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ÖKOLINX-ARL IM RÖMER
Stadtverordnetenfraktion
Bethmannstr. 3
60311 Frankfurt/Main
Frankfurt/Main, den 19.11.2003
Jutta Ditfurth
" Der Haushalt der städtischen Terrorgruppe aus CDU/SPD/Grüne/FDP
ist ein Haushalt des sozialen Grauens!"
Rede zur Einbringung des Haushalts 2003 durch den Stadtkämmerer
in der Stadtverordnetenversammlung 16.10.2003
[Anmerkung: die Rede wurde durchgehend von Gebrüll aus der CDU-Fraktion
gestört, empörte Zwischenrufe aus den Fraktionen der Grünen, der SPD
und der FAG kamen dazu]
Ich wünsche einen guten Abend trotz dieser ach so mitreissenden
"Sternstunden" dieses Parlaments.
Was uns der Kämmerer dieser städtischen Terrorgruppe von
CDU-SPD-Grünen-FDP hier vorlegt, ist ein Haushalt des sozialen Grauens!
[Wütende Zwischenrufe, Tumulte, Turbulenzen im Präsidium, eine Rüge,
noch 'ne Rüge ... ]
Welche Worte rügen Sie? 'Soziales Grauen'? 'Städtische Terrorgruppe' ...?
[Noch ne Rüge, Androhungen ... Aufforderung: "Zähmen Sie sich ..." etc.]
Na gut, dann sag ich eben: Diese Gruppe des Schreckens ... wissen Sie was
Schrecken auf lateinisch heisst? Terror. Also, die städtische Terrorgruppe...
[Gebrüll]
Lässt sich Schrecken verbieten?
[Schwere Unruhe, Dazwischengebrüll, unverständliche Vorhaltungen aus dem
Präsidium ...]
Die Einbringung des Haushalts ist ein ziemlich ausgeleiertes Ritual.
Der Stadtkämmerer seufzt über eine Stunde am Redepult.
Die Oberbürgermeisterin dankt dem Stadtkämmerer.
Und alle danken den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, denen sie mit diesem
Haushalt mit Versetzung, Abqualifizierung und Entlassungen drohen.
Eigentlich ist, im bürgerlichen Ideal, die Haushaltseinbringung der Moment
in einem kommunalen Parlament, in dem alle Fraktionen, den fetten
Haushaltsentwurf frisch vor sich, erklären sollten, wie ihre Perspektive
für die Zukunft der Stadt aussieht. Nichts davon fand heute hier statt.
[Anmerkung: Nach dem Stadtkämmerer reden die Fraktionen in der Reihenfolge
ihrer Fraktionsgrösse: CDU - SPD - Grüne - FDP - Rep - FAG - PDS - BFF -
ÖkoLinX-ARL - E.L.; die Sitzung begann um 16 Uhr, ÖkoLinX-ARL war um 22 Uhr
dran]
Die OB redet von der Finanzlage aller Städte und profiliert sich aus
Frankfurt hinaus. Dann beklagt sie die spezifisch traurige Finanzlage
Frankfurts. So redet sie hier und im Städtetag. Aber wie redet Frau Roth in
den gesellschaftlichen Kreisen der Oberschicht, in denen sie so gern
verkehrt? Packt sie die Steuerhinterzieher am Kragen? Hält sie ihren
Freunden Kapitaleignern, Aufsichts- und Vorstandsmitgliedern, den Managern
Brandreden gegen Kapitalflucht, Spekulation, millionenschwere Abfindungen,
Profitraten, lächerlich niedrige Steuersummen etc. etc.?
Kann sich das hier irgendwer hier im Haus wirklich vorstellen?
Die Oberbürgermeisterin verkehrt problemlos genau in den Kreisen die die
öffentliche Hand brutal aushungern. In denen man durch massiven Einfluss auf
die staatstragenden Parteien, selbst auf die sieht man verächtlich herab,
die Steuergesetzgebung so zu eigenen Gunsten beeinflusst, dass der Reichtum
der einen obszön anschwillt während die anderen gedemütigt und perspektivlos
verrecken.
