|
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:B%F6rse%20Energiel%FCcke/352903.html
Financial Times Deutschland, 8.5.08
Börse sieht keine Energielücke
von Timm Krägenow (Berlin)
Die Preise für Stromlieferungen in der Zukunft enthalten keinen Hinweis darauf, dass Deutschland auf eine Versorgungskrise bei Elektrizität zusteuert. Vielleicht spielt aber die Kernkraft eine entscheidende Rolle.
Nach Ansicht wichtiger Strommarktexperten spiegelt sich in den Future-Preisen für Stromlieferungen bis zum Jahr 2014 vor allem der Anstieg der Preise für Kohle und Verschmutzungsrechte wider, nicht aber ein oft prognostizierter Versorgungsengpass.
"Die Preise deuten nicht auf einen Mangel an Kraftwerken hin", sagt Peter Wirtz, Energieexperte bei der WestLB. Ähnlich sehen die Experten von Sal. Oppenheim und der isländischen Landsbanki Kepler die Preisentwicklung. Über die Bewertung gehen die Meinungen aber stark auseinander.
Die Frage, ob Deutschland auf einen Versorgungsengpass zusteuert, ist derzeit der wichtigste Streitpunkt in der Energiepolitik. Große Stromversorger wie RWE und Eon warnen, dass wegen eines Mangels an Kraftwerken die Stromversorgung bald gefährdet sein könnte. Mit diesem Argument dringen sie darauf, den Neubau von großen Kohlekraftwerken zu erleichtern und die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern. Viele Umweltschützer wollen dagegen den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern und halten die Warnungen vor einer "Stromlücke" für unzutreffend. Probleme für die Versorgungssicherheit sehen sie vor allem bei den Stromnetzen.
RWE-Chef Jürgen Großmann hatte gewarnt, dass in ganz Europa der Strom knapp werde, weil Kraftwerke fehlten. Beim Zusammentreffen eines heißen, trockenen Sommers mit wartungsbedingten Ausfällen drohten schon in diesem Jahr mehrtägige Stromausfälle, die Deutschland hart treffen könnten.
Diese möglicherweise drohende Knappheit spiegelt sich aber nach Ansicht der Experten nicht in höheren Preisen für Stromlieferungen in der Zukunft wider. "Zwar ist in den letzten Jahren der Preis für Futures gestiegen. Dies erklärt sich aber allein aus den Preissteigerungen bei Kohle und CO2-Zertifikaten", sagt Ingo Becker von Landsbanki Kepler: "Die Preiskomponente, die die Erzeugungskapazität repräsentiert, hat sich trotz vieler abgesagter Bauprojekte in den letzten zwölf Monaten nicht erhöht."
Große Uneinigkeit herrscht bei den Experten, wie die Preissignale zu werten sind. "Nach meiner Ansicht gibt es keine Stromlücke", sagt WestLB-Experte Peter Wirtz. "Eine Reihe von Kraftwerken wird neu gebaut. Zu Problemen könnte es nur kommen, wenn die Nachfrage nach Strom weiter steil steigt."
Ganz anders sieht Analyst Matthias Heck von Sal. Oppenheim die Lage. "Im Moment werden möglicherweise keine größeren Preissteigerungen vorhergesehen, weil der Markt erwartet, dass die Kernkraftwerke doch länger laufen dürfen." Werde am Ausstieg aus der Kernenergie festgehalten, werde es zu einer Anlagenknappheit kommen. Von heute etwas mehr als 60 Euro für eine Megawattstunde Grundlaststrom werde der Börsenpreis dann auf 70 bis 75 Euro steigen und sich an den Kosten von Gaskraftwerken orientieren.
Experte Becker von Landsbanki Kepler warnt davor, die Preissignale zu überschätzen. "Börsenpreise sind immer mit Vorsicht zu genießen. Was der Markt an Anlagenknappheit erwartet, muss nicht der Realität entsprechen." Tatsächlich stelle gerade der derzeit vergleichsweise niedrige Strompreis eine Gefahr dar, dass es künftig zu Kapazitätsknappheiten und exzessiven Preissteigerungen komme. Zwischen 2005 und dem Ende des Jahrzehnts werde sich der Preis für den Bau neuer Kraftwerke voraussichtlich mehr als verdoppeln. "Der Strompreis muss auf über 80 Euro steigen, damit der Neubau von Kraftwerken finanziert werden kann. Sonst drohen wirklich Lücken", so Becker.
RWE sagte auf Anfrage, dass Märkte nicht alle Entwicklungen vorhersehen könnten. So hätten die Börsen im Jahr 2003 auch nicht die Preiserhöhungen durch die Einführung des Emissionshandels im Jahr 2005 richtig eingeschätzt. "Manche Sachen lernt der Markt tatsächlich erst mit der Zeit", hieß es.
"Im Streit um die Stromlücke steht Aussage gegen Aussage", sagte der Klimaberater der Bundesregierung, Hans Joachim Schellnhuber: "Jetzt muss der Prozess geführt werden. Die Frage sollte in den nächsten Monaten von einer neutralen Kommission geklärt werden."
|