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Main-Rheiner Regionalnachrichten, 6.11.07
"Stolpersteine" für Köpfe und Herzen
Vier "Stolpersteine" sollen vor dem Haus Breidenbacher Straße 19, dem Geburtshaus der jüdischen Geschwister Cantor, auf deren Deportation und Ermordung durch die Nazis erinnern. Solche Gedenksteine gab es in Mainz bislang nicht. Initiiert hat die Aktion der Mainzer Turnverein von 1817.
Von Bernd Funke
Sie sind ebenerdig in den Gehweg eingelassen, die vier kleinen Betonquader mit golden glänzender Messingplatte. Und doch sind sie "Stolpersteine" im Sinne des Kölner Bildhauers Gunter Demnig, der sie gestern selbst in den Boden versenkte. Mainz ist die 281.Stadt, in der Demnig seine 1993 geborene Idee verwirklicht. Rund 13000 "Stolpersteine" liegen bislang. "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen", zitiert der Bildhauer den Kommentar eines Schülers.
Die Stadt habe es dem Mainzer Turnverein (MTV) von 1817 nicht leicht gemacht, die Aktion durchzuführen, bedauern Vorstandsmitglieder des Vereins, der sich auf diese Weise nicht nur seiner im "Dritten Reich" unrühmlichen Vergangenheit stellen, sondern vor allem auch an seinen lange vergessenen jüdischen Vorsitzenden Ernst Cantor erinnern will.
Cantor, im Hause Breidenbacher Straße 19 geboren, wurde 1911 Vorsitzender des MTV. Im April 1933 wurde der Versicherungskaufmann im Zuge der Beschlussfassung der Deutschen Turnerschaft zur Umsetzung des "Arierparagrafen" aus dem Verein ausgeschlossen. 1939 musste er in ein so genanntes Judenhaus umziehen, aus dem er am 25. März 1942 mit dem ersten großen "Judentransport" aus Mainz deportiert wurde. Wenig später wurde Ernst Cantor, dem der MTV unsäglich viel zu verdanken hatte, in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten ermordet. Seine Geschwister Anna und Paul (beide Mainz) und Max (Berlin) erlitten das gleiche Schicksal.
Vor einer kleinen Gruppe, die das Einbringen der vier "Stolpersteine" für Ernst Cantor und seine Geschwister mit positiven Kommentaren begleiten, nutzt Rainer Brechtken, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), die Stunde, um zu erklären, dass sich der DTB seiner Verantwortung bewusst sei. Brechtken erinnert daran, dass die Deutsche Turnerschaft schon knapp sechs Wochen nach Hitlers "Machtergreifung" und lange vor der Gleichschaltung den Ausschluss aller jüdischen Mitglieder beschlossen habe. Es sei wichtig, sagt der Turner-Präsident, "dass sich die Vereine dieser Vergangenheit erinnern, die auch ihre eigene ist". Sein Wunsch sei, dass "Stolpersteine" in vielen Städten an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. "Wir müssen die Konsequenzen ziehen. Gerade als Sportler sind wir verpflichtet zu Toleranz." Und Brechtken erinnert daran, dass die höchste Ehrung, die der DTB zu vergeben hat, die Flatow-Medaille sei, die den Namen der jüdischen Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow trage.
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