|
## Nachricht vom 03 Aug 04 weitergeleitet
## Ursprung : SABINE@SABINE.NADESHDA.ORG
## Betreff : [nadir-aktuell-abo] Hamburg: Diskussionspapier der Roten Flora zu Antisemitismus / The Good and the Evil
## Ersteller: aktuell@nadir.org
## Msg-ID : 20040803120002.7C70F1240ED@paxo.nadir.org
Diskussionspapier der Roten Flora zu Antisemitismus / The Good and the Evil
Von : Rote Flora Plenum
Ort : Hamburg
Datum: 01.08.2004
The Good and the Evil
Diskussionspapier der Roten Flora zu Antisemitismus
Juli 2004
Dieser Text gibt unseren derzeitigen Diskussionsstand wieder - unsere
Diskussion über Antisemitismus ist keineswegs abgeschlossen. Den Text
öffentlich zu machen, verbinden wir mit der Hoffnung, dass er zur Kritik
und zur Diskussion anregt und damit zu einer stärkeren inhaltlichen
Auseinandersetzung mit Antisemitismus innerhalb der Linken beiträgt und
auch unsere eigene Diskussion weiterbringt.
0.Ausgangspunkte
Vor allem seit den 70er und 80er Jahren wurden in der radikalen Linken
auf Druck von Frauen und MigrantInnen Sexismus und Rassismus in der
eigenen Szene thematisiert, was sich dann auf theoretischer Ebene im
Tripple-Opression-Ansatz niederschlug. Dieser Ansatz besagt, stark
zusammengefasst, dass sich Rassismus und Sexismus nicht einfach als
bestimmte Ausdrucksformen einer kapitalistischen Gesellschaftsform
verstehen lassen, die sich mit der Überwindung des Kapitalismus
automatisch auch auflösen und somit als "Nebenwidersprüche" dem
kapitalistischen "Hauptwiderspruch" gegenüber eine untergeordnete Rolle
spielen. Stattdessen müssen Rassismus und Sexismus genauso wie
Kapitalismus als zentrale gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse
verstanden werden, die zwar miteinander verzahnt sind und sich teilweise
gegenseitig bedingen, aber dabei trotzdem ihre eigenen, voneinander
unabhängigen Mechanismen und Dynamiken besitzen, die auch immer wieder
untereinander in Widerspruch geraten.
Seit den 90er Jahren wird in Teilen der radikalen Linken
Heteronormativität immer stärker als weitere grundlegende und teilweise
unabhängige, Herrschaft konstituierende gesellschaftliche Struktur
angesehen: Die heterosexuelle Matrix sorgt als gesellschaftliche Struktur
dafür, dass alle Menschen eindeutig (und dabei teilweise gewaltsam) in
eine der zwei Kategorien "männlich" und "weiblich" eingeordnet werden,
wobei diese Kategorien derart mit allen möglichen Eigenschaften verknüpft
werden, dass sich "männlich" und "weiblich" auf scheinbar natürliche
Weise immer gegenseitig anziehen bzw. aufeinander angewiesen sind. Der
damit verknüpfte "Zwang" zur Heterosexualität (der meist viel subtiler
als über Gewalt wirkt) bringt nicht nur mit sich, dass nichtheterosexuelle
Formen von Sexualität als unnatürlich oder unnormal
abgewertet werden. Er sichert gleichzeitig die Herrschaft von
Männlichkeit ab, da in dieser sozialen Konstruktion (scheinbar
zufälligerweise) die als männlich konstruierten Eigenschaften stets die
jeweils gesellschaftlich höher bewerteten sind. Die heteronormative
Struktur dieser auf Dichotomie (entgegensetzenden Zweiteilung)
basierenden Form von Herrschaft findet sich in vielen anderen
gesellschaftlichen Feldern wieder, z.B. in den Dichotomien Kultur/Natur
oder politisch/privat.
Parallel zu dieser Sensibilisierung für Rassismus, Sexismus und (in
Teilen der radikalen Linken) Heteronormativität, die jeweils zu einer
verstärkten Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der jeweils damit
verbundenen Mechanismen und Denkschemata führte, hat es in der radikalen
Linken bis vor einigen Jahren kaum nennenswerte kollektive
Auseinandersetzungen mit Antisemitismus - noch weniger mit dem in der
eigenen Szene - gegeben. Auch bei uns hat zumindest eine gemeinsame
Auseinandersetzung mit Antisemitismus erst in jüngster Zeit begonnen.
1.Bestandteile des Antisemitismus
Unserer Ansicht nach sind drei Bestandteile des Antisemitismus, die
teilweise miteinander verwoben sind, für eine Auseinandersetzung
innerhalb der deutschen Linken zentral:
- Antisemitismus als kultureller Code
Zuerst muss gesehen werden, dass Antisemitismus in Europa als kultureller
Code auf eine Jahrhunderte lange Kontinuität zurückgreifen kann: Die
stereotypen Zuschreibungen über die angeblichen Eigenschaften und
Verhaltensweisen von Jüdinnen und Juden haben sich zwar im Laufe der Zeit
als einigermaßen wandelbar erwiesen, sie sind aber seit Jahrhunderten
fester Bestandteil des christlich-abend-ländischen Denkens.
Während der Antijudaismus aus der christlichen Tradition entstammt und
sich im Wesentlichen religiös begründet, z.B. über die angebliche Schuld
"der Juden" am Tod Jesu, tritt das religiöse Moment im modernen
Antisemitismus, der sich im frühen 19. Jahrhundert entwickelte, in den
Hintergrund. Objekt des Hasses sind nun nicht mehr die einzelnen Jüdinnen
und Juden und ihr angebliches konkretes Handeln wie Ritualmorde an
Kindern, Hostienschändung usw. sondern abstrakter das Judentum, dem die
Verantwortung für alle negativen Erscheinungen einer sich durch
kapitalistische Industrialisierung rasch verändernden Welt gegeben wurde.
