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Aktion Zivilcourage Pirna: Infomail (393) 20.02.2008

Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer persönlichen Information.


Aktion Zivilcourage e.V.
Geschäftsstelle: Lange Straße 43 | 01796 Pirna
Postanschrift: Postfach 100228 | 01782 Pirna
Fon: +49 (0) 35 01 - 46 08 80 | Fon: +49 (0) 35 01 - 4 61 41 64 Fax: +49 (0) 35 01 -46 08 81 | VoIP: +49 (0) 35 01 - 76 70 80 E-Mail: post ät zivilcourage-pirna.de | www.aktion-zivilcourage.de Kontaktformular: http://www.aktion-zivilcourage.de/Kontakt.421/


In dieser Ausgabe:

  1. CANNABEAT AM 22.02.
  2. ERINNERUNG AN DIE REICHSPROGROMNACHT IN PIRNA
  3. NOCH FREIE SCHÜLERPLÄTZE FÜR GEDENKSTÄTTENFAHRT NACH AUSCHWITZ
  4. GLÄSERNES ERINNERN
  5. "SIEHDICHUM"
  6. "WAS DANN LOSGING WAR UNGEHEUERLICH..."
  7. "DAS HAT ES BEI UNS NICHT GEGEBEN"
  8. FORUM FRAUENKIRCHE
  9. BERUNRUHIGENDE NEUERSCHEINUNG
  10. UNTERSTÜTZEN SIE UNSERE ARBEIT
  11. PRESSESCHAU

  1. | :: CANNABEAT AM 22.02. ::

Am 22.02. startet ab 21 Uhr wieder die Indie-Party cannabeat im Jugendhaus Hanno Pirna (Hohe Straße 1).

Musikalisch gesehen hat Jede/r die Wahl: im Saal heizt Star-DJ Mr. Nap & God ein - im 2. Floor gibts das DJ-Battle zwischen den Chaos Freaks und DJ Han(ne)s.

Karten für die Party gibts ab dem 15.02. an den altbekannten Vorverkaufsstellen - im T-Partner (Breite Str. 5), Hanno Pirna (Hohe Str. 1), im Büro der Aktion Zivilcourage (Lange Str. 43) und an vielen Schulen. Kartenpreis im Vorverkauf 1,50 ¤ und an der Abendkasse 2,50 ¤.


2. :: ERINNERUNG AN DIE REICHSPROGROMNACHT IN PIRNA ::

Neue Gedenktafel soll Pirnaer und Gäste zum Innehalten anregen Die Reichspogromnacht gehört zu den dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte. Die als "Reichskristallnacht" bekannte systematische Zerstörung und Vertreibung jüdischen Lebens markiert eine neue Qualität im Umgang der Nazis mit diesem Bevölkerungsteil.

Auch in Pirna kam es in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zu brutalen Angriffen auf die jüdische Bevölkerung.
In den frühen Morgenstunden werden vier Geschäfte zerstört - je zwei am Markt und in der Breiten Straße. In Folge dessen werden fast alle Juden aus Pirna vertrieben.

Das Kuratorium Altstadt Pirna plant eine Gedenktafel zur Erinnerung an diese schrecklichen Ereignisse auzustellen.

Standort wird das Eckgebäude Am Markt14. Der Hausverwalter stimmte dem Vorhaben bereits zu. Die Wahl fiel nicht ohne Grund auf das Haus: Dort befand sich damals das Konfektionsgeschäft von Wolf Jurmann. Direkt gegenüber, wo heute das Schuhgeschäft Eppstädt ansässig ist, war der zweite jüdische Laden in der Altstadt - nämlich das Fachgeschäft von Bruno Weiler.

Wie die Gedenktafel für Pirna einmal aussehen soll, darüber gibt es zwar schon Vorstellungen. Ein genauer Entwurf ist aber erst für Frühjahr geplant. Ebenfalls noch ungewiss ist die Finanzierung des Projekts. Es wird mit einer Summe von 3000- 5000¤ gerechnet. Finanziert werden soll das Projekt vor allem aus Spendengeldern, die sich die Initiatoren des Kuratoriums Alstadt von Pirnaer Bürgern und ansässigen Unternehmen erhoffen. Spätestens im November soll die Gedenktafel enthüllt werden, denn dann jährt sich die Reichspogromnacht zum 70. Mal.

Das Kuratorium Altstadt Pirna ist ein gemeinnütziger Verein, der aus seinem Spendenfonds Beihilfen für vorbildliche denkmalpflegerische Leistungen (Instandsetzung historischer Haustüren, Fenster, Schmuckelemente ...) bereitstellt. Die Vergabe der Mittel erfolgt nach fachlich fundierten Maßstäben. Bitte unterstützen Sie dieses Anliegen. Bei einer Spende auf unser Konto erhalten Sie eine steuerabzugsfähige Spendenquittung.

Ostsächsische Sparkasse Dresden
BLZ 850 503 00
Konto-Nummer: 3 000 009 611

Näheres unter: www.kuratorium-altstadt-pirna.de


3. :: NOCH FREIE SCHÜLERPLÄTZE FÜR GEDENKFAHRT NACH AUSCHWITZ ::

Jeder hat das Wort "Auschwitz" schon einmal gehört, und im gleichen Wortlaut Judenverfolgung und Holocaust. Um jüdisches Leben - heute und damals - greifbar zu machen, laden wir, die Aktion Zivilcourage e.V., Jugendliche vom 2.-6. März auf eine Spurensuche ein....

Aufgrund der hohen Nachfrage wurden zusätzliche Plätze geschaffen. Somit können sich interessierte Schülerinnen ab 16 Jahren noch für die fünftägige Bildungsfahrt im März bewerben!
Das ausführliche Programm finden Sie auf unserer Internetseite www.aktion-zivilcourage.de

Anmeldungen bitte an :
Aktion Zivilcourage e. V
Ihre Ansprechpartnerin: Luise Quaas
Postfach: 100228/ 01782 Pirna
Fax (0 35 01)767080
Mail. l.quaas ät aktion-zivilcourage.de
Nach Anmeldung erhaltet Ihr dann eine Bestätigung und müsstet uns bitte bis spätestens 15. Februar den Teilnehmerbeiträge von 20,- ¤ überweisen.

Die Gedenkfahrt wird organisiert von der der Aktion Zivilcourage e.V. und gefördert von der der Friedrich Ebert Stiftung.


4. :: GLÄSERNES ERINNERN ::

Kunstprojekt "Drei Denk-Orte in Dresden" von Marion Kahnemann

Die Künstlerin Marion Kahnemann möchte an drei ausgewählten Plätzen in Dresden die Schaffung eines Ortes des Nachdenkens und der kreativen Verstörung anregen. Diese Orte sollen daran erinnern, wie eine ganze Bevölkerungsgruppe durch schrittweise Ausgrenzung zunehmend unsichtbar gemacht wurde und damit das Gewissen nicht mehr belastete.

Ziel meines Kunstprojektes ist es, nicht nur die öffentliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zur Zeit des NS-Regimes zu visualisieren und damit bewußt zu machen, sondern auch für heutige Ausgrenzungsmechanismen zu sensibilisieren.

Kahnemann sieht es als sehr wichtig an, Orte zu schaffen, die Diskussionen anregen und ein lokales geschichtliches Bewußtsein fördern. Bei den drei Orten, die sie für ihr Projekt ausgewählt habe, handelt es sich um prominente Parks der Stadt, die von allen Schichten der Bevölkerung und Touristen stark frequentiert werden. (Großer Garten, Blüherpark und Brühlsche Terrasse) Diese Parks stehen stellvertretend für all die öffentlichen Grünanlagen, die ab 1940 (ein Ort bereits ab 1938), von Juden nicht mehr betreten werden durften.