Das würde mich wirklich interessieren, Frau Roth: Wie reden Sie in Kreisen
des Kapitals? Passen Sie sich an? Unterwerfen Sie sich? Ein bisschen
aufmüpfig, aber immer im Rahmen starrer Konventionen und unendlich dankbar
wenn statt höherer Steuern ein bisschen Ablass für Profit und Gier in Gestalt
von Sponsoring bezahlt wird? Dann gibt's gleich einen Empfang oder 'ne
Urkunde.
Jedes Jahr hören wir: dass Frankfurt anders ist als alle anderen Städte.
Das ist zum Teil richtig. Es wird sicher mehr geblufft und mehr
hochgestapelt als in vielen anderen Städten. Hinter den Kulissen der
Hochhäuser wachsen unterdessen Armut und Gewalt.
Wieviel Aggression und Abscheu in Ihren Kreisen, wenn
SozialhilfeempfängerInnen mal bescheissen oder
ArbeitslosenhilfeempfängerInnen verständlicherweise keinen Bock auf
Drecksarbeit haben, nicht auf Telefonterror im Callcenter, nicht auf Kisten
schleppen oder Teer schaufeln, nicht auf nervenzerrenden Akkord.
Wieviel Bewunderung und Neid in Ihren Kreisen und in Ihrer CDU-Fraktion -
aber in anderen Fraktionen -, wenn Ihre Freunde in Wirtschaftskreisen hohe
Renditen abzocken, sich an obszönen Aktiengeschäften oder Investments
beteiligen. Extraprofite funktionieren nur - das ist ihre innere Logik -
auf den Knochen anderer. Wer da das grösste Schwein oder der fleissigste
ideologische Mitläufer ist, kriegt auf Ihren Vorschlag hin, dann auch mal
das Bundesverdienstkreuz.
Ja, es gibt die Finanzkrise der Städte. Wer ist schuld? Regierungen -wie
selbst die Naivesten seit 1998 begreifen können - unabhängig ob SPD/Grüne
oder CDU/FDP die Bundesregierung stellen, Regierungen, die im Kapitalismus
stets ihren eigentlichen Auftrag erfüllen: dem Kapital einerseits die
Profite und anderseits die soziale Friedhofsruhe zu sichern.
Die Klügeren unter ihnen wissen genau, was sie tun: Kapitalinteressen
erfüllen und zwischen bestimmten Kapitalfraktion ausgleichen und zugleich
dem Publikum, dass in Deutschland seine Henker stets besonders untertänig
selbst wählt, vorspielen, man verträte seine Interessen. Die Dümmeren unter
Ihnen glauben letzteres.
Ursache der Finanzmisere, die auf den Knochen der Lohnabhängigen und der
Ärmsten ausgetragen wird, - wollen wir nicht gleich vom Kapitalismus, seiner
Herrschaft und seinen Krisen reden - ist u.a. die extrem niedrige
Steuerlast für Banken und Grosskonzerne.
Wie sagt Frau Roth gern? "Ursachen dafür sind zu niedrige Einnahmen" - und
wer lässt die zu? Ihre Partei, die CDU. Unter anderem. Auf Bundesebene SPD
und Grüne. Welchem Zweck dient die gegenwärtige Umstruktierung der
Finanzbehörden in Hessen durch CDU und FDP? Die Herren in den Banken fühlten
sich belästigt, die grossen Steuerbetrüger wollen ungestört sein und rufen
ihre Marionetten zu Hilfe, plaudern ein paar klärende Sätze beim Abend im
Frankfurter Rennclub, dem die Landesregierung die Schmiergeldern in ihrem
Streichhaushalt nicht streichen wollte. Und die Marionetten, die Kumpane,
eilen herbei, wenn das Kapital schlechte Laune hat - egal ob sie nun Koch
oder Clement heissen.
