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Ukraine, 2008-04-26
Ukraine: Atomare Zukunft für Tschernobyl
Es wirkt zynisch: Ausgerechnet die ukrainische Region Tschernobyl - das Symbol des Super-Gaus in der zivilen Kernkraftnutzung - wird einen neuen Atomkomplex bekommen.
Zum 22. Jahrestag des folgenreichen Unfalls am 26. April 1986 zelebrierte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko im Unglücksgebiet das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Ära: Am vergangenen Mittwoch entfernten Techniker den letzten verbrauchten Kernbrennstoff aus einem Reaktor, der nach dem Unfall im Block IV in einem anderen Nachbarblock betrieben wurden war. Die Ukraine hatte nach dem Unfall in den drei Nachbarkraftwerken teils bis ins Jahr 2000 weiter Energie erzeugt. Gleichzeitig mit der Entfernung des Brennstoffs wurde eine Anlage in Betrieb genommen, in der radioaktive Abfälle aus dem umliegenden verseuchten Gebiet verarbeitet und auf die Endlagerung vorbereitet werden.
In vier bis fünf Jahren soll in Tschernobyl schließlich ein ganzer Komplex aus Wiederaufbereitungsanlage und Atommüllager entstehen. Darin wird dann auch der Atommüll aus vier ukrainischen Kernkraftwerken aufbereitet werden.
Doch unternimmt die Ukraine auch Anstrengungen, die Folgen des Reaktorunglücks zu minimieren. Der Unfallblock IV stellt noch immer eine Gefahr für die Umwelt dar. Deshalb werde der Bau einer neuen Schutzhülle in Angriff genommen, kündigte der ukrainische Minister für Zivilschutz, Wladimir Schandra, an. Das Projekt werde 2012 fertig gestellt.
Sarkophag für 100 Jahre
Es handelt sich um einen gewaltigen bogenartigen Bau, der sich wie eine Haube über den Unglücksreaktor legt. Die Kosten sind noch nicht konkret geschätzt, zu einem großen Teil soll das Geld aber von der Europäischen Union kommen. Bereits bisher wurden etwa 1,5 Milliarden Dollar für Schutz- und Sicherungsmaßnahen in Tschernobyl investiert.
Die Geldgeber in Brüssel äußern allerdings immer wieder mal Vermutungen, dass ein wesentlicher Teil der Mittel in dunklen Kanälen verschwindet - was Kiew dementiert. Doch scheint bei der EU angesichts der noch immer schwelenden Gefahr die Lust über Geld zu streiten nicht allzu groß.
Natürlich sei der jetzige Sarkophag noch intakt, versucht Andrej Savin, zuständiger Ingenieur des Projektes, Ängste zu zerstreuen. In den vergangenen drei Jahren seien verschiedene Arbeiten durchgeführt worden, um die Schutzhülle zu stabilisieren. 15 Jahre werde sie deshalb noch halten. Die neue Haube aber, verspricht Savin, garantiere für die nächsten 100 Jahre Ruhe.
Das soll beruhigen, aber viele Forscher fordern inzwischen neue Studien über die Ausmaße des Unglücks. Aufgebracht sind sie vor allem durch Meldungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO. Deren Berichten zufolge starben nach der Katastrophe 56 Personen, 4000 Fälle von Schilddrüsenkrebs wurden behandelt. Die Zahl der möglichen Todesfälle betrage 9000.
Diese Daten seien ein Skandal, sagt der renommierte russische Forscher Alexej Jablokow. Nach seinen Schätzungen liegt die Zahl der Toten in Folge der Katastrophe bei bis zu 900 000.
Thema: Atomstandorte - Rubrik: Chernobyl
Quelle: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?sid=0bf719f67d59f68bc23084bd0fb3d353&em_cnt=1325352
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