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Mittelbadische Presse, 11.4.08
Offenburg vor 50 Jahren: Fall Zind sorgt weltweit für Aufsehen
Ortenauer beschimpfte ehemaligen KZ-Häftling / Verurteilung zu einem Jahr Haft / Medien-Lawine
autor: andreas lörcher
11.04.2008 - Gestern vor fünfzig Jahren begann in Offenburg ein Gerichtsprozess, der in die Schlagzeilen der Weltpresse gelangte. Auch Fernsehen und Hörfunk berichteten über das Verfahren gegen den Lehrer des Offenburger Grimmelshausen-Gymnasiums Ludwig Zind, der wegen antisemitischer Beschimpfungen und Beleidigungen sowie der Verunglimpfung der Opfer des Holocausts zu einem Jahr und einem Tag Haft ohne Bewährung verurteilt wurde und damit seine Beamtenrechte verloren hatte.
Was war geschehen? Am Sonntag, 23. April 1957, ist Zind zur Geburtstagsfeier eines Prokuristen eingeladen. Später geht Zind mit Bekannten kegeln und zechen. Mehr oder weniger angetrunken gehen die beiden nach Offenburg in den Zähringer Hof. Zind setzt sich zu Kurt Lieser.
Beide unterhalten sich prächtig, trinken Brüderschaft. Gegen 2 Uhr überredet Zind zwei seiner ehemaligen Schüler, sich dazuzusetzen. Zind prahlt, wie er als Student in den Zwanziger Jahren gegen die übermäßige Besetzung der Lehrstühle mit Juden protestierte.
Das lässt Kurt Lieser aufhorchen. Er ist zwar Katholik und war auch Wehrmachtsoldat, doch weil sein Vater Jude war, wurde Kurt Lieser als Halbjude inhaftiert, misshandelt und in ein KZ abtransportiert, wo ihm ein Wächter den Kiefer zertrümmerte.
Es kommt zum Streit, Zind steigert sich in antisemitische Hasstiraden hinein. Auf dem Höhepunkt seines Wutanfalls beschimpft Zind Lieser als »Drecksjude« und bedauert, »dass man vergessen habe, ihn zu vergasen und er nicht »den Kamin hochgegangen sei«.
Kurt Lieser tritt wütend Zind entgegen. Die Situation entgleist, die beiden ehemaligen Schüler greifen ein, um Handgreiflichkeiten zu verhindern. Kurt Lieser geht um 5 Uhr nach Hause. Die Auseinandersetzung belastet ihn derart, dass er daheim zusammenbricht. Der Streit im Zähringer Hof ruft das unbewältigte Trauma aus der KZ-Haft wieder wach. Kurt Lieser entwickelt Angst davor, Zind könnte ihn und seine Familie umbringen.
Am folgenden Tag wendet sich Lieser auf die Empfehlung des Landgerichtsrats an den Oberrat der Israeliten Badens. Dieser benachrichtigt das Kultusministerium in Stuttgart, das das Oberschulamt Freiburg mit dem Fall betraut, welches den Rektor des Grimmelshausen-Gymnasiums mit der Klärung des Sachverhalts beauftragt. Der Rektor organisiert eine Aussprache. Zind entschuldigt sich bei Lieser lapidar. Seine Ablehnung gegen Juden will er jedoch nicht zurücknehmen. »Ich krieche doch vor einem Juden nicht zu Kreuze, lieber gehe ich Straßenkehren« und »Israel gehört ausradiert«, äußert sich Zind nun - ohne betrunken zu sein - im Grimmelshausen-Gymnasium.
Doch nachdem das Oberschulamt keine Maßnahmen gegen Zind ergreift, wendet sich Lieser trotz anfänglicher Scheu Ende des Jahres 1957 an das Stuttgarter Büro des Nachrichtenmagazins »Spiegel«. Am 18. Dezember erscheint ein ganzseitiger Artikel. Ein junger Journalist weist aus persönlicher Empörung zuspitzend auf die Missstände hin und tritt damit eine Lawine los. Nachdem ein halbes Jahr nichts im Fall Zind geschehen war, veranlasst das Oberschulamt Freiburg nun ein Dienststrafverfahren gegen Ludwig Zind. Das baden-württembergische Landesparlament beantragt eine Aktuelle Stunde. Dort wird dem Kultusminister und dem Ministerpräsidenten fraktionsübergreifend Nachlässigkeit im Fall Zind vorgeworfen, das Parlament drängt die Landesregierung, das Dienststrafverfahren beschleunigt voranzutreiben.
Zind kann daran nicht teilnehmen, weil er infolge der massiven Berichterstattung psychische Störungen erleidet. Ein Gutachter stellt fest, Zind gebe sich nur nach außen hin als selbstbewusst, in Wirklichkeit seien die schizophrene Episode sowie seine aggressive, rechthaberische und großsprecherische Verhaltensweise unter Alkohol Ausdruck von fehlender Selbstsicherheit.
Zudem klagt die Offenburger Staatsanwaltschaft Zind an. Zahlreiche Geschädigte des Nationalsozialismus melden sich in Offenburg, um auch gegen Zind zu klagen. Es werden ausgesuchte Personen wie der Vorstand der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, als Nebenkläger zugelassen. Kurt Lieser tritt nur als Zeuge auf.
Wie schon in der Aussprache im Grimmelshausen-Gymnasium kann sich Ludwig Zind vor Gericht nicht zurückhalten, bezeichnet die Juden als Gefahr und rechtfertigt die Maßnahmen des Nazionalsozialismus gegen Juden. Das Gericht urteilt: ein Jahr und ein Tag ohne Bewährung.
In der Presse wird das Urteil mit Genugtuung gesehen, in Offenburg dagegen erntet Zind nach seiner Verurteilung Applaus vom Gerichtspublikum, mehrere Bürger kommen zu dem Urteil, Zind sei doch ein »grundanständiger Mann«.
Als Lehrer am Grimmelshausen-Gymnasium und als Vorsitzender des Turnvereins 1848 ist Ludwig Zind damals ein geachtetes Mitglied der Offenburger Gesellschaft. Als er nach der Bestätigung des Offenburger Urteils durch das Bundesverfassungsgericht vor Haftantritt ins arabische Ausland fliehen kann, wird über prominente Fluchthelfer spekuliert. Der Abschluss der Verhandlung gegen Zind vor fünfzig Jahren war nicht der letzte Akt des international verfolgten Falls. Es folgte vielmehr ein Katz- und Mausspiel, bis Zind 1970 am Düsseldorfer Fughafen verhaftet wurde.
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