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Wörterbuch der Vergangenheitsbewältigung
Wie Deutsche über NS-Zeit sprechen
Von Gerd Korinthenberg, dpa
Wenn ein prominenter Literat von der "Auschwitzkeule" redet oder ein
katholischer Bischof missliebiger Kunst den Stempel "entartet" aufdrückt,
dann ist der Eklat programmiert. Doch in den meisten Fällen ebbt die
allgemeine Erregung binnen weniger Tage wieder ab - bis zum nächsten
"Knall".
Den öffentlichen Sprachgebrauch in Deutschland nach 1945 zur NSVergangenheit
haben die beiden Düsseldorfer Linguisten Prof. Georg
Stötzel und Thorsten Eitz in einer umfangreichen Forschungsarbeit
analysiert und jetzt auf 786 Seiten als "Wörterbuch der
"Vergangenheitsbewältigung"" veröffentlicht.
Der Verwendung von rund 1000 "diskursrelevanten Vokabeln" von "Auschwitz"
und "Ausmerzung" bis "Wehrmacht" und "Wiedergutmachung" in Medien,
Bundestagsprotokollen oder Justizakten aus rund 60 Jahren hat das
Forscher-Duo akribisch nachgespürt. Das "bis heute gespaltene Bewusstsein
der Deutschen" lasse sich gerade da nachweisen, wo es um Bezeichnungen
für Beginn oder Ende der NS-Diktatur gehe, fanden sie etwa heraus.
Begriffe wie "Machtübernahme" oder "Machtergreifung", "Kapitulation" oder
"Befreiung" seien bis heute umkämpft.
"Aus der Sicht der Sprachwissenschaft können wir zeigen, dass die
Deutschen mit dem Thema nicht fertig werden, wir haben keine
einheitlichen Vokabeln". Wohl kaum jemand dürfte sich noch erinnern, dass
1955/56 als Name für die Armee der jungen Nachkriegsrepublik ernsthaft
zunächst an "Wehrmacht" gedacht wurde, war doch das Vorgängerheer auch in
Hitlers Weltkrieg angeblich "sauber" geblieben.
Die heftig kritisierten NS-Vergleiche würden über die Jahrzehnte
besonders bei der katholischen Kirche, der Umwelt- und Friedensbewegung
häufig genutzt, fiel Stötzel und Eitz auf: "Das sind die, die besonders
stark warnen wollen." Da werde aus Abtreibung rasch "Auschwitz" und aus
der Pille das Mordgas "Zyclon B". Nur Wochen nach der damals
aufrüttelnden TV-Serie "Holocaust" wurde 1979 das neue Horrorwort für den
Völkermord an Europas Juden von Atomkraftgegnern zur Warnung vor der
Nuklear-Gefahr genutzt. Aus einer nicht bewältigten Vergangenheit werde
so eine "Bewältigung der Gegenwart", meinen Stötzel und Eitz.
Wer seine Rhetorik "dynamisieren" wolle, der greife entweder ganz nach
oben ("Fußballgott") oder tiefstmöglich in die sprachliche
Schreckenskammer drastischer NS-Bezeichnungen, notieren die beiden
Wissenschaftler nüchtern. Pikanter Widerspruch: Gerade die Ereignisse,
die im allgemeinen Verständnis als historisch einzigartig dastehen,
werden durch die NS-Vergleiche am meisten relativiert. Die Wortwahl
geschehe "zum Zweck der Instrumentalisierung in heutigen
Auseinandersetzungen", und das wohl meist mit klarer Berechnung, wissen
die zwei Wissenschaftler.
In jüngerer Zeit werde der bewusste Tabubruch, das gezielte Kratzen am
"Konsens der Einmaligkeit" der NS-Verbrechen, aber so inflationär
eingesetzt, dass er nicht mehr zuverlässig funktioniere.
Als neuer "Bild-Spendebereich" trete daher zunehmend die DDR- Geschichte
an: Aus "Gestapo-Methoden" werden in der öffentlichen Rede nun häufiger
mal "Stasi-Methoden".
Für die beiden sachlich analysierenden Wissenschaftler aber ist eines
klar: Wenn Rechtsaußenpolitiker in Parlamenten den Luftkrieg der
Alliierten gegen Hitler-Deutschland einen "Bomben-Holocaust" nennen, dann
diene dies eindeutig der "Aufrechnung" und dann sei politische Kritik
vonnöten.
Der Streit gesellschaftlicher Gruppen um die "richtigen" Worte - selbst
beim heiklen NS-Thema - hat allerdings auch etwas Beruhigendes. Die
Düsseldorfer Sprachwissenschaftler: "Es gibt keine Deutungshoheit; ein
einheitlicher Sprachgebrauch existiert nur in totalitären
Gesellschaften."
(Thorsten Eitz/Georg Stötzel: "Wörterbuch der "Vergangenheitsbewältigung"",
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2007, 29,80 Euro)
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Copyright C FR-online.de 2007
Dokument erstellt am 19.12.2007 um 09:48:53 Uhr
Letzte Änderung am 19.12.2007 um 10:50:39 Uhr
Erscheinungsdatum 19.12.2007
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