Während für die Konstitution der deutschen Kultur antimoderne
Einstellungen und eine diffuse Sehnsucht nach einer vorindustriellen
Vergangenheit prägend waren, erschien das Judentum durch die
Gleichsetzung mit einem ausbeuterischen Kapitalismus, dem Verfall
vorindustrieller Produktionsweisen und sozialer Auflösung als Gegenteil
zu allem, was als fester Bestandteil der deutschen Kultur bzw. des
"Deutschtums" angesehen wurde. Das Judentum wurde mit sozialen Problemen
aller Art verknüpft, bis eine Gleichsetzung herbei-halluziniert wurde, in
der Judenfeindschaft zu einer Verbesserung der sozialen Realität führen
sollte. Dabei erschienen Jüdinnen und Juden je nach Sprechort mal als
proletarische, wurzel- und bindungslose Horde, mal als hinterlistigberechnende
Kaufleute und KapitalistInnen oder auch als zynischdestruktive
Intellektuelle. Hier zeigt sich bereits die Kompatibilität
mit sowohl konservativen aber auch linken Ansätzen. Zusammen mit
Militarismus, völkischem Nationalismus und Autoritarismus bildet
Antisemitismus ein konstituierendes Element der deutschen Kultur ab dem
19. Jahrhundert.
Auch wenn Antisemitismus nach 1945 in Deutschland weniger offenen
Ausdruck gefunden hat, da er in der Öffentlichkeit tabuisiert wurde, ist
damit seine Kontinuität als kultureller Code nicht unterbrochen worden.
Da eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus - insbesondere mit den ihm
zugrunde liegenden Denkmustern und Mechanismen - nicht stattgefunden hat,
konnte er unter der Oberfläche fortbestehen. Daran knüpft die Häufung von
antisemitischen Äußerungen vor allem seit 1990 an. Da die Tabuisierung
des Antisemitismus weitestgehend bis heute wirksam ist, artikuliert er
sich heute allerdings oft auf neuen Wegen, z.B. wenn er sich nicht direkt
gegen Jüdinnen und Juden richtet sondern gegen Israel als "illegitimen
Staat" oder gegen Entschädigungs-zahlungen an ZwangsarbeiterInnen.
Aufgrund der oben beschriebenen Bedeutung des Antisemitismus für die
Konstruktion der deutschen Identität ist es nicht verwunderlich, dass er
auch als Alltagswissen in die Sozialisation der Einzelnen mit einfließt.
Wer in Deutschland aufgewachsen ist, wurde und wird in unterschiedlichem
Maß und in unterschiedlicher Form in seinem Bild vom Judentum und von
Jüdinnen und Juden durch diesen kulturellen Code mitgeprägt.
b. verkürzte Kapitalismus-Kritik
Einige der oben beschriebenen konkreten Stereotypen über das Judentum und
Jüdinnen und Juden stehen in engem Zusammenhang mit einer verkürzten
Kapitalismus-Kritik, die auf allgemeinen stereotypen gut-böse-Denkmustern
basiert. Verkürzte Kapitalismus-Kritik gründet sich im Wesentlichen auf
zwei falschen und gefährlichen Erklärungsmustern: Erstens wird der
Herrschaft konstituierende Kern des Kapitalismus im (abstrakten)
"Finanzkapital" gesehen, während (konkrete) kapitalistische Arbeit und
Produktion unkritisiert bleiben bzw. positiv verklärt werden. Diese
unterschiedliche Bewertung von "schaffendem und raffendem Kapital" (wie
dies in der NS-Ideologie ausgedrückt wurde) ist vor allem deshalb falsch,
weil kapitalistische Ökonomie auf dem Zusammenspiel von kapitalistischer
Zirkulation und kapitalistischer Produktion basiert und insofern (Lohn-)
Arbeit und "Produktionskapital" genauso Teil des Problems sind wie "das
Finanzkapital". Das zweite Erklärungsmuster versteht Kapitalismus
vereinfachend als konkrete Form von Herrschaft einer relativ kleinen
Gruppe von bösartigen (und nicht arbeitenden) Menschen - den
vermeintlichen VertreterInnen des Kapitals - über "das arbeitende Volk".
In dieser Personalisierung wird das relativ komplexe gesellschaftliche
Verhältnis, das der Kapitalismus darstellt, heruntergebrochen auf ein
einfaches gut-böse-Bild von den bösen UnterdrückerInnen "da oben" und dem
guten unterdrückten "Volk". Dieses vereinfachende personalisierende
Erklärungsmuster greift vor allem deshalb zu kurz, weil es nicht erklären
kann, warum "das arbeitende Volk" bei dem ganzen Spiel so unnachgiebig
mitspielen will.
Gefährlich werden diese beiden verkürzenden Erklärungsmuster in ihrem
Zusammenspiel. Denn dann ergibt sich, dass es im Kapitalismus immer eine
kleine Gruppe von Menschen geben muss, die Schuld ist an allem Übel, das
die kapitalistische Ökonomie so hervorbringt; nämlich gerade diejenigen,
die als VertreterInnen des "Finanzkapitals" identifiziert werden und
deren Prototyp "der Spekulant" ist. Welcher Gruppe von Menschen - die
meist als außerhalb des "Volkes" stehend konstruiert wird - nun in
scheinbar antikapitalistischer Motivation diese Rolle der Schuldigen
zugesprochen wird, hängt vom historisch-kulturellen Zusammenhang ab. Vor
dem Hintergrund, dass die Gleichsetzung des Judentums mit dem
"Finanzkapital" seit Jahrhunderten fest im abendländischen Denken
verankert ist, bietet diese verkürzte Kapitalismus-Kritik stets das
Angebot, das Judentum für die Auswirkungen der kapitalistischen
Gesellschaftsform verantwortlich zu machen. In diesem Sinne kann gesagt
werden, dass eine solche verkürzte Kapitalismus-Kritik immer eine offene
Flanke zum Antisemitismus hat, da es in dieser Form der Welt-Erklärung
stets eine Gruppe vom Menschen geben muss, die gerade diejenigen
Eigenschaften besitzen, die "den Juden" seit Jahrhunderten nachgesagt
wurden: Nämlich die sog. "Spekulanten" zu sein, die "das Volk" "auf
hinterlistige Weise ökonomisch aussaugen" und dadurch "die ganze Welt
beherrschen".