Sie möchte an diesen drei Orten je eine vorhandene Bank durch eine schlichte Kunstinstallation ersetzen. Die Kunstinstallation soll aus einer gläsernen Bank bestehen (auf Bruchsicherheit wird wegen der Gefahr von Vandalismus geachtet), die in Form und Maß den anderen Bänken entspricht. Auf der Lehne soll die Aufschrift "NUR FÜR ARIER" ausgespart werden. Falls Leute anfangen sollten, das Glas zu zerkratzen, was leider zu erwarten ist, wird diese Aufschrift für den Betrachter immer deutlicher sichtbar, da es sich um eine negative Schrift handelt. Neben der Bank, vom linken Banksockel ausgehend, soll ein Textband (aus Eisenguß) mit dem Hinweis auf die entsprechenden Polizeiverordnungen, passend zu den Besonderheiten des jeweiligen Ortes in Deutsch und in Englisch eingelassen werden.

Obwohl die Kunstkommission der Stadt Dresden, die dem Bürgermeister für Kultur unterstellt ist, die Idee im Prinzip befürwortet, sind die staatlichen und städtischen Ämter, die als Verwalter der drei Gärten eingesetzt sind, nicht bereit, die Realisierung des Projektes zu genehmigen. Je nach Amt werden verschiedene Argumente angeführt, u.a. die folgenden:

  1. Die Bänke werden sofort zerstört und man hat schon genug Probleme mit Vandalismus.
  2. Zerstörte Bänke werden den Tourismus und damit das Bild Dresdens nach außen belasten.
  3. Diese Orte sind für eine politische und historische Auseinandersetzung nicht geeignet, weil es sich um Orte der Erholung und des touristischen Interesses handelt.

Die Künstlerin möchte diese Argumente nicht akzeptieren und sucht deshalb Verbündete, um eine öffentliche Diskussion in Gang zu bringen. "Die nächsten Schritte", so Kahnemann, "bestehen darin, zu versuchen, die Presse und Abgeordnete des Sächsischen Landtages und des Dresdner Stadtrates zu kontaktieren. Da ich freischaffende Künstlerin bin, die bis jetzt wenig politische Kontakte hat, brauche ich dazu Unterstützung von außen."

Die Stellungnahme der Künstlerin gegenüber den Bedenken der Kunstkommission können Sie hier einsehen.

Kontakt
Marion Kahnemann - Dipl.-Bildhauerin Tel 0351/8042480, e-mail: mkahnemann ät yahoo.de www.dresden-art.de/Kuenstler/kahnemann/frame_1.html

5. ::"SIEHDICHUM" ::

Lesung und Gespräch mit Anne Dorn

Siehdichum - für Martha Lenders ist das ein Lebensmotto. Was bleibt nach 75 Jahren intensiven Lebens als Frau und Mutter? Siehdichum - heißt aber auch das Dorf in den Weiten der polnischen Wälder, wo Johannes, der geliebte jüngere Bruder von Martha, im Januar 1945 als letztes Aufgebot des Reichs-arbeitsdienstes im Ansturm der sowjetischen Armee verschwunden ist. Martha Lenders macht sich aus dem Rheinland noch einmal auf Spurensuche ins heutige Polen.

Anne Dorn, geboren 1925 in Wachau bei Dresden, lebt seit 1969 als freie Schriftstellerin in Köln. Erschienen sind u.a. die Romane hüben und drüben. (1991) und Geschichten aus tausendundzwei Jahren (1992), die Novelle Damals als die Sonne schien (1996) sowie zahlreiche Gedichte und Erzählungen. Anne Dorn veröffentlichte Hörspiele, Hörfunkfeatures, Multimediaprojekte und Spielfilme für das Fernsehen in eigener Regie.

11.03.2008 - 19:00 Uhr - Stadtbibliothek Pirna ( Dohnaische Str. 76) - Gotischer Saal

Diese Veranstaltung wird Ihnen präsentiert in Zusammenarbeit der Stadtbibliothek Pirna und der Aktion Zivilcourage e.V.
Mehr Informationen und zum Buch finden Sie auch auf der Seite von Deutschlandradio:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/642370/


6. :: "WAS DANN LOSGING WAR UNGEHEUERLICH..." ::

Die Wanderausstellung dokumentiert die Geschichte der frühen Konzentrationslager, die wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 eingerichtet wurden. Allein in Sachsen entstanden bis zum Sommer 1933 mehr als 20 solcher zumeist provisorischen Haftstätten, darunter auch die Konzentrationslager Hohnstein und Königstein-Halbestadt. Die Ausstellung in der Pirnaer Gedenkstätte Sonnenstein beleuchtet die politischen Rahmenbedingungen zum Zeitpunkt ihrer Einrichtung und den Umgang mit diesen Orten von 1945 bis heute.

Biografien ehemaliger Gefangener veranschaulichen die Funktionen der Lager und die Haftbedingungen. Auch verdeutlichen sie den unterschiedlichen politischen und religiösen Hintergrund der Insassen. Biografien von Angehörigen des Wach- bzw. Führungspersonals zeigen exemplarisch die Lebenswege der Täter.
Die Ausstellung ist Montag bis Freitag jeweils 9-15 Uhr zu sehen.

Veranstaltungen im Begleitprogramm:
Montag, 25. Februar 2008, 19:00 in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein Vortrag von Dr. Bernward Dörner Institut für Antisemitismusforschung an der TU Berlin
"Was wussten die Deutschen vom Holocaust?"
Der Vortrag von Dr. Bernward Dörner fragt nach der zeitgenössischen Kenntnis, Wahrnehmung, Akzeptanz und den Reaktionsmustern zu den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten während des Dritten Reiches in Deutschland.
Anschließend Podiumsdiskussion mit dem Referenten, Prof. Wolfgang Benz (Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung an der TU Berlin) und Dr. Norbert Haase (Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten)

Mittwoch, 12. März 2008, 19:00 in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein Vortrag von Carina Baganz Institut für Antisemitismusforschung an der TU Berlin
"Die frühen Konzentrationslager in Sachsen 1933-1934/37"
Dr. Carina Baganz stellt die Ergebnisse ihrer Promotion zu den frühen Konzentrationslagern in Sachsen vor, und konzentriert sich dabei auf die Lager in Hohnstein und Königstein-Halbestadt.
Anschließend besteht die Möglichkeit des Gesprächs und der Diskussion mit der Referentin

Zu beiden Veranstaltungen ist der Eintritt frei und wird jeweils ungefähr 1 . bis 2 Stunden dauern.


7. ::"DAS HAT ES BEI UNS NICHT GEGEBEN" ::

Das Rechercheprojekt "Antisemitismus in der DDR" hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb der ostdeutschen Bevölkerung eine Debatte über Antisemitismus anzustoßen. In acht ostdeutschen Städten recherchierten deshalb Jugendliche mit der Unterstützung von Fachkräften zu diesem Thema. Die Ergebnisse werden im Rahmen einer Wanderausstellung präsentiert.

