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Süddeutsche Zeitung, 08.05.2008 19:03 Uhr Ressort: Wirtschaft
URL: /wirtschaft/artikel/208/173692/
Atomkraftwerk Neckarwestheim
Schrottbeton im Kernkraftwerk
In Baden-Württemberg sollen Großbauten mit teilweise minderwertigem Beton
errichtet worden sein - darunter auch das Zwischenlager des Atomkraftwerks
Neckarwestheim und die Neue Messe Stuttgart. Der Hersteller bestreitet.
Von Uwe Ritzer
In Baden-Württemberg sollen über Jahre hinweg Großbauten mit teilweise
minderwertigem Beton errichtet worden sein - darunter auch das
Zwischenlager des Atomkraftwerks Neckarwestheim und die Neue Messe
Stuttgart. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft prüft entsprechende
Anschuldigungen ehemaliger Mitarbeiter des Betonherstellers. Das
Unternehmen bestreitet die Vorwürfe.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 40-jährigen Firmeninhaber,
einen mittelständischen Unternehmer aus dem Raum Stuttgart, den frühere
Mitarbeiter schwer belasten. Der Süddeutschen Zeitung liegen
eidesstattliche Versicherungen ehemaliger Beschäftigter vor. Brisant
sind die Vorwürfe beim Atomkraftwerk Neckarwestheim.
Dort hat die Firma beim Bau eines atomaren Zwischenlagers 2004 etwa
35.000 Kubikmeter Beton geliefert. In dem unterirdischen Bau werden
abgebrannte Kernelemente aufbewahrt, ehe sie zur Wiederaufbereitung
gebracht werden. Ein ehemaliger Mischmeister des Herstellers behauptet,
dass überall dort, wo der fragwürdige Beton eingesetzt worden sei,
"deutlich vor Ablauf der erwarteten Lebenszeit teure Sanierungen oder
sogar die Abrissbirne drohen".
Der Betreiber von Neckarwestheim, der Energiekonzern EnBW, teilte dagegen
mit, wegen des "engmaschigen Kontrollnetzes" beim Bau sei eine
Manipulation des Betons nach eigener Einschätzung "so gut wie
ausgeschlossen". Das baden-württembergische Umweltministerium ließ die
Hinweise bereits prüfen. Das Ergebnis werde an diesem Freitag
veröffentlicht, sagte ein Sprecher. Kernkraftgegner forderten am
Donnerstag, dass in dem Zwischenlager keine weiteren Kernelemente
deponiert werden, solange der Verdacht nicht ausgeräumt sei.
Auch Mercedes-Benz und Porsche betroffen
Die Ex-Mitarbeiter des Betonherstellers berichteten außerdem, dass der
minderwertige Baustoff auch bei den Museen der Autohersteller MercedesBenz
und Porsche eingesetzt worden sei, ferner beim Bau der Stuttgarter
Arena, der Landesbank sowie der Schwabengalerie. Für die Stadthalle
Esslingen sowie Kliniken und Kindergärten soll ebenfalls Beton
schlechterer Qualität verwendet worden sein.
Ein Sprecher des Betonherstellers sagte, er könne sich "im Hinblick auf
das laufende Ermittlungsverfahren zu den Vorgängen nicht äußern". Das
Unternehmen kenne die Herkunft und den Inhalt der eidesstattlichen
Versicherungen nicht.
"Es ist völlig unverständlich, dass solch offensichtlich falsche
Behauptungen aufgestellt werden", sagte der Sprecher. Die Firma "verkauft
und vertreibt keinen minderwertigen Beton".
Abfall aus dem Steinbruch
Die Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft bestätigte hingegen,
dass gegen den Unternehmer "unter anderem wegen des Verdachtes des
Betruges" ermittelt werde. Der Firma werde vorgeworfen, "teilweise Beton
geringerer Qualität als vereinbart und abgerechnet geliefert" zu haben.
Zudem werde überprüft, ob Kunden "auf der Grundlage fingierter
Lieferscheine" zu hohe Rechnungen bezahlten. Im August 2007 habe es erste
Hinweise gegeben. Im November 2007 durchsuchten Polizei,
Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung das Privathaus des Unternehmers
sowie Firmenbüros.
Die sichergestellten Unterlagen würden noch immer überprüft, so die
Sprecherin. Es bestünden noch keine "gesicherten Erkenntnisse, dass
überhaupt Qualitätsabweichungen vorlagen" und "ob dieser Verdacht
hinreichend sicher nachgewiesen werden kann". Auch lasse sich noch nicht
feststellen, welche Bauprojekte womöglich betroffen seien.
Der Süddeutschen Zeitung schilderten Ex-Mitarbeiter detailliert, wie an
den Betonmischanlagen manipuliert worden sein soll. Demnach soll es zwei
getrennte Steuerungskreisläufe gegeben haben. "Durch schlichtes Umstellen
auf Kreislauf zwei" sei "hochwertiger Zement durch billiges Steinmehl"
ersetzt worden. Gleichzeitig seien "gute Zuschläge" durch "Abfallprodukte
aus Steinbrüchen und Abbruchmaßnahmen" ersetzt worden. Der Mischmeister
an der Anlage habe dies nicht verhindern können, da der Prozess via
Internet aus der Firmenzentrale gesteuert worden sei.
"Diese Manipulationen konnte ich direkt am Bildschirm mitverfolgen, aber
ich konnte sie nicht verhindern", sagte ein früherer Mitarbeiter. Damit
nichts auffiel, sollen als Grundlage für spätere Rechnungen
Chargenprotokolle doppelt angefertigt worden sein. Zum einen mit den
angeblich normgerechten, zum anderen mit den wirklichen Daten. "Die
Folgen der Manipulationen" seien nicht sofort erkennbar, erklärte ein
ehemaliger Mitarbeiter. "Auch der minderwertige Beton härtet aus."
Allerdings sei die Lebensdauer kürzer. Dies meint auch der
Sachverständige Jürgen Krell. Er hat im Auftrag einer Konkurrenzfirma die
Betonrezepturen untersucht, die ihm ein ehemaliger Mitarbeiter des
beschuldigten Betriebs hatte zukommen lassen. Krell kommt zum Schluss,
dass der minderwertige Beton statt der üblichen 50 nur 17 bis 25 Jahre
halte. Es könnte sich "um einen der größten Bauskandale in der
Nachkriegszeit" handeln, folgert er.
(SZ vom 09.05.2008/hgn/mati/dgr)
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