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Neuer Atomrausch packt Britannien

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http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/wirtschaft/866704.html Wirtschaft
02. Mai 2008, 22:57 - Von Peter Nonnenmacher

Neuer Atomrausch packt Britannien

Die britische Regierung preist die Atomenergie als Mittel für mehr Wachstum: 100'000 Jobs sollen entstehen und Firmen Aufträge in Milliardenhöhe bescheren.

Die britischen Atomkraftgegner erwachen aus ihren Wind- und Wellen-Träumen. Die neue Energievision, die die Regierung Gordon Brown kürzlich als «rettendes Konzept» enthüllte, ist im Kern die Wiedergeburt der umstrittenen Kernenergie. Sie soll das Land vor Energieknappheit und wirtschaftlichem Niedergang bewahren.

Dieses Mal, versichert die Regierung, soll die Atomenergie zur Rettung der ganzen Welt vor dem Klimawandel beitragen. Nicht ein, zwei, drei neue Atommeiler will sie bauen lassen, wenn die alten in den nächsten Jahren nach und nach den Geist aufgeben, sondern zwanzig. Vielleicht auch mehr.

Weltweit führende Rolle als Ziel

«Eine künstliche Obergrenze» für Neubauten könne es nicht geben, hat Industrieminister John Hutton entschieden: «Hier bietet sich dem Vereinigten Königreich eine massive Gelegenheit, wieder ins Nukleargeschäft einzusteigen.» Die winkenden Investitionen seien «atemberaubend», und man könne «bei der Entwicklung der Atomkrafttechnik eine Führungsrolle in der Welt übernehmen».

Diese Töne lassen viele Briten sprachlos. War nicht vor kurzem die Atomkraft von der New-Labour-Regierung praktisch für tot erklärt worden? Hatten nicht Leukämieängste um Sellafield, Pannen, Terrordrohungen und wachsende kommerzielle Probleme des nuklearen Sektors zum Beschluss von Tony Blair (und seines Schatzkanzlers Gordon Brown) geführt, den Atomstrom mit dem Ende der alten Reaktoren sterben zu lassen?

Noch vor sechs Jahren, als die Strompreise fielen, hatte die Regierung die britische Atomindustrie durch Übernahme eines 39-Prozent-Anteils vor dem Bankrott bewahren müssen. Im Jahr darauf bezeichnete Premier Blair Atomenergie als «die unattraktive Option», die es zu vermeiden gelte. Milliarden-Neubauten wie die Aufbereitungsanlagen Thorp und MOX in Sellafield erwiesen sich als weisse Elefanten und lagen jahrelang still. Windfarmen wurden gebaut und Gasleitungen verlegt.

Mit Atomkraft das Klima retten

Dann aber, im Januar 2006, drohte Russland der Ukraine mit dem Abdrehen des Gashahns, aus politischen Gründen. Ängste um die langfristige Sicherung der britischen Energieversorgung wuchsen, während zugleich die eigenen Gas- und Ölreserven in der Nordsee mehr und mehr zur Neige gingen. Experimente mit erneuerbarer Energie wurden für zu wenig effizient befunden. Die goldene Gelegenheit bot sich den Atomkraft-Befürwortern des Blair-Kabinetts mit der Klimadiskussion und der Neueinstufung der Atomkraft als einer Energieform «mit geringem Kohlenstoffausstoss».

Nach Browns Amtsübernahme beschleunigte sich die Rehabilitation der geächteten Energieform. Im Januar dieses Jahres enthüllte der Premier, dass die Regierung ihren Segen zum Bau einer Serie neuer Atomkraftwerke durch privates Kapital gegeben habe. Hutton möchte den Anteil der Atomkraft an der britischen Energieversorgung von derzeit 19 Prozent gern wesentlich höher schrauben. Die Regierung fühlt sich nicht mehr an das Versprechen gebunden, von ihrem Anteil an British Energy, dem nationalen Kernkraftbetreiber, mindestens 29,9 Prozent zu behalten. Stattdessen soll der Staatsanteil nun ganz veräussert werden. Auch eine Übernahme durch einen ausländischen Konzern ist denkbar.

100'000 Jobs sieht Minister Hutton am Horizont bei einer solchen Renaissance der Atomkraft. Und mindestens 20 Milliarden Pfund (über 40 Milliarden Franken) Umsatz für britische Betriebe. Die Konkurrenz schlafe nicht. «Jeder Tag zählt.» Gesundheits- und Umweltschutzbehörden in London haben bereits Pläne für vier verschiedene neue Reaktormodelle geprüft. Und «provisorisch» bestätigt, dass keine Einwände dagegen bestünden.

Das Ganze erinnere ihn an den Atomrausch der späten Fünfziger- und Sechzigerjahre, «als Atomkraft noch als Quelle freier Energie gepriesen wurde», hat ein Nuklearexperte die rasante Entwicklung kommentiert. «Jetzt wird Atomkraft als etwas gefeiert, das die ganze Welt vor dem sicheren Untergang retten kann.» Das Ganze sei ein gewaltiger Schwindel, findet Ben Aycliff, Chef für Nuklearfragen bei Greenpeace. Ein nukleares Neubau-Programm könne, für einen gigantischen Preis, den
Kohlendioxidausstoss Grossbritanniens nur um wenige Prozentpunkte, verringern: «Investition in erneuerbare Technik und Energieeffizienz würde sehr viel grössere Einsparungen bringen und Hunderttausende von Jobs schaffen.»

Die Briten spinnen!

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