Dass es in der DDR, nicht anders als im Westen Deutschlands, antisemitische Schmierereien und Schändungen jüdischer Friedhöfe gab, vermag wenig zu verwundern. Wohl aber der offizielle Umgang mit solchen Vorfällen: Sie wurden möglichst vertuscht und verschwiegen, um nicht das Selbstbild des antifaschistischen Deutschlands in Gefahr zu bringen. Gleichzeitig wurden unter dem Dogma der marxistisch-leninistischen Faschismus-Theorie sowohl der Antisemitismus als auch die
nationalsozialistische Judenvernichtung kaum thematisiert. Doch nicht nur das: Die Behandlung jüdischer Opfer des Nationalsozialismus, die nicht erfolgte Rückgabe arisierten jüdischen Besitzes, der Umgang mit den Spuren jüdischen Lebens, die Beteiligung der SED an den antisemitischen Verfolgungen zur Zeit des Slansky-Prozesses sowie die jahrzehntelang betriebene israelfeindliche Politik und Propaganda der DDR - all das stellt die differenziert zu beantwortende Frage nach den Ursachen und Ausdruckformen antisemitischer Ressentiments in der DDR.

Die Wanderaustellung "Das hat es bei uns nicht gegeben"- Antisemitismus in der DDR ist vom 5.-30. März im Stadtmuseum Dresden zusehen.


8. ::FORUM FRAUENKIRCHE ::

Gewalt. Faszination und Erschrecken
Ein besonderes Anliegen der Frauenkirche ist die Friedens- und Versöhnungsarbeit. Mehrmals im Jahr werden wichtige Vertreter des öffentlichen Lebens und Wissenschaftler zu Friedensfragen eingeladen, um Wege zu einer Kultur des Friedens zu beschreiben. Der Friedensbegriff ist dabei so weit gefasst, dass er Fragen des individuellen, gesellschaftlichen und globalen Friedens umgreift.

Das Forum, das in erster Linie durch Vortragsveranstaltungen geprägt ist, bietet die Möglichkeit zum interdisziplinären Dialog und möchte Toleranz und Verständigung ermöglichen. Die Veranstaltungen des Wissenschaftsforums finden in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden und der Sächsischen Staatskanzlei statt.

Veranstaltungsübersicht für das Jahr 2008:
Donnerstag, 21. Februar 2008, 20 Uhr
Astrid von Friesen
Häusliche Gewalt: Frauen, Männer und Kinder als Täter und Opfer

Mittwoch, 2. April 2008, 20 Uhr
Thea Dorn
Faszination Gewalt

Donnerstag, 17. April 2008, 20 Uhr
Prof. Dr. Gudrun Krämer
Islam und Gewalt

Donnerstag, 15. Mai 2008, 20 Uhr
Eduard Geyer, Prof. Gunter A. Pilz, Torsten Rudolph
"Gewalt im Stadtion"

Donnerstag, 19. Juni 2008, 19 Uhr
Prof. Dr. Manfred Josuttis, Prof. Dr. Martin Riesebrodt
"Christentum und Gewalt"

Mit der Vertreibung aus dem Paradies tritt Gewalt in das menschliche Leben. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Gewalt ist Bedrohung und Mittel zur Durchsetzung von Lebens- und Überlebensinteresse zugleich. Tagtäglich wird Gewalt ein hoher Nachrichtenwert beigemessen und offenbar auch ein nicht zu verachtendes Unterhaltungspotential.
"Brücken bauen, Versöhnung leben, Glauben stärken" ist die Botschaft der Dresdner Frauenkirche. Sie will Wege zu einer Kultur des Friedens aufzeigen. So liegt es nahe, sich mit den Phänomenen von Gewalt in seinen vielfältigen Erscheinungsformen auseinander zu setzen. Jede Wertung erfordert Wahrnehmung, Beschreibung und Deutung. Was ist das Wesen von Gewalt? Welche Erscheinungsformen gibt es? Welche Funktionen übernimmt Gewalt in sozialen Gruppen und für die Gesellschaft?
Diesen Fragen stellt sich die Reihe des Forum Frauenkirche im Jahr 2008. Wissenschaftler, Betroffene, Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten und das Publikum werden verschiedene Formen von Gewalt diskutieren und sich um Antworten bemühen. Dabei ist zu erwarten, dass keineswegs in allen Fragen Einigkeit erzielt werden kann. Auch eine gute Streitkultur ist ein Beitrag zu einer Kultur des Friedens.

Der Eintritt zu allen Vorträgen ist frei. Reservierungen sind nicht möglich.


9. ::BERUNRUHIGENDE NEUERSCHEINUNG ::

Rainer Fromm über die Anziehungskraft von totalitären Organisationen auf Jugendliche

"Schwarze Geister, neue Nazis" - unter diesem Titel beschreibt der Fernsehjournalist Rainer Fromm die Anziehungskraft von totalitären Organisationen auf Jugendliche. Er untersucht Grufties und Black Metal, Satanismus, Vampire und Rechtsextremismus - und stößt auf beunruhigende Parallelen. Diese Jugendsubkulturen bestehen meist aus weiteren Subkulturen, die mindestens eine Gemeinsamkeit haben: ihre Nähe zum rechtsextremen Weltbild und zu menschenverachtender Ideologie.

Gemeinsames Rezept: Musik als Einstieg
Dieses ideologische Element besteht unabhängig von der Subkultur: Sozialdarwinismus, eine Kultur der Verachtung des Schwächeren, der Glaube an die Übermacht der arischen Herrenrasse - dieser Irrglaube wird den Anhängern suggeriert, eingetrichtert. Musik spielt als Instrument der Indoktrination eine besondere Rolle. Manchmal wird über gewalttätige Musik auch erst der Kontakt eines Jugendlichen zur Szene hergestellt. Jede Subkultur wird durch zahlreiche Bands repräsentiert. Bekannte Mitglieder von Musikgruppen geben oft auch einen Trend vor. Sie fungieren als Idole. Die Sehnsucht mancher Jugendlicher, sich positionieren zu wollen, führt so weit, dass sie ihre Idole imitieren ohne nachzudenken. Der Autor lässt die Frage offen, ob gegen systemfeindliche, rechtsradikale oder gewaltverherrlichende Musik nicht härter vorgegangen werden sollte. Leider ist der Einfluss der Texte auf Jugendliche noch nicht ausreichend untersucht.Die Verantwortlichen in der Szene hingegen sind sich über die Stellung der Musik bewusst: "Nimm der Szene die Musik, und sie ist tot" lautet ein Eintrag in einem Szene-Forum.

Die nationalsozialistische Szene ist stolz darauf, ihr musikalisches Spektrum ständig erweitert zu haben. Das jugendliche Publikum, das sie dadurch ansprechen, hat sich dadurch erheblich vergrößert. Nazis sind keine Skinheads mehr: zahlreiche Vertriebe sind ein Indiz, dass sich ein Markt gebildet hat für jede Form von nationalsozialistischer Anhängerschaft. So gibt es rechtsextreme Kleidungsvertriebe, die auch für Hip Hopper produzieren.

Wer sich auf die Realität einlässt, muss die beruhigende Eindeutigkeit aufgeben.

Nicht jede Subkultur ist automatisch rechtsextrem - aber Fromm gibt zu bedenken, dass sich jugendliche Rechte nicht mehr an einem eindeutigen Stil erkennen lassen. Die einfache Kategorisierung der rechten Szene ist nicht mehr möglich. "Ein Mix unterschiedlicher Stilelemente aus den Genres Skinhead, Metal, Rocker, Hooligan, Hio-Hop, Techno und Gothic" biete sich den Beobachtern. Gerade das machtedie Szene gefährlich: "Rechtsextremismus als Erlebniswelt und Moment der Identitätsstiftung ist eine Saat, die in der gesellschaftlichen Mitte aufgeht."

