfer-"Viertel"
innerhalb des sehr, sehr großen Camps geleitet. Eine kurze organisatorische
Einführung (hier kannst du dir Essen nehmen, da findest du die Dixiklos, wenn
du magst, kannst du in dem Zweierzelt da schlafen) und dann beginnt ein Plenum,
in den noch mal der kommende Protesttag erläutert wird. Sind es vierzig,
siebzig, hundert oder mehr Menschen aus Düsseldorf? Egal, für alle steht fest,
dass sie dem Demonstrationsverbot trotzen wollen und den Protest auf die
Strassen direkt vor den Sicherheitszaun tragen wollen. Ich bin müde, klettere
in mein Zelt und schlafe.
An dieser Stelle ein paar Sätze über die Camps. "Mein" Camp ist eines von drei
größeren Protestcamp rings um Heiligendamm. In jedem wohnen mehrere tausend
Menschen, die das Camp komplett selbst organisieren. Keine Firma sponsort es,
keine Agentur managt es und dennoch gibt es im Camp genügend Waschstellen,
Dixieklos, Konzert-Zelte, Diskussionszelte und vor allem gibt es verschiedenen
Küchen für die Verpflegung der Campbewohner. Und alles in ehrenamtlicher
Eigenleistung geschaffen von Menschen, die mit einem hohen Maß von Engagement,
Ernsthaftigkeit aber auch Spaß für ihre Überzeugungen eintreten. Für mich ein
erstes Wow!-Erlebnis. Übrigens: Alles Quatsch, dass da nur Veganer und
Vegetarier sind!
Mittwoch früh, die Uhr zeigt irgendwas zwischen fünf und sechs und das riesige
Camp erwacht zum Leben. Ein bißchen feucht ist es draußen, Kaffee wird gekocht
und rumgereicht. Ich werde ermahnt, mir Butterbrote zu schmieren, der Tag wird
lang. Dann geht es los, raus aus dem Camp, hin zu einer angemeldeten Mahnwache.
Meine "Bezugsgruppe" passt auf mich auf, nimmt mich im Auto mit, tausende
andere machen sich zu Fuß bzw mit Bus und Bahn auf. Die Polizei hat Sperren
aufgebaut, wir werden auf dem kurzen Weg dreimal durchsucht. Alles gründlich,
jeder Turnschuh wird inspiziert, der Personalausweis muß vorgezeigt werden,
aber einen Grund oder gar ihren Namen wollen die durchsuchenden Beamten nicht
nennen. Was solls, die Polizeistimmung ist zwar etwas drohend ("wir können sie
hier auch etwas länger behalten"), aber gemessen an späteren Ereignissen sehr,
sehr freundlich.
Der Mahnwachenplatz liegt am Rande von Rostock, sehr ländliche Gegend. Überall
Demonstranten und mein zweites Wow!-Erlebnis: Nette Bevölkerung. Die Medien
hatten mir suggeriert, dass hier alle die Demonstranten ablehnen würden und
Angst vor ihnen hätten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: "Gehen sie
besser hier entlang, da vorne kontrolliert die Polizei und hier kommen sie an
den Kontrollen vorbei." OK, wird von meiner Bezugsgruppe gemacht. Auf der
Mahnwache gibt es Musik, Redebeiträge und immer wieder von den Veranstaltern
den Hinweis, dass alle Demonstrationen verboten seien. Das bekommen auch die
zweihundert Leute mit verdi-Gewerkschaftsfahnen zu spüren, die kurzfristig von
"Helm auf!!"-Polizisten gehindert werden, das Gelände der Mahnwache zu
betreten. Die Sonne scheint und ich berichte an die Kollegen vom zakk, was sich
bei mir vor Ort so tut. (Danke an die Kolleginnen und Kolelgen für eure netten
Anrufe und SMS!!) Und da geht es tatsächlich los. Ruhig stehen tausende
Demonstranten auf, die Bezugsgruppen kommen zusammen und versuchen, sich zur
Demonstration zu formieren. Erwartungsgemäß gibt die Polizei die Straße nicht
frei, deshalb weichen die Demonstranten auf Felder und Wiesen aus.