Die Situation ist nicht, wie Frau Roth bei der Einbringung des Haushalts
2003 sagte, "seit Jahren schief, und zwar zu Ungunsten der Städte".
Aber auch Bund und Land sind betroffen. Innerhalb der öffentlichen Haushalte
gibt es dann auch noch Verteilungskämpfe zu Lasten der Städte. So ist die
Logik.
Die CDU/SPD/Grüne/FDP-Stadtregierung steht der Bundesregierung in nichts
Schlechtem nach:
- wo die einen Millionen Menschen eine sichere Zukunft im Alter rauben,
- wo diese Bundesregierung wie Karies an den Gebissen der Menschen nagt,
- wo SPD und Grüne in Berlin wissentlich dafür sorgen, dass kinderreiche
Familien, Alte, ärmere Menschen künftig Arztbesuche aufschieben werden bis
der Schmerz chronisch geworden ist oder das Gelenk kaputt und die
Lebensfreude zerstört.
Da ist die städtische Terrorgruppe aus CDU/SPD/FDP und Grünen nicht einen
Deut besser.
Die höchste Wachstumsrate haben verschleiernde Phrasen:
Phrase 1: "Wir haben einen Reform-Stau".
Reform, das Unwort der letzten Jahre. Die Androhung von sozialer Gewalt,
statt von Verminderung sozialer Leiden. "Reformstau" klingt wie 'ne
verstopfte Kloleitung. Heisst übersetzt nur, dass die Peitschenhiebe gegen
Lohnabhängige, Alte, MigrantInnen, Arme noch nicht hart genug fallen;
Phrase 2: "Es kann nicht mehr alles beim Alten bleiben".
Das sagt z.B. Frau Roth gern, wenn ein Haushalt eingebracht wird. Bullshit.
Inhaltsleer. Übersetzen wir es mal: Denn was ist das 'Alte'? Die
Solidargemeinschaft, ihre kläglichen Reste? Dann ist das Alte besser. Das
Neue sind Arme, die sich schuldbewusst mit ihrer Lage abgefunden haben?
Dann weg mit diesem Neuen!
Phrase 3: "Wir sitzen alle im gleichen Boot".
Letztes Jahr die Lieblingsphrase von Herrn Becker, dem
CDU-Fraktionsvorsitzenden. Die abgelutschteste Phrase von allen.
Wer rudert und wer lässt sich rudern? Wen rettet der Hubschrauber bei 'ner
Krise, nem Loch im Boot, und wer säuft ab?
Noch nie hat sich einer solidarisch und aktiv und kämpferisch an die Seite
der rassistisch Diskriminierten oder sozial Schwächsten gestellt, der zuvor
die zutiefst ideologische Phrase vom Boot verwendet hat! Die Boots-Metapher
bleibt die Eintrittskarte in den Kreis der Herrschenden und ihrer Mitläufer.
Frau Roth freute sich letztes Jahr:
dass Kommunalpolitiker von CDU, SPD, FDP und Grünen "gleich denken, auch
wenn wir unterschiedliche Parteibücher haben".
Ist das nicht schön, wie da über die desolate Lage lamentiert wird,
während gleichzeitig die eigenen Parteifreunde in Berlin und Wiesbaden die
Scheisse anrichten?
Das Mitgefühl mit den Opfern ihrer Kapitalhörigkeit hat allerspätestens
seine Grenzen - sofern es welche gibt - wo es um die eigenen
Parteikarrierren geht. Kein Mitglied der CDU-Fraktion hier im Haus, dass
auf Landesebene noch sogenannte Bedeutung erlangen will, wird jemals
Roland Koch wirklich kritisieren. Sie sind vollkommen unfrei. Falls sich
kritische Gedanken überhaupt noch einstellen. Wir haben ja bei anderen
Gelegenheiten festgestellt, dass die Ihre kapitalhörige und staatstragende
Mentalität die Zensur nicht braucht.
