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FR-Gespräch
Blackout mit Beelzebub
Die Energieexperten Stephan Kohler und Hermann Scheer streiten über die
"Stromlücke".
Die "Stromlücke" droht, warnen die Energiekonzerne. Und Sie, Herr Kohler,
haben die Daten dazu geliefert. Kriegen wir denn wirklich bald
italienische Verhältnisse, wo Blackouts fast an der Tagesordnung sind?
Stephan Kohler: Wir kriegen keine Blackouts. Das ist Unsinn. Aber wir
torpedieren den Klimaschutz, wenn keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut
werden. Kippen Projekte wie Moorburg in Hamburg, Staudinger bei Hanau
oder Mainz-Wiesbaden, dann laufen Uralt-Kraftwerke weiter - und die
pusten ein Drittel mehr CO2 in die Luft. Damit ist die Erreichung der
Klimaschutzziele der Bundesregierung bis zum Jahr 2020 gefährdet. Oder
aber: Die AKW bleiben am Netz. Wollen Sie das?
Hermann Scheer: Nein, will ich nicht. Aber ich will auch keine neuen
großen Kohlekraftwerke, die dann 40 Jahre lang die Erdatmosphäre weiter
aufheizen. Man darf den Teufel doch nicht mit dem Beelzebub austreiben.
Kohler: Wie soll das gehen? Selbst wenn das ambitionierte Energie- und
Klimaprogramm der Bundesregierung voll umgesetzt wird, fehlt 2020 die
Leistung von 15 Großkraftwerken. Dabei haben wir unterstellt: Der
Stromverbrauch liegt acht Prozent niedriger als heute, 30 Prozent des
Stroms sind Ökostrom, und 25 Prozent kommen aus effizienten KWK-Anlagen,
bei denen die Abwärme in der Industrie oder zum Heizen genutzt wird. Den
Rest müssen Großkraftwerke liefern. Alles andere ist unrealistisch.
Scheer: Das ist realistisch. Man muss es nur politisch wollen. Wie so
etwas geht, hat Dänemark vorgemacht. Es hat Großkraftwerke einfach
verboten. Neue Kohle- oder Erdgas-Anlagen dürfen nur noch in KWK gebaut
werden. Das steigerte deren Anteil in nur sechs Jahren von zehn auf 40
Prozent. Wir in Deutschland liegen erst bei zwölf. Und auch die
erneuerbaren Energien können stärker wachsen als geplant. Die
Bundesländer müssen Windkraft, Biomasse und Solarenergie in der
Raumplanung Vorrang geben. Dann sind bundesweit bis 2020 rund 50 Prozent
Ökostrom drin, nicht nur 30.
Das stopft die Stromlücke?
Kohler: Mit Hoffnung kann man sie nicht stopfen. Bis 2020 sind es nur
noch zwölf Jahre. Schon die 55 Prozent Öko- und KWK-Strom zu schaffen,
wird hart genug. Heute sind es erst 26. Außerdem: Wir hätten dann schon
sehr viel Wind- und Solarstrom im System, der nicht immer verlässlich
fließt. Da brauchen wir als Back-up Kohle- und Gas-Kraftwerke, die bei
Flauten die nötige Elektrizität liefern. Sonst bekommen wir wirklich
Blackouts. Das würden weder die Bürger noch die Industrie akzeptieren -
zu Recht. Außerdem: Nur so bleibt der Strom bezahlbar.
Scheer: Der bleibt doch gerade dann bezahlbar, wenn man die
Energieverschwendung stoppt, die Großkraftwerke auszeichnet. Baut man
statt eines Über-1000-Megawatt-Monsters wie in Hamburg-Moorburg oder bei
Staudinger zehn oder 20 kleinere Anlagen, kann man auch die Wärme voll
nutzen. Das bringt einen Effizienzsprung im Energieeinsatz von 100
Prozent und Entspannung auf dem Erdgas-Markt, da man dann ja weniger Gas
zum Heizen braucht. Dann wird es für Stadtwerke und andere Versorger auch
wieder rentabel, Gas- statt Kohlekraftwerke zu bauen. Das ist als Brücke
zur Solarwirtschaft in Ordnung - zumal man dort zunehmend Biogas
einsetzen kann.
Moorburg, Staudinger, das umstrittene Kraftwerk Mainz-Wiesbaden - überall
dort wäre Gas statt Kohle machbar?
Scheer: Ja, wenn die Größe der Kraftwerke angepasst und Strom- und
Wärmeversorgung im Zusammenhang konzipiert werden.
Kohler: Nein, denn wäre Gas rentabel machbar, wären die Betreiber bei Gas
geblieben. Zudem: Wenn die drei genannten Großkraftwerke nicht kommen
oder abgespeckt werden, fehlt 2020 noch mehr Leistung, um eine sichere
Stromversorgung zu garantieren. Mit anderen Worten: Wer heute gegen die
neuen, effizienten Kohlekraftwerke ist, sorgt dafür, dass die
Atomkraftwerke nicht abgeschaltet werden. Das hören viele Umweltschützer
und Grüne nicht gerne. Aber: So ist es.
