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Der Tagesspiegel, 10.5.08
Energie-Debatte
Mit oder ohne Kernkraft
Eon-Chef Wulf Bernotat diskutiert mit einem Greenpeace-Mann und einem
Wirtschaftswissenschaftler über Klimaschutz, Atomkraftwerke und den
Handel mit CO2-Emissionen. Dabei wird deutlich, dass in einigen Punkten
beinahe Einigkeit besteht - aber eben nur beinahe.
Berlin - Wehleidig ist er nicht, der Wulf Bernotat, doch einen kleinen
Seufzer musste der Eon-Chef schon loswerden. "Egal was wir machen, immer
ist sofort ein negativer Touch dabei." Damit das irgendwann anders wird,
will sich Deutschlands größter Energiekonzern öffnen - auch für die
Gegner. Roland Hipp zum Beispiel, Kampagnen-Geschäftsführer bei
Greenpeace. Die Vorlage des Eon-Berichts zur sozialen Verantwortung
nutzte Bernotat am Donnerstagabend in Berlin zur Diskussion mit Hipp und
dem Ökonomen Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für
Klimafolgenforschung. Die Standpunkte von Hipp und Bernotat waren schnell
gefunden: "Wir brauchen alles", sagte der Eon-Chef zum Energiemix der
nächsten Jahrzehnte. "Atomkraft und Kohle nicht", hielt Hipp dagegen.
Dass die erneuerbaren Energien, die derzeit in Deutschland einen Anteil
von 14 Prozent an der Stromerzeugung haben, die Zukunft sind, ist
unstrittig. Auch bei Eon. Doch wann diese Zukunft Gegenwart wird, weiß
keiner.
Bernotat will deshalb die "CO2-freie Kernenergie als Brückentechnologie
nutzen". Und bloß keine Ziele setzen, "die wir nicht erfüllen können".
Damit ist Hipp gemeint. Für den wiederum sind die Eon-Ziele bestenfalls
ein Witz, eher jedoch eine Katastrophe für das Klima. Denn Eon will zwar
die spezifischen CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 um mindestens die
Hälfte reduzieren. Entscheidend an dem Satz ist jedoch das Wörtchen
spezifisch, hinter dem sich die Tatsache verbirgt, dass Eon je erzeugter
Kilowattstunde die Menge CO2 halbiert. Wenn Eon jedoch gleichzeitig die
Stromerzeugung verdoppelt, dann verändert sich die Menge CO2 nicht. Und
das wird das Klima nicht verkraften.
Für Endorfer liegt die Lösung auf einem Markt, den es noch nicht gibt:
Dem Handel mit CO2- oder Verschmutzungsrechten. Der Ausstoß des Gases
zeitige " enorme soziale Kosten, vor allem für künftige Generationen",
sagt Endorfer und hat wohl Hitzeperioden und Sturmkatastrophen im Kopf.
Hipp veranschlagte die Folgekosten einer Tonne CO2 auf 205 Euro. "Eon
produziert Milliardenbeträge an Klimafolgekosten", schlussfolgert der
Greenpeace-Mann. Nach seiner Rechnung wären das 24 Milliarden Euro, da
Eon zuletzt 121 Millionen Tonnen CO2 emittierte.
Gegen eine Versteigerung der CO2-Rechte, also eine Preisbildung auf einem
freien Markt von 2013 an, hat Bernotat prinzipiell nichts. Wenn das in
Stufen eingeführt wird, also ein Teil der CO2-Zertifikate weiter umsonst
zugeteilt wird. Und wenn andere mitmachen. In der EU, aber vor allem auch
die Amerikaner. "Die Energieverschwendung in den USA ist kolossal", sagte
Bernotat. Er hoffe auf den neuen Präsidenten. Und ist sich immerhin darin
mit Hipp einig. alf
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.05.2008)
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