Auch Lutz Sikorski, der Fraktionschef der Grünen oder Ann Anders würde
niemals die Sozialstaatszerstörer und Armut-Macher ihrer Partei in der
Regierung kritisieren. Niemals ein notwendig hartes Wort gegen
Göring-Eckart, Scheel oder gegen den sozialpolitischen Azubi Josef Fischer.
Der parteipolitische Opportunismus steht in diesem Haus immer höher als der
Inhalt.
Auch Petra Roth, die politisch gern die Region verlassen möchte, die über
der Armut im Land, die da auf uns zurollt, gern am besten mit Flügeln
bundespräsidieren würde (was wohl nicht klappt) und die wie jeder aus der
CDU-Fraktion, der noch in den Landtag flüchten will, sich niemals gegen die
eigene Partei entscheiden und zugleich für die Menschen im Land, denen es
dreckiger und dreckiger geht.
Nicht von ungefähr ist SOLIDARITÄT in der deutschen Sprache ein Fremdwort
und UNTERTAN nicht.
Was sind Ihre ewigen Lösungsvorschläge? Mehr soziale Kürzungen! Mehr Lasten
an Land und Bund! Kein Kampf, niemals echter Widerstand, kein Beispiel
nehmen zum Beispiel an Liverpool. O-Ton Frau Roth zum Haushalt 2003:
"Wir brauchen in den deutschen Kommunen (...) Eine Wirtschaftspolitik, die
Leistung honoriert und den Unternehmen Mut zur Investition macht."
Wessen Leistung? Die der Mehrwertschaffenden? Der Arbeitenden? Die meinen
Sie nie.
Hinter der abgelutschten Floskel von der 'zu honorierenden Leistung', die
auf jedem CDU-Parteitag rauf und runtergebetet wird, steckt die
Aufforderung: noch mehr zerschmettern vom desolaten restlichen Sozialstaat,
noch mehr Beute schaufeln in die Rachen der reichen Freunde.
Und vielleicht - alte Ideologie auch der SPD seit Ebert - vielleicht
krümelt dann was runter vom Tisch dieser Reichen.
*
Jahrzehnte, es nannte sich "Kalter Krieg", profitierten die Menschen hier
im Land von der Konkurrenz politischer Systeme. In Verbindung mit ihrer
Widerstands- und Kampfbereitschaft konnten Arbeitszeitverkürzungen
durchgesetzt, Niedriglohnarbeitsplätze für Frauen abgeschafft und
moderate Demokratisierungen im Betrieb und anderswo durchgesetzt werden.
Ich bin Linke geworden in Kritik dessen was sich in der DDR Sozialismus
nannte, Linke geblieben in harter Auseinandersetzung mit der Sowjetunion;
die Beteiligten könnten es ihnen immer noch bestätigen. Aber diese
Systemkonkurrenz zwischen dem was sich Sozialistische Staaten nannte und den
kapitalistischen Staaten nützte den Lohnabhängigen, dem Subproletariat, den
Marginalisierten, der unteren Mittelschicht. Für die Befriedung in der BRD,
mussten soziale Zugeständnisse gemacht werden, die es anderenfalls nie
gegeben hätte und die jetzt abgeräumt werden.
Solange es keine solche Konkurrenz gibt, müssten die Lohnabhängigen noch
mehr Kampfbereitschaft aufbringen als in Deutschland je zuvor. Das ist
nicht so.
Auch darum wurde zum Beispiel "mal abgesehen von eigenen Fehlern" die
IG Metall gedemütigt.
Damit es die notwendige Revolte, die Massenstreiks und Verweigerungen nicht
gibt, brauchte es Gehirnwäsche. Wozu gibt's schliesslich Massenmedien?
In wie wenigen Jahren ist den Menschen eingeredet worden, dass das
Standortinteresse, also das Interesse des Kapitals, ihr eigenes, ganz
persöhnliches ist? Wie brutalstmöglich ist Millionen Menschen die Hoffnung
genommen worden, das ihr einziges Leben glücklicher, sorgenfreier,
selbstbestimmter sein könnte? Aber wahrscheinlich glauben Sie an die
Reinkarnation der Betroffenen?