c. das Motiv der Schuldabwehr
Genaugenommen lässt sich weder die Kontinuität des Antisemitismus als
kultureller Code noch die Bereitschaft verkürzte Kapitalismuskritik zu
vertreten, tiefergehend verstehen, ohne auf die Funktion, die
antisemitische Denkmuster in der Psyche einnehmen, einzugehen. Spätestens
aber wenn versucht wird, die neuen Formen, die der Antisemitismus in
Deutschland nach 1945 angenommen hat, zu begreifen, ist ein Bezug auf
psychische Funktionen unumgänglich.
Auf psychischer Ebene ist in Deutschland nach 45 das Verhältnis zum
Judentum, zu jüdischen Symbolen und zum Staat Israel gekennzeichnet von
Schuldabwehr: Die deutsche Gesellschaft setzt sich zum größten Teil aus
direkten gesellschaftlichen NachfahrInnen des TäterInnenkollektivs
zusammen, das für die Shoah verantwortlich ist. Dabei sind hier
verschiedene Strategien zu beobachten, um die eigenen (oft unbewussten)
Schuldgefühle loszuwerden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Mittel
der Projektion, das sich heute meistens auf den Staat Israel und seine
RepräsentantInnen, aber auch Deutsche jüdischen Glaubens richtet. Wenn
beispielsweise Sharon als Faschist oder Israel als faschistischer Staat
bezeichnet werden, dann zeigt sich darin nicht nur ein verkürzter Begriff
von Faschismus, sondern oft auch der Wunsch, denjenigen, gegenüber denen
(oft unbewusst) Schuld empfunden wird, nachzuweisen, dass sie sich selbst
der gleichen Sache schuldig gemacht haben - bzw. manchmal sogar, dass
sie selbst die eigentlich Schuldigen sind. (Eine der bekanntesten
antisemitischen Argumentations-Figuren funktioniert so, dass "die Juden"
selbst es sind, die durch ihr Verhalten den antisemitischen Hass
hervorrufen, wodurch dieser Hass nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar
als adäquate Reaktion dargestellt wird.)
Gerade diese Art der Projektion der eigenen Schuldgefühle spielt in den
meisten Fällen mit hinein, wenn Deutsche - d.h. gesellschaftliche
NachfahrInnen des TäterInnenkollektivs - das Existenzrecht eines
jüdischen Staates infrage stellen: Dass ausgerechnet die Existenz des
Staates Israel derart vehement zur Zielscheibe der Kritik gemacht wird,
während kaum jemals das Existenzrecht anderer Staaten thematisiert wird,
zeigt das Bedürfnis von vielen Deutschen, "den Juden" nachzuweisen, dass
diese selbst nicht nur Opfer, sondern ebenso TäterInnen sind wie die
eigenen Eltern und Großeltern.
Im deutschen Mainstream taucht Schuldabwehr aktuell immer wieder auf,
wenn die deutsche Vergangenheit dem Wunsch im Wege steht, Deutschland
endlich wieder in dem Kreis derjenigen Staaten zu etablieren, die ihre
Interessen auch außerhalb der eigenen staatlichen Grenzen militärisch
durchsetzen können. Die neue deutsche Großmachtpolitik ruft die deutsche
Vergangenheit immer wieder auf, so dass das neue nationale
Selbstbewusstsein mit verstärkter Schuldabwehr und Projektion dieser
Vergangenheit einhergeht. So zum Beispiel wenn von Deutschen im
jugoslawischen Bürgerkrieg "Konzentrationslager" ausgemacht werden, um
dann zur Legitimation eines Angriffskrieges von deutschem Boden benutzt
zu werden. Durch Rot-Grün wurde hierzu ein zusätzliches argumentatives
Instrument entwickelt, das sich eine konservative Regierung wohl nie zu
formulieren getraut hätte: Gerade Deutschland muss aufgrund seiner
eigenen Geschichte überall dort, wo auf der Welt Unrecht geschieht,
intervenieren. Auschwitz wird damit zur unmittelbaren Begründung neuer
deutscher Großmachtpolitik und somit quasi zum ungeahnten positiven
Standortfaktor. Parallel dazu diente z.B. die Wehrmachtsausstellung - ob
von den MacherInnen beabsichtigt oder nicht - unter anderem dazu, nach
dem Durchgang durch die Katharsis mittels des "Dialogs der Generationen"
eine positive deutsche Identität wiederherzustellen.
Einschub: Schuldabwehr und Erinnerungspolitik
Die Konstruktion einer positiven deutschen Identität führt heute zwei
erinnerungspolitische Strategien zusammen, die sich - bezogen auf den
Umgang mit der Shoah in der alten BRD - lange kontrovers
gegenüberstanden.
Auf der einen Seite stand die seit 1945 geübte Leugnung der
gesamtgesellschaftlichen TäterInnenschaft bzw. Verantwortung für die
Shoah in Deutschland und die Leugnung der Kontinuitäten der Eliten des
NS-Staates zu den politisch-gesellschaftlichen Eliten der neu gegründeten
Bundesrepublik nach 1949. Einer der letzten Versuche innerhalb dieser
Strategie zeigte sich in einer der beiden Positionen im sog.