In einer Breite von mehreren hundert Metern neben der Landstraße überqueren die
Demonstranten langsam, aber entschlossen die Zäune und begeben sich auf dem
Marsch nach Heiligendamm. Vor mir steht ein großer Polizist, schwenkt seinen
Tonfa-Schlagstock und geht dann doch zur Seite, als ich ihm sage, dass ihm doch
keiner etwas tue. Ein kluger Mann, denn wie will der einzelne Käfer die
tausenden Ameisen aufhalten?
Nachdem die Polizeilinie "durchflossen" wurden, formieren sich die
Demonstranten zu endlos langen Kolonnen, die hintereinander durch das Feld
gehen. Mir tut es um das Getreide leid, den Demonstranten auch. Sie sagen mir,
dass sie lieber auf der Straße gehen würden. Das leuchtet mir ein. Die
Demoorganisatoren hatten vorher bei Bauern nachgefragt, die ihnen bestätigt
hatten, dass es für Flurschäden staatliche Ausgleichszahlungen geben würde.
Mich freut.s.
Kilometerlang geht es so voran. Zwischendrin können sich die verschiedenen
Kolonnen wieder auf der Straße zu einem Demozug auf der Straße formieren, der
Jubel ist riesig, die Sonne scheint. Plötzlich Hubschraubergeknatter, im
Tiefflug dröhnen sie über dem Demozug hinweg. Sofort begeben sich die Kolonnen
wieder in die Felder. Die Hubschrauber setzen schwarzvermummte und
schwergepanzerte Polizisten ab, gleichzeitig kommen aus anderen Ecken
gepanzerte Polizisten mit Hunden.
Die Demonstranten lassen sich nicht beirren, einzelne werden aufgehalten, aber
der weite Raum ermöglicht ihnen das Umgehen. Für mich eine mehrfache
Wow!-Erfahrung, sowohl was das absurd-martialische Polizeigehabe als auch den
Mut der Demonstranten angeht. Eine Querstraße wird von den Demonstranten auf
einer Breite von mehreren Kilometern überflutet, eine Polizistin hält mich auf,
ich gehe fünf Meter nach links, da ist keine mehr, ich komme an meiner Stelle
gut durch. Andere, nur wenige Meter entfernt, haben nicht soviel Glück,
Wasserwerfer beschießen sie, ich sehe schmerzverzerrte Gesichter. Wieder
knattern Hubschrauber, ich sehe etwas fallen und plötzlich ist Tränengas in der
Luft. Die Polizei schießt Gasgranaten auf friedliche Demonstranten! Ich bringe
mich in Sicherheit und denke, dass es das Ende der phantasievollen
Protestaktion ist, erstickt im Polizeigas. Doch Irrtum, meine Bezugsgruppe
findet mich, Wasserflaschen werden herumgereicht, Augen ausgespült - und weiter
geht es. Die erfahrenen Aktivisten stärken die Neulinge, denn ein bisschen
mulmig ist einigen doch.
Wir gehen weiter durch das Feld, auf die nächste Querstraße zu. Dort stehen
erneut Wasserwerfer, als ich näher komme sehe ich erneut schwarzvermummte
Polizisten, diesmal bayrische USK-Einheiten. Hier ist der Ton ein ganz anderer:
"Noch einen Schritt näher und ich schlage dich zusammen!" Das hatte ich an
diesem Tag noch nicht gehört. Ich bleibe stehen und rede mit dem gepanzerten
und vermummten Polizisten.
