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Im Gespräch: Michael Glos
"Wir brauchen neue Kraftwerke"
Michael Glos
29. April 2008 Zehn Jahre nach der Liberalisierung bleibt der Strommarkt
eine Dauerbaustelle. Wirtschaftsminister Michael Glos will die Kosten
begrenzen, den Ausbau von Anlagen und Leitungen aber fördern.
Vor zehn Jahren wurde der Energiemarkt liberalisiert. Was sehen Sie in der
Rückschau: mehr Licht oder mehr Schatten?
Mehr Licht - trotz aller Schwierigkeiten. Nach Aufbrechen der Monopole mit
dem Energiewirtschaftsgesetz 1998 hat man es allerdings versäumt, den
Monopolbereich Netze wirksam zu regulieren. Dieses Versäumnis - was mit der
Bundesnetzagentur im Jahre 2005 nachgeholt wurde - hat uns um Jahre zurück
geworfen. In dieser Legislaturperiode sind auf meinen Vorschlag hin weitere
Maßnahmen umgesetzt worden. Mittlerweile hat sich auch der Wettbewerb um den
Haushaltskunden fest etabliert. 2007 haben im Strombereich doppelt so viele
Verbraucher ihren Lieferanten gewechselt wie 2006.
Die Hoffnung auf nachhaltig sinkende Preise hat aber getrogen.
Richtig ist, dass die Strompreise nach der Öffnung der Strommärkte im Jahre
1998 in Deutschland bis zum Jahre 2000 deutlich gesunken sind. Damals hatte
Rot-Grün durch eine Reihe von Maßnahmen aber den Staatsanteil am Strompreis
stetig erhöht; vor allem durch die Einführung der Öko/Stromsteuer, das
Erneuerbare-Energien-Gesetz aber auch das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz.
Deshalb sind die Preise heute höher als 1998. Wie glaubwürdig ist da Ihre
Kritik an zu hohen Strompreisen?
Auch die Unternehmen sind in den Verdacht geraten, zusätzlich zugelangt zu
haben. Deshalb haben wir den Wettbewerb auf dem Strommarkt mit weiteren
Maßnahmen forciert. Dazu gehörte die Regulierung der Netzentgelte durch die
Bundesnetzagentur. Ich habe die Anreizregulierungsverordnung, die
Kraftwerks-Netzanschluss-Verordnung und die Kartellrechtsnovelle auf den Weg
gebracht. Und mit Nachdruck werde ich mich dafür einsetzen, die staatliche
Strombelastung in Grenzen zu halten. So haben wir bei der Novelle des
Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes einen Förderdeckel vorgesehen, der keinen
Belastungsanstieg über das bisherige Niveau zulässt. Eine Erhöhung der
Stromsteuer werde ich nicht zulassen.
Das ist ein schöner freier Markt, auf dem der Staat einen großen Teil der
Preise bestimmt und vorgibt, welche Quellen zu Energieerzeugung überhaupt
noch herangezogen werden dürfen.
Mir liegt sehr daran, dass wir die vereinbarten Ziele beim Klimaschutz oder
die Ausbauziele für erneuerbare Energien effizient und wirtschaftlich
umsetzen. Darauf kommt es doch an! Und das heißt dann ganz konkret für die
Instrumente: Anreize und Wahlfreiheit statt Zwang; Technologieoffenheit
statt Technologiesteuerung sowie Degression und Evaluierung von
Förderinstrumenten. Mit planwirtschaftlichen Methoden, wie es manchen
Umweltpolitikern vorschwebt, kommen wir hier nicht weiter.
Der Chef der Deutschen Energieagentur (Dena), Stephan Kohler, sagt, die
Strompreise müssten steigen, weil die Preissignale heute nicht ausreichten,
um Investitionen in neue Kraftwerke auszulösen. Halten Sie das für ein
Problem?
Sich noch höhere Strompreise zu wünschen, um Investitionen in neue
Kraftwerke auszulösen, kann nicht das Ziel sein. Tatsache ist aber, dass bei
den Kraftwerksinvestoren Unsicherheit über die zukünftige Kostenentwicklung
besteht, die zu einer Investitionszurückhaltung führen könnte. Dies gilt vor
allem hinsichtlich der kaum abschätzbaren Kohlendioxid-Kosten, die wegen der
von der EU geplanten Vollversteigerung der Emissionshandelszertifikate zu
einem zentralen Kostenfaktor für die Stromerzeugung werden.
Die Dena hat mittelfristig eine Kapazitätslücke von 12.000 Megawatt
errechnet. Damit würden 8 Prozent der Kapazität fehlen. Das Umweltbundesamt
hält die Rechnung für falsch. Was sagen Sie?
Ich nehme jedenfalls die Alarmrufe der Dena und der Bundesnetzagentur
ernster als die Abwiegelungsversuche des Umweltbundesamtes und der
Naturschutzverbände. Wir haben uns gemeinsam mit der Stromwirtschaft, der
Netzagentur und dem Umweltministerium mit den Ergebnissen der vorgelegten
Untersuchungen auseinandergesetzt. Im Ergebnis haben wir eine
übereinstimmende Bewertung: Wir brauchen dringend neue Anlagen, denn bei
ausbleibendem Zubau von Netz- und Erzeugungskapazitäten laufen wir Gefahr,
dass viel länger als nötig alte und ineffiziente Anlagen eingesetzt werden
müssen, um die Sicherheit der Versorgung zu gewährleisten. Das fördert weder
den Wettbewerb, noch führt es zu günstigen Strompreisen. Erst recht nicht
dient es dem Klimaschutz.
