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Tibet und das "Selbstbestimmungsrecht der Voelker" --- Kommentar zu Text von Uri Avnery (04.04.2008)

Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer persönlichen Information.


Im Anhang dokumentiere ich einen Text Uri Avnerys zu Tibet. Darin übernimmt er nahtlos die westliche Propaganda zu Tibet - Avnery spricht er sich unter anderem für gewaltsamen Ethno-Separatismus aus, der sich auch terroristischer Mittel bedienen dürfe wie in Tibet, begrüßt den Kosovokrieg der NATO, verliert kein Wort über die Vertreibung fast aller Minderheiten seitdem (= Völkermord) und plädiert dafür, überall neue Staaten zu schaffen.

Zwar kritisiert er den Einfluss des Westens, jedoch von rechts: Der Westen müsse noch viel konsequenter überall (gewalttätigen) Ethno-Separatismus unterstützen, meint Avnery. Offenbar überträgt er blind seine Sympathie für die palästinensische Sache auf Tibet. Vielleicht wirkt auch seine zionistische (= ethnisch-nationalistische) Prägung aus Kindertagen nach. "Schuster, bleib bei Deinen Leisten" (= Nahostkonflikt), möchte man ihm raten.

Es ist für jemand wie Avnery sicher schwierig, sich bei Themen zurückzuhalten, bei denen er sich nicht besonders gut auskennt. Viele erwarten von ihm Kommentare zur Außenpolitik, und die Medienindustrie fördert diesen Trend, dass Prominente ihren Senf zu allem und nichts abgegeben sollen. Doch Meinung kann Wissen nicht ersetzen. Laut Plato besteht sogar ein Gegensatz zwischen Erkennen und Meinen, was er sehr schön herausgearbeitet hat.

Plato schrieb: "Das Erkennen geht auf das, was ist; das Meinen ist ihm entgegengesetzt - aber so, dass sein Inhalt nicht das Nichts ist (dies ist Unwissenheit), es wird etwas gemeint. Das Meinen ist das Mittelding zwischen Unwissenheit und Wissenschaft, seine Inhalt eine Vermischung des Seins und des Nichts. Die sinnlichen Gegenstände, der Gegenstand des Meinens, das Einzelne hat nur teil am Schönen, Guten, Gerechten, am Allgemeinen.

Aber es ist ebenso sehr auch hässlich, schlecht ungerecht usf. Das Doppelte ist ebenso Halbes. Das Einzelne ist nicht nur groß oder klein, leicht oder schwer, und eins dieser Gegensätze, sondern jedes Einzelne ist sowohl das eine als das andere. Eine solche Vermischung des Seins und Nichtseins ist das Einzelne, der Gegenstand der Meinung." (siehe Reinhard Jellens Artikel, http://www.jungewelt.de/2008/04-12/006.php?sstr=Meinung )

Das ominöse "Selbstbestimmungsrecht der Völker", auf das sich Avnery beruft, führte US-Präsident Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs in seinem "14-Punkte-Programm" ins Völkerrecht ein. Er meinte, die Zerschlagung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn, Russland und Deutschland und die Gründung neuer Nationalstaaten führe zu mehr Stabilität und Frieden in Europa. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch seine slawophile Grundhaltung.

Letztlich kamen in den neuen Staaten nationalistische bis radikal rechte Regierungen an die Macht. Genannt seien hier stellvertretend Masaryk/Benes (Tschechoslowakei), König Alexander I. (Jugoslawien), Pilsudski (Polen) und Horthy (Ungarn). Die ehemals unterdrückten Nationen unterdrückten nun ihrerseits nationale Minderheiten und entrechteten sie schrittweise. Für die Menschenrechte war damit wenig erreicht, es waren lediglich Opfer zu Tätern geworden.

In Wikipedia heißt es zur Tschechoslowakei: "Der Staat bestand 1921 aus 14 Millionen Menschen von denen 50,82 Prozent Tschechen, 23,36 Deutsche. 14,71 Prozent Slowaken, 5,57 Prozent Ungarn und 3,45 Prozent Ruthenen [= Ukrainer] waren. Außerdem lebten in dem Gebiet noch einige Rumänen, Polen und Kroaten." Faktisch dominierte die bürgerliche tschechische Oberschicht - die Tschechen stellten nur 50 Prozent der Bevölkerung - die Restbevölkerung.