Historikerstreit Ende der 80er Jahre, als unter anderem die russische
Revolution zum eigentlichen Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts
erklärt wurde und die Behauptung aufgestellt wurde, dass die nationalsozialistischen
Verbrechen lediglich eine radikale Reaktion auf eine
"ursprünglichere bolschewistische Bedrohung" gewesen seien.
Diesen revisionistischen Leugnungs-Strategien stand mit der Entstehung
der neuen Linken nach 1967/68 eine Position gegenüber, die zunächst
offensiv für die Auseinandersetzung mit der Shoah und den Kontinuitäten
zwischen NS-Staat und der Bundesrepublik stand. Allerdings drückte sich
dies nur selten in einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit
antisemitischen Denkmustern und Weltbildern aus, sondern blieb meistens
auf der wenn auch wichtigen so doch oberflächlichen Ebene des Angriffs
auf Autoritäten mit NS-Vergangenheit hängen. Mit der zunehmenden
Integration und Vereinnahmung der 68er-Bewegung in die etablierten
politischen Strukturen hat dann eine Annäherung zwischen diesen zunächst
gegensätzlichen Positionen stattgefunden. Die als (Schuld-)Last
empfundene Auseinandersetzung verbindet sich mit der Abwehr einer
wirklichen Annahme von historischer Verantwortung: In der reaktionären
Variante ist es die angeblich verschwindend kleine Clique von Verbrechern
um Hitler, mit denen die überwältigende Mehrheit der anständigen
Deutschen nichts zu tun hatte. In der linken Version sind es die in der
Kontinuität eines historischen antifaschistischen Widerstandes stehenden
fortschrittlichen Kräfte, die ebenfalls nichts mit den TäterInnen der
Shoah zu tun hatten.
Beide Haltungen finden sich dann in einem Konzept der
Wehrmachtsausstellung wieder, in dem tatsächlich "die Täter verschwinden"
und es nur noch Opfer gibt. Und in diesem Zusammenhang ist das HolocaustDenkmal
in Berlin eher ein Ort der Erinnerungsvermeidung und dient der
Inszenierung einer Verleugnungs-Kultur, die sich sentimental an die Opfer
der Shoah "erinnert", aber jede Auseinandersetzung um die geschichtliche
Verantwortung vergisst. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass es
innerhalb der radikalen Linken kaum eine Diskussion um eigene
Vorstellungen über eine angemessene Erinnerungspolitik gegeben hat. Damit
steht übrigens nicht die Arbeit derjenigen infrage, die sich z.B. um die
Schaffung und den Erhalt von Gedenkstätten kümmern, Studienfahrten
organisieren usw. - entscheidender ist vielmehr, dass radikale linke
Positionen in der Berliner Mahnmal-Auseinandersetzung, der Walser-BubisDebatte
oder in bezug auf die Durchsetzung totalitärer
Erinnerungskonzepte ("die beiden deutschen Diktaturen...") nahezu völlig
fehlen. Polemisch zugespitzt erscheint es oftmals, als wenn eben auch die
radikale Linke oft nichts mehr mit der deutschen Vergangenheit zu tun
haben möchte.
2.Antisemitismus in der deutschen Linken
Möglicherweise ist das Motiv der Schuldabwehr innerhalb der deutschen
Linken weniger stark vorhanden als in der deutschen Gesellschaft
insgesamt. Allerdings taucht Schuldabwehr immer wieder auf, wenn in der
Linken der Israel/Palästina-Konflikt verhandelt wird: Nach dem Versagen
der deutschen Linken im NS nun die PalästinenserInnen als "Opfer der
Opfer" zu unterstützen heißt nicht, ganz besonders antifaschistisch zu
sein und damit quasi den Widerstand für die eigenen Großeltern
nachzuholen. Diese Logik kann nur funktionieren, wenn Analogien zwischen
israelischer Politik und deutscher Judenvernichtung konstruiert werden.
Und wenn solche Analogien von Deutschen gezogen werden, ist es
wahrscheinlich, dass sie dazu dienen, eigene Schuldgefühle abzuwehren.
Aber auch wenn Deutsche eine unkritische und absolute Identifizierung mit
der israelischen Staatspolitik und dem israelischen Militär praktizieren,
dient dies wahrscheinlich der eigenen Schuldabwehr. Denn dabei setzen
sich NachfahrInnen des TäterInnenkollektivs in die Position, für die
Opfer der Shoah sprechen zu können oder identifizieren sich sogar mit
ihnen, z.B. wenn sie sich selbst als Opfer von Antisemitismus begreifen.
Dies alles sind Versuche, sich selbst als nachgeborene Deutsche oder
nachgeborener Deutscher aus der gesellschaftlichen Kontinuität des
TäterInnenkollektivs herauszudefinieren. Von der radikalen Linken wäre
statt Schuldabwehr eine Aufarbeitung deutscher Vergangenheit zu erwarten
- nicht mit dem Ziel, dann endlich wieder eine positive eigene (deutsche)
Identität zurück zu bekommen, sondern mit dem Ziel, die Bedingungen, die
Auschwitz möglich gemacht haben, genauso auf den Müllhaufen der
Geschichte zu befördern wie Deutschland und die deutsche Identität.
Während sich in den letzten 20 Jahren in Bezug auf Rassismus und Sexismus
innerhalb der radikalen Linken zumindest auf theoretischer Ebene die
Position durchgesetzt hat, dass Linke nicht per Definition außerhalb der
Gesellschaft stehen und deshalb gar nicht rassistisch oder sexistisch
sein können, scheint diese Einsicht von vielen nicht auf Antisemitismus
übertragen zu werden. Abgesehen davon zeigt sich, dass Antisemitismus als
kultureller Code auch an Linken nicht spurlos vorbeizieht. Da eine
kollektive Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Linken bisher
kaum stattgefunden hat, ist es nicht sehr verwunderlich, dass
antisemitische Stereotype auch hier immer wieder auftauchen, z.B. wenn
der Staat Israel als "Brückenkopf des US-Imperialismus" bezeichnet wird.
