Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0283 .......... 12. Jahrgang ........ ISSN 1611-2563
Hrsg.:...... Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
Red.: IMI / Christoph Marischka / Jürgen Wagner
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser Mail finden sich
- die Links zu einer ganzen Reihe neuer Artikel auf der IMI-Homepage;
- eine Analyse darüber, wie Österreich und die Europäische Union
Militäreinsätze über die Entwicklungshilfe querfinanzieren.
- Links zu neuen Artikeln auf der IMI-Homepage;
Eine ganze Menge neuer Texte sind in letzter Zeit erschienen. U.a. ein
aktueller Artikel zu militärischen Aktivitäten der Siemens AG und
ihren Verflechtungen mit der Politik
(http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1760) sowie Standpunkte zu den
Foltervorwürfen gegen EU-Soldaten bei ihrem Einsatz im Kongo
(http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1753), zu der Meldung, dass die
Bundeswehr in zahlreichen Arbeitsämtern feste Sprechzeiten und in
manchen gar feste Büros unterhält
(http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1750) und zum NATO-Gipfel in
Bukarest (http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1748).
2) Analyse über die Querfinanzierung von EU-Militäreinsätzen mit
Entwicklungshilfegeldern
IMI-Analyse 2008/014
Orwell im Tschad
Wie Österreich und die Europäische Union Militäreinsätze über die
Entwicklungshilfe querfinanzieren
http://www.imi-online.de/2008.php3?id=1758
http://www.imi-online.de/download/IMI-Analyse2008-14-EZ.pdf
28.4.2008, Jürgen Wagner
Am 15. Oktober 2007 hatte die Europäische Union beschlossen, eine
Militärmission in den Tschad und die Zentralafrikanische Republik zu
entsenden. Nachdem Österreich von den bislang stationierten 1790
Soldaten (Stand März 2008) des EUFOR Chad/RCA-Einsatzes 151 stellt,
sorgte Mitte April die Meldung für große Empörung, dass die Kosten
hierfür in Höhe von zunächst 25 Mio. Euro dem Entwicklungshilfeetat
entnommen werden. So skandalös es ist, dass hiermit Gelder, die zur
Armutsbekämpfung gedacht sind, regelrecht zweckentfremdet werden, ist
dies jedoch keineswegs - wie die gegenwärtigen Medienberichte
suggerieren - ein grundlegend neues Phänomen. Vielmehr ist die
Querfinanzierung von Militäreinsätzen mit Hilfe von
Entwicklungshilfegeldern innerhalb der Europäischen Union schon länger
gängige Praxis.[1]
Der entwicklungspolitische Paradigmenwechsel: Ohne Krieg, keine
Entwicklung!
Nachdem sich der Druck auf die Industriestaaten im Laufe der 1960er
Jahre vergrößerte verpflichteten sich diese schließlich mit der
UN-Resolution 2626 vom 24. Oktober 1970 explizit darauf, mindestens
0,7% ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Entwicklungshilfe
aufzuwenden. Zwar wird diese Marke bis heute von den meisten Ländern
bei weitem nicht erreicht, gerade deshalb ist es aber eine
entscheidende Frage, welche Ausgaben als Öffentliche Entwicklungshilfe
(ODA) verrechnet werden können. Die Relevanz der ODA-Zahlen ist
beträchtlich, geben sie doch Aufschluss darüber, inwieweit die
Geberländer ihrer - ohnehin schon sehr bescheidenen - Zusage aus Res.
2626 (1970) nachkommen.
Um die Höhe der Öffentlichen Entwicklungshilfe zu bestimmen richtete
die OECD bereits im Jahr 1969 ein einheitliches Erfassungssystem ein.
Seither legt der OECD-Entwicklungshilfeausschuss (OECD-DAC), dem die
22 wichtigsten Geberländer plus die Europäische Kommission angehören,
nach dem Einstimmigkeitsprinzip verbindliche Kriterien fest, was als
ODA bezeichnet und abgerechnet werden kann: "Als ODA werden Leistungen
der öffentlichen Hand angerechnet, die erstens an Länder vergeben
werden, die von der OECD als Entwicklungsländer eingestuft werden,
zweitens das Ziel der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung
verfolgen und drittens ein Zuschusselement von mindestens 25 %
beinhalten."[2] Nachdem militärische Aspekte jahrzehntelang
kategorisch ausgeschlossen wurden und Entwicklungshilfe sich -
zumindest formell - auf Armutsbekämpfung im engeren Sinne
konzentrieren musste, liegt es auf der Hand, dass jede Öffnung der
ODA-Kriterien zugunsten sicherheitspolitischer Ausgaben die
Rüstungsetats entlasten hilft, eine Erhöhung der Entwicklungshilfe
lediglich vorgaukelt und so gleichzeitig die miserable Bilanz der
Gebeländer schönen hilft.