Dass dies nicht ohne russische und deutsche Reaktion bleiben konnte, war klar. Die überstürzte Anerkennung des sogenannten "Selbstbestimmungsrechts der Völker" - ohne den neuen Staaten faktische Garantien von Minderheitenrechten und demokratischer Rechtsstaatlichkeit abzufordern - lieferte nationalistischen Kräften in den verkleinerten Anrainerstaaten Deutschland, Österreich, Ungarn und Russland den Vorwand, nationalistisch zu zündeln.

"Menschenrecht bricht Völkerrecht": Diese Parole stammt nicht aus dem Kosovokrieg - vom grünen Außenminister Joseph Martin Fischer oder von US-Präsident William "Bill" Clinton - oder vom Dalai Lama, sondern von Adolf Hitler. Die Unterdrückung der deutschen Minderheiten in Polen und der Tschechoslowakei lieferte den Vorwand für den deutschen Angriff auf diese Länder. Der fingierte Angriff auf den Sender Gleiwitz täuscht, es gab genügend andere Vorfälle.

Muss es überraschen, dass Friedensbewegte oder Linke trotz dieser dubiosen Vorgeschichte das sogenannte "Selbstbestimmungsrecht der Völker" weiterhin ohne Vorbedingungen proklamieren? Nein, denn bereits 1915 hatte Leo Trotzki auf der Konferenz von Zimmerwald dasselbe für ganz Europa gefordert: "Das Selbstbestimmungsrecht der Völker muss unerschütterlicher Grundsatz in der Ordnung der nationalen Verhältnisse sein" (Zimmerwalder Manifest).

Bei Lenin wurde dann später unterschieden zwischen imperialistischen - unterdrückenden - Nationen und vom Imperialismus unterdrückten Nationen. Der Nationalismus der ersteren sei reaktionär, der Nationalismus der Letzteren potentiell progressiv. Allerdings nur, wenn dieser mit der sozialen Frage verbunden werde und mit der nationalen die soziale Befreiung verbunden sei, wie dies viele linke nationale Befreiungsbewegungen bis heute fordern.

Ich halte diese Logik für wenig überzeugend, denn empirisch zeigte sich nur allzu oft, dass aus Opfern schnell Täter wurden, gerade im Nahostkonflikt. Dass Avnery auf diese Dynamik nicht eingeht, finde ich besonders bedauerlich und kurzsichtig. Die Parallele liegt doch nahe: Aufgehetzte Tibeter lynchen jetzt bereits Chinesen. Wie wird das erst in einem unabhängigen Tibet sein? In dem von der UCK "ethnisch gereinigten" Kosovo kann man es erahnen.

Bei über 6.000 Sprachen in der Welt und nur etwa 200 Nationalstaaten ist es schlicht Wahnsinn, das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" global und pauschal einzufordern. Es mag Sonderfälle geben, in denen es berechtigt ist. Ich würde nur einen Fall anerkennen, nämlich versuchten Völkermord: Wenn ein Staat versucht, eine Gruppe auszurotten, die konzentriert seit langem in einem Gebiet wohnt, sollte sie das Recht auf Unabhängigkeit erhalten.

In allen anderen Fällen aber wären kulturelle und politische Autonomie im Rahmen des bisherigen staatlichen Verbundes - also keine Unabhängigkeit - die bessere Lösung. Die Akzeptanz der Menschenrechte ist dabei Basis. Wenn sich demnach in einem autonomen Gebiet eine Diktatur etabliert oder andere systematische Menschenrechtsverletzungen ereignen, wäre dann eine zumindest zeitweise Aufhebung der Autonomie in diesem autonomen Gebiet möglich.

Das heißt, dass es auch einen Vorbehalt gegenüber der so oft geforderten "religiösen Autonomie" Tibets gäbe: Insofern eine Religionsform die politischen und sozialen Menschenrechte systematisch mit Füßen tritt - und genau war ist der Fall beim tibetischen Buddhismus, dessen total herrschender "Gottkönig" auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit angenehm lebte -, kann diese Religion auch - allerdings mit rechtsstaatlichen Mitteln - bekämpft werden.