Realitätsverlust als Gefahr

Obwohl die Subkulturen sich unterscheiden, lässt sich außer der gemeinsamen Nähe zu rechtsradikalen Einstellungen eine weitere Gemeinsamkeit festhalten: mindestens eine große Sehnsucht bleibt im Leben der Jugendlichen unerfüllt. Dabei handelt es sich um ambivalente Sehnsüchte: Anerkennung, Erfolg, Aufmerksamkeit, Liebe. Oft kommen die Jugendlichen aus schweren familiären Verhältnissen - aber wie schon oft zuvor festgestellt kann die problematische Sozialisation nicht die alleinige Erklärung sein, warum Jugendliche sich zweifelhaften Subkulturen anschließen.

Die Todessehnsucht eines Mädchens, die schließlich so groß wird, dass sie ihre Freunde anbettelt, ihr die Kehle zu durchtrennen. Das SatanistenEhepaar Ruda, extrem persönlichkeitsgestörte Pseudosatanisten, die kaltblütig einen ihrer Bekannten ermorden haben. Und damit auch noch zum Vorbild für viele Jugendliche Okkult-Verehrer werden. Mit solchen Beispielen erläutert Fromm die Gefahr des Realitätsverlustes nach Eintritt in eine Subkultur: "Die Phantasievorstellung wird über den reellen Zweifel erhaben", so erklärt Manuela Ruda, Gastautorin in Fromms Buch, ihre Entwicklung. Die anfangs gehegten Zweifel über die Wirklichkeit von Vampiren legt sie völlig ab. Als sie mit ihrem Ehemann den Mord begeht, lebt sie in ihrer eigenen Phantasiewelt, isoliert von der Gesellschaft, unzugänglich selbst für ihre Therapeutin.

Ergreifend ist ihr Resümee: von einer Verantwortung schreibt sie, die sie als straffällig gewordene gegenüber all den Anhängern des Satanismus hat. Sie müss etwas für die Jugendlichen tun, die in ihrer früheren Persönlichkeit als "Pseudosatanistin" ein Vorbild sehen. Zum Handeln fordert sie auch die Gesellschaft auf.

Eines steht fest: die Grenzen zwischen Vampiristen, Satanistin und Grufties sind fließend. So berichtet Mauela Ruda, dass ihr Hass gegen andere Menschen durch den Kontakt von National Socialist Black Metal-Anhängern erzeugt wurde. Diese noch sehr junge Subkultur vereint den aus Heavy Metal entstandenen Black Metal, der sich durch eine stark antichristliche Haltung auszeichnet, mit nationalsozialistischen Einstellungen. Einer seiner bekanntesten Vertreter, Hendrik M. - ehemaliger Liedsänger der Band Absurdsteht im Sommer 2006 nach Gefängnisaufenthalt wieder auf der Bühne. Nach Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes, fragt er öffentlich: "Ich weiß ja nicht, ob man in der Nazizeit bestraft worden wäre, wenn man Volksschädlinge unschädlich gemacht hätte."

Kritik an den Medien
Besonders die Medien werden in Fromms Buch immer wieder harsch angegriffen: Indem sie den Mord, an dem M. beteiligt war, zum "kalkulierten Satansmord" hochstilisierten, verhalfen sie dem Black-Metaller zu einem Helden-Image innerhalb seiner Szene. "Einmal mehr werden die Medien mit ihrer völlig undifferenzierten Berichterstattung zum Königsmacher einer Subkultur."

Resümee
Rainer Fromm bündelt in seinem Werk viele neue Tatsachen und zeigt ungeahnte Zusammenhänge auf. Eine gründliche Arbeit, die Augen öffnen kann. Neben den Beschreibungen und Angst einflößenden Beispielen fehlt es mir allerdings an "Warum?" und "Was jetzt?". Das Buch steht sinnbildlich für einen Appell an die Gesellschaft, mediale Öffentlichkeit und Politik, endlich genauer hinzusehen, was in einer Reihe Jugendsubkulturen passiert, und die Zugehörigkeit zu einer dieser Subkulturen nicht mehr als jugendliche Sünde abzutun. Schon gar nicht, wenn auf Musiktexte Taten folgen, oder dazu angestachelt wird, wie im Beispiel durch eine norwegische Black Metall-Band, die singt: "Wir brennen Kirchen ab, um die Wut der Christen zu verstärken. Vielleicht können wir dann Krieg mit ihnen führen."

Mit seinem Fokus auf die Gewaltdelikte, die im Namen einer Subkultur geschehen, hinterlässt Fromm aber auch ein ungutes Gefühl. Indem er detailliert die Gewalt der Täter beschreibt, gibt er denen ein Forum, welches eigentlich ihren - noch lebenden - Opfern ihrer Verbrechen gebührt hätte.

Es fehlt auch an Ideen: Was muss sich ändern in der Gesellschaft, damit Jugendliche nicht mehr in ihre Phantasiewelt flüchten? Dieser Frage können sich nur alle Verantwortlichen gemeinsam widmen und sie müsste unabhängig von Populismus und politischen Agitationen beantwortet werden.

Dennoch - ein wichtiges Buch. Es erweitert Horizonte, insofern, als dass es Zusammenhänge aufzeigt , auf die so deutlich bislang noch nicht hingewiesen wurde. Außerdem liefert es Beispiele, die eine Verharmlosungstendenz von Medien und Politikern nicht mehr zulassen. Auch die bislang übliche Stereotypisierung der nationalsozialistischen Szene führt in Irrwege, denn längst ist der rechtsextreme Zulauf unter Jugendlichen keine vorübergehende Episode abenteuerlustiger Unterschichtler mehr und kann nicht auf eine Szene beschränkt betrachtet werden - das vor allem hebt der Autor Fromm hervor. Extrem beunruhigend. (Von Franziska Schwarzmann)

Rainer Fromm; "Schwarze Geister, Neue Nazis". Jugendliche im Visier totalitärer Bewegungen, 352 Seiten, erschienen Januar 2008 im Olzog Verlag, München


10. | :: Gemeinsam für Respekt, Toleranz und Demokratie. ::

UNTERSTÜTZEN SIE UNSERE ARBEIT - FÖRDERN SIE UNS

Wir sind eine gemeinnützige Initiative von Jugendlichen und Erwachsenen aus dem Landkreis Sächsische Schweiz und deswegen auch auf Sponsoren, Förderer und Spendengelder angewiesen - wir müssen Projektkosten, Fahrten, Druckkosten und vieles mehr bezahlen. Falls Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, haben Sie zwei Möglichkeiten: Fördern Sie uns und lassen Sie regelmäßig eine Spende von Ihrem Bankkonto abbuchen oder überweisen Sie eine einmalige Spende direkt auf unser Konto. Für eine regelmäßige Förderung laden Sie bitte das Formular (PDF-Format) (http://www.aktionzivilcourage. com/downloads/assets/spende.pdf) herunter, drucken es aus,tragen die entsprechenden Daten ein und senden es per Post oder Fax an unseren Verein. Für eine einmalige Spende finden Sie unsere Bankverbindung untenstehend. Natürlich senden wir Ihnen auf Wunsch auch eine Spendenquittung zu.

Ostsächsische Sparkasse Dresden | Kontonummer: 320 003 5608| BLZ: 850 503 00 | Empfänger: Aktion Zivilcourage e.V. | Zweck: "Spende"


11. | :: Presseschau ::

+++ CDU-Aussteiger Nitzsche gründet Wählervereinigung +++
+++ Grimmaer Frauenkirche mit antisemitischen Parolen beschmiert +++ +++ Nur ein Karnevalsverein? +++
+++ Verteiler von NPD-Blatt in Aue verurteilt +++
+++ Bringt es was, mit Rechtsextremen zu diskutieren? +++
+++ Hakenkreuz und Fremdenhass auf SchülerVZ +++


CDU-Aussteiger Nitzsche gründet Wählervereinigung
Quelle: Sächsische Zeitung / 20.02.2008 / Sachsen

Das konservative Bündnis tritt zur Kommunalwahl an und will 2009 als Partei in den Landtag einziehen.
Abtrünnige CDU-Mitglieder und unzufriedene Konservative wollen in Sachsen mittelfristig mit einer neuen Partei erfolgreich sein. Das erklärte der 2006 aus der CDU ausgetretene Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche. Gemeinsam mit sieben ehemaligen CDU-Mandatsträgern gründete er am Montag das "Bündnis Arbeit, Familie, Vaterland - Liste Henry Nitzsche".