Die Attraktivität einer solchen Querfinanzierung
sicherheitspolitischer Aufgaben ist offensichtlich, sie erfordert aber
ein Konstrukt, mit dem Militäreinsätze zu einem
entwicklungspolitischen Projekt umdefiniert werden können. Obwohl in
der Kriegsursachenforschung mittlerweile nahezu unstrittig Armut als
wichtigster Faktor für das gewaltsame Eskalation von Konflikten in der
sog. Dritten Welt identifiziert wurde[3], hat sich mittlerweile die
Sichtweise durchgesetzt, Bürgerkriege in "gescheiterten Staaten" seien
ausschließlich auf Binnenfaktoren zurückzuführen (habgierige Warlords
,
ethnische Konflikte, etc.). Da hierdurch westliche Investitionen und
damit eine nachhaltige Entwicklung verhindert würden, bedürften solche
Staaten der externen Stabilisierung durch das Militär. Die dahinter
stehende "Logik" wurde bspws. vom Chef des Bundesverbandes der
Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thuman, treffend auf den Punkt
gebracht: "Investitionen in Entwicklungsländern schaffen Jobs und
Einkommen. [...] Dort wo unsere Unternehmen aktiv sind, stärken sie
die Wirtschafts- und Finanzstrukturen. Aber die Wirtschaft braucht
sichere Rahmenbedingungen. Mangelnde Rechtssicherheit und
Rechtstaatlichkeit machen Investitionen schwer verantwortbar."
Entscheidend ist, dass Thumann auf dieser Grundlage die
entwicklungspolitische Prioritätensetzung auf den Kopf stellt: "Die
Grundhypothese 'ohne Entwicklung keine Sicherheit' stellt sich häufig
genau anders herum dar. 'Ohne Sicherheit keine Entwicklung'."[4] Aus
dem Bestreben, militärisch für die Realisierung von Profitinteressen
zu garantieren und die bestehenden Hierarchie- und
Ausbeutungsverhältnisse der Weltwirtschaftsordnung militärisch
abzusichern, wird somit schamlos ein entwicklungspolitisches Projekt
gemacht.
Dennoch ist diese Sichtweise mittlerweile in nahezu jedem
sicherheitspolitischen und seit einiger Zeit auch
entwicklungspolitischen Grundsatzdokument anzutreffen. So äußern sich
nicht nur zahlreiche Politiker in diese Richtung[5], sondern auch die
im Dezember 2003 verabschiedete Europäische Sicherheitsstrategie:
"Eine Reihe von Ländern und Regionen bewegen sich in einem
Teufelskreis von Konflikten, Unsicherheit und Armut." Während es sich
hierbei noch um eine weit gehend unstrittige Tatsache handelt, ist die
entscheidende Frage jedoch, wie aus diesem Teufelskreis ausgebrochen
werden kann und welche Prioritäten damit gesetzt werden: "Sicherheit
ist eine Vorbedingung für Entwicklung."[6] Analog hierzu sieht sowohl
der im Jahr 2006 verabschiedete "Europäische Konsens über die
Entwicklungspolitik" als auch der OECD-Entwicklungshilfeausschuss
mittlerweile in der Unterstützung des "Stabilitätsexports" eine der
vorrangigsten Aufgaben der Entwicklungspolitik.[7] Offensichtlich hat
ein fundamentaler entwicklungspolitischen Prioritätenwechsel
stattgefunden, der von zwei Autoren des Deutschen Instituts für
Entwicklungspolitik (DIE) folgendermaßen treffend zusammengefasst
wurde: "'Keine Entwicklung ohne Sicherheit' wird immer mehr zu einem
entwicklungspolitischen Paradigma, das neue Handlungsweisen in der
Entwicklungspolitik erforderlich macht."[8] Hierdurch ist der
Argumentationsteppich ausgebreitet, mit dem die Unterstützung
militärischer "Stabilisierungsmaßnahmen" als Armutsbekämpfung
umdeklariert und so auch eine Querfinanzierung derartiger Maßnahmen
legitimiert werden kann.
Die sicherheitspolitische Öffnung der ODA-Kriterien
Der große Dammbruch erfolgte in den Jahren 2004 und 2005 auf den
alljährlichen Treffen des zuständigen
OECD-Entwicklungshilfeausschusses (DAC High Level Meeting). Dort
beschlossen die jeweiligen Fachminister, die ODA-Kriterien in zwei
Schritten um verschiedene sicherheitsrelevante Aspekte zu erweitern.