Scheer: Das ist falsch. Für jedes wegfallende Kohlemonster gibt es
dezentralere Alternativkonzepte mit erneuerbarer Energie, Gas und Biogas
in KWK-Anlagen, die viel klimafreundlicher sind. Es ist offensichtlich:
Die Unternehmen wollen die Alternativen nicht, weil sie um ihre
Marktmacht fürchten und ihre auf Großkraftwerke zugeschnittenen
Hochspannungsnetze weiter betreiben wollen.
Kohler: Aber viele der insgesamt 50 Kraftwerksprojekte, die jetzt wegen
der Bürgerproteste auf der Kippe stehen, sind nicht von den Konzernen,
sondern Stadtwerken und unabhängigen Unternehmen geplant. Gerade wenn sie
wegfallen, zementierte das die Macht der "Big Four" Eon, RWE, Vattenfall
und EnBW, die bisher über 80 Prozent des Stroms produzieren. Wir brauchen
mehr Wettbewerb im Stromsektor. Da stimmen Sie mir doch wohl zu, Herr
Scheer!
Scheer: Natürlich, aber nicht zu jedem Preis! Ernergievergeudung durch
Großkraftwerke ist damit nicht zu rechtfertigen.
Kohler: Gerade in Süddeutschland sind sie auch aus Gründen der Stabilität
des Stromnetzes nötig. Wenn das AKW Biblis in den nächsten Jahren
abgeschaltet wird, fehlen dort 2400 Megawatt.
Scheer: Der Druck, gerade im Süden herkömmliche Kraftwerke zu bauen, ist
künstlich hergestellt - durch die Politik in Hessen, Baden-Württemberg
und Bayern. Dort wurden die erneuerbaren Energien systematisch klein
gehalten. In Hessen gibt es 1,8 Prozent Windstrom, in Sachsen-Anhalt 40
Prozent, vom Küstenland Schleswig-Holstein gar nicht zu reden.
Kohler: Dort weht der Wind auch ganz anders.
Scheer: Hessen und Sachsen- Anhalt sind hier vergleichbar. Das zeigt:
Dass die Süd-Länder so gewaltig hinterher hinken, ist eindeutig politisch
provoziert. Und das kann geändert werden.
Die CDU-Regierung will Hessen doch nun zum Musterland für erneuerbare
Energien machen.
Scheer: Das sind bisher nichts als PR-Sprüche. Dabei kann man Windkraft- und
Solaranlagen sowie KWK-Anlagen oder kleine Blockheizkraftwerke viel
schneller bauen als Riesen-Kohlemeiler.
Kohler: Einspruch! Bei jedem Projekt, egal ob Biomasse-Kraftwerk, Windrad
oder Hochspannungsleitung - es bilden sich Bürgerinitiativen. Dann dauert
es doch länger, oder es kippt ganz.
Scheer: Widerstand gibt es überall - egal, ob AKW, Kohlekraft oder
Windrad. Aber die Argumente der Erneuerbare-Energien-Befürworter sind
besser. Es braucht freilich politische Courage, sie rüberzubringen. Ohne
das geht es nicht. Umfragen zeigen, dass über 80 Prozent der Leute ÖkoEnergien
wollen.
Kohler: Den Optimismus, dass die Gegner sich so schnell überzeugen
lassen, teile ich nicht. Wir brauchen beides: mehr erneuerbare Energien
und Großkraftwerke als Rückgrat - zur Stabilisierung.
Scheer: Aber dieses Rückgrat ist einfach zu inflexibel. Es bleibt 40
Jahre -und die Kraftwerke müssen so lange weiter mit fossiler Energie
gefüttert werden. Deren Kosten aber steigen weiter. Das ist so sicher wie
das Amen in der Kirche. Nicht nur Erdöl und Erdgas, auch Kohle und Uran
werden teurer werden. Die Kosten der erneuerbaren Energien dagegen
sinken, denn außer bei Bioenergie gibt es keine Brennstoffkosten mehr.
Sie hoffen, Strom wird bald billiger?
Scheer: Nein, das nicht. Aber das heißt nicht, dass wir mehr zahlen
müssen. Es kann jeder so viel Strom einsparen, dass die Gesamtrechnung
auch bei hohem Ökostromanteil sinkt.
Kohler: Bezahlbar bleibt der Strom nur, wenn die neuen Kohlekraftwerke
gebaut werden. Laufen die alten Mühlen weiter, geht das wegen des EU-
Emissionshandels bald gewaltig ins Geld. Da werden wir uns noch wundern.
Gesprächsleitung: Joachim Wille
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Copyright C FR-online.de 2008
Dokument erstellt am 28.04.2008 um 16:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 28.04.2008 um 21:12:15 Uhr
Erscheinungsdatum 29.04.2008
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