Ein lehrreiches Gespräch, eher ein angebrüllt werden. Ihm sei egal, wer vor ihm
stehe, ob friedlicher Demonstrant oder sonst wer. Sein Kollege kommt hinzu,
auch er brüllt, das es gleich was auf die Fresse gebe. Ich habe beide Hände
erhoben, sehr, sehr langsam beruhigen sie sich. Aber auch im ruhigeren Zustand
sind die beiden nicht erfreulich. Es sind keine Jungspunde, sondern überlegte
Männer, die mir erzählen, dass die ganzen Sozialschmarotzer und Faullenzer
wegmüssten. Ich denke an die Leute, mit denen ich gekommen bin und an die
vielen, die in den Camps tagelang ohne Bezahlung gearbeitet haben und bin
entsetzt. Auf meine Frage, was "weg" bedeutet und ob sie auch auf wehrlose
Menschen schießen würden, sagt der eine: "Ich würde lieber einen Menschen
erschießen als ein Tier". Es ist keine emotionale Situation, der Mann spricht
ruhig und mir wird klar, das hier ist ein potentieller Mörder. Und zwar einer
mit der Möglichkeit, seine Phantasien ungestraft in die Tat umzusetzen. Meine
Bezugsgruppe kommt, nimmt mich weg von diesem Unmenschen und bringt mich rund
hundert Meter weiter nach links auf die gleiche Straße. Dort ist es
Demonstranten gelungen, eine Sitzblockade zu machen. Ich gehe hinzu, die
Blockade ist guter Dinge trotz des auf sie zielenden Wasserwerfers. Das USK
rückt an, die Demonstrantenrufen vor den zahlreichen Fehrnsehkameras in
Richtung USK: "This is your democracy". Das USK beginnt vorne reinzuprügeln,
der Einsatzleiter versucht die Exzesse einzudämmen, die Kameras der Welt
übertragen die deutschen Version von Demokratie in die Welt. Ich merke schnell,
dass Kameras der einzige Schutz der Demonstranten sind, sind keine da, sind die
Demonstranten schutzlos der Willkür der Polizei ausgeliefert.
Ich setze mich dazu, hier, wo die Polizei auf friedliche Demonstranten
einprügelt, ist mein Platz bei den Demonstranten. Die Polizei kommt von allen
Seiten, ich hatte gedacht, dass ich mich wegtragen lassen kann. Erneuter Irrtum,
zwei Beamte kommen von hinten, einer greift in meine Augen und überstreckt den
Kopf nach hinten, eine andere Hand drückt auf meine Kehlkopf und ich werde
weggeschleift. Als ich vor Schmerz (und Wut!) schreie, stopft mir ein anderer
Polizist seine Hand in den Mund, bringt mich zum schweigen. Dann werde ich in
den Strassengraben geworfen. Ich bleibe einen Moment benommen liegen,
Demonstranten reichen mir Hände, helfen mir heraus, meine Mütze wird mir von
ihnen gebracht. Später erfahre ich, das es auch anders hätte ausgehen könne,
ein Demonstrant hat sich in einem Graben ein Bein gebrochen.
Meine Bezugsgruppe ist gebeutelt, aber ungebrochen. Eine Lücke wird gesucht und
gefunden, und weiter geht es. Zwischendrin auftauchende Anwohner sind
fassungslos ob der Polizeigewalt, bringen Wasser. Langsam kommt das Ziel der
Aktivitäten in Sicht, eine der unmittelbaren Zufahrtstraßen zum G8-Gipfel.
Jubel als sie erreicht wird, unser Gruppe von hundert Menschen wird begrüßt von
hunderten anderen, die es etwas schneller geschafft hat als wir. Wir setzen uns
zu ihnen und erfahren, dass derzeit alle Zufahrtswege zu Land inklusive der
zwei Eingangstoren des Millionen verschlungen habenden Zaunes, von
Demonstranten blockiert werden. Welch ein Triumph! 16000 Polizisten und
Unmengen an Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas haben nicht ausgereicht,
um den Protest zu verhindern. Ein voller Erfolg für die Organisatoren von
"Block G8!", die sich monatelang öffentlich vorbereitet hatten.