Seither sind folgende Maßnahmen ODA-anrechenbar:
- Verwaltung der Sicherheitsausgaben
- Stärkung der Rolle der Zivilgesellschaft im Sicherheitssystem
- Kindersoldaten (Prävention und Demobilisierung)
- Reform des Sicherheitssektors
- Zivile Friedensentwicklung, Krisenprävention und Konfliktlösung
- Handfeuerwaffen und leichte Waffen (SALW).[9]
Zwar sind - bislang noch - die Kosten für militärische Aspekte
friedenserhaltender oder friedenserzwingender Einsätze ebenso wenig
ODA-anrechenbar wie die Lieferung von Militärgütern, dennoch eröffnete
bereits diese Veränderung der ODA-Kriterien die Möglichkeit, allerlei
sicherheitsrelevante Ausgaben per Entwicklungshilfe querzufinanzieren.
Insbesondere der Bereich der Sicherheitssektorreform erweist sich hier
als problematisch. So wurden bspws. Ausgaben im Rahmen
"sicherheitspolitischer Beratung" in Armenien und Aserbaidschan die
Erstellung neuer nationaler Sicherheitskonzepte mit jeweils 1 Mio.
Euro aus dem deutschen BMZ-Haushalt unterstützt und als ODA
abgerechnet. Da die Weißbücher unter anderem die Annäherung an die
NATO befördern sollten, ist es kein Wunder, dass sich die
durchführende Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) dabei
eng mit dem NATO-Vertreter vor Ort abstimmte.[10] Auch für die
Ausbildung der afghanischen Polizei wurden bis Ende 2006 insgesamt 60
Mio. Euro aus dem deutschen Entwicklungshaushalt (Einzelplan 23)
aufgewendet.[11] Im EU-Rahmen wurden mittlerweile ebenfalls zahlreiche
Maßnahmen zur Sicherheitssektorreform gestartet. Dabei wird u.a. im
Rahmen der EU-Mission EUPOL Kinshasa (jetzt: EUPOL RD Congo) der
Aufbau paramilitärischer "Integrierter Polizeieinheiten" überwacht und
angeleitet, die wiederholt durch überaus brutales Vorgehen gegen die
Zivilgesellschaft auffielen und damit die Regierung Joseph Kabilas
absichern, der sich gegenüber europäischen Wirtschaftsinteressen stets
sehr aufgeschlossen gezeigt hat und deshalb von Brüssel unterstützt
wird.[12] Hieran zeigt sich bereits, dass sich schon heute zahlreiche
sicherheitsrelevante Maßnahmen per Entwicklungshilfe querfinanzieren
lassen. Mag man noch über Sinn oder Unsinn von Maßnahmen zur
Sicherheitssektorreform, dem Aufbau von Polizeitruppen etc., streiten,
dass solche Maßnahmen inzwischen als Offizielle Entwicklungshilfe
abgerechnet werden können und damit nicht mehr der Armutsbekämpfung
zur Verfügung stehen, ist zweifellos negativ.
Doch die bislang eingeleiteten Maßnahmen gehen vielen Geberländern
noch nicht weit genug.[13] So werden zwar derzeit bereits die Mittel
zur Unterstützung von Militärmissionen der Afrikanischen Union (AU,
gegr. 1993) über die Afrikanische Friedensfazilität (African Peace
Facility) finanziert und damit dem Topf des Europäischen
Entwicklungsfonds (EEF) entnommen, ODA-anrechenbar sind diese Gelder
bislang jedoch noch nicht.[14] In diesem Zusammenhang wurde allein die
AU-Mission im Sudan (AMIS) mit mehr als 300 Mio. Euro unterstützt, ein
Einsatz, der direkt erhebliche wirtschaftliche und strategische
EU-Interessen berührt.[15] Obwohl betont wurde, bei dieser
Querfinanzierung handele es sich um "eine aus der Not geborene
Ausnahmelösung"[16], wurden für die Jahre 2008 bis 2010 erneut 300
Mio. Euro eingestellt.[17] Auch im Tschad und der Zentralafrikanischen
Republik sollen in den nächsten fünf Jahren im Rahmen von Maßnahmen
zur Sicherheitssektorreform Ausgaben in Höhe von 436 Mio. Euro dem
Topf des Europäischen Entwicklungsfonds entnommen werden[18], womit
