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Börse online, 29.4.08
Enel nutzt politischen Umschwung zum Neustart der Kernkraft
Der italienische Energieversorger Enel plant den Bau eines Atomkraftwerks in Italien, wo die Stromerzeugung aus Kernkraft heute verboten ist. Der Versorger hofft auf eine Gesetzesänderung mithilfe der kommenden Regierung.
"Wir sind imstand, so ein Projekt zu präsentieren. Es würde sieben bis zehn Jahre erfordern, bis ein neues Atomkraftwerk in Betrieb gehen könnte", sagte Enels Vorstandschef Fulvio Conti im FTD-Interview. "Enel ist sicher fähig, zusammen mit Experten solche Anlagen zu entwickeln und auch zu betreiben."
Er bricht ein Tabu: Italien hatte sich nach dem Tschernobyl-Schock in einem Volksbegehren gegen die Atomenergie ausgesprochen. 1990 wurde das letzte von ehemals vier Nuklearkraftwerken abgeschaltet. Conti kann aber jetzt auf Unterstützung des designierten italienischen Premierministers Silvio Berlusconi zählen: "Atomenergie ist die Zukunft, da die Erdölreserven bald zu Ende gehen werden", so Berlusconi im Wahlkampf Anfang April.
Die Regierung ist mit - direkt und indirekt gehaltenen - rund 30 Prozent der Anteile gleichzeitig größter Enel-Aktionär. Bei der Renaissance der Kernenergie in Europa will Italien nicht fehlen. Das Land ist noch mehr als seine Nachbarn abhängig vom knapper und teurer werdenden Gas zur Stromerzeugung. Knapp 65 Prozent des Bedarfs werden mit diesem Strom gedeckt. "Wir wollen diese Abhängigkeit verringern. Das Wiedererstarken des Interesses für die Atomenergie gibt uns eine weitere wichtige Möglichkeit zur Beseitigung des Infrastrukturdefizits und zur Reduktion der Kosten für die Energie", sagte Conti.
20 Prozent des Stromverbrauchs deckt Italien heute mit Importen, zum großen Teil aus französischen Atommeilern. Frankreich, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz planen neue Atomkraftwerke. Enel selbst renoviert in der Slowakei ein Kernkraftwerk, wartet auf den Start eines Projekts in Rumänien. Schließt sich nun auch Italien an, geraten die Befürworter des Atomausstiegs in Deutschland unter Druck.
Neben der aktuellen Gesetzeslage sieht Conti allerdings ein zweites Hindernis für seine Atompläne: "Italien ist ein kleines, dicht bevölkertes Land - da muss man auch Orte finden, an denen man eine Anlage bauen kann." Zumal die Proteste von Italienern auch schon weniger umstrittene Projekte verhindert hatten - selbst Müllverbrennungsanlagen in der Region Kampanien, die im eigenen Abfall zu ersticken droht. Wo ein Atomkraftwerk stehen könnte, wollte Conti noch nicht sagen. "Wir haben noch keinen bevorzugten Ort. Aber es wäre ohnehin gefährlich, jetzt Namen zu nennen - das gäbe eine Revolution", sagte er.
Enel erwartet in den kommenden fünf Jahren Einnahmen von 62 Mrd. Euro. Insgesamt 37 Mrd. Euro davon will Conti in neue Anlagen und höhere Kapazitäten investieren, darunter auch in saubere Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien. Nach den zahlreichen und großen Zukäufen der vergangenen Jahre wolle das Unternehmen nun die erworbenen Beteiligungen in die Konzernstruktur einbinden und nur noch auf organisches Wachstum setzen, sagte Conti.
Größere Zukäufe sind nicht geplant: Für den zum Verkauf stehenden britischen Versorger British Energy will Enel, anders als der deutsche Konkurrent RWE, nicht bieten. Enel konzentriere sich auf Kontinentaleuropa, sagte Conti. "Wir sind weit von dieser Schlacht entfernt."
Er will Enels Verschuldung, die Ende 2007 rund 55,8 Mrd. Euro betrug, bis 2012 auf 45 Mrd. bis 49 Mrd. Euro abbauen, vor allem durch Verkäufe von Beteiligungen.
Vor Kurzem einigte sich Enel mit Eon über den Verkauf von Kraftwerken und Beteiligungen in Spanien, Italien und Frankreich. Enel war durch die Übernahme des spanischen Konkurrenten Endesa im vergangenen Jahr in ihren Besitz gekommen. Eon übernimmt nun nach Enel-Angaben Beteiligungen im Wert von 13,5 Mrd. Euro, inklusive Schulden. "Das erlaubt Enel bereits, die Verschuldung auf rund 49 Mrd. Euro abzubauen", sagte Conti.
Zum anderen will Enel künftig - im Verhältnis zum Wert der Aktie - weniger Dividende zahlen und Unternehmensgewinne auch in den Schuldenabbau stecken. Analysten hatten Enel für den Plan kritisiert, die Dividende bis 2012 stabil bei 49 Cent halten zu wollen. "Wir liegen heute bei stolzen sieben Prozent Dividendenrendite", sagte Conti. "Wir hoffen, dass das Kurs-Dividenden-Verhältnis sich auf normale drei bis vier Prozent normalisiert", sagte der 60-jährige Manager.
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