Die Polizei vor Ort wirkt resigniert, sie ist präsent, hat aber nicht genügend
Kräfte, um die 2000 Demonstranten, die diesen Abschnitt blockieren,
wegzuschaffen. Über der Blockade wehen die Fahnen von verdi, attac, der Antifa
und von verschiedenen anderen linken Gruppen. Langsam weicht die Anspannung,
die Leute strecken sich aus, genießen die Sonne und den Erfolg und ich
betrachte die glücklichen Gesichter meiner Bezugsgruppe und die prominenten
Gesichter der Reporter, die ich sonst nur aus dem TV kenne. Ständig filme
deutsche und internationale Sender, die Blockierer geben Interviews, weltweit
wird der Erfolg der Protestes übertragen. Auffällig ist, dass die
internationalen Reporter (zB von BBC oder vom schwedischen TV) wesentlich
kritischer über die Polizei berichten als zB das deutsche N24. Der ägyptische
Reporter kommt zu uns und berichtet von seinen Erlebnissen, er berichtet auch,
dass er mitbekommen hat, wie die Polizei bei der Großdemo in Rostock provoziert
habe und entsprechend im ägyptische Fernsehen berichtet habe. Schon
interessant, dass ausländische Reporter anders wahrnehmen als die häufig doch
staatstragenden Fersehsender in Deutschland.
Volksfeststimmung herrscht über Stunden bei der Blockade. Gitarren werden
ausgepackt, Anwohner bringen Kaffe, über die Felder wird Wasser und Essen
herbeigeschleppt. Ein großer Wagen der Volksküche wird von der Polizei jedoch
gestoppt. Überhaupt ist die Polizei janusköpfig. Einerseits kann sie durchaus
verhandeln, so tauscht sie etwa sechs von den Demonstranten "eingekesselte"
Polizeifahrzeuge gegen einen Lautsprecherwagen aus, andererseits versucht sie
auch mal die Provokation, um einen Anlaß zu schaffen, die bereitstehenden
Wasserwerfer doch noch einzusetzen. Ein Beispiel: Stundenlang sitzt, steht
feiert die Blockade, als plötzlich freundliche Beamte des sogenannten
Anti-Konflikt-Teams auftauchen. Sie können sich ungehindert an der Blockade
bewegen, trotz der negativen Erfahrung mit der Polizei sind die Demonstranten
freundlich zu ihnen. Plötzlich stürmt ein Trupp von fünfzig behelmten
Polizisten in die Blockade, die Situation droht zu eskalieren. Die
"Anti-Konflikt-Polizisten" stoppen nicht etwa ihre Kollegen, sondern behaupten,
dass der Einsatz nötig sei, weil sich gewaltbereite Demonstranten unter uns
befänden, die Steine gesammelt hätten. Ein Polizistin sagt mir lächelnd ins
Gesicht, sie selber habe gesehen, wie ein Demonstrant einen Stein genommen
habe, man müsse deshalb Verständnis für die Polizei haben. Ich stutze zunächst,
gehe noch mal die Reihen ab und verstehe erst später, dass diese Frau eine
professionelle Lügnerin ist. Ihre Aufgabe bestand darin, Gerüchte unter den
Blockadeteilnehmern zu streuen, sowie Misstrauen und Spaltung hineinzutragen.
Das eigentliche Ziel des Polizeieingriffs war (neben der erhofften, aber
ausgebliebenen Provokation) ein Hausrohbau, an dessen Gerüst von den
Demonstranten Transparente angebracht worden waren. Diese von der Presse
gerngefilmten Transparente wurden von der Polizei entfernt, das Haus
anschließend rundum die Uhr von behelmten Polizisten "bewacht".