Warum sollte die Beobachtung und Behinderung der totalitären Sekte "Scientology" gutgeheißen werden, jedoch die großen Religionsgemeinschaften wie Buddhismus, Katholizismus, Protestantismus usw. frei agieren können - nur weil sie größer sind und deshalb mehr Einfluss und Ansehen haben? Menschenrechte und organisierte Religion schließen sich zwar nicht immer gegenseitig aus, sind aber in vielen Fällen unverträglich miteinander.

Der Aufklärer Voltaire, ein vehementer Kirchenkritiker, schrieb dazu den Appell "Écrasez l'infame": Greift das Infame (diejenigen Religionsgemeinschaften) an, die den Menschen unterjochen und entmündigen, berauben und versklaven wollen. Freilich müsste Religionskritik im globalen Zeitalter erweitert werden auf alle Religionen, insbesondere auf die zum Autoritarismus neigenden monotheistischen Kulte Christentum, Judentum und Islam.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Michael Kraus * Politologe M.A.
Bismarckstr. 24 * 63065 Offenbach/Main
Tel. 0175 / 1813861 * michael_kraus_75 ät gmx.de
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http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=425&type=2&menuid=4&topmenu=4

"Nicht du! Du!!!"

Ich unterstütze die Tibeter, obwohl mir bewusst ist, dass die Amerikaner diesen Kampf für ihre eigenen Zwecke ausnützen. Klar, die CIA hat den Aufstand geplant und organisiert, und die amerikanischen Medien führen die weltweite Kampagne. Sie ist ein Teil des verborgenen Kampfes zwischen den USA, der herrschenden Supermacht, und China, der aufstrebenden Supermacht - eine neue Version des "Großen Spiels", das im 19. Jahrhundert in Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland gespielt wurde. Tibet ist nur eine Karte in diesem Spiel.

"Nicht du! Du!!!"

Uri Avnery

"He ! Nimm deine Hände weg ! Nicht du! Du!!!" - so hört man die Stimme einer jungen Frau im dunklen Kinosaal in einem alten Witz.

"He du! Nimm die Hände weg von Tibet!" schreit der internationale Chor. "Aber nicht von Tschetschenien! Nicht vom Baskenland! Und sicher nicht von Palästina!" Und das ist kein Witz.

WIE JEDERMANN unterstütze ich die Rechte des tibetanischen Volkes auf Unabhängigkeit oder wenigstens auf eine Autonomie. Wie jedermann verurteile ich die Aktionen der chinesischen Regierung dort. Aber ich bin nicht - wie jedermann - bereit, mich an den Demonstrationen zu beteiligen.

Warum? Weil ich ein ungutes Gefühl habe, dass ich mich damit einer Gehirnwäsche unterziehe, dass das, was da vor sich geht, eine Übung in Heuchelei ist.

Ich denke dabei nicht an die Manipulation. Schließlich ist es kein Zufall, dass die Unruhen in Tibet am Vorabend der Olympischen Spiele stattfinden. Das ist in Ordnung. Ein für seine Freiheit kämpfendes Volk hat das Recht, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich ergibt, um seinen Kampf zu fördern.

Ich unterstütze die Tibeter, obwohl mir bewusst ist, dass die Amerikaner diesen Kampf für ihre eigenen Zwecke ausnützen. Klar, die CIA hat den Aufstand geplant und organisiert, und die amerikanischen Medien führen die weltweite Kampagne. Sie ist ein Teil des verborgenen Kampfes zwischen den USA, der herrschenden Supermacht, und China, der aufstrebenden Supermacht - eine neue Version des "Großen Spiels", das im 19. Jahrhundert in Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland gespielt wurde. Tibet ist nur eine Karte in diesem Spiel.

Ich bin sogar bereit, die Tatsache zu ignorieren, dass die sanften Tibeter ein mörderisches Pogrom gegen unschuldige Chinesen ausführten, Frauen und Männer töteten und Häuser und Läden anzündeten. Solche abscheulichen Exzesse geschehen während eines Befreiungskampfes.

