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Betreff : [nadir-aktuell-abo] Pirna: Redebeitrag für die Antifa-Demo am
27.11.2004 in Pirna
Datum : Di 30.11.04, 09:00 (erhalten: 30.11.04, 18:26)
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Redebeitrag für die Antifa-Demo am 27.11.2004 in Pirna
Von : BGR Leipzig
Ort : Pirna
Datum: 30.11.2004
Als die NPD bei der sächsischen Landtagswahl am 19. September diesen Jahres
9,2% der WählerInnenstimmen erhielt, drang endgültig an die Oberfläche, was
sich die zurückliegenden Jahre munter entwickelt hatte. Die Versuche, die NPD
nun erneut als Protestpartei zu verharmlosen gehen am Problem natürlich vorbei.
Im Zuge des gescheiterten NPD-Verbotsverfahrens und der öffentlichen Debatten
während des Landtagswahlkampfs war schließlich der gesamten deutschen
Öffentlichkeit der nationalsozialistische Charakter der Partei dargelegt
worden. Die Wahl hat schlagartig klar gemacht, dass sich in Sachsen 9,2% der
WählerInnen offen zum Nationalsozialismus bekennen. Die Dunkelziffer der
SympathisantInnen dürfte um einiges höher liegen.
Der Wahlsieg steht im Zusammenhang mit Konsolidierung der Naziszene im Osten.
Nach dem skandalösen Scheitern des NPD-Verbotsverfahrens hat die Partei einen
erheblichen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Gleichzeitig gelangten in den
zurückliegenden Monaten die freien Kameradschaften zu neuer Stärke und gingen
erneut militant in die Offensive. Vor drei Monaten wurden eine
Antifa-Demonstration in Chemnitz attackiert und vor einem Monat das Büro des
alternativen "Netzwerks für Demokratische Kultur" in Wurzen mit zwei Rohrbomben
angegriffen. Körperliche Übergriffe durch Nazis häufen sich in jüngster Zeit
ebenso.
Doch es sind nicht allein die offen wahrnehmbaren und sich selbst als solche
bezeichnende Nazis, die das primäre Problem darstellen. Die verschiedenen
Versuche, eine dauerhafte liberale Öffentlichkeit bzw. Zivilgesellschaft in der
ostdeutschen Provinz zu etablieren, sind beinahe vollständig gescheitert. Vor
Jahren wurde bereits die Einschätzung getroffen, dass die Nazis aus der Mitte
der Gesellschaft kommen. Es hat sich daran heute nur insofern etwas geändert,
als dass die Nazis die gesellschaftliche Mitte stolz besetzen. Die früher von
ihnen vollzogenen Abgrenzungen werden nun immer mehr fallengelassen.
Gleichzeitig wird diese Entwicklung von der Bevölkerung akzeptiert. Völkische,
nazistische und nationalsozialistische Ideen werden in bestimmten Gebieten
immer mehr mehrheitsfähig.
Die deutsche Öffentlichkeit kann mit dieser Entwicklung hingegen nicht umgehen.
Auf den Triumph der NPD folgte keine inhaltliche Auseinandersetzung sondern die
altbekannte Strategie, zu warten, bis sich das Problem von selbst erledige. Der
sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt wiederum machte explizit was
gemeinhin schon längst im Gange war. Er kündigte an, dass die CDU nun noch
weiter nach rechts rücken müsse, um die angeblich verirrten WählerInnen für die
CDU zurück zu gewinnen. Damit steht Milbradt in der bundesdeutschen Diskussion
jedoch nicht allein da. Die Mobilisierung rassistischer Ressentiments kann man
ebenso in den Debatten um den EU-Beitritt der Türkei, um die multikulturelle
Gesellschaft und die deutsche Leitkultur sowie diejenige um einen neuen
Nationalstolz.
Die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse sind jedoch kaum als neue
Qualität zu bezeichnen. Bereits Mitte der neunziger Jahre wurden diese von der
Antifa als rechter Konsens beschrieben. Dieser Begriff sollte die ideologische
Gemeinsamkeit der normalen Bevölkerung und der von ihr unterschiedenen Nazis
bezeichnen. Die Analyse des rechten Konsens hatte entscheidende Konsequenzen
für die Antifapolitik. Der Kampf gegen die Nazis war gleichzeitig Symbol für
den Kampf gegen die ideologischen Hintergründe der Nazis und dem Rest der
Gesellschaft.
Ende der neunziger Jahre zeigten sich jedoch entscheidende Schwächen der
Antifa, die mit dem Ausbruch des so genannten Antifa-Sommers zu einem
vorläufigen Ende der Antifa-Bewegung führten. Dem Vordringen von Nazis in der
ostdeutschen Provinz konnte praktisch nichts entgegen gesetzt werden. Eine
Zivilgesellschaft war nur selten vorhanden und die örtlichen AntifaschistInnen
zogen es nach einiger Zeit vor, in die großen Städte zu ziehen. Von diesen
Städten aus war jedoch eine effektive antifaschistische Arbeit in der Provinz
noch viel weniger zu leisten. Hinzu kam ein generelles Unbehagen an der
Beschränktheit antifaschistischer Politik und der Verfall linker
Organisationszusammenhänge. Nach über zehn Jahren klassischer Antifapolitik
musste Ende der neunziger Jahre ein Bruch vollzogen werden.
Auch wenn die heutige Entwicklung das linke Engagement in der ostdeutschen
Provinz als unabdingbare Notwendigkeit erscheinen lässt, kann es dennoch kein
Zurück in die neunziger Jahre geben. Schließlich sind die äußeren und inneren
Bedingungen für eine radikale Linke nicht besser, sondern eher schlechter
geworden. Es hat sich zunächst nichts daran geändert, dass sich in den meisten
kleineren Städten und Gemeinden über längere Zeit kein antifaschistischer und
noch nicht einmal ein zivilgesellschaftlicher Gegenpol entwickeln lässt. Und es
hat sich auch nichts daran geändert, dass nicht allein die offenen Nazis das
Problem sind, sondern vor allem die gesellschaftliche Mitte. Will man gegen
Nazi-Strukturen in der ostdeutschen Provinz vorgehen, muss man also nicht nur
den Laden angreifen, der Nazi-Devotionalien verkauft, sondern sich auch gegen
die Bäcker, Fleischer, Fahrschulen, etc. wenden.
Dies heißt nicht, dass wir antifaschistisches Engagement, das sich gegen offene
Nazi-Strukturen wendet ablehnen, belächeln oder ähnliches. Wir finden es
richtig und wichtig, dass sich besonders junge Menschen gegen Nazis und deren
gesellschaftlichen Background wenden und organisieren. Dies ist die
unmittelbare Voraussetzung dafür, dass Diskussionen über die Ziele, Strategien
und Wirksamkeit antifaschistischer bzw. linker Politik überhaupt geführt werden
können. Dabei darf es aber nicht stehen bleiben. Vielmehr wollen wir
ausdrücklich davor warnen, die klassische Antifapolitik der neunziger Jahre
wieder aufzunehmen, ohne die Gründe ihres Scheiterns zu reflektieren.
BGR Leipzig, 21. November 2004
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