Die Beteuerung "Ich bin Linker und kann deshalb gar nicht antisemitisch
sein." ist insofern Ausdruck von genauso viel Ignoranz und
eindimensionalem Denken wie die Behauptung, als Linke oder Linker könne
mensch gar nicht sexistisch oder rassistisch sein. Stattdessen muss
innerhalb der Linken eine Reflexion über die eigenen stereotypen
Denkmuster über Jüdinnen und Juden, das Judentum und Israel und deren
Funktion für das eigene Selbstverständnis stattfinden. Eine solche
Reflexion sollte dazu führen, dass diese stereotypen Denkmuster in
Zukunft klarer erkannt werden, wenn sie innerhalb der eigenen Szene, aber
auch sonst, Ausdruck finden und dass ihnen entschiedener entgegengetreten
wird.
Während das Vorkommen von konkreten antisemitischen Stereotypen innerhalb
der deutschen Linken sicherlich nicht stärker verbreitet ist als im
gesellschaftlichen Mainstream, ist verkürzte Kapitalismus-Kritik (die
zwar nicht per se antisemitisch ist, aber reichlich Anknüpfungspunkte zum
Antisemitismus bietet) heute vor allem in der Linken besonders stark
verbreitet. Immer wieder zeigt sich der Wunsch, die kapitalistische Welt
unter der Schablone von Gut und Böse zu sehen und kapitalistische
Herrschaft, die sich tatsächlich mittels der Kapitallogik durch alle
einzelnen Individuen hindurch konstituiert, in einer bestimmten Gruppe
von Menschen zu personalisieren. Wenn beispielsweise statt der
Abschaffung des Kapitalismus eine Tobin-Steuer für das Finanz-Kapital
gefordert wird, dann zeigt sich darin fast in Reinform eines der beiden
zentralen Denkmuster verkürzter Kapitalismus-Kritik. Eine der zentralen
Aufgaben der Linken sehen wir deshalb aktuell darin, gerade innerhalb der
eigenen Szene den Zusammenhang von verkürzter Kapitalismus-Kritik und
Antisemitismus immer wieder deutlich zu machen und solchen
vereinfachenden Erklärungsmustern mit aller Entschlossenheit
entgegenzuwirken.
3.Antisemitismus und Rassismus
Auch dann, wenn innerhalb der radikalen Linken keine antisemitischen
Stereotypen Ausdruck finden, verkürzte Kapitalismus-Kritik vertreten oder
deutsche Vergangenheit auf Israel projiziert wird, wird Antisemitismus
oft nicht als ernsthaftes Problem wahrgenommen: entweder indem
Antisemitismus als eine bestimmte Form von Rassismus verstanden wird, die
dann per Definition durch die vorhandene Antira-Arbeit bereits gen=FCgend
thematisiert ist, oder indem Antisemitismus als eine Art Nebenwiderspruch
verstanden wird, der sich mit der Überwindung des Kapitalismus sowieso
auflöst bzw. mit dem sich dann immer noch auseinandergesetzt werden kann:
Es gibt schließlich wichtigeres...
Unserer Meinung nach ist es wichtig, Rassismus und Antisemitismus zu
unterscheiden, da die Struktur des Antisemitismus einige Besonderheiten
aufweist, die im Rassismus nicht zu finden sind: Erstens wird nur das
Judentum immer wieder hartnäckig mit dem Kapital in Verbindung gebracht,
so dass verkürzte Kapitalismuskritik nur zum Antisemitismus, wie oben
erläutert, immer eine offene Flanke hat. Zweitens spielen nur im
Antisemitismus Verschwörungstheorien und Ohnmachts-Phantasien eine derart
zentrale Rolle: Nur das Judentum wurde und wird immer wieder alleine für
alle möglichen negativen gesellschaftlichen und ökonomischen
Entwicklungen verantwortlich gemacht. Die besondere, unglaubliche Macht
des Judentums, die dabei unterstellt werden muss, wird üblicherweise mit
ihrem angeblichen - durch Wucher und Kapitalgeschäfte geschöpften -
Reichtum, ihrer angeblichen Kontrolle über die Medien und ihrer angeblich
verschwörerischen Tätigkeit erklärt. Drittens wurde und wird nur dem
Judentum so vehement unterstellt, unsichtbar aus der Mitte der
Gesellschaft heraus destruktiv die "Volksgemeinschaft" zersetzend zu
wirken.
Ein wesentliches Moment der antisemitischen Weltsicht besteht also darin,
dass das Judentum immer als faktisch überlegen konstruiert wird. Im
Rassismus findet sich dieses Moment zwar auch ab und an, allerdings nie
in solch zentraler Stellung. Antisemitismus zielt dementsprechend im Kern
nicht wie Rassismus auf die Unterwerfung einer bestimmten Gruppe ab,
sondern auf die Befreiung von einer wahnhaft halluzinierten Herrschaft.
Während das Ziel des Rassismus praktisch realisierbar ist und in der
Realisierung tendenziell seine Befriedigung findet, kann das Ziel des
Antisemitismus - sich von einer nicht realen, imaginierten Herrschaft zu
befreien - nie erreicht werden. Der Antisemitismus ist insofern durch die
zentrale Rolle des Wahnhaften absolut maßlos. Antisemitismus und
Rassismus nicht zu unterscheiden, ignoriert darüber hinaus die
Singularität der Shoah; Antisemitismus kann heute nicht ohne Einbeziehung
der Shoah begriffen werden.