Nein, was mich wirklich stört, ist die Heuchelei der Weltmedien. Sie stürmen und brausen über Tibet. In Tausenden von Kommentaren und Talkshows häufen sie Verfluchungen und Beschimpfungen über das bösartige China. Es sieht so aus, als seien die Tibeter das einzige Volk auf Erden, dem das Recht auf Unabhängigkeit mit brutaler Gewalt verweigert wird - wenn nur Peking seine schmutzigen Hände von den safrangelben Gewändern der Mönche wegnähme, dann wäre in dieser Welt alles in Ordnung.

ZWEIFELLOS hat dann das tibetische Volk das Recht, sein eigenes Land zu regieren, seine eigene Kultur zu pflegen, seine religiösen Institutionen zu fördern und fremde Siedler daran zu hindern, in seinem Lande aufzutauchen.

Aber haben die Kurden in der Türkei, im Irak und in Syrien nicht dasselbe Recht? Die Bewohner der West-Sahara, deren Gebiet von Marokko besetzt ist? Die Basken in Spanien? Die Korsen vor der Küste Frankreichs? Und die Liste könnte so noch lange fortgesetzt werden.

Warum bringen die Medien der Welt nur den einen Unabhängigkeitskampf, aber ignorieren oft zynisch einen anderen Unabhängigkeitskampf? Was macht das Blut eines Tibeters röter als das Blut von tausend Afrikanern im Ost-Kongo?

Immer wieder versuche ich, auf dieses Rätsel eine ausreichende Antwort zu finden. Vergeblich.

Immanuel Kant fordert uns auf: "Handle so, dass der Beweggrund deines Willens jederzeit zugleich als Grundgesetz einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Entspricht diese Haltung gegenüber dem tibetanischen Problem dieser Regel? Reflektiert unsere Haltung gegenüber diesem Kampf nach Unabhängigkeit dem aller unterdrückten Völker?

Ganz und gar nicht.

WENN DEM so ist, was bringt die internationalen Medien dazu, zwischen den verschiedenen Befreiungskämpfen, die zur Zeit auf der Welt geführt werden, einen Unterschied zu machen?

Hier sind ein paar relevante Betrachtungsweisen:

  • Hat das nach Unabhängigkeit strebende Volk eine besonders exotische Kultur?
  • Ist es ein attraktives Volk, d.h. ist es vom Standpunkt der Medien "sexy"?
  • Wird der Kampf von einer besonders charismatischen Person angeführt, die von den Medien geliebt wird?
  • Wird die unterdrückende Regierung von den Medien gehasst?
  • Gehört die unterdrückende Regierung zum pro-amerikanischen Lager? Das ist ein bedeutsamer Faktor, da die USA einen großen Teil der internationalen Medien beherrschen und ihre Nachrichtenagenturen und Fernseh-Netzwerke die Agenda und die Terminologie der Nachrichten bestimmen.
  • Sind wirtschaftliche Interessen mit dem Konflikt verbunden?
  • Hat das unterdrückte Volk begabte Sprecher, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Medien manipulieren können?

NACH DIESEN Gesichtspunkten ist kein Volk wie die Tibeter. Sie erfreuen sich idealer Bedingungen.

Im Anblick des Himalaja leben sie in einer der schönsten Landschaften der Erde. Jahrhunderte lang war es ein Abenteuer, überhaupt dorthin zu gelangen. Ihre einzigartige Religion weckt Neugierde und Sympathie. Ihre Gewaltfreiheit ist attraktiv und elastisch genug, um sogar die schlimmsten Gräueltaten zu überdecken, wie das Pogrom, das vor kurzem stattfand. Der im Exil lebende Dalai Lama ist eine romantische Persönlichkeit, ein Medienstar. Das chinesische Regime dagegen wird von vielen gehasst - von den Kapitalisten, weil es eine kommunistische Diktatur ist, von Kommunisten, weil es kapitalistisch geworden ist. Sie fördern einen krassen und hässlichen Materialismus, das ganze Gegenteil dessen, was die spirituellen buddhistischen Mönche leben, die ihre Zeit mit Gebet und Meditation verbringen.