Die Wählervereinigung will zur Kommunalwahl im Juni mit eigenen Kandidaten antreten. Nitzsche selbst bewirbt sich für den Landratsposten im künftigen Großkreis Bautzen. Das Bündnis stehe landesweit Menschen offen, "die mit der aktuellen werte- und vaterlandslosen Politik nicht einverstanden sind und gegen die abgehobene Politik der etablierten Parteien protestieren wollen", sagte Henry Nitzsche der SZ. Selbst bekenne man sich "zur sächsischen Heimat, dem deutschen Vaterland und dem christlichen Werteverständnis". Bei entsprechenden Erfolgen zur Kommunalwahl sieht die Satzung eine Parteigründung vor, die die Teilnahme zur Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres möglich machen würde.

Werbung am rechten Rand

Der 48-jährige Bundestagsabgeordnete Nitzsche, dem vor seinem CDU-Austritt wiederholt rechtslastige Sprüche vorgehalten wurden, will damit vorrangig "frustrierte CDU-Wähler, Nicht- und Protestwähler" erreichen. Er kündigte eine Werbe- und Informationstour vor allem in den Kreisen Bautzen, Kamenz, Meißen, Riesa und Großenhain an. Die politischen Ziele des Bündnisses seien aber genauso wenig rechtslastig wie der Slogan "Arbeit, Familie, Vaterland", verteidigt er sich. Auch wenn die NPD die Parole vor Jahren ebenfalls genutzt hat. "Ich bin mit dem Motto 2005 in den Bundestag gewählt worden und habe diese Begriffe damit den Extremen entrissen", argumentiert Nitzsche. Zudem hätten sich einst auch Parteigrößen wie Kurt Biedenkopf oder der heutige CDU-Landeschef Georg Milbradt hinter ihn und das umstrittene Motto gestellt.

Heute attackiert Nitzsche seine Ex-Partei umso heftiger. Sachsens CDUSpitze habe die Ideale von 1989 inzwischen verraten, ist Nitzsche überzeugt. "Die Selbstreinigungskräfte funktionieren nicht mehr." Mitglieder seien nicht zur offenen und kritischen Diskussion angehalten, sondern würden nur noch mit dem Motto konfrontiert: Haltet die Schnauze und wählt uns! Erneut kritisiert Nitzsche dabei besonders CDU-Chef Milbradt und dessen Generalsekretär Michael Kretschmer. Beide seien bei diesen Punkten "beratungsresistent".

Ganz uneigennützig ist Nitzsches Wettern in Richtung der Christdemokraten natürlich nicht. Ist das Modell Wählervereinigung in Sachsens Kommunen auch recht erfolgreich (siehe Kasten), braucht es für den Sprung in den Landtag mehr. Mindestens fünf Prozent der Wähler müssen dann seine politische Positionsbestimmung akzeptieren: "Ich sehe uns rechts von der CDU, aber noch deutlich vor der NPD." (Von Gunnar Saft)


Grimmaer Frauenkirche mit antisemitischen Parolen beschmiert Quelle: Neues Deutschland / 09./10.02.2008 / Grimma

Die Eingangstüren der Grimmaer Frauenkirche (Sachsen) sind in der Nacht zu Freitag von Unbekannten mit rechtsextremistischen und antisemitischen Aufschriften beschmiert worden. Unter anderem seien Sprüche wie "Juden raus" und ein Hakenkreuz neben einem Davidstern aufgetragen worden, sagte Pfarrer Christian Behr. Möglicherweise hänge die Tat mit dem geplanten Vortrag einer Israelin in der Gemeinde zusammen, hieß es weiter. Ebenfalls in der Nacht zum Freitag beschmierten Unbekannte die alte Synagoge in Wittich (Rheinland-Pfalz) mit nationalsozialistischen Symbolen und Parolen.


Nur ein Karnevalsverein?
Quelle: blog.zeit.de/stoerungsmelder / 19.02.2008 / Deutschland

Der Verfassungsschutz berichtet, dass die Zahl der Autonomen Nationalisten im vergangenen Jahr "sprunghaft" zugenommen hat. Ein Interview mit Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin über diese vermeintlich modernen Nazis.

Die Zahl der so genannten Autonomen Nationalisten hat sich im vorigen Jahr auf 400 Personen verdoppelt, sagt der Bundesverfassungschutz. Wer sind diese Leute?

Autonomer Nationalist zu sein ist eine relativ neue Form des Rechtsextremismus. Neu ist daran ist allerdings weniger die Ideologie - sondern vor allem das vermeintlich moderne Auftreten und die Art des politischen Handelns.

Die Autonomen Nationalisten tragen Klamotten, die eigentlich aus verschiedenen Jugendkulturen kommen, von der Hip-Hop bis zur Metal-Szene. Oder sie kopieren das linksautonome Outfit: schwarze Kleidung, Basecaps, Lederhandschuhe, Sonnenbrillen. Das soll (nach dem Vorbild der Linken) ein einheitliches, vielleicht auch ein martialisches Bild abgeben.

Auch in dem, was sie tun um ihre Ideologie durchzusetzen, orientieren sie sich an den Linksautonomen. Sie haben erkannt, dass beispielsweise symbolische Hausbesetzungen, das Auftreten in Schwarzen Blöcken auf Demonstrationen oder Gewalt gegen Polizisten bei der jugendlichen Klientel besser ankommen, als langweilige Parteiversammlungen oder
Kameradschaftsabende.

Also ist das Phänomen vor allem eine Art Werbung um den Nachwuchs?

Nicht nur. Die Entstehung der Autonomen Nationalisten hat auch mit dem wachsenden Druck zu tun, den Verfassungsschutz und Polizei auf die organisierte rechtsextreme Szene ausüben.

Diese hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie in der Lage ist, relativ flexibel auf Verbote und juristische Verfolgung zu
reagieren.Deshalb gründeten sich in den 90er Jahren - nachdem viele rechtsextreme Organisationen und Parteien verboten wurden - die so genannten Freien Kameradschaften. Letztere haben inzwischen aber wieder an Relevanz verloren, einige sind auch verboten worden, zum Beispiel in Berlin.

An ihrer Stelle sind jetzt vor allem autonome Formen der Organisation entstanden. In diese Strukturen kann der Staat kaum noch eingreifen, da sie sich im Prinzip aus einzelnen Personen zusammensetzen, die sich ganz konkret und anlaßbezogen für rechtsextrem motivierte Taten zusammenfinden. Das ist vor allem für das militante, gewaltbereite Spektrum interessant.

Und wie ist der äußere Wandel zu erklären?

Die Hinwendung zur Jugend ist ein Trend, den man in den vergangenen Jahren innerhalb der gesamten rechtsextremen Szene beobachten konnte. Die Neonazis haben erkannt, dass sie junge Sympatisanten dort abholen müssen, wo sie sich befinden, in den jeweiligen Jugendkulturen nämlich.