Einschub: Rassismus-Begriff
Möglicherweise zeigt sich hier ein Problem für einen weiten RassismusBegriff,
der heute in der Rassismus-Theorie verstärkt verwendet wird, vor
allem um auch positiven Rassismus ("Schwarze haben einfach mehr RhythmusGef
ühl") und Kulturalismus ("Araber denken aufgrund der Geschichte ihrer
Kultur einfach nicht so demokratisch wie Europäer") als Formen des
Rassismus fassen zu können. Denn wenn laut diesem weiten RassismusBegriff
Rassismus nicht erst da anfängt, wo eine zuvor konstruierte
"Rasse" oder "Kultur" abgewertet wird, sondern bereits dort, wo die
Konstruktion einer festen, abgrenzbaren, biologischen oder kulturellen
Identität betrieben wird, die die einzelnen Subjekte auf diese Identität
fixiert, dann ergibt sich daraus, dass Antisemitismus als eine (wenn auch
besondere) Form des Rassismus verstanden werden müsste.
Wenn es einerseits richtig ist, Antisemitismus von Rassismus zu
unterscheiden, dann ist andererseits nicht zu sehen, warum Antisemitismus
eine weniger zentrale Rolle in linksradikaler Theorie und Praxis
einnehmen sollte als die sog. "Hauptwidersprüche" - vor allem wenn
beachtet wird, dass der Antisemitismus im NS das größte Verbrechen der
Menschheitsgeschichte überhaupt hervorgebracht hat. In der Konsequenz
muss das heißen, der Auseinandersetzung mit und dem Kampf gegen
Antisemitismus deutlich mehr Raum einzuräumen als bisher. Was es sicher
nicht heißt, ist nun in Wendehals-Manier Antisemitismus zu dem einen
neuen Hauptwiderspruch zu machen und damit die alte verkürzte Theorie und
Praxis gegen eine neue - nur mit umgekehrten Scheuklappen -
auszutauschen.
4.Israel als Konsequenz aus der Shoah und als Nationalstaat
Stattdessen muss Antisemitismus in seinen Verschränkungen mit
verschiedenen Formen von Herrschaft und in seinen Widersprüchlichkeiten
dazu erkannt werden. Und genau diese Widersprüchlichkeiten werden in der
aktuellen Diskussion um Antisemitismus allzu oft - teilweise bewusst -
eingeebnet. So halten wir es beispielsweise nach wie vor für richtig,
Nationalstaaten als Gewaltverhältnisse und mit Bezug auf die Funktionen,
die sie für die Aufrechterhaltung von kapitalistischer Ökonomie und
rassistischen Herrschaftsverhältnissen, aber auch von Sexismus,
Heteronormativität und Antisemitismus haben, allgemein abzulehnen.
Gleichzeitig ist der Staat Israel nicht irgendein Staat. Unabhängig von
der Kritik, die mensch an Israel haben kann, weil es als Staat eben doch
genauso funktioniert wie alle anderen Staaten und dementsprechend gerade
zu Zeiten einer militärischen Auseinandersetzung die gleiche Form von
Gewaltverhältnis darstellt, muss dabei beachtet werden, dass die zentrale
Motivation für die Gründung Israels eine andere als bei allen anderen
Staaten war: Nachdem der von NS-Deutschland begangene - in der Geschichte
singuläre und unvergleichbare - Versuch der totalen Vernichtung des
europäischen Judentums fast vollständig umgesetzt wurde und die Jüdinnen
und Juden vom größten Teil der Welt nicht davor geschützt wurden, wurde
die bereits seit dem 19. Jahrhundert von Jüdinnen und Juden gestellte
Forderung nach einem eigenen Staat als "sichere Heimstatt", die sie vor
staatlichem und gesellschaftlichem Antisemitismus schützen sollte, von
den Vereinten Nationen anerkannt. Solange Antisemitismus ein weltweites
Phänomen ist und damit eine der zentralen Bedingungen, die die Shoah
möglich gemacht haben, weiterhin wirksam ist, kann die Existenz des
Staates Israel nicht infrage gestellt werden. Und so lange gebührt Israel
in dieser Funktion eine Solidarität, die keinem anderen Staat gebührt.
Über Anti-Zionismus als jüdische Position gegen einen eigenen Staat gab
es vor 1933 eine kontroverse inner-jüdische Diskussion. Mit der Shoah ist
diese Position durch die Geschichte so stark infrage gestellt worden,
dass sie selbst in der israelischen Linken bei aller Kritik an der
eigenen Regierung äußerst marginalisiert ist. Für deutsche Linke stellt
Anti-Zionismus keine Position dar, die diskutiert oder gar vertreten
werden kann. Wenn darin gesellschaftliche NachfahrInnen des TäterInnenKollektivs
den Staat Israel als Konsequenz der Shoah infrage stellen,
dann bagatellisiert dies die deutsche Geschichte und betreibt damit eine
Relativierung der Shoah. Ein deutscher Anti-Zionismus ist zwar
wahrscheinlich nicht immer durch Schuldabwehr motiviert. Oft liegt hier
sicherlich auch der Wunsch zugrunde, den Israel/Palästina-Konflikt
vereinfachend als Auseinandersetzung zwischen "herrschendem Regime" und
"unterdrücktem Volk" zu sehen, um sich dann mit dem "kämpfenden Volk"
identifizieren zu können. Doch unabhängig von der Motivation dienen in
Deutschland öffentlich geäußerte anti-zionistische Positionen in jedem
Fall der Schuldabwehr der deutschen Gesellschaft. Abgesehen davon werden
anti-zionistische Positionen heute oft bewusst als gesellschafts- und oft
szene-fähige Chiffre für antisemitische Inhalte verwendet - in jedem Fall
muss klar sein, dass sie von einem Großteil der Bevölkerung immer als
solche verstanden werden.