Wenn China eine über tausend Kilometer lange Eisenbahn durch ungastliche Gegenden in die tibetische Hauptstadt baut, dann bewundert der Westen nicht die Leistung der Ingenieure, sondern sieht (ganz zu Recht) das eiserne Monster, das hunderttausend Han-Chinesische Siedler in das besetzte Land bringt. Und China ist natürlich eine wachsende Macht, deren wirtschaftlicher Erfolg Amerikas Hegemonie in der Welt gefährdet. Ein großer Teil der kränkelnden amerikanischen Wirtschaft gehört schon direkt und indirekt China. Das große amerikanische Empire versinkt in hoffnungslose Schulden, und China mag bald der größte Geldverleiher sein. Die amerikanische Industrie zieht nach China und nimmt Millionen von Arbeitsplätzen mit sich.

Verglichen mit diesem, was haben dann z.B. die Basken zu bieten? Wie die Tibeter leben sie in einem zusammenhängenden Gebiet, das zum größten Teil zu Spanien gehört, ein kleiner Teil in Frankreich. Auch sie sind ein altes Volk mit einer eigenen Sprache und Kultur. Aber diese sind nicht besonders exotisch und ziehen keine Aufmerksamkeit an. Keine Gebetsmühlen, keine Mönche in Roben.

Die Basken haben auch keinen romantischen Führer wie Nelson Mandela oder den Dalai Lama. Der spanische Staat, der sich auf den Trümmern von Francos verachteter Diktatur erhob, erfreut sich in aller Welt großer Beliebtheit. Spanien gehört zur Europäischen Union, die grundsätzlich mit den USA verbunden ist.

Der bewaffnete Kampf der Basken im Untergrund wird von vielen verabscheut und als "Terrorismus" betrachtet, besonders, nachdem Spanien den Basken eine weitreichende Autonomie zugesprochen hat. Unter diesen Umständen haben die Basken überhaupt keine Chance, für ihre Unabhängigkeit die Unterstützung der Welt zu bekommen.

Die Tschetschenen sollten in einer besseren Situation sein. Auch sie sind ein besonderes Volk, das seit langem von den Zaren des russischen Reichs, einschließlich Stalin und Putin unterdrückt worden ist. Aber leider sind sie Muslime - und in der westlichen Welt hat sich nun anstelle des Jahrhunderte währenden Antisemitismus die Islamophobie gesetzt. Islam ist zum Synonym für Terrorismus geworden, er wird als eine Religion von Gewalt angesehen. Bald wird man enthüllen, dass Muslime christliche Kinder schlachten, um deren Blut zum Backen von Pitabrot zu verwenden. (In Wirklichkeit ist es natürlich die Religion von Dutzenden vollkommen verschiedener Völker, von Indonesien bis Marokko und von Kosovo bis Sansibar).

Die USA fürchten nicht Moskau, aber Peking. Russland sieht im Gegensatz zu China nicht danach aus, als könnte es das 21. Jahrhundert beherrschen. Der Westen hat kein Interesse, den kalten Krieg wieder aufleben zu lassen, wie es anscheinend an einer Wiederholung der Kreuzzüge gegen den Islam Interesse hat. Die armen Tschetschenen, die keinen charismatischen Führer oder außerordentlichen Redner haben, sind aus den Schlagzeilen verbannt worden. Was die Welt betrifft kann Putin sie schlagen so viel er will, Tausende umbringen und ganze Städte auslöschen.

Das hindert Putin nicht, die Forderungen Abchasiens und Südossetiens zu unterstützen, die sich von Georgien trennen, ein Land das Russland ärgert.

WENN IMANUEL KANT wüsste, was sich im Kosovo abspielt, dann würde er sich am Kopfe kratzen.

Die Provinz verlangte seine Unabhängigkeit von Serbien und ich habe dies auch mit ganzem Herzen unterstützt. Es ist ein Volk für sich mit einer anderen Kultur (albanisch) und seiner eigenen Religion (Islam). Nachdem der populäre Führer Slovodan Milosevitch versuchte, es aus seinem Land zu vertreiben, erhob sich die Welt und gab moralische und materielle Unterstützung für seine Unabhängigkeit.

