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Hochtemperatur-Reaktor unbedenklich?

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http://www.jungewelt.de/2008/05-08/043.php

Junge Welt, 8.5.08

Hochtemperatur-Reaktor unbedenklich?
Atomkraftgegner fordern Einbeziehung der Anlage in Hamm in Kinderkrebs-Studie. Bundesumweltministerium lehnt bislang ab

Von Reimar Paul

Ende vergangenen Jahres sorgte eine Studie über Kinderkrebsfälle in der Umgebung der deutschen Atomkraftwerke (KiKK-Studie) für Aufsehen. Das Risiko von Kindern, die in der Nähe der AKW wohnen, an Krebs oder Leukämie zu erkranken, ist demnach deutlich erhöht. Einer vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegebene, aber noch nicht veröffentlichte Bewertung der Studie zufolge ist das Problem noch dramatischer: In einem Fünf-Kilometer-Umkreis um die AKW ist das Erkrankungsrisiko um 60 bis 75 Prozent erhöht, in einer Entfernung zwischen fünf und zehn Kilometern um 20 bis 40 Prozent. Selbst im 50-Kilometer-Radius besteht noch eine um acht bis 18 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Im Zeitraum von 1980 bis 2003 betraf das zwischen 121 und 275 Säuglinge und Kleinkinder - weil sie in der Nähe eines AKW lebten.

In die ursprüngliche Untersuchung wurden allerdings nur die kommerziellen Leichtwasserreaktoren einbezogen. Jetzt fordern Umweltschützer aus Nord=rhein-Westfalen weitergehende Forschungen. Auch in der Umgebung des Zwischenlagers Ahaus, der Urananreicherungsanlage Gronau und des stillgelegten Thorium-Hochtemperatur-Reaktors (THTR) in Hamm müßten ähnliche Krebsstudien anlaufen, verlangen die Atomgegner.

Insbesondere in Hamm und Umgebung sorgt dessen Nichtberücksichtigung für großen Unmut. »Die beispiellose Kette von Pannen und Störfällen in den 80er Jahren ist von der Bevölkerung nicht vergessen worden«, sagt Horst Blume von der Hammer Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz. Zahlreiche Bürger hätten in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine steigende Anzahl von Krebsfällen in ihrer Umgebung zur Kenntnis nehmen müssen. »Wir wollen Aufklärung über Störfälle und Krebsfälle am THTR!«

Dessen Technologie unterscheidet sich deutlich von der Funktionsweise der in Westeuropa hauptsächlich verbreiteten Leichtwasserreaktoren. In den THTR sind die von einem Graphitmantel umhüllten, tennisballgroßen Brennelementkugeln übereinander aufgeschichtet. In einem einzigen Brennelement befinden sich wiederum Tausende winzig kleine Kügelchen, die aus Plutonium, Americium und Curium bestehen. Gekühlt werden diese Reaktoren nicht mit Wasser, sondern mit Edelgasen.

In Deutschland wurde der bislang einzige kommerzielle THTR in Hamm 1989 unter anderem wegen schwerwiegender technischer Mängel stillgelegt. Die über drei Milliarden Euro teure Anlage konnte nur an 423 Tagen Strom liefern. Schon beim Befüllen des Reaktors 1985 gab es den ersten Unfall. Eine Brennelementkugel blieb in einem Rohr stecken und mußte herausgeblasen werden, dabei wurde radioaktiver Staub freigesetzt. Ein Jahr später wurde in Hamm strahlendes Tritium freigesetzt.

Der THTR spielt auch bei den ungeklärten Vorfällen rund um das AKW Krümmel und das Forschungszentrum Geesthacht in Schleswig-Holstein eine Rolle, in deren Umgebung bekanntlich die weltweit größte Häufung von Leukämie bei Kindern und Jugendlichen festgestellt wurde. Kritische Wissenschaftler vermuten schon lange, daß eine Explosion bei kerntechnischen Versuchen am 12. September 1986 für die Blutkrebsfälle verantwortlich ist. Die Forscher hatten dort radioaktive Kügelchen gefunden, die Plutonium, Americium und Curium enthalten - also genau die Bestandteile der Brennelemente aus Hamm. Während der THTR-Betriebsdauer wurden durch technische Probleme insgesamt rund 8000 dieser Brennelemente zerstört. Da Filter gewechselt und Meßgeräte während des Betriebes zeitweilig abgestellt worden seien, könnten diese radioaktiven Kleinstkügelchen unbemerkt durch den Wind weitergetragen worden sein, mutmaßt die BI.

Auf das Anliegen der Hammer BI nach Einbeziehung des THTR in die Kinderkrebsstudie hat zwischenzeitlich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) reagiert. »Es ist nicht beabsichtigt, die KiKK-Studie um weitere Einzelstandorte zu erweitern«, schrieb er. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben die Atomkraftgegner jetzt eine Unterschriftensammlung gestartet.

Internet: reaktorpleite.de

10.05.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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