die Gelder der Peace Facility bereits jetzt verplant sind und somit
eine weitere Erhöhung absehbar ist. Mit der Peace Facility wurde ein
Präzedenzfall geschaffen, an dem die Forderung nach einer Erweiterung
der ODA-Kriterien auf Militäreinsätze aufgehängt werden kann. Die
EU-Kommission jedenfalls fordert genau dies: "Damit zur Unterstützung
friedenssichernder Maßnahmen in Afrika mehr Mittel zur Verfügung
stehen, wäre es angebracht, innerhalb des Entwicklungsausschusses der
OECD (DAC) einen Konsens zu suchen, um das im Rahmen der öffentlichen
Entwicklungshilfe als unterstützungswürdig geltende Hilfespektrum
auszuweiten auf die Unterstützung der afrikanischen Kapazitäten zur
Durchführung friedenssichernder und damit zusammenhängender
Maßnahmen."[19]
Noch weiter gehen die Forderungen, sog. Peace Support Operations
(PSOs), friedenserhaltende und selbst friedenserzwingende UN-Einsätze
mit einem Mandat zur offensiven Gewaltanwendung ODA-anrechenbar zu
machen, was bislang nur zu einem extrem geringen Anteil möglich ist.[20]
Schon im Vorfeld des DAC High Level Meetings im Jahr 2004 wurde Druck
ausgeübt, auch die direkte Finanzierung derartiger UN-Einsätze in die
ODA-Kriterien aufzunehmen. So forderte eine G8-Erklärung im Jahr 2003,
"einen Konsens im OECD-Entwicklungshilfeausschuss herzustellen,
Entwicklungshilfe für PSO-bezogene Aktivitäten freizusetzen."[21] Da
hierüber kein Konsens erzielt werden konnte, wurde das Thema zunächst
bis zum High Level Meeting Anfang 2007 vertagt. Zwar stand dort die
ODA-Anrechenbarkeit von PSOs auf der Tagesordnung, die Gegner einer
Ausweitung konnten sich gegen die Befürworter, Kanada, Schweden und
die Vereinigten Staaten - Finnland und Deutschland standen einer
Ausweitung ebenfalls wohlwollend gegenüber -, durchsetzen.[22] Dennoch
wurde eine weitere Evaluierung der Thematik beschlossen und die Option
offen gehalten, diesen Aspekt im Jahr 2008 erneut auf die Agenda zu
setzen.[23] Darüber hinaus ist aber die bereits erfolgte Ausweitung
der ODA-Kriterien unumstritten, eine Rücknahme dieses Dammbruches ist
derzeit nicht abzusehen und stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte.[24]
Sollte es tatsächlich gelingen, Militäreinsätze im Rahmen der
Vereinten Nationen als ODA abrechnen zu können, würde hiermit
Schätzungen zufolge eine Erhöhung der Öffentlichen Entwicklungshilfe
um 8-12% erfolgen, ohne dass die Geberländer einen Cent mehr in die
Armutsbekämpfung investieren müssten. Gegenwärtig am teuersten sind
jedoch Einsätze, die nicht von den Vereinten Nationen geführt werden
(Afghanistan, Kosovo, Tschad, etc.). Sollte sich die Forderung
durchsetzen, selbst solche Einsätze als ODA zu deklarieren, würden die
ODA-Zahlen rapide ansteigen. Allein für Deutschland würde dies eine
"Erhöhung" um 25% bedeuten. Im Falle der USA wäre in diesem Fall sogar
noch vor dem extrem kostenintensiven Angriffskrieg gegen den Irak ein
ODA-Anstieg um 44% zu verzeichnen gewesen.[25] Es liegt auf der Hand,
dass eine derartig vorgegaukelte massive Erhöhung der
Entwicklungshilfe unter allen Umständen verhindert werden muss. Gerade
deshalb ist die jüngste Zusicherung der OECD, die österreichischen
Ausgaben für den Militäreinsatz im Tschad vollständig als ODA
abzurechnen, überaus problematisch. Umso mehr, da hiermit ein
Präzedenzfall gesetzt werden könnte, der auf dem nächsten OECD High
Level Meeting am 14. und 15. Mai 2008 endgültig den Weg zur
Querfinanzierung von Militäreinsätzen mit Entwicklungshilfegeldern
freimachen könnte.