Was müsste also geschehen?
Zunächst einmal brauchen wir eine ideologiefreie Debatte in der
Öffentlichkeit, die zwischen Szenarien, also dem rein Vorstellbaren, und
Prognosen, also dem Wahrscheinlichen unterscheidet. Legt man die Zahlen auf
den Tisch, wäre die einfachste und preisgünstigste Lösung die Verlängerung
der Laufzeiten der kohlendioxidfreien Kernkraftwerke.
In Hamburg wollen CDU und Grüne das Kohlekraftwerk Moorburg verhindern.
Macht das klimapolitisch Sinn?
Die schlechteste und teuerste Lösung ist, wenn die Kraftwerksbetreiber ihre
alten kohlendioxidintensiven Anlagen weiterlaufen lassen, statt den
Kraftwerkspark zu erneuern. Im Übrigen wird durch die Verhinderung von
Kohlekraftwerken keine einzige Tonne Kohlendioxid eingespart.
Sondern?
Der EU-weite Emissionshandel gewährleistet das Einhalten der
Klimaschutzziele im Kraftwerksbereich. Die entscheidende klimapolitische
Vorgabe ist die Festlegung der Gesamtemissionsmenge. Wenn ein
Kohlekraftwerk, das aus Sicht des Investors die kostengünstigste Lösung
darstellt, alle emissions- und umweltrechtlichen Vorgaben erfüllt, gibt es
keinen Grund, die Genehmigung zu verweigern. Klimaschützer, die sich gegen
Kernkraft und moderne Kohlekraft wenden, setzen unsere Versorgungssicherheit
aufs Spiel und tragen dazu bei, dass die Strompreise in die Höhe schießen.
Betreiber von Kohlekraftwerken setzen auf neue Techniken zur Abscheidung und
Lagerung von Kohlendioxid (CCS) und zur Nachrüstung bestehender Anlagen
schon ab Mitte des nächsten Jahrzehnts. Halten Sie das für realistisch?
Als Technologieminister bin ich zwar sehr dafür, dass man sich ehrgeizige
Ziele setzt. Aber beim Thema Kohlendioxid- Abscheidung und -Lagerung sind
wir eben erst dabei, Pilotprojekte durchzuführen und Demonstrationsanlagen
auf den Weg zu bringen. Ich rechne damit, dass CCS etwa im Jahr 2020
kommerziell zur Verfügung stehen wird - vorausgesetzt, dass die
Demonstrationsvorhaben erfolgreich sind. Dazu brauchen wir Zeit und
Akzeptanz in der Bevölkerung.
Auch gegen den Ausbau des Leitungsnetzes gibt es Proteste. Was tun Sie?
Das Wirtschaftsministerium hat den Entwurf eines Gesetzes zur Beschleunigung
des Ausbaus der Höchstspannungsnetze vorgelegt. Dadurch sollen die Planungsund
Genehmigungsverfahren für diese Stromautobahnen beschleunigt werden. Die
Notwendigkeit dieser Leitungen ist unter Experten unbestritten. Diese
Projekte sollen jetzt in einem Bedarfsplan zusammengefasst werden, der
unmittelbar vom Gesetzgeber beschlossen wird. Es würde mich freuen, wenn die
Bundesregierung meinen Gesetzesentwurf noch im Mai beschließt.
In Niedersachsen will die CDU-FDP-Regierung "Stromautobahnen" in der Nähe
von Wohngebieten in die Erde legen. Ist das ein Modell für den Bund?
Und wer soll das bezahlen? Denn die hohen Zusatzkosten für Erdkabel landen
über die Netzentgelte bei den Stromverbrauchern. Viele technische Fragen,
aber auch Umweltfragen sind noch nicht gelöst. Was Niedersachsen betrifft:
Wir sind im Gespräch. Die zentrale Frage für die Energieinfrastruktur
unseres Landes muss vom Bund geregelt werden.
In der Energiewirtschaft wird über die Gründung einer Netz AG nachgedacht,
in die die Konzerne ihre Netze einbringen. Halten Sie das für eine gute
Idee?
Zunächst einmal ist mir wichtig, dass die notwendigen Netzinvestitionen auch
in Zukunft sichergestellt sind. Hierfür brauchen wir finanzstarke
Netzbetreiber. Das hohe Niveau und die Zuverlässigkeit der Stromversorgung
in Deutschland zeigen, dass die vorhandenen privatwirtschaftlichen
Strukturen effizient sind. Dies wollen wir beibehalten. Eine staatliche Netz
AG kommt deshalb für uns nicht in Betracht. Ob eine private Deutsche Netz
AG, in die alle Übertragungsnetzbetreiber ihre Netze einbringen, zielführend
ist, ist zunächst eine betriebswirtschaftliche Entscheidung und damit Sache
der beteiligten Unternehmen. Wettbewerbsfördernder wäre aber eine
europäische Lösung.
Damit käme auch die RAG-Stiftung dafür also nicht in Betracht?
Die Einbringung der Netz AG in die RAG-Stiftung wäre eine Überfrachtung
dieser Stiftung. Der Stiftungszweck der RAG-Stiftung sieht die Verwendung
von Erträgen der Stiftung ausschließlich zur Abwicklung des deutschen
Steinkohlebergbaus und der Beseitigung der Altlasten vor.
Die Fragen stellte Andreas Mihm.
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