|
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
http://www.taz.de/nc/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/e-wie-enteignen&src=PR
Taz, 30.04.2008
Proteste bei Eon-Hauptversammlung
"E - wie enteignen"
Umweltschützer nutzten die Hauptversammlung des Energiekonzerns Eon, um mit
der Unternehmenspolitik abzurechnen. Doch EON-Chef Bernotat will weiter auf
Kohle und Atom setzen.
VON ANDREAS WYPUTTA
ESSEN taz Umweltschützer, Atom- und Kohlekraftgegner wie
Globalisierungsgegner haben bei der Hauptversammlung des Eon-Konzerns
gegen die Geschäftspolitik des größten deutschen Energieversorgers
protestiert. Bereits am Eingang der Essener Grugahalle begrüßten
Transparente mit Aufschriften wie "Neue AKW für Europa - Reibach für Eon,
Risiko für alle" die Aktionäre. "E - wie enteignen", konnten die
Shareholder auf einem anderen Plakat in Anlehnung an den Slogan "E - wie
einfach" einer Eon-Billigtochter lesen.
Die Umweltorganisation urgewald verteilte knapp 1.000 alternative,
kritische Geschäftsberichte an die Aktionäre. "Das Herzstück von Eons
Geschäften sind nach wie vor dreckige Energie und dreister
Machtmissbrauch", so urgewald-Geschäftsführerin Helga Schücking - heute
stammen 37 Prozent des Eon-Stroms aus Kohle-, knapp 50 Prozent aus
Atomkraftwerken. Im Jahr 2007 erzielte der Energieriese damit einen
Überschuss von 7,2 Milliarden Euro, knapp 30 Prozent mehr als 2006. Der
Gewinn stieg um zehn Prozent auf 9,2 Milliarden Euro.
Auch während der Hauptversammlung selbst konnten die Umweltschützer ihre
Argumente vortragen. Möglich wurde dies durch die Organisation der
kritischen Aktionäre, die den Umweltschützern ihr Rederecht überließ. So
warnte etwa Rolf Wich von der Bürgerinitiative 'stop staudinger' vor dem
Bau des sechsten Blocks des Kraftwerks Staudinger im hessischen
Großkrotzenburg bei Hanau, der jährlich mindestens 5,2 Millionen Tonnen
des Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen soll.
"Ihre Eon AG ist gerade dabei, dramatisch an gesellschaftlicher Akzeptanz
zu verlieren", so Wich zu den Aktionären - schließlich haben sich bisher
nicht nur Anwohner und Bürgerinitiativen, sondern auch zahlreiche Städte
und Gemeinden gegen die CO2-Schleuder ausgesprochen. Dabei habe EonVorstandschef
Wulf Bernotat angekündigt, das Kohlekraftwerk nicht gegen
den Willen der Bevölkerung auszubauen.
Von dieser Zusage aber wollte Konzernchef Bernotat am Mittwoch nichts
mehr wissen. Erst bei einer definitiven Ablehnung durch die hessische
Politik werde Eon die Ausbaupläne stoppen. Stattdessen nutzte Bernotat
seine Antwort zu einem weiteren gebetsmühlenartigen Bekenntnis zur
Stromerzeugung aus Kohle und Atomenergie. "Noch in Jahrzehnten werden wir
Kohle und Gas in der Stromversorgung brauchen", hatte der Manager schon
in seinem Eingangsstatement zur Hauptversammlung betont. "Und nach
meiner Überzeugung ebenso auch die Kernenergie." Er appelliere deshalb an
die "ökonomische Vernunft der Politik", so Bernotat unter nur
verhaltenem Applaus seiner Aktionäre - obwohl er an dieser ökonomischen
Vernunft seit der politischen Absage an das Kohlekraftwerk Moorburg durch
die schwarz-grüne Koalition in Hamburg hin und wieder zweifle.
Zunehmend genervt reagierte Bernotat wie auch sein Vorgänger als
Konzernvorstand, Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann, gerade auf Kritik am
Atomkurs seines Unternehmens. Unterstützt durch die kritischen Aktionäre
konnten Atomkraftgegner weit über eine Stunde lang unangenehme Fragen
stellen. Hanna Poddig, Aktivistin der Umweltorganisation Robin Wood,
erinnerte an die Brände in den deutschen Atomkraftwerken Krümmel im Juni
2007 und Brokdorf 2008, an denen Eon 50 beziehungsweise 33 Prozent hält.
Untragbar sei ein Weiterbetrieb gerade wegen der in der Umgebung des
Kraftwerks Krümmel aufgetretenen häufigen Fälle von Leukämie. "Wenn Sie
das Verantwortung nennen, sprechen wir verschiedene Sprachen", rief
Poddig Eon-Chef Bernotat zu.
Erfolgreich war auch der Auftritt des russischen Anti-Atomaktivisten
Vladimir Sliviak von der Umweltschutzorganisation ecodefense. Wie lange
die Eon-Tochter Urenco noch radioaktives und hochgiftiges Uranhexafluorid
nach Russland schaffen wolle, hatte Sliviak bereits im vergangenen Jahr
auf der Eon-Hauptversammlung gefragt -- Urenco betreibt im
münsterländischen Gronau die einzige Urananreicherungsanlage der
Bundesrepublik, bei deren Betrieb der Atommüll entsteht. Der Export der
Uranhexafluorid-Abfälle nach Russland werde im kommenden Jahr
eingestellt, kündigte Eon gestern an. Bis 2009 sollen allerdings noch
einmal 6.000 Tonnen Atommüll in geschlossene Atomstädte Sibiriens
gebracht werden, wo die Fässer selbst durch Google Earth gut sichtbar
unter freiem Himmel vor sich her rosten, warnte Matthias Eickhoff von der
Initiative Sofortiger Atomausstieg aus Münster.
Gemeinsam forderten Umweltschützer, Atom- und Kohlekraftgegner wie Attac
am Mittwoch die Verbraucherinnen und Verbraucher erneut zu einem Boykott
des im Jahr 2000 durch eine Fusion der Versorgungsunternehmen Veba und
Viag entstandenen Stromversorgers auf. Eon werde seine Geschäftspolitik
erst auf Druck des Marktes hin ändern, ist urgewald-Geschäftsführerin
Schücking überzeugt. Die Umweltaktivistin ruft deshalb zum Wechsel zu
einem der vier deutschen Anbieter auf, die ausschließlich Ökostrom im
Programm haben -- am besten "nicht sang- und klanglos, sondern mit einem
Abschiedsbrief, der Eons offen klima- und umweltfeindliche Kohle- und
Umweltpolitik im In- und Ausland kritisiert".
--
X1000-news mailing list
X1000-news@listi.x1000malquer.de
Abbestellen? Umstellen? http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/x1000-news
Fragen zu den Mailinglisten?
>> http://www.x1000malquer.de/mailingliste-faq.html
>> http://www.x1000malquer.de/mailing.html
|