Österreichische Kriegsentwicklungshilfe im Tschad
Auch in Österreich werden Militäreinsätze wie im Tschad mit dem oben
beschriebenen neuen entwicklungspolitischen Paradigma begründet. So
äußerte sich Hans Winkler, Staatssekretär im Bundesministerium für
auswärtige Angelegenheiten, folgendermaßen: "Nachhaltige Entwicklung
kann ohne Sicherheit und Stabilität nicht erfolgen."[26] Ungeachtet
der österreichischen Neutralität, beteiligt sich das Land deshalb mit
dieser Begründung mit derzeit 151 Soldaten am EU-Einsatz im Tschad.
Was jedoch für die Maßnahmen zur Sicherheitssektorreform gilt,
nämlich, dass deren "stabilisierender" Charakter durchaus fragwürdig
ist und vieles eher dafür spricht, dass hiermit vielmehr europäische
Interessen durchgesetzt werden sollen, trifft umso mehr für direkte
EU-Militäreinsätze zu. Auch die Mission im Tschad macht hier keine
Ausnahme.[27]
In jedem Fall - egal, ob man der EU nun altruistische oder egoistische
Motive unterstellt - sollten die Kosten für derlei Einsätze nicht über
Töpfe gedeckt werden, die eigentlich für Maßnahmen zur direkten
Armutsreduzierung gedacht sind. So kritisiert Christoph
Petrik-Schweifer, Chef der Auslandshilfe von Caritas Österreich: "Wenn
ein Militäreinsatz in die Entwicklungshilfe eingerechnet wird, wird
das Geld an anderer Stelle, etwa bei der Nahrungsmittelhilfe,
fehlen."[28] Dennoch berichtete der Standard Mitte August 2008, einen
Monat vor dem wichtigen Treffen der Geberländer, Österreich sei von
der OECD die ODA-Anrechenbarkeit des Einsatzes zugesichert worden.[29]
Als Begründung gibt Staatssekretär Hans Winkler folgendes an: "Bei
diesem Fall steht der humanitäre Einsatz im Vordergrund und daher ist
dieser Einsatz zu einem großen Prozentsatz anrechenbar."[30]
Offiziell verfolgt der Einsatz das Ziel, Flüchtlingslager militärisch
zu schützen, eine Maßnahme, die den ODA-Kriterien zufolge eigentlich
nicht anrechenbar sein dürfte. Da darüber hinaus heutzutage nahezu
jeder Kriegseinsatz humanitär begründet wird - man erinnere sich nur
an die Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999 -, könnte die
österreichische Argumentation der groß angelegten Zweckentfremdung von
Entwicklungshilfe Tür und Tor öffnen. Denn dieses Beispiel droht
Schule zu machen, wie wiederum der Standard mit Verweis auf
österreichische Regierungsquellen berichtet: "Auch andere Staaten
werden sich den Einsatz anrechnen lassen, heißt es."[31] Wohin diese
Entwicklung führen könnte, deuten Aussagen des deutschen
CDU-Haushaltspolitikers Ole Schröder an: "Missionen wie zum Beispiel
in Nordafghanistan und im Kongo sind eindeutig Entwicklungshilfe."
Entlarvend ist jedoch Schröders Zusatz, durch eine Finanzierung
solcher "humanitärer Missionen" aus dem Entwicklungshilfe-Etat könne
der Wehretat "in Millionenhöhe entlastet" werden.[32]
Zynisch gesagt, sollte sich diese Sichtweise durchsetzen, hätten die
Industriestaaten keinerlei Schwierigkeiten ihre jahrzehntealten
Zusagen, die Entwicklungshilfe substanziell zu erhöhen, einzuhalten,
wenn dies über eine einfache Umschichtung von Rüstungsausgaben
bewerkstelligt werden kann. Schon heute geben die OECD-Länder 30%
ihrer Gelder für Maßnahmen aus, die nicht unmittelbar der
Armutsbekämpfung dienen und deren langfristige Wirkungen bestenfalls
hochgradig fragwürdig sind (bspws. Ausgaben für ausländische Studenten
und die Kosten für die Unterbringung von Asylbewerbern und
Flüchtlingen, einschließlich der Abschiebungskosten!). In Deutschland
beläuft sich diese "Phantomhilfe" nach Berechnungen der
Hilfsorganisation CONCORD auf 43% der gesamten ODA-Ausgaben, in
Österreich sogar auf 62%.[33] Sollte nun am Beispiel des Tschad
tatsächlich eine generelle Anrechenbarkeit von Militäreinsätzen
ermöglicht werden, verkommen alle vollmundigen Zusagen der
Gebergemeinschaft, die Entwicklungshilfe substanziell zu erhöhen, zu
einem schlechten Witz.