Für uns ergibt sich daraus, dass jeder Infragestellung des
Existenzrechtes Israels - selbstverständlich auch innerhalb der eigenen
Szene - entschieden entgegengetreten werden muss. Das bedeutet nicht
umgekehrt die vollkommen unkritische und bedingungslose Unterstützung der
israelischen Staatspolitik und des israelischen Militärs, zumal dies, wie
in Teil 2 bereits erläutert, nur auf andere Weise der deutschen
Schuldabwehr dient. Eine Kritik an der Politik des Staates Israel muss im
Bewusstsein für die Besonderheit dieses Staates formuliert werden und
muss speziell in Deutschland immer reflektieren, inwieweit sie der
Wiederherstellung einer positiven deutschen Identität dient, und
inwieweit sie durch Schuldabwehr mitbestimmt ist bzw. davon vereinnahmt
werden kann.
5.Der Streit um die Fahne
Die offensichtlich nicht auflösbare Widersprüchlichkeit zwischen einer -
vor allem antikapitalistischen und antirassistischen - Kritik an
Nationalstaaten im allgemeinen und der - sich historisch aus der Shoah
herleitenden - Notwendigkeit eines israelischen Staates zeigt sich
aktuell im Streit um das Tragen von Israel-Fahnen auf Demos der deutschen
Linken: Entsprechend Israels Funktion als Zufluchtsort für Jüdinnen und
Juden hat die israelische Fahne als Symbol eine besondere Bedeutung, die
keiner Fahne irgend eines anderen Staates zukommt. Gleichzeitig
symbolisiert diese Fahne auch einen gewaltförmig organisierten
Nationalstaat - wie alle anderen National-Flaggen auch. Ob Israel-Fahnen
auf einer linken Demo oder Veranstaltung politisch Sinn machen, hängt
unserer Meinung nach davon ab, ob im jeweiligen Kontext ihre Bedeutung
als Symbol für einen Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden eindeutig im
Vordergrund steht. Bei Anlässen, bei denen regelmäßig gefordert wird, den
Staat Israel aufzulösen und "die Juden ins Meer zu treiben", z.B. am Al
Quods-Tag oder auch bei einer Nazi-Demo, kann es durchaus sinnvoll sein,
diesen Forderungen mit israelischen Fahnen entgegenzutreten. Auch kann
auf einer Antifa-Demo zu den Verbrechen, die die Wehrmacht vor allem auch
an Jüdinnen und Juden begangen hat, eine israelische Fahne durchaus Sinn
machen.
Aus zwei Gründen werden wir selbst jedoch keine Israel-Fahnen verwenden:
- Auch in Kontexten, in denen die Bedeutung der Israel-Fahne als Symbol
für einen Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden im Vordergrund steht, lässt
sich die Fahne nicht auf diese Bedeutung reduzieren - sie bleibt trotz
allem immer auch eine Nationalfahne. Hier sehen wir die Gefahr, unter dem
Wunsch einer klaren und eindeutigen Positionierung die genannten
Widersprüchlichkeiten derart "aufzulösen", dass eine linksradikale Kritik
an Staat und Nation einfach ausgeblendet wird. Wichtig ist dabei für uns,
dass das Zeigen der Israel-Fahne nicht die einzige Möglichkeit ist, die
Anerkennung Israels als Konsequenz aus der Shoah öffentlich deutlich zu
machen.
- Abgesehen davon ist im Kontext der linken Szene die israelische Fahne
mittlerweile mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen. Während es auf der
einen Seite erschreckend ist, dass von vielen Linken gerade Israel-Fahnen
auf den eigenen Demos per se als Provokation aufgefasst werden, ist es
gleichzeitig inakzeptabel, wie Israel-Fahnen in den letzten Jahren immer
wieder bewusst zur Provokation innerhalb der Szene instrumentalisiert
wurden. Dies widerspricht sich leider nicht: Wenn beispielsweise versucht
wird, sich mit Israel-Fahnen in die ersten Reihen einer Demo gegen
Sozialabbau zu drängen, dann dienen die Fahnen nicht mehr dazu, eine
bestimmte (möglicherweise marginalisierte) Position zum Thema der Demo in
die Öffentlichkeit zu tragen. Hier wird ganz offensichtlich versucht, die
israelische Fahne dafür zu funktionalisieren, eine Position bzw. eine
Identität innerhalb einer Szene-Auseinandersetzung im Kontext der Demo
möglichst machtvoll zu repräsentieren. Durch die direkte Identifizierung
mit dem Staat Israel und die indirekte mit den Jüdinnen und Juden wird
dabei zusätzlich versucht, eine vollkommene moralische Unangreifbarkeit
herzustellen. Dabei wird ein inner-deutscher Konflikt auf dem Rücken
eines Symbols ausgetragen, das (auch) für die Konsequenzen deutscher
Geschichte steht, was diesem Symbol ganz sicher nicht gerecht wird. Durch
diesen inflationären und teilweise offensichtlich bewusst provokativen
Gebrauch von Israel-Fahnen werden diese als Identifikationssymbol von
einer bestimmten Strömung der deutschen Linken vereinnahmt.
Die Widersprüchlichkeit zwischen der Notwendigkeit einer Kritik an Staat
und Nation auf der einen Seite und der Notwendigkeit eines israelischen
Nationalstaates auf der anderen ist für uns der Hauptgrund dafür, selbst
keine Israel-Fahnen zu tragen. Umgekehrt ist es gerade aufgrund dieser
Widersprüchlichkeit vollkommen inakzeptabel, wenn israelische Fahnen
angegriffen werden. Denn ein Angriff auf die Fahne Israels ist eben nicht
nur ein Angriff auf ein nationalstaatliches Symbol, sondern immer auch
ein Angriff auf ein Symbol für die Konsequenz aus der Shoah. Die hier
thematisierte Widersprüchlichkeit muss als Bestandteil linker Politik
gesehen werden, über den innerhalb der Linken eine inhaltliche
Auseinandersetzung stattfinden muss. Versuche, Menschen aufgrund ihres
Tragens von Israel-Fahnen aus linken Zusammenhängen oder Räumen
auszuschließen oder sie sogar gewalttätig anzugreifen, lehnen wir
entschieden ab.
