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B5 aktuell (Freitag, den 03. Februar 2006 - 01:02 Uhr)
Schildkröten können fliegen
Die schreckliche Geschichte kurdischer Flüchtlingskinder, die als
Minensucher arbeiten: Ausgezeichnet mit dem Friedensfilmpreis und neu
auf DVD erschienen.
Amerika ist nur so weit weg, sagt der kleine kurdische Junge, während
er auf die Weltkarte blickt. Amerika ist nur so weit weg: die
Spannbreite zwischen seinem Daumen und Zeigefinger. Der Junge ist 13
Jahre alt, ein schlauer Kerl, den man Satellit nennt, weil er sich
auskennt mit all dem Zeug, mit Parabolantennen und Radios, ja selbst
mit Minen. Satellit ist ein großer Fan von diesem Amerika, er kann
sogar ein bisschen Englisch. Für die Dorfbewohner soll er daher die
amerikanischen Nachrichten übersetzen - Nachrichten vom Krieg. Man
wartet darauf, jeden Tag aufs Neue, dass die Amerikaner endlich kommen,
um das Land von Saddam Hussein zu befreien.
Satellit ist ein Held, er ist der Anführer. Er lebt mit anderen Kindern
in einem kurdischen Flüchtlingslager, eingepfercht in erbärmlichen
Zelten, irgendwo an der türkischen Grenze im Norden Iraks. Die Kinder
hier sind Waisen, die Eltern wurden von Saddams Soldaten getötet. Ihren
Lebensunterhalt verdienen sie damit, nach Minen zu suchen, um sie dann
zu verkaufen.
Längst sind die meisten Kinder verstümmelt, ihnen fehlen Arme und Beine
- grausame Normalität. Auch Agrins Bruder ist ein Krüppel; weil er
keine Arme mehr hat, entschärft er die Minen eben mit dem Mund. Wenn
die Kamera diese Szenen zeigt, stockt einem der Atem. Satellit wird
sich in das Mädchen Agrin verlieben, und das ist im Prinzip die einzige
Hoffnung, die einem in diesem Film bleibt. Sie stirbt zuerst.
Regisseur Bahman Ghobadi ("Zeit der trunkenen Pferde", 2000), selbst
Kurde, schont den Zuschauer nicht. "Schildkröten können fliegen" mag
ein poetischer Titel sein, aber was er letztlich zeigt, in
neorealistischen Bildern, ist erschütternde Wirklichkeit in Zeiten des
Krieges: Elend, Schmerz, Zerstörung. Ghobadi konzentriert sich bewusst
auf die Kinder und ihr Schicksal, auch erzählt er aus deren
Perspektive; der Krieg Saddams gegen die Kurden bildet den historischen
Kontext, wird aber nicht weiter erläutert, was irritieren mag. Umso
schrecklicher ist die Geschichte von Agrin, die von irakischen Soldaten
vergewaltigt wurde, ihren blinden Sohn Digah kann sie bis heute nicht
annehmen. Und sich selbst nicht mehr.
Regisseur Ghobadi hat für seinen hoch emotionalen Anti-Kriegsfilm
"Schildkröten können fliegen" mit großartigen Laiendarstellern
gearbeitet. Es sind eindrucksvolle, starke Figuren. Junge Menschen, die
um ihre Kindheit betrogen wurden und denen man alles genommen hat: ihre
Familie, ihre Gesundheit, ihre Unversehrtheit und ihre Unschuld. Der
Krieg kennt da kein Erbarmen.
Auf der diesjährigen Berlinale wurde "Schildkröten können fliegen" mit
dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet, beim Filmfestival im spanischen
San Sebastian erhielt er die Goldene Muschel als bester Film. All das
verdientermaßen: Diese Bilder werden einem nicht mehr aus dem Kopf
gehen, der Schrecken sitzt tief.
Info
Originaltitel: Lakposhtha ham parvaz mikonand (Irak, Iran, 2004)
Regie: Bahman Ghobadi
Darsteller: Avaz Latif, Soran Ebrahim, Hiresh Feysal Rahman
FSK: ab 12 Jahre
Länge: 97 Min.
Bildformat: 1:1,85
Sprachen: Kurdisch mit deutschem Untertitel
Ton: HiFi Stereo
DVD-Start: 03. Februar 2006
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