Diese vielfach gespaltene Gesellschaft kompensiert diese Niederlage mit
Ellenbogenkämpfen, Antisemitismus, Rassismus, imperialer Arroganz und
selbst ein Fussballfilm wie das "Wunder von Bern" wurde am Wochenende vom
Regisseur Sönke Wortmann, nach Selbsteinschätzung früher ein Linker, als
Aufforderung zu mehr deutschem "Pathos" und "neuem Nationalstolz"
angepriesen, ohne dass er die verdienten Prügel kriegt.
Bei soviel Krise im Innern kann die Welt von Deutschland wieder mal nur
Gutes erwarten: Mehr Raub und Plünderung im Trikont, der sog. Dritten Welt
und im ehemaligen RGW-Block, dem Gebiet der sogenannten EU-Erweiterung,
mehr Kriegseinsätze, mehr imperialistischen Terror gegen Schwächere. Eine
historisch bewährte Lösung zur Dämpfung sozialer Krisen im Innern
Deutschlands.
Die Grünen haben schon lang nichts mehr über die Frauenbefreiung in
Afghanistan erzählt. Mag daran liegen, dass die Lage der Frauen kaum besser
als unter den Taliban ist. Ist ja egal. Frauenbefreiung und Naturfrage sind
nur noch schmutzige Alibis für den raubbeuterischen Krieg Eurer Regierung.
Sogar die PDS, die Partei des demokratischen Sozialismus, "ich wiederhole:
Sozialismus", hat in der letzten Sitzung, zusammen mit den unsichtbaren
angeblich existierenden SPD-Linken unseren Antrag abgelehnt, städtisches
Eigentum und Eigenbetriebe nicht weiter zu privatisieren.
Es sind stets Leute, die sich Linke nennen, die feige kneifen, weil sie in
der SPD noch was werden wollen, weil sie sich mit ihrer eigenen Taktik
selbst reinlegen, superschlau den Kapitalismus zähmen zu wollen, ohne dass
der es merkt.
Und die PDS? Mit ihrer Affenliebe zur SPD spielt sie hier im Parlament den
mehrheitsbeschaffenden Wurmfortsatz der SPD - Eure Stimmen kriegt die SPD
stets geschenkt! Dass damit seit fast drei Jahren 'realpolitische'
Machtmöglichkeiten der kleinen linken Opposition verspielt werden, sei
betrübt am Rand vermerkt. Ich hab genug Erfahrung und Phantasie mir
vorzustellen, welche Hebelwirkung auch eine sehr kleine linke Opposition in
diesem Parlament spielen könnte, bekäme die SPD die beiden Stimmen der PDS
nicht permanent für lau geschenkt.
*
Es gibt einen heimlichen Konsens in diesem Haus, die Krise und die
Haushaltslage auch dafür zu nutzen, dass die Stadt Frankfurt dem Kapital
ausgeliefert wird. Stück für Stück, Eigenbetrieb für Eigenbetrieb,
Grundstück für Grundstück.
Die substantielle, stoffliche Auslieferung wird begleitet von scheinbar nur
symbolischer:
Fast wäre es im Nordend auf Antrag der SPD, unterstützt von CDU und FDP und
zunächst auch den Grünen, gelungen, dass die Firma Merz Chemie einen Strasse
nach ihrem Eigner Friedrich Merz benennen lässt und die Marschnerstrasse den
Namen ihres Komponisten unverdient verliert.
Erst als ÖkoLinX-ARL in wochenlanger Recherche den Nachweis geführt hatte,
das Friedrich Merz NSDAP-Mitglied war und dass selbst die Statuten dieser
Stadt - noch! - empfehlen, dass nach so einem in Frankfurt keine Strasse
benannt wird, wurde die Abstimmung ausgesetzt. Nur ausgesetzt! Aus
unterwürfiger Dankbarkeit, dass Merz Arbeitsplätze bietet - natürlich nur
aus Altruismus - ,wäre eine Strasse im Nordend im Jahr 2003 fast nach einem
Nazi neu benannt worden.
