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Estland will Tag der Befreiung vom Faschismus nicht feiern
09:52 | 22/ 09/ 2007
http://de.rian.ru/analysis/20070922/80412733.html
MOSKAU, 22. September (Jelena Schesternina, RIA Novosti). Estland feiert am 22. September den Widerstandstag.
Dieser Tag hatte mehr als 60 Jahre lang anders geheißen: Tag der Befreiung Tallinns von der faschistischen deutschen Besatzung, aber der Präsident Toomas Hendrik Ilves hatte im März Änderungen am "Feiertags-Gesetz" unterzeichnet. Um alle Fragen nach den Gründen für die Umbenennung endgültig zu schließen, haben die Urheber des Gesetzentwurfs einen erklärenden Bericht verfasst. Dieser läuft auf Folgendes hinaus: Estland wurde am 22. September 1944 nicht befreit, sondern von der Sowjetunion erneut okkupiert. "Nach dem Rückzug der deutschen Verbände beim Vorstoßen der Sowjetarmee war die nationale blau-schwarz-weiße Flagge über dem Turm Langer Hermann in der estnischen Hauptstadt zu sehen. Aber die Rote Armee besetzte am selben Tag Tallinn und über der Hauptstadt wurde die Flagge der roten Okkupanten gehisst." So lautete die Version der Gesetzgeber.
Estnische Politiker hatten seit langem über die Notwendigkeit dieser Umbenennung gesprochen und zahlreiche Varianten der "Wiederherstellung der terminologisch-historischen Gerechtigkeit" vorgeschlagen, beispielsweise "Trauertag" und "Tag der Okkupationsopfer". Im Ergebnis langwieriger Debatten wurde dennoch eine aus der Sicht der Behörden "kompromisshafte" Lösung gewählt. Danke schön dafür. Aber auch dafür, dass der Vorschlag einiger übereifriger Parlamentarier abgelehnt wurde, an diesem Tag alle Gedenkveranstaltungen zu verbieten, "die mit dem Gedenken der Widerstandsteilnehmer unvereinbar sind".
Die Widerstandskämpfer haben ihr Fest schon begangen. Am 2. September wurden an der Gedenkstätte Maarjamägi von Veteranen der 20. SS-Division gemeinsam mit Parlamentsabgeordneten und Vertretern der Stadtbehörden gleichzeitig zwei Daten - der 62. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und 13 Jahre endgültiger Abzug der russischen Truppen (die letzten russischen Soldaten verließen Estland im August 1994) gefeiert. Doch man beschränkte sich nicht auf die Kranzniederlegungen an den Gedenktafeln der Militärverbände, die auf der Seite Deutschlands gekämpft hatten. Die dabei gehaltenen Reden wirkten eher als Vorwürfe an die Adresse des Nachbarn im Osten. "Die Esten hatten während des Krieges keinen anderen Ausweg, als sich vom Feind Nummer zwei bewaffnen zu lassen, um gegen den Feind Nummer eins zu kämpfen. Denn vom Feind Nummer eins war keine Schonung zu erwarten", schüttete der ehemalige Außenminister Trivimi Velliste sein Herz aus. Der jetzige Außenminister Urmas Paet hatte es vorgezogen, der Veranstaltung fernzubleiben, und sich im Voraus gegen eine eventuelle Reaktion Moskaus versichert: "Ich hoffe, dass die russische Seite diese Kundgebung nicht als einen weiteren Versuch aufnehmen wird, die Geschichte umzuschreiben."
Und tatsächlich hat es diesmal keine Reaktion des russischen Außenministeriums gegeben.
