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Greenpeace Magazin, 10.07.2012
veröffentlicht von Beate Steffens
Greenpeace fordert ein Aussetzen der Verhandlungen über ein
Endlagersuchgesetz
Mathias Edler, Atomexperte bei Greenpeace nimmt in unserem Interview
Stellung dazu
Online-Redaktion: Mathias, ist Greenpeace jetzt gegen einen Neustart
bei der Endlagersuche?
Mathias Edler: Wir wollen einen echten Neustart in der Endlagerfrage,
die Bundesregierung setzt lediglich die alte Gorleben-Politik unter dem
falschen Etikett eines angeblichen Neustarts weiter fort. Die Mängel in
Verfahren und Gesetzentwurf sind so zahlreich und schwerwiegend, dass
Kompromisse in einzelnen Punkten keine grundsätzliche Verbesserung mehr
erreichen können.
Online-Redaktion: Was ist denn an dem Verfahren und gerade an den
grünen Unterhändlern zu kritisieren?
Mathias Edler: Das Verfahren findet hinter verschlossenen Türen statt.
Gesetzentwürfe kursieren seit Monaten unter der Hand und werden nicht
veröffentlicht. Gerade die unkritische Teilnahme der Grünen, die
genauso wie die CDU von einem angeblich ""ergebnisoffenen,
transparenten und fairen"" Verfahren sprechen, sendet ein fatales
Signal in die Welt: Wenn die mitmachen, wird es schon gut werden.
Die bisherigen Ergebnisse beweisen aber, dass der vorgetragene
Parteienkonsens eben nicht darin besteht, das bestmögliche Endlager zu
finden, sondern sich das Streitthema so schnell wie möglich vom Hals
schaffen zu wollen. Dabei könnte genau dieser gesellschaftliche
Konflikt der Katalysator für einen wirklichen Neuanfang bei der
Atommülldebatte sein.
Online-Redaktion: Wie müsste ein faires Suchverfahren denn aussehen?
Mathias Edler: Ein Parteikonsens reicht nicht, um am Ende eines
Jahrzehnte dauernden Suchprozesses die gesellschaftliche Akzeptanz für
einen Endlagerstandort zu erreichen. Dazu bedarf es eines
gesellschaftlichen Konsenses und einer nationalen Endlagerdebatte weit
über die Region Gorleben hinaus.
Von Beginn an müssen Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Kirchen etc.,
eben die ganze Bürgergesellschaft, in die Diskussionen einbezogen
werden. Nur mit einer echten Bürgerbeteiligung von Beginn an VOR
Verabschiedung eines Gesetzes kann so ein Suchprozess am Ende
erfolgreich sein. Deshalb muss die Politik jetzt inne halten und im
ersten Schritt die Gesellschaft mit ins Boot holen. Im zweiten Schritt
kann dann das Endlagersuchgesetz kommen.
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Großdemo in Dannenberg gegen Atomkraft und Castortransporte
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Online-Redaktion: Aber dieses erste Gesetz soll doch nur den Rahmen
festlegen, oder? Die Bürgerbeteiligung kommt doch dann erst.
Mathias Edler: Gerade weil uns die Frage der Endlagerung vor eine fast
unlösbare Aufgabe stellt, kommt einem nachvollziehbaren und fairen
Suchverfahren, dem Rahmen der ganzen Endlagersuche, eine so hohe
Bedeutung zu. Wenn am Anfang der Rahmen nicht stimmt, kann der Rest
innerhalb des Rahmens nicht mehr besser werden.
Die Frage der sicheren Lagerung von hochradioaktiven Abfällen für einen
Zeitraum von einer Millionen Jahren ist eine unlösbare Aufgabe, wir
können nur den am wenigsten schlechten Standort finden. Niemand will
den Atommüll bei sich vor der Haustür haben und allein der Suchprozess
wird mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Trotzdem müssen wir einen
Standort finden. Alles zusammen ist eine Herkulesaufgabe. Akzeptanz für
eine Standortentscheidung am Ende des Verfahrens wird es bei den
Bürgern nur geben, wenn diese Entscheidung in einem nachvollziehbaren
und fairen Verfahren zustande gekommen ist.
Online-Redaktion: Nenn doch mal ein Beispiel!
Mathias Edler: Jede Entscheidung im Suchverfahren, von der Auswahl der
möglichen Standortregionen über die Festlegung der obertägig und
untertägig zu erkundenden Standorte bis hin zur Auswahl des künftigen
Endlagers soll per Bundesgesetz vom Bundestag verabschiedet werden.
Klingt gut und demokratisch, hat jedoch fatale Folgen und ist nach
unserer Auffassung verfassungswidrig.
Diese sogenannte Legalplanung verhindert zum Beispiel die
verwaltungsgerichtliche Überprüfbarkeit des Verfahrens. Es ist aber ein
Grundprinzip unserer Demokratie, dass Gerichte das Handeln von Behörden
und Politikern überprüfen können. Allein die Möglichkeit der
gerichtlichen Überprüfung entfaltet gerade in Behörden eine
disziplinierende Wirkung. Sonst machen sie, was sie wollen.
Ganz nebenbei wird den Bürgern an allen potentiellen Standorten in der
Bundesrepublik der Rechtsschutz stark verkürzt. Gegen diese
Bundesgesetze können Einwände nur vor dem Verfassungsgericht
vorgebracht werden- Allein die Hürde, dass eine Beschwerde dort
überhaupt angenommen wird, ist bekanntermaßen sehr hoch.
Zu guter Letzt hat diese Bundesgesetzkonstruktion noch einen schönen
Nebeneffekt für die Stromkonzerne, die den Atommüll produziert haben.
Sie müssen die neue Suche nicht bezahlen, das muss der Steuerzahler
übernehmen, weil die Abfallverursacher nicht zur Finanzierung
gesetzesvorbereitender Maßnahmen herangezogen werden können.
Online-Redaktion: Aber warum halten dann selbst die Grünen an dieser
Verfahrenskonstruktion fest?
Mathias Edler: Das ist eine gute Frage. Immerhin greifen die Politiker
völlig ohne Not zum Instrument der Legalplanung, denn die beabsichtigte
demokratische Legitimation ließe sich auch durch eine einfache
Entscheidung des Bundestages herstellen - ohne, dass jedes Mal ein
Gesetz verabschiedet wird. Dann hätte das höchste demokratische Gremium
entschieden, aber das Handeln aller Beteiligten wäre von Bürger und
Gerichten überprüfbar.
Welche Rolle das Endlagersuchgesetz für Gorleben spielt, erfahren Sie
im zweiten Teil unseres Interviews.
- Quelle
- http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/
endlagersuche_ist_nicht_ergebnisoffen/
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