Wie praktisch dass der Betriebsratsvorsitzende bei Merz zugleich
SPD-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat ist. Übel werden kann einer, wenn
mensch weiss, dass die Anträge aus Peinlichkeit - die Presse berichtete
hier
sehr aufmerksam und kritisch - zwar nicht behandelt wurden, aber bis heute
nicht zurückgezogen wurden.
Da warten die üblichen Verdächtigen wohl auf Papierchen der Firma Merz, die
belegen sollen, dass Friedrich Merz ein heimlicher Widerstandskämpfer war
und Juden versteckt hat. Ja, Deutschland, ein Land von 80 Millionen
heimlichen Widerstandskämpfern und so viele Juden, wie "Arier" versteckt
haben wollen, lebten in Deutschland leider nie.
*
Was tickt bei Ihnen nicht richtig, dass Sie keinen Ekel empfinden angesichts
von soviel Reichtum Weniger?
Dass sie scheintot sind und vollständig empathiefrei, angesichts von
versifften Wohnungen, Mangelernährung von Kindern, Wohnsitzlosen unter
Glaspalästen?
Dass nicht wenigstens der halben SPD-Fraktion mulmig wird, wenn ein
Bürgermeisterposten für die SPD mit der Schliessung von Stadtteilbüchereinen
bezahlt wird? Wie fühlt man sich da, Herr Vandreike? Ist es das wert, werte
SPD-Fraktion? Immer mehr Stadtkohle in die Überwachung und immer weniger in
soziale Hilfe und in selbstbestimmte Projekte?
Viele Menschen ausserhalb dieses Hauses wenden sich längst mit Grausen ab.
Als Linke kann ich einerseits sagen: Desillusionierung ist gut. Es gibt
noch zuviele Menschen, denen sie erfolgreich eingehämmert haben, dass eine
wirklich humane Gesellschaft, eine menschliche Stadt nicht möglich ist.
Aber die andere Seite der Entwicklung ist: in Deutschland, diesem Stammland
der Untertanen, bewirkt die Krise nie emanzipatorischen Lösungen, sondern
immer repressive, inhumane, autoritäre. Im Osten des Landes, und da bin ich
oft, sind Dörfer und auch etliche Städte unter faschistischer Hegemonie...
[Zwischenrufe, empörtes Gegröhle]
... im Westen sind es vorläufig "nur" faschistische Milieus, aber sie wachsen
und auch sie haben ihre ideologischen und materiellen Scharniere ins Bürgertum.
Die braune Scheisse wächst zusammen, was zusammengehört wächst zusammen,
und hier in Frankfurt glaubt man sich auf einer aufgeklärten Insel. Sie
werden sich, fürchte ich, noch wundern.
Schauen Sie sich doch z.B. hier im Raum um! Lassen wir ausnahmsweise jetzt
mal die rechtsextremen Anteile der CDU aus der Diskussion und die der FDP.
Beobachten Sie zum Beispiel, wie Wolfgang Hübner von der BFF vorgeht:
- mit völkischem Populismus
- wortreich eingenebeltem Rassismus
und
- kleinen Aktionsmethoden abgekupfert aus den neuen sozialen Bewegungen
wird er z.B. von der Frankfurter Neuen Presse nach oben gehievt wie weiland,
dort in grösserem Massstab, Ronald Schill von der Hamburger Boulevardpresse.
*
Oh, wenn mal wieder gelobt wird, wie selbstlos Bürger der Stadt mit ihrem
Vermögen Gutes tun - ob Hertie-Stiftung (Vermögen und Extraprofite aus
Arisierung) und die Hessische Landesbank (HeLaBa) den Wiederaufbau der Alten
Stadtbibliothek von 1840 bezahlen oder nicht: wär's nicht besser, die
zahlten angemessen hohe Steuern und die öffentliche Hand - also gewählte
VertreterInnen nicht irgendwelche LobbyistInnen oder SponsorInnen -
entschieden, was mit unserem Geld gemacht wird?