Das ist auch verständlich. Denn zahlreiche Protestnoten, die nach einer immer weiteren Schändung von sowjetischen Soldatendenkmälern, Treffen von SS-Legionären oder Gerichtsprozessen gegen russische Veteranen an Tallinn gerichtet wurden, haben bisher keine greifbaren Ergebnisse gebracht. Hier das jüngste Beispiel: Im August wurde in Estland mit behördlicher Genehmigung ein "Militärsportspiel" zum Andenken an die Operation der Diversionsgruppe "Erna" ausgetragen, die im Auftrag der Abwehr im Rücken der Roten Armee tätig war und im August 1941 vernichtet wurde. Russlands Außenministerium gab, wie es sich gehört, eine Protestnote ab. Keine Reaktion. Mehr noch: Unerwarteterweise hat sich das deutsche Verteidigungsministerium für Tallinn engagiert und seine Soldaten nach Estland entsendet, "um das zwischenstaatliche Zusammenwirken zu festigen", wie es dort hieß.
Am Vorabend der Feierlichkeiten anlässlich des Tages der Befreiung von Tallinn (wollen wir politisch etwas inkorrekt bleiben) hatte Präsident Toomas Hendrik Ilves einen unmissverständlichen Kommentar zum Besten gegeben. Bei der Einweihung einer Ausstellung zum Andenken an die Regierung von Otto Tief (der nach Auffassung der jetzigen estnischen Behörden am 22. September 1944 von der Roten Armee ungesetzlich gestürzt wurde) stellte er die Kommunisten den Faschisten gleich. "Es gibt keinen Unterschied zwischen den Nazi und den Kommunisten", sagte der Staatschef. "Die einen wie die anderen gingen hart und repressiv gegen die Esten vor. Die Wahrheit besteht darin, dass die Rote Armee und NKWD (russ. Abk. für Volkskommissariat für Inneres) Estland genauso 'befreiten', wie die Wehrmacht und die Gestapo es zuvor getan hatten."
Nach den Aussagen von Herrn Ilves zu urteilen (er nannte auch zuvor die sowjetischen Truppen eine 'Banditenschar' und die Zeit der Zugehörigkeit Estlands zur UdSSR eine 'Apartheidzeit' und schlug vor, Russland aus der 'G8' auszuschließen) sind beide Staaten von einer Aussöhnung noch weit entfernt.
Indes haben die Kommunalbehörden des Ortes Vistla im Südosten des Landes beschlossen, die Idee der nationalen, inländischen Aussöhnung in die Tat umzusetzen. Am 21. September wird eine Gedenkstätte für die Soldaten eingeweiht, die auf den beiden Seiten der Front kämpften, und die erst vor kurzem entdeckten Gebeine von fünf Soldaten der 20. SS-Division neben Soldaten des estnischen Schützenkorps bestattet, die auf der Seite der UdSSR kämpften. "Sie alle fielen in einem Kampf und müssen nebeneinander ruhen", hieß es bei der örtlichen Administration. Es wurde vorsorglich bemerkt, dass die Angehörigen der Toten der Umbettung ihre Zustimmung gegeben hätten.
Aber auch das ist eher eine Ausnahme. Also wird ein halbes Land am 22. September den Tag der Befreiung vom Faschismus und die andere Hälfte den nicht verkündeten Trauertag begehen.
Nun zum Nachwort. Russland, das die estnischen Behörden wegen der Grabstörungen und der Schändung des Andenkens an die Toten - durchaus berechtigt - beschuldigt, hat selbst die Finanzierung des Verbandes der russischen Gemeinden in Estland eingestellt, der unter anderem die sowjetischen Soldatengräber gepflegt hatte. Unsere Botschaft erklärt dies damit, dass "für die Pflege der Gräber in der Regel von dem Staat gesorgt wird, in dem sie sich befinden. Und dafür muss ein Abkommen unterzeichnet werden."
Rechnen die russischen Diplomaten tatsächlich damit, dass ein Land, dessen Behörden die sowjetischen Soldaten ausschließlich als Okkupanten betrachten, ein solches Dokument signieren kann? Nein. Wäre es dann vielleicht nicht einfacher, Gelder dafür bereitzustellen, um keinen Anlass zu geben, uns selber eine Missachtung des Andenkens an die Toten vorzuwerfen.
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