Die albanischen Kosovaren sind 90% Bürger des neuen Staates, der eine Bevölkerung von zwei Millionen hat. Die anderen 10 % sind Serben, die kein Teil des neuen Kosovo sein wollen. Sie wollen, dass ihr Stück Land an Serbien angeschlossen wird. Haben sie nach Kants Maxime das Recht dazu?

Ich würde ein pragmatisches moralisches Prinzip vorschlagen. Jede Bevölkerung, die in einem bestimmten Gebiet wohnt und einen klaren nationalen Charakter hat, hat ein Recht auf Unabhängigkeit. Ein Staat, der solch eine Bevölkerung innerhalb seiner Grenzen behalten will, sollte darauf achten, dass sie sich dort wohl fühlt, dass sie ihre vollen Rechte erhält, also die Gleichheit vor dem Gesetz und eine Autonomie, die ihre Bestrebungen befriedigt. Kurz: dass sie nicht den Wunsch nach Trennung hat.

Das trifft auf die Franzosen in Kanada zu, auf die Schotten in Großbritannien, die Kurden in der Türkei und anderswo die ethnischen Gruppen in Afrika, die Indigenen in Latein-Amerika, die Tamilen in Sri Lanka und viele andere. Jede hat ein Recht auf volle Gleichheit, Autonomie und Unabhängigkeit.

DIES BRINGT uns natürlich zum palästinensischen Problem.

In der Konkurrenz um Sympathie mit den Weltmedien haben die Palästinenser einen unglücklichen Stand. Nach allen objektiven Standards haben sie ein Recht auf volle Unabhängigkeit, genau wie die Tibeter. Sie bewohnen ein bestimmtes Land, sie sind eine besondere Nation, eine klare Grenze besteht zwischen ihnen und Israel. Man müsste wirklich ziemlich hirnverbrannt sein, um diese Fakten zu leugnen.

Doch die Palästinenser leiden unter mehreren Schicksalsschlägen: das Volk, das sie unterdrückt, behauptet von sich selbst, dass es das Opfer par excellence sei. Die ganze Welt sympathisiere mit den Israelis, weil die Juden die Opfer des schrecklichsten Verbrechens der westlichen Welt waren. Dies schafft eine schwierige Situation: der Unterdrücker ist beliebter als das Opfer. Jeder, der mit den Palästinensern sympathisiert, wird automatisch des Antisemitismus verdächtigt und als Holocaustleugner betrachtet.

Dazu kommt, dass die Mehrheit der Palästinenser Muslime sind (Kaum einer beachtet die palästinensischen Christen). Da der Islam im Westen Furcht und Abscheu hervorruft, wurde der palästinensische Kampf automatisch ein Teil der formlosen Bedrohung, des sog. "internationalen Terrorismus". Und seit dem Mord an Yasser Arafat und Sheik Achmed Yassin haben die Palästinenser keinen besonders beeindruckenden Führer mehr - weder bei der Fatah noch bei der Hamas.

Die Weltmedien weinen wohl Tränen um das tibetische Volk, dessen Land von den chinesischen Siedlern weggenommen wurde. Aber wer kümmert sich schon um die Palästinenser, deren Land von unsern Siedlern weggenommen wird?

Im weltweiten Tumult um Tibet vergleichen sich die israelischen Sprecher - so seltsam das klingt - mit den armen Tibetern, nicht mit den bösen Chinesen. Viele denken, dies sei logisch.

Wenn Kant aus seinem Grab steigen würde und nach den Palästinensern gefragt würde, dann würde er wahrscheinlich geantwortet haben: "Gebt ihnen, was ihr glaubt, das jedem gegeben werden sollte, und weckt mich nicht auf, um wieder blöde Fragen zu stellen."

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Gush Shalom Inserat in Haaretz am 4.4.08 (dt. ER)

In dieser Woche vor 75 Jahren
Gaben die Nazis ein Verbot heraus:
"Kauft nicht beim Juden!"

Die Knesset entschied
Den Israelis zu verbieten
Ihre Autos in palästinensischen Werkstätten
In den besetzten Gebieten
Reparieren zu lassen.

Wohin wird uns dies führen?

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17.04.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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