6.Spaltung oder Auseinandersetzung
Was der aktuelle Konflikt braucht, sind nicht identitätsstiftende
Symbole, anhand derer antisemitische von nicht-antisemitischen Linken
unterschieden werden können, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung
über Antisemitismus innerhalb der Linken. Wir machen uns keine Illusionen
darüber, dass bestimmte Teile der Linken diese Auseinandersetzung
weiterhin konsequent verweigern werden, um weiter an ihrem gut-böseWeltbild
festhalten zu können, in dem es nur Herrschende/KapitalistInnen
und ein unterdrücktes Volk gibt. Wenn sich dieses Weltbild in
antisemitischen Formen konkretisiert, indem zum Beispiel der Nah-OstKonflikt
als Auseinandersetzung zwischen einem faschistischen Staat
Israel und dem revolutionären palästinensischen "Volk" verstanden wird,
dann sehen wir keine Basis für eine weitere politische Zusam-menarbeit
gegeben. Umgekehrt sehen wir auch keine Grundlage für eine gemeinsame
politische Praxis mit denjenigen Linken, in deren eindimensionaler
Weltsicht Antisemitismus so sehr zu dem einen Hauptwider-spruch geworden
ist, dass sie immer öfter keine Probleme mehr damit haben, zum Beispiel
rassistische und sexistische Inhalte zu vertreten. Auch hier machen wir
uns keine Illusionen darüber, dass diese Fraktion so sehr in ihrem gutb
öse-Weltbild aufgegangen ist, in dem es außer ihnen selbst nur
Antisemiten bzw. außer einer bedingungslosen Solidarität mit der
israelischen Politik nur antisemitischen Israelhass gibt, dass von ihnen
keine Auseinandersetzung mit dem eigenen Rassismus und Sexismus zu
erwarten ist.
Die aktuelle Tendenz in Teilen der Linken, in Konflikten über
Antisemitismus sowie Israel/Palästina die jeweils andere Seite nicht mehr
als Linke zu betrachten (oder Linkssein per se als antisemitisch zu
betrachten und sich selbst nicht mehr dazuzuzählen), dient meistens vor
allem dazu, eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung zu umgehen.
Nicht selten dient sie auch der Legitimation für das Übertreten von
Mindeststandards für eine innerlinke Auseinandersetzung (wie z.B. dass
solche Auseinandersetzungen nicht mit körperlicher Gewalt geführt
werden).
Die sich momentan verschärfende Praxis, Menschen pauschal allein aufgrund
ihrer Teilnahme an bestimmten Demos oder Veranstaltungen körperlich
anzugreifen, aus linken Zusammenhängen auszuschließen, oder mit dieser
Begründung Hausverbote für irgendwelche Orte zu verhängen, halten wir für
absolut inakzeptabel. Wer sich eindeutig antisemitisch, rassistisch,
sexistisch oder homophob äußert und dies auf Nachfrage hin rechtfertigt,
hat in linken Zusammenhängen nichts verloren - selbstverständlich gilt
das auch für die Rote Flora. Unsere Auseinandersetzung mit Antisemitismus
in der Linken in den letzten Monaten soll auch dazu führen,
antisemitische Äußerungen in Zukunft klarer als solche benennen und
praktische Konsequenzen daraus ziehen zu können. Doch Versuche, jetzt
aufgrund der aktuellen Zuspitzungen in der Auseinandersetzung kollektive
Bestrafungen einzuführen, werden wir nicht mittragen. Hier zeigt sich,
dass das Problem in der momentanen Auseinandersetzung nicht nur in einem
zu ungenauen oder zu oberflächlichen Begriff von Antisemitismus liegt,
sondern auch in einem zu undifferenzierten, pauschalisierenden, nicht
selten allein auf Gerüchten basierenden Umgang mit konkreten Vorfällen
innerhalb dieser Auseinandersetzung.
Das Ziel, das vorrangig angestrebt werden muss, ist ein Prozess der
(Selbst-)Reflexion über Antisemitismus innerhalb der Linken, der auch
praktische Konsequenzen hat. Und diesem Ziel werden wir unserer
Einschätzung nach deutlich eher durch eine kollektive inhaltliche
Auseinandersetzung näherkommen als durch ständig weitere Ausgrenzungsund
Spaltungsprozesse, die meistens vor allem der eigenen
Identitätskonstruktion und Selbstvergewisserung dienen - auch wenn
Grenzziehungen aus oben genannten Gründen eine politisch notwendige
Konsequenz sein können. Die alte "Mensch oder Schwein"-Mentalität, die in
der aktuellen Auseinandersetzung wieder neu aufgelegt wird, ist selbst
Zeichen einer höchstens oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Logik
des antisemitischen Denkens.
Der neutestamentarische Satz: "Wer nicht für mich ist, ist wider mich"
war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen (Theodor W.
Adorno, 1944).
Plenum der Roten Flora, Juli 2004
*** nadir-aktuell-abo -- Aboliste mit Nachrichten von http://www.nadir.org
*** Beitraege: nadir-aktuell@nadir.org / Redaktion: nadir-aktuell-red@nadir.org
nadir-aktuell-abo mailing list
nadir-aktuell-abo@lists.nadir.org
https://lists.nadir.org/cgi-bin/mailman/listinfo/nadir-aktuell-abo
|