Fazit: Ohne Gerechtigkeit, keine Sicherheit
Angesichts zahlreicher gewaltsamer Konflikte mag es verständlich
erscheinen, wenn von vielen Seiten in einen militärischen Aktionismus
verfallen wird, die richtige Reaktion ist dies deshalb noch lange
nicht. Ohne die Anerkennung der Tatsache, dass die westliche
Interessenspolitik und die westlich-dominierte neoliberale
Weltwirtschaftsordnung, die eine drastische Verarmung weiter Teile der
Weltbevölkerung verursacht hat, die wichtigste Ursache für das
gewaltsame Ausbrechen von Konflikten darstellt, verbleiben alle
Lösungsvorschläge dabei, Symptome wortwörtlich zu bekämpfen, statt die
dem zugrunde liegenden Ursachen zu beseitigen.
Dies würde aber nicht nur eine Fokussierung der Entwicklungshilfe auf
Maßnahmen zur strikten Armutsbekämpfung erfordern, sondern auch ein
Nachdenken darüber, ob sich die Entwicklungsarbeit nicht grundsätzlich
einen neuen Schwerpunkt suchen sollte. So betont eine Studie von
Coopération Internationale pour le Développement et la Solidarité
(CIDSE) richtigerweise, dass gegenwärtige Ansätze "der Illusion
anhängen, dass Probleme gelöst werden könnten, ohne die fundamentale
globale Ungerechtigkeit, Machtungleichgewichte und Praktiken wie den
Waffenhandel zu verändern, die Konflikte anheizen und zu Unsicherheit
beitragen. CIDSE sieht in der Veränderung der strukturellen Ursachen
von Armut und globaler Ungerechtigkeit zentrale Elemente seiner
Entwicklungsarbeit. Daraus folgt, dass wir nicht glauben, dass globale
Sicherheit ohne Veränderungen im Norden erreichbar sein wird."[34]
Dies erfordert aber eine systemkritische Fokussierung der
Entwicklungspolitik, die es sich zur Hauptaufgabe macht, den im Norden
liegenden Armutsursachen durch eine Veränderung der neoliberalen
Weltwirtschaftsordnung entgegenzuarbeiten. Eine solche Kehrtwende wäre
die einzig richtige Schlussfolgerung aus den gravierenden Problemen,
vor denen die Welt heute steht. Da aber generell keinerlei
Bereitschaft existiert, die Spielregeln der Weltwirtschaft zu
verändern, setzen die westlichen Industrienationen immer stärker auf
militärische Mittel, um die systemisch produzierten Armutskonflikte
notdürftig unter Kontrolle zu halten und perpetuieren damit den
Teufelskreis aus Armut und Gewalt. Umso schlimmer ist es, dass die
Entwicklungspolitik immer mehr zum Komplizen dieser Politik zu werden
droht und sich hierdurch zunehmend diskreditiert.
- Anmerkungen
-
[1] Vgl. zu diesem Thema ausführlich Wagner, Jürgen: Mit Sicherheit
keine Entwicklung! Die Militarisierung der Entwicklungszusammenarbeit,
Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion DIE LINKE, August 2007, URL:
http://dokumente.linksfraktion.net/pdfmdb/7796242967.pdf (20.04.2008).
[2] Hamann, Birte: Sicherheit und Entwicklung. Veränderungen in der
Entwicklungspolitik der USA und Deutschlands angesichts neuer
Sicherheitsbedrohungen, Kölner Arbeitspapiere zur internationalen
Politik, Nr.30/2005, S. 3. Eigene Hervorhebung.
[3] "Empirisch ist das auffälligste Muster, dass sich Bürgerkriege
besonders auf arme Staaten konzentrieren. Krieg verursacht Armut, aber
wichtiger noch für diese Konzentration ist, dass Armut die
Wahrscheinlichkeit von Bürgerkriegen erhöht. Somit kann unser
zentrales Argument bündig zusammengefasst werden: die zentrale
Konfliktursache (central root cause of conflict) ist das Scheitern
ökonomischer Entwicklung." Collier, Paul: Breaking the conflict trap,
World Bank Policy Research Report 2003, S. 53; vgl. auch UN Millennium
Project: Investing in Development: A Practical Plan to Achieve the
Millennium Development Goals. New York 2005, URL:
http://www.who.int/hdp/publications/4b.pdf (10.04.2008), S. 8;
Congressional Budget Office: Enhancing US Security Through Foreign
Aid, Washington, DC, April 1994; Brzoska, Michael: Wie werden wir die
nächsten hundert Jahre überleben?, Zeit Online, 17.08.2006. Vgl. für
eine Literaturübersicht Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung:
Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel: Sicherheitsrisiko
Klimawandel, Heidelberg 2008, S. 36ff.
