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Verseuchte Ukraine

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Verseuchte Ukraine

Zu: "Atomare Zukunft für Tschernobyl - Ukraine plant Aufarbeitungsanlage für Nuklearmüll", FR-Politik vom 26. April

Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich bin Physiker und Pfarrer der Christengemeinschaft. Am 26. April dieses Jahres habe ich die Reaktorruine in Tschernobyl besucht. Der Zyniker in mir dachte, als er Ihren Beitrag las, dass es nur konsequent ist, in einer der höchstverstrahlten Gegenden dieser Erde eine Wiederaufbereitungsanlage für radioaktive Materialien zu bauen. Das Gebiet ist heute noch so stark verstrahlt, dass selbst ein Windscale-Unfall (heute Sellafield, Großbritannien) an dieser Stelle es kaum noch verschlimmern könnte.

Die Gegend um Tschernobyl ist grundsätzlich ungeeignet für nukleare Experimente, denn es ist ein Sumpfgebiet, durch das die Nebenflüsse des Dnjepr fließen. Dieser fließt durch Kiew und ist eine der wichtigsten Wasserquellen der Ukraine. Er mündet ins Schwarze Meer.

83 Prozent der sich ausbreitenden Radioaktivität verlässt das Gebiet um den havarierten Reaktor über diesen Wasserweg. Eine Aufbereitungsanlage gerade dort zu planen, scheint logisch, weil das Gebiet sowieso schon verstrahlt ist. Es ist aber wegen der Ausbreitung der radioaktiven Präparate äußerst bedenklich.

Des Weiteren geht der Artikel auf die brüchig werdende Betonhülle ein sowie auf die neue, milliardenteure Stahlhülle, die über den Reaktor gezogen werden soll. Man könnte sagen, dass dieses Projekt notwendig ist, um weitere Verseuchung zu verhindern. Dies ist aber reine Augenwischerei. Die eigentliche Problematik ist unter dem Reaktor. Wie Sie richtig berichteten, wird der Beton unter der Strahlenlast brüchig und marode. Niemand weiß genau, wo sich der hochradioaktive ehemalige Reaktorkern befindet.

Mit größter Wahrscheinlichkeit wird er sich unter den Reaktor seinen Weg bahnen. Dort ist ein trockengelegter Sumpf. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte ist zu erwarten, dass sich erhebliche Mengen radioaktiver Substanzen über die Grundwasserströme verbreiten und große Teile der Ukraine verseuchen werden. An ein dringend benötigtes Sanierungskonzept wagt aus finanziellen Gründen niemand denken.

Dr. Hans-Bernd Neumann, Tübingen

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Dokument erstellt am 29.04.2008 um 17:00:01 Uhr
Erscheinungsdatum 30.04.2008

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