Wär's nicht besser, statt des teuren Baus blieben alle Frankfurter
Stadtteilbüchereien lebendig und würden ausgebaut?
Wär's nicht humaner, die zahlten bessere Löhne und beuteten Lohnabhängige
und unter ihnen vor allem MigrantInnen nicht aus?
Sind es nicht die gleichen 'ehrenwerten Bürger', die keine oder kaum Steuern
zahlen und für etwas Ablass-Sponsoring den Kniefall städtischer
PolitikerInnen verlangen und stets erhalten?
Der Kämmerer hat bei der Einbringung des Haushalts 2003 gesagt: "Das Geld,
das hier ausgegeben werden muss, ist gut angelegt, weil es uns vielleicht
später vor höheren sozialen Kosten bewahren wird." Was für ein Zynismus!
Immer wieder wird, ob von der CDU, der FDP, den Grünen oder von Partei
Eberts und Noskes (manchmal weiss ich nicht, wer schlimmer war) aber auch
neulich von der FAG argumentiert, dass Geld für soziale Einrichtungen für
Kinder und Jugendliche sein müsse, weil sonst die künftigen Kosten für
soziale Konflikte stiegen. - Denken Sie manchmal noch darüber nach was sie
da sagen oder hat diese prädikatorische Polizeistaatslogik schon alle grauen
Zellen vergiftet?
Eine Stadt hat Kinder und Jugendliche zu fördern, damit diese glücklich und
gesund aufwachsen! Damit sie, ohne Ansehen ihrer sozialen Herkunft, alle
Chancen haben, sich zu zufriedenen sozialen, freien, selbstbestimmten Wesen
zu entwickeln.
Die Mosaiksteine für ein besseres Leben für Kinder zerstört die Stadt seit
Jahren, Schritt für Schritt:
- die Ausdörrung und Schliessung der Stadtteilbüchereien
- der Plan, Schwimmbäder zu schliessen
- Erhöhung von Gebühren allerorten
- ewige Wartelisten für Krippen, Kitas und Horte und ihre personelle
Ausdünnung
- Schliessungen wie die der Kita 80 (dazu hinter dem Rücken des Parlaments)
- mickrige, unökologische Essensversorgung (und Schliessung der
Küchenbetriebe)
- heruntergekommene Schulen, stinkende Klos, marode Bausubstanz
- entgegen allen Behauptungen nur lächerlich geringe Förderung von
Migrantenkindern, nur deshalb füllen die die diskriminierenden,
rassistischen Sonderschulen
- die Privatisierung der Kinder- und Jugendhilfe
- wieviel selbstverwaltete Jugenzentren, wieviel Jugendzentren auf wieviel
Jugendliche?
- Ghettosierung von Frankfurter Stadtteilen.
Herr Stadtkämmerer, dass ich diesen Kapitalismus nicht will, weil er den
Menschen zerstört und die Natur, von der der Mensch lebt, wissen Sie. Auf
dieser Ebene greife ich Ihren Haushaltsentwurf diesmal nicht an. Aber selbst
immanent betrachtet, ist dieser Haushalt des sozialen Grauens ein Haushalt
nicht ihrer persönlichen aber einer strukturellen Ohnmacht. Ein Haushalt,
für den Ihnen nur diejenigen danken können, die davon profitieren - die
städtischen Gruppen mit einflussreichen Lobbys im Magistrat und in den
regierenden Fraktionen.
Dagegen werden wir Widerstand organisieren!
Wenn Sie meinen Beitrag als Kampfansage gegen Ihren Haushalt verstehen,
werte Parlamentsmehrheit, überhaupt nicht geschätzte, städtische Terrorbande
aus CDU/SPD/Grüne/FDP, dann haben sie mich endlich mal richtig verstanden!
- Die Rede wurde aus Zeitgründen im Parlament gekürzt vorgetragen.
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