Sie glauben, mehr Jugendliche für sich begeistern zu können, wenn sie auch denjenigen Subkulturen, die ursprünglich vielleicht gar nicht rechtsextrem sind, Angebote unterbreiten.

So haben Jugendliche mit rechtsextremer Orientierung in allen Jugendkulturen die Möglichkeit, einem rechten Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen. Darum gibt es inzwischen ja auch diese umfangreiche Kulturindustrie, die jungen rechtsextrem orientierten Leuten in all ihren Lebenslagen das anbietet, was ihr Herz begehrt.

Viele dieser Angebote sind erst auf den zweiten Blick als rechtsextrem zu erkennen.
Zuerst muss deutlich gesagt werden: Jugendkulturen sind nicht per se resistent gegenüber alltagsrassistischen und rechtsextremen Ideologien. Warum sollte - beispielsweise - ein Gruftie nicht auch ein Alltagsrassist sein? Anknüpfungspunkt ist deshalb weniger der Nationalsozialismus als vielmehr das weit verbreitete Rassismus-Potential in unserer Gesellschaft. Hier docken die Rechtsextremisten an.

Aber natürlich muss immer eine gewisse Affinität zur Gewalt und zur rechtsextremen Ideologie vorhanden sein. Ohne ist das nicht möglich. Auch mit einem gewissen rebellenhaften Auftreten versuchen sie, Jugendliche stärker einzubinden: "Wir gegen den Staat, wir gegen die Polizei, wir gegen die Juden" ist in etwa das Motto.

Also doch ein Jugendphänomen?
Das primäre Angebot, der Erlebnischarakter und die Militanz, zielt natürlich vor allem auf Jugendliche. Diejenigen, die wir hier in Berlin als Autonome Nationalisten bezeichnen, sind vor allem Menschen zwischen Anfang 20 und höchstens Mitte 30.

Ob diese jungen Menschen über eine eher aktionsorientierte politische Phase hinaus auch in höherem Alter aktiv sein werden - und in welchen Strukturen sie das dann tun - wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Es kann genauso gut sein, dass gerade sie irgendwann die Lust verlieren.

Wie reagiert die rechtsextreme Szene?
Die Autonomen Nationalisten sorgen innerhalb der rechtsextremen Szene für Konflikte. Die NPD hat sich schon mehrfach von ihnen distanziert. Es gibt unterschiedliche Abgrenzungsbeschlüsse, in denen es allerdings weniger um die Ideologie geht (die ist mehr oder weniger deckungsgleich), als vielmehr um militante Symbolik und das für Rechtsextremisten bislang ungewöhnliche kämpferische Auftreten bei Demonstrationen.
Das läuft dem Anspruch der NPD zuwider, auf vermeintlich legalem Boden zu handeln. Und auch die Traditionalisten innerhalb des sogenannten Kameradschaftspektrums empfinden die Autonomen Nationalisten im Prinzip als einen Karnevalsverein.

Doch trotz der Beschlüsse des NPD-Vorstandes beobachten wir zumindest hier in Berlin, dass auch der Parteichef Udo Voigt die Abgrenzung nicht immer aufrecht erhält. Denn gerade hier ist die NPD nicht ausreichend organisiert, um auf die parteilich nicht gebundenen Rechtsextremisten zu verzichten. Zumindest in Berlin wird die Kooperation zwischen NPD, gewaltbereiten Kameradschaften und den Autonomen Nationlisten so bald nicht aufhören.

Das ist aber nicht überall so. Anhand unserer Beobachtungen in rechtsextremen Internetforen vermuten wir, dass es im Ruhrgebiet zu einer tieferen Spaltung gekommen ist. Dort wird jedenfalls viel intensiver diskutiert als in Berlin. Wir hoffen natürlich, dass sich die Konflikte noch verstärken. von Joachim Wolf


Verteiler von NPD-Blatt in Aue verurteilt
Quelle: www.sz-online.de / 19.02.2008 / Aue/Dresden

Der Kreisvorsitzende der rechtsextremistischen NPD-Jugendorganisation "Junge Nationale" (JN) von Aue, Steffen H., ist gestern vom Amtsgericht Aue zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil er im September 2007 die Jugendzeitschrift "perplex" verteilt hatte.

Dem Gericht zufolge muss der 18-Jährige aus Bad Schlema nun wegen zweier vorsätzlicher Verstöße gegen den Jugendschutz eine Geldstrafe von knapp 400 Euro zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine höhere Geldstrafe gefordert.

Dem JN-Aktivist war unmittelbar vor seinen Taten auf dem Postplatz von Aue von einem Kripobeamten mitgeteilt worden, dass "perplex" gegen den Jugendschutz verstößt. Nachdem bei ihm einige Hefte beschlagnahmt worden waren, setzte er seine Aktion mit neuen Heften fort. Die Zeitschrift steht mittlerweile auf dem Index, weil sie rassistische und
geschichtsverfälschende Äußerungen enthalten soll. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Nach dieser ersten Entscheidung in Sachsen, liegt nach Auskunft der Dresdner Staatsanwaltschaft eine weitere Anklage in der gleichen Sache gegen eine junge Frau beim Amtsgericht Pirna vor. (SZ/ts)


Bringt es was, mit Rechtsextremen zu diskutieren?
Quelle: www.sz-online.de / 19.02.2008 / Pirna

Über sein Engagement gegen Rechtsextremismus sprach die SZ mit dem Pirnaer Sozialarbeiter Peter Baldauf.

Herr Baldauf, Sie beschäftigen sich seit über 20 Jahren mit Jugendlichen und engagieren sich dabei immer wieder im Kampf gegen Rechtsextremismus. Wie schätzen Sie derzeit die Situation im Landkreis ein?

Es wird immer deutlicher, dass sich Rechtsextremismus auf zwei Ebenen abspielt. Es gibt zum einen die NPD mit ihrer Parteistruktur und zum anderen die freien Kameradschaften. Wir gehen davon aus, dass es im Landkreis etwa 200 Jugendliche in der rechtsextremistischen Szene gibt. Partei und Kameradschaften haben nicht direkt etwas miteinander zu tun, sie brauchen aber einander. Die NPD kann ohne die Kameradschaften zum Beispiel keinen Wahlkampf führen, dafür braucht sie das Fußvolk. Die jungen Leute kritisieren aber zunehmend, dass sie ausgenutzt werden. Nicht selten fühlen sie sich von der NPD verraten. Das kann man auf ihren eigenen Internetseiten nachlesen. Dort versuche ich, als Sozialarbeiter anzusetzen.

Inwiefern gelingt Ihnen das?

Ganz gut, die Jugendlichen haben da großen Diskussionsbedarf. Wenn man sie mit ihren Sorgen und Kritiken an den etablierten Parteien und speziell an der NPD ernst nimmt, kommt man mit ihnen intensiv ins Gespräch. Mir ist dann immer wichtig, generell die demokratischen Prozesse darzustellen. Es ist nun mal in unserer Gesellschaft nicht möglich, dass nur eine Seite ihre Ideen durchsetzt. Es muss Kompromisse geben. Das versuche ich darzustellen.

Bringt es denn überhaupt was, mit rechtsorientierten Jugendlichen zu diskutieren?

Es ist mein Credo, auf die jungen Leute zuzugehen, das Gespräch zu suchen. Natürlich muss man da in der Argumentation sattelfest sein. Denn gerade die Rechtsextremen haben in der Regel viel gelesen, sich mit ihren Themen intensiv beschäftigt. Aber sie nutzen dabei meist nur ihre eigenen Publikationen. Da muss man mit Fakten gegenhalten können.