[4] Thumann, Jürgen R.: Interrelation of Economic Development and
Security, Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, 12.2.2005.
[5] So äußert sich bspws. der deutsche Verteidigungsminister
Franz-Josef Jung: "Der Schlüssel zum Erfolg liegt im umfassenden,
vernetzten sicherheitspolitischen Ansatz, der militärische Sicherung
mit zivilem Wiederaufbau und Entwicklung verbindet. Beide Elemente
bedingen einander - ohne Sicherheit keine Entwicklung, ohne
Entwicklung keine Sicherheit." Jung, Franz-Josef: "Krisenherd
Nah/Mittelost - Europas möglicher Beitrag für Frieden und Stabilität",
Rede auf der Handelsblattkonferenz am 3. Juli 2007 in Berlin.
[6] Europäische Sicherheitsstrategie: Ein sicheres Europa in einer
besseren Welt, Brüssel 2003, S. 2.
[7] Vgl. Der Europäische Konsens über die Entwicklungspolitik,
Gemeinsame Erklärung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter
der Regierungen der Mitgliedstaaten, des Europäischen Parlaments und
der Kommission (2006/C 46/01); OECD: Principles for Good International
Engagement in Fragile States, April 2007.
[8] Klingbiel, Stephan/Roehder, Katja: Das
entwicklungspolitisch-militärische Verhältnis: Der Beginn einer neuen
Allianz?, DIE Analysen und Stellungnahmen, 1/2004, S. 1.
[9] Vgl. OECD erweitert Entwicklungshilfe-Kriterien, in: Entwicklung &
Zusammenarbeit, 6/2004; Sicherheit: ODA-Kriterien erweitert, in:
Entwicklung & Zusammenarbeit 5/2005.
[10] Roehder, Katja: Die NATO als Kooperationspartner für die
Entwicklungspolitik. Neue Konzeptionen zivil-militärischer
Zusammenarbeit, 1. Dezember 2005, La Redoute, Bonn, S. 17.
[11] Zum Polizeiaufbau in Afghanistan gehören folgende Maßnahmen:
"Beratung beim Aufbau einer rechtsstaatlichen Grundsätzen
verpflichteten Polizei; Aufbau der Polizeiakademie; Erstellung einer
Aus- und Fortbildungskonzeption; Umstrukturierung und Neuorganisation,
Rang- und Gehaltsreform, Modernisierung des Bewerbungs- und
Auswahlverfahrens, Renovierung und Ausstattung der polizeilichen
Infrastruktur, Einsatz internationaler Mentoren im Innenministerium
und in den verschiedenen Polizeibereichen; Entsendung von
Polizeiberatern in die Provinzen (on-the-job-training); Ausbildung von
Multiplikatoren (train the trainers)." Vgl. Interministerielles
Rahmenkonzept zur Unterstützung von Reformen des Sicherheitssektors in
Entwicklungs- und Transformationsländern, Oktober 2006, S. 12. Vgl. zu
den Kosten Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der
Abgeordneten Heike Hänsel, Monika Knoche, Paul Schäfer (Köln),
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. - Drucksache 16/3385.
[12] Vgl. hierzu ausführlich Wagner 2007, S. 50ff.
[13] So forderte der heutige NATO-Generalssekretär Jaap de Hoop
Scheffer in seiner damaligen Funktion als niederländischer
Außenminister bereits im Jahr 2003, im Rahmen der
Sicherheitssektorreform u.a. die Lieferung von Militärkomponenten als
ODA anzuerkennen. Vgl. de Hoop Scheffer/Kamp/van Ardenne-van der
Hoeven: The Netherlands and crisis management; three issues of current
interest, Den Haag 29.10.2003, URL:
http://tinyurl.com/6erghx
(www.aiv-advies.nl/ContentSuite/template/aiv/adv
/collection_single.asp?id=1942&adv_id=268&page=aanvraag&language=UK )
(17.04.2007).
[14] Vgl. ODA Eligibility of Conflict, Peace and Security
Expenditures, High Level Meeting, 3-4 April 2007,
DCD/DAC(2007)23/REV1, S. 5.
[15] European Union, Council Secretariat: EU support to the African
Union Mission in Darfur - AMIS, Fact Sheet, January 2008, URL:
http://www.consilium.europa.eu/uedocs/cmsUpload/080109-Factsheet8-AMISII.pdf
(21.04.2008). Vgl. zur Interessenlage im Sudan Wagner, Jürgen: Das
neue Objekt der Begierde: Afrikanische Rohstoffkriege und die Rolle
des "Westens", in: Z (September 2007).