Überhaupt ist Prügel und Provokation das polizeiliche Mittel der Wahl. Währen
an "meiner" Blockade auf die eine Art provoziert wird, dokumentierten Anwälte
an einer benachbarten Blockade fast gleichzeitig folgendes: "Gestern Abend, am
5.6.2007, gegen 19.00 Uhr wurde eine Gruppe von fünf Polizeibeamten in Zivil
durch DemonstrantInnen bei der Blockade am Osttor des Sicherheitszaunes
entdeckt. Die Zivilpolizisten waren im Stil des sogenannten Schwarzen Blocks
gekleidet. Als auf dem Hubschrauberlandeplatz hinter der Polizeikette einige
Hubschrauber landeten, versuchten die Zivilbeamten, die anwesenden
DemonstrantInnen zu Straftaten anzustacheln. Auf Aufforderung der
Blockade-OrganisatorInnen entfernten sich vier von fünf Zivilpolizisten und
wechselten auf die Seite der uniformierten Beamten. Der fünfte Zivilpolizist,
der sich wie seine Kollegen geweigert hatte, seine Identität offen zu legen,
wurde dann von AnwältInnen des Legal Teams und OrganisatorInnen der Blockade
auf eigene Bitten hin, zu seinen uniformierten KollegInnen begleitet. Ich gebe
eine Kiste Bier (oder Wein ) aus, wenn mir jemand beweist, dass der Beginn der
Auseinandersetzungen in Rostock nicht von agent provocateurs der Polizei
organisiert wurden"
Schluß mit den Abschweifungen. Es wird Abend an der Blockade und während
hunderte von Demonstranten dort die Nacht über bleiben, gehe ich mit meiner
Bezugsgruppe heim ins Camp. Kilometerlande Märsche, die manchmal dadurch
verkürzt werden, dass Anwohner kommen und sagen "Gehen sie hier quer durch
meinen Garten, da kommen sie schneller zum Ziel als wenn sie die Polizei
weiträumig umgehen müssen". Unterwegs haben die Volksküchen
Verpflegungsstationen aufgebaut - ein dickes Danke dafür, ebenso wie an die
unermüdlichen Fahrer, die mit PKWs und Kleinbussen die Leute ins Camp
zurückfahren. Stunde um Stunde. Und: riesigen Respekt für die nette Anwältin,
die ich irgendwo auf den Straßen getroffen habe. Sie hatte nur zwei Stunden
geschlafen, weil sie ständig zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln half
und die Festgenommenen im Gericht betreute. Ihre Erzählungen über nachgewiesene
polizeiliche Rechtsbrüche wären ein eigenes Buch wert.
Im Camp gucke ich noch kurz einen Film des Camp-Fernseh-Teams, das die
Ereignisse des Tages zeigt (spannend: rechtswidrig die Bundeswehr im
Aufklärungseinsatz im Inneren) falle todmüde in mein Zelt und schlafe kurz bis
morgens um sechs, als mich bei schönstem Sonnenschein nette
Lautsprecherdurchsagen über die Lage an den Blockaden informieren und um
Unterstützung derselben werben. Während ich noch ein bisschen Zeit brauche,
machen sich andere bereits auf den Weg, so dass am späten Vormittag bereits
wieder Tausende auf den Straßen sind. Ich besuche - diesmal ungestört von der
Polizei - die heitere Blockade vom Vortag, dort sind mittlerweile auch Dixiklos
angekommen. Kalt war es in der Nacht, erzählen mir die Leute, aber sie sind ein
klein bisschen stolz auf sich, dass sie durchgehalten haben. Zu recht wie ich
finde. An dieser Blockade ist alles relaxt, die Polizei hat ihre
Provokationsversuche ergebnislos abgebrochen und begnügt sich damit, die Lage
zu beobachten. Schön, so geht.s doch. Gemeinsam wird sich über die
Greenpeace-Aktion gefreut, die vom Polizeiboot überfahrenen und dadurch
verletzten Aktivisten mit Erschrecken zur Kenntnis genommen. Anderswo ist die
Lage nicht so friedlich, rund zweitausend Demonstranten werden von sieben
Wasserwerfern und prügelnden Polizisten attackiert, zahlreiche Verletzte und
Festnahmen. Das weiß ich allerdings nicht zu dem Zeitpunkt, als ich mich auf
den Fußweg ans Meer von Heiligendamm mache, wo ich endlich die Bilder schießen
kann, über den sich der staatstragende deutsche Journalist so freut: Autonome
in Aktion, zusammen mit ihren Steinen.
Danach geht.s für mich heim, ins Camp, ins Auto, ins Rheinland. Hoffentlich
passiert den zurückbleibenden Blockierern nichts.
Und: Danke an meine Bezugsgruppe, dass ihr mich mitgenommen und auf mich
aufgepasst habt !
Mischa
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