Sind Sie dafür, Jugendclubs für Rechtsextremisten zu öffnen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Das muss man im Einzelfall entscheiden. Wenn eine Kameradschaft einen ganzen Club dominiert und instrumentalisiert, dann muss man reagieren und den Club vielleicht sogar schließen. Wenn aber nur einzelne Rechte die Einrichtung besuchen, sollte man sie keinesfalls ausgrenzen, sondern unterschiedliche Meinungen zulassen. Oft sind Jugendclubs mit solchen Entwicklungen jedoch überfordert, vor allem, wenn dort keine Sozialarbeiter aktiv sind. Deshalb plädiere ich dafür, die Jugendlichen in den Schulen abzuholen, dort mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Kann man noch mehr tun, als miteinander zu reden?

Positive Erfahrungen habe ich seit Jahren mit Fahrten zu Gedenkstätten gemacht. Der Besuch des KZ Buchenwald zum Beispiel regt zum Nachdenken an. Die Diskussion über den Holocaust, den viele Rechtsextremisten bekanntlich leugnen, ergibt sich dann von allein. Aber auch da gilt: Man muss Fakten kennen. Sinnvoll ist auch, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Ich habe es noch nie erlebt, dass Rechte deren Erlebnisse infrage stellen.

Im Landkreis hat sich in den letzten Jahren die Einstellung zum Umgang mit Rechtsextremismus geändert. Es gibt die Steuerungsgruppe Extremismus, Ansprechpartner wie die Zivilcourage, wachsamere Bürgermeister# Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg oder bleiben Wünsche offen?

Aus meiner Sicht ist die Vernetzung im Kreis viel besser geworden. Die einzelnen Initiativen und staatlichen Einrichtungen kennen einander. Man weiß, was man von wem erwarten kann. Wir Sozialarbeiter sind anerkannt. Es gibt Ansprechpartner vor Ort, Bürgermeister suchen auch mal Rat, kehren Probleme nicht mehr unter den Teppich. Insgesamt sind im Kreis Strukturen entstanden, sodass man agieren und reagieren kann. Da hat sich in den letzten zwei, drei Jahren viel getan. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mehr Sozialarbeiter beschäftigen. Wenn man die präventive Arbeit stärkt, kann man im Nachhinein viel sparen.

Das Gespräch führte Jana Klameth.


Hakenkreuz und Fremdenhass auf SchülerVZ
Quelle: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de / 19.02.08 / Deutschland

Eine Recherche von stern.de:Zum wiederholten Mal sind beim Online-Netzwerk SchülerVZ Nazi-Symbole sowie Hinweise auf Hardcore-Porno-Seiten aufgetaucht. So haben Mitglieder ihre persönlichen Seiten mit Hakenkreuzen illustriert und dort fremdenfeindliche Äußerungen verbreitet. Jugendschutzexperten sind besorgt, SchülerVZ weist Kritik jedoch zurück. Doch wer sucht, wird leicht fündig...

Von Malte Arnsperger

Das große, schwarze Hakenkreuz prangt inmitten eines goldenen Kranzes. Darum sind vier goldene Reichsadler vor blutrotem Hindergrund abgebildet, die jeweils ein Hakenkreuz in ihren Fängen tragen. Dieses Bild sieht den Besucher, wenn er die persönliche Seite von Mario S. auf dem Internetportal SchülerVZ besucht. Wie es sich für Mitglieder dieses Online-Netzwerkes gehört, hat Mario S. auf seiner Seite ausgiebige Informationen zu seiner Person ausgebreitet. Er ist demnach ein 14-jähriger Schüler aus Österreich. Als sein Lieblingsbuch bezeichnet er "Das dritte Reich", er gibt an, Nazis und Skinheads zu mögen, nicht aber "Juden, Punker, Kommunisten und Neger". Über sich selber schreibt er: "Ich bin Nazi."

SchülerVZ ist ein Online-Netzwerk, das sich ausdrücklich an Schüler ab zwölf Jahren richtet und ihnen die Möglichkeit bietet, sich in virtuellen Gruppen zu treffen und miteinander auszutauschen. Nach Seitenabrufen ist die erst Anfang 2007 gegründete Webseite die zweitgrößte in Deutschland. Aus der Schmuddelecke kommt sie nicht raus. Im Sommer 2007 hatte stern.de rechtsradikale und pornographische Inhalte auf SchülerVZ entdeckt. Davon aufgeschreckt wurden die Betreiber von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Anbieter (FSM) verwarnt. Bei SchülerVZ räumte man damals "Handlungsbedarf" ein und kündigte an, in Zukunft mehr für den Jugendschutz tun zu wollen. Erste Maßnahmen seien von den Betreibern seitdem umgesetzt worden, heißt es nun von FSM und Jugendschutz.net, der InternetKinderschutzinstitution der Bundesländer, zu stern.de. Aber: "Jugendgefährdende Inhalte sind weiterhin leicht zu finden", meint Friedemann Schindler, Leiter von jugenschutz.net.

Diese Einschätzung bestätigten Stichproben von stern.de in den vergangenen Wochen. Zwar wurden nach Angaben von SchülerVZ im Sommer zwei Filter eingesetzt. Sie sollen die Gründung von Gruppen, die Begriffe wie "Hure" oder "Ficken" enthalten, und die Suche nach diesen Ausdrücken verhindern. Aber die Seite von Mario S. ist kein Einzelfall. stern.de fand weitere zweifelhafte Inhalte. So etwa hat das Mitglied Kalle K. die Gruppe "Heil Hitler" gegründet. Als Illustration wählte auch er ein Hakenkreuz - ein Symbol, dessen Verwendung mit bis zu dreijähriger Gefängnisstrafe geahndet werden kann. Allerdings macht sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Berlin SchülerVZ nicht strafbar, da Diensteanbieter nicht verpflichtet seien, die von ihnen übermittelten oder gespeicherten Informationen zu überwachen.

Ähnliches Gedankengut wie Kalle K. scheint die Mitglieder der SchülerVZGruppe "NPD/JN" zu vereinen. Mit einem NPD-Plakat - Aufschrift "Deutschland über alles" - wird hier um Mitglieder geworben. Sinn der Gruppe: "Hier können NPD Nachrichten/Neuigkeiten, Wahlergebnisse etc. bekannt gegeben werden". So zumindest steht es auf der Startseite der Gruppe. Doch die Mitlieder von SchülerVZ, davon natürlich auch viele Minderjährige, können sich nicht nur mit Neuigkeiten über die rechtsextreme Szene versorgen. Sie sind nur wenige Mausklicks davon entfernt, Informationen und die entsprechenden Internetadressen zu Hardcore-Porno-Seiten zu bekommen. So etwa in einer Gruppe von Anhängern eines amerikanischen Pornostars, die sich "Jenna Jameson Fanclub" nennt. Einer der immerhin knapp 600 Mitglieder ist der angeblich erst 14-jährige Denis K. Mit den Worten "Das ist die beste im ganzen Netz!! Das Portal von xnxx.com!!" empfiehlt er den Besuch einer frei zugänglichen Hardcore-Porno-Seite.

Von stern.de auf diese Inhalte angesprochen, zeigten sich Experten und Jugendschützer besorgt. Friedemann Schindler von Jugendschutz.net fordert: "Die Anstrengungen für eine bessere Berücksichtigung des Jugendschutzes können und müssen verstärkt werden". Im SchülerVZ und anderen Social Networks gibt es nach wie vor Jugendschutzprobleme." Auch Maja Winter von FSM äußerte sich kritisch: "Eigentlich dürften es solche Inhalte nicht auftauchen, da müsste der Filter noch optimiert werden", sagt sie. Von einer erneuten Verwarnung sehe man jedoch ab, die Verantwortlichen von SchülerVZ hätten seit den Berichten von stern.de Maßnahmen ergriffen und den Nachweis erbracht, dass sie sich für den Jugendschutz engagierten.