[16] Wadle, Sebastian/Schukraft, Corina: Die Peace Facility for Africa
- Europas Antwort auf die Krisen in Afrika?, in: Internationale
Politik und Gesellschaft 4/2005, S. 99-119, S. 105.
[17] Kinzel, Wolf: Afrikanische Sicherheitsarchitektur û ein aktueller
Überblick, GIGA Fokus, Nr. 1/2007.
[18] Vgl. European Union, Council Secretariat: EU Military Operation
in Eastern Chad and North Eastern Central African Republic (EUFOR
Tchad/RCA), Background, January 2008, URL:
http://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/pressData/en/misc/98416
.pdf
(18.04.2008).
[19] Mitteilung der Kommission an den Rat: Der EU-Afrika-Dialog,
Brüssel, den 23.6.2003 KOM(2003) 316 endgültig, S. 10.
[20] Bis zum Jahr 2005 waren die diesbezüglichen DAC-Richtlinien
ungenau formuliert. Seither gilt ein Beschluss der DAC-Arbeitsgruppe
Statistik, wonach die multilateralen Beiträge zum UNO-Kernbudget für
Friedensmissionen ab dem Berichtsjahr 2005 zu 6 % als ODA anrechenbar
sind. Vgl. OEZA Bericht 2004/2005: Öffentliche
Entwicklungshilfeleistungen in Zahlen Teil II, URL:
http://www.ada.gv.at/up-media/2531_oeza_jahresbericht_04_05_teil_ii_web.pdf
(17.04.2007), S. 14.
[21] Mollet, Howard: Should Aid Finance Southern Peacekeeping?, the
networker, Dezember 2004.
[22] Zu den Kritikern gehörten damals noch Österreich, Dänemark,
Irland, Italien, Japan, Luxemburg, Niederlande, Schweiz,
Großbritannien und die Europäische Kommission. Vgl. ODA Eligibility of
Conflict, Peace and Security Expenditures, High Level Meeting, 3-4
April 2007, DCD/DAC(2007)23/REV1, 22-Mar-2007, S. 5.
[23] Draft Summary Record of the 11th Meeting of the CPDC Network,
DCD/DAC/CPDC//M(2007)1/PROV, 25 Mai 2007.
[24] Vgl. ODA Eligibility of Conflict, Peace and Security
Expenditures, High Level Meeting, 3-4 April 2007,
DCD/DAC(2007)23/REV1, S. 5.
[25] Brzoska, Michael: Analyse und Empfehlungen zur internationalen
Erfassung von sicherheitsrelevanten Ausgaben innerhalb und außerhalb
der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA), BICC paper 53/2006, S. 24f.
[26] Staatssekretär Hans Winkler bei der EU-Afrikanischen
Ministerkonferenz zu Migration und Entwicklung, 22.11.2006, URL:
http://tinyurl.com/6c5ypv
(www.bmeia.gv.at/aussenministerium/aktuelles/presseaussendungen/2006
/winkler-gemeinsame-konzepte-fuer-eine-bessere-zukunft.html) (21.04.2008).
[27] Vgl. Pflüger, Tobias: Die angebliche Neutralität der EU-Mission
im Tschad ist unglaubwürdig, IMI-Standpunkt 2008/006.
[28] Wirbel um Finanzierung der Tschad- Mission, Der Standard, 15.04.2008.
[29] Tschad-Einsatz als Entwicklungshilfe: "Mogelpackung", Der
Standard, 15.04.2008.
[30] Politstreit: Gilt der Einsatz im Tschad als Entwicklungshilfe?,
Die Presse, 15.04.2008.
[31] Wirbel um Finanzierung der Tschad- Mission, Der Standard, 15.04.2008.
[32] CDU will Bundeswehr aus Entwicklungshilfe-Etat bezahlen, Spiegel
Online, 08.09.2006, URL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,435912,00.html
(12.06.2007).
[33] EU aid: genuine leadership or misleading figures? An independent
analysis of European Governments' aid levels. Joint European NGO
Report, CONCORD (April 2006), S. 11. Eine Auflistung von
sicherheitsrelevanten Ausgaben Österreichs, die bereits heute als ODA
abgerechnet werden, findet sich bei OECD: ODA Casebook on Conflict,
Peace and Security Activities, DCD/DAC(2007)20/REV1, 13.09.2007, URL:
http://www.oecd.org/dataoecd/27/21/39967978.pdf (20.04.2008).
[34] CIDSE Study on Security and Development, Reflection Paper,
January 2006, S. 4.
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