Das sieht Beate Krafft-Schöning ganz anders. Der Jugendschutz bei SchülerVZ sei Makulatur, meint die Expertin für Jugendschutz im Internet und Autorin des Buches "Nur ein Mausklick zum Grauen - Jugend und Medien". "Diese Seite ist nicht kindgerecht und teilweise sogar jugendgefährdend", sagt KrafftSch öning. "Es geht den Betreibern nur um das Geldverdienen. Für mich hat sich bei SchülerVZ in den vergangenen Monaten nur vordergründig etwas geändert." Diese Meinung teilt auch Michael Kappe vom Kinderschutzverein childcare angesichts der Hinweise auf die Porno-Seiten: "Wenn es solche Inhalte auf SchülerVZ immer noch gibt, ist das eine harte Nummer. Man sollte sich überlegen, ob man dort überhaupt geeignet ist, ein solches Portal zu führen." Kappe ruft die Verantwortlichen von SchülerVZ dazu auf, stärker auf den Jugendschutz zu achten. "Denn es ist nicht damit getan, hin und wieder ein paar Gruppen zu löschen."

Kopfschüttelnd reagierte Holger Kulick, Redaktionsleiter der Website mutgegen -rechte-Gewalt, auf die Vielzahl an rechtsextremen Inhalten auf Schülervz. "Es verblüfft mich, dass hier so offen verbotene Nazi-Symbole gezeigt werden dürfen und Fremdenhass propagiert werden kann. Ich zweifele daran, ob hier der Betreiber aufmerksam seine Seite durchgesehen hat und seiner Sorgfaltspflicht nachkommt", sagt der Berliner
Rechtsextremismusexperte. Demokratie habe eben nicht nur mit Meinungsfreiheit, sondern auch mit dem Respekt vor humanistischen Werten zu tun. "Die Würde des Menschen wird mit solchen Inhalten verletzt, dieser offene Hass hat auf einer solchen Seite nichts verloren."

Leider sei die Zurschaustellung einer - oft unreflektierten - rechten Gesinnung derzeit bei vielen jungen Leuten schick, meint Kulick. Die finden es cool, auf solche Art zu provozieren. Er appelliert an die Betreiber von Schülervz, die betreffenden Mitglieder direkt auf ihr Verhalten anzusprechen, zu verwarnen und erst, wenn sie nicht reagieren, von der Seite zu verbannen: "Wichtig ist, ihnen zu begründen, dass es hier um Ethik geht und nicht um Zensur". Das gleiche gelte für die Studentenplattform StudiVZ, auf der nach Beobachtungen der MUT-Redaktion auch immer wieder Rechtsaußen versuchen, Netzwerkarbeit zu betreiben.

SchülerVZ weist Kritik zurück

Bei SchülerVZ jedoch gibt man sich selbstbewusst. Schließlich würden jeden Tag 80 bis 120 Profile von Nutzern und 80 Gruppen gelöscht, sagte Philippe Gröschel, Jugendschutzbeauftragte von SchülerVZ zu stern.de. "Aber natürlich ist SchülerVZ ein Abbild der Gesellschaft und der Jugend. Auch bei uns geschehen, wie in jeder Großstadt, Dinge, die nicht im allgemeinen Interesse sind. So ist es natürlich nicht in unserem Sinne, dass Hakenkreuze hochgeladen werden."

Die Seite, die dem Medienkonzern Holtzbrinck gehört, ist der Shooting-Star unter den Online-Netzwerken. Gegründet erst im Februar 2007 hat SchülerVZ, das kleine Geschwisterchen von StudiVZ, nach eigenen Angaben mittlerweile rund 2,8 Millionen Mitglieder, täglich kommen demnach rund 12.000 neue dazu.

Diese große virtuelle Gemeinschaft will betreut werden. Mittlerweile seien deshalb 65 Mitarbeiter damit beschäftigt, täglich rund 4000 Hinweisen auf fragwürdige Gruppen, Fotos und Personen nachzugehen, sagte Gröschel. Diese Hinweise gingen ausschließlich von Mitgliedern ein, eigeninitiativ würden seine Mitarbeiter nicht recherchieren. "Unsere Community ist so groß, die beste Überwachung wird durch die Mitglieder gewährleistet.", sagte Gröschel. Auch gebe es für dieses Prinzip juristische Gründe. Denn sollte man als Betreiber einmal anfangen, systematisch nach unzulässigen Inhalten zu suchen, hafte man für den gesamten Inhalt der Seite. Bisher sei die Haftung für SchülerVZ erst gegeben, wenn man trotz der Kenntnis über unzulässige Inhalte diese nicht unverzüglich lösche, so Gröschel.

"Aufklärungsbedarf ist hoch"

Eine vollständige Kontrolle aller Gruppen und Personen auf einer Seite, die täglich von hunderttausenden Nutzern frequentiert wird, ist jedoch illusorisch. Darüber sind sich Jugendschützer einig. Und dies scheinen mittlerweile auch viele Eltern zu realisieren. Jugendschutz.net habe im vergangenen halben Jahres einen starken Anstieg von Anfragen zu Social Networks verzeichnet, sagte Friedemann Schindler. "Der Aufklärungsbedarf über Gefahren und wie man ihnen begegnet, ist bei Eltern besonders hoch." Schindler bittet deshalb die Nutzer dieser Seiten sowie auch deren Eltern darum, Verstöße an den Betreiber zu melden. Sollten unzulässige Inhalte dann nicht umgehend beseitigt werden, könne man gegen die Betreiber vorgehen.

Soweit wollen es die Verantwortlichen von SchülerVZ natürlich nicht kommen lassen, sie versuchen deshalb offensichtlich, auf den steigenden Beratungsbedarf von Eltern und Lehrern einzugehen. So bietet SchülerVZ diesen pro Woche vier Telefon-Sprechstunden mit Diplom-Pädagogen an und hält auf der Startseite für Eltern und Lehrern Informationen zu dem Portal bereit. SchülerVZ-Sprecher Philippe Gröschel: "Wir sind sehr engagiert und rege im Jugendschutz und tun alles, was uns möglich ist."

Anmerkung d. Red.: In den Tagen nachdem stern.de die erwähnten Inhalte auf SchülerVZ entdeckt hatte, wurden sie offensichtlich teilweise entfernt. So nennt sich Mario S. nun "Matsche Ssssssssss" und hat das Hakenkreuz-Bild mit dem Logo der Gruppe "Landser" ersetzt. "Landser" ist einer der bekanntesten Musikgruppen aus dem neonazistischen Milieu. Die Gruppe wurde vom Bundesgerichtshof zur kriminellen Vereinigung erklärt. Auch die SchülerVZ-Gruppe "Heil Hitler" ist nicht mehr auffindbar. Die Empfehlungen für Porno-Seiten existieren jedoch immer noch.


Unsere Projekte 2008 werden u.a. gefördert & unterstützt durch: das Landesprogramm "Weltoffenes Sachsen",den Lokalen Aktionsplan Sächsische Schweiz, das "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend", den Landkreis Sächsische Schweiz, die Deutsche Post World Net, die Stadt Pirna, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Friedrich Ebert Siftung, die Städtische Wohnungsbaugesellschaft Pirna, die Firmen www.4koepfe.de & www.computer-stephan.de sowie zahlreichen Spenderinnen & Spendern. Allen unser herzliches Dankeschön!

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20.02.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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