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Aktion Zivilcourage e.V.
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- DIE CANNABEAT PARTY IST ZURÜCK
- "HASS IM HERZEN" IM UNIWERK PIRNA
- NAZI-AUFKLEBER ZUM TODESTAG VON RUDOLF HESS
- JUGENDCLUBLEITERINNEN AUFGEPASST
- PRESSESCHAU
+ Themenschwerpunkte: "Mügeln" & "Dresden Pappritz"
- | :: DIE CANNABEAT PARTY IST ZURÜCK ::
Sehr zum Ärger vieler Eltern und besorgter Lehrer steht pünklich zum Beginn
des neuen Schuljahhhhhrg*** bei den meisten schon der wichtigste Termin
mit rot im Kalender... (der alte Streberschüler neben dir macht grad große
Augen, aber Abschreiben is nich - hat er selber vorm Sommer noch gesagt!)
am Freitag, den 14.09. steht deine cannabeat wieder fest an deiner Seite!
Auch wenn du im letzten Schuljahr schon wieder sitzengeblieben bist, hier
bleibst du es garantiert nicht! Im Saal machen dir Dj
Han(ne)s und Ghost-dj, Mr. nap & god mit rockigen und anderen alternativen
Klängen Beine. Neu im Dj-Team sind die ultimativen Chaos
Freaks... Für die Liebhaber der elektronischen Musik unter Euch, haben wir
im 2nd Floor eine zusätzliche Überraschung parat. Die Elektromafia spielt
live für dich zum Tanz auf. Ob die Jungs was taugen, kannst du unter
http://erik-richter.magix.net/website/ checken.
Die "Chaos Freaks" geben ihren Einstand
Wie versprochen, haben wir für den guten alten Dj Los Kallos würdigen
Ersatz gesucht und (hoffentlich) auch gefunden...ab 14.09. brennen euch die
Chaos Freaks ein paar schöne heiße Teile in die ohren. Klar, man muß die
Jungs natürlich erst mal erleben, aber dann
wollen wir von dir wissen: Rock oder Flop? Sag uns mal richtig deine
Meinung!
Der Kartenvorverkauf:
Für alle Partys und Konzerte bekommst du Karten im T-Partner Mobilfunkshop
(Breite Str. 5), Hanno Pirna (Hohe Str. 1) und im Büro der Aktion
Zivilcourage (Lange Str. 43).
Das Gewinnspiel:
Was um alles in der Welt ist bloß so toll an "Bionade"? Schick deine
Antwort bis 11.09. an info@cannabeat.de und du gewinnst vielleicht gleich 4
(!!!) Freikarten für dich und deine Gang für die Party am 14.09.
Also: cannabeat Party am Freitag, den 14.09. ab 21 h im Jugendhaus Hanno
Pirna (Hohe Straße 1)
2. | :: "HASS IM HERZEN" IM UNIWERK PIRNA ::
Hass im Herzen - Theater im Uniwerk am 23.09.2007 - die Spielbühne Freital
gibt Gastspiel im Uniwerk Pirna
Mario, ein sechszehnjähriger Schüler, gerät in den Bann einer
rechtsradikalen Clique. Diese führt einige brutale, fremdenfeindliche
Aktionen durch, woran auch Mario beteiligt ist. Bald verliebt er sich in
Conny, die ebenfalls der Clique angehört. Erst der Rassismus und der
Judenhass des Anführes dieser rechten Truppe lassen Mario und Conny zu der
Erkenntnis kommen, dass Rechtsradikalismus nicht der Weg ist, um reale oder
nur eingebildete Probleme zu lösen. Doch wie sollen sich Mario und Conny
wieder von den Skins lösen? Beide wissen wie Skins mit Verrätern in ihren
eigenen Reihen umgehen. Ein Stück, welches Stimme erhebt für mehr Toleranz
und Verständigung. Im Anschluss an die Vorstellungen laden wir zum offenen
Gespräch ein.
Ein Stück von Heribert Eiden und Claudia Hiestermann.
Regie: Mario Grünewald
Eine Veranstaltung der Aktion Zivilcourage in Kooperation mit Uniwerk Pirna.
Sonntag 23.09.2007 - 19 Uhr - Uniwerk (Schmiedestrasse 55) - Eintritt
frei!
Mehr Informationen zum Stück unter www.spielbuehne-freital.org.
3. | :: NAZI-AUFKLEBER ZUM TODESTAG VON RUDOLF HESS ::
Propaganda zum Heß-Todestag in Pirna beseitigt
Mitarbeiter des Ordnungsamtes haben gestern Vormittag an 33 Stellen im
Stadtgebiet Pirna und den Ortsteilen rechtsextremes Propagandamaterial
entdeckt und entfernt. Es steht im Zusammenhang mit dem heutigen
20.Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. An städtischen
Einrichtungen und Objekten wie Bushaltestellen, Verkehrszeichen,
Laternenmasten, Ampeln und Parkscheinautomaten wurden Plakate, Aufkleber
und Schmierereien beseitigt. Sie waren in der Nacht zuvor von Unbekannten
angebracht worden. Das teilte das Rathaus auf SZ-Anfrage mit. Die Stadt
habe wegen der Sachbeschädigungen Anzeige gestellt. Privaten
Grundstückseigentümern sei empfohlen worden, selbiges zu tun, so Sprecher
Klaus Hensel.
4. | :: JUGENDCLUBLEITERINNEN AUFGEPASST ::
Für das JC-Leiter/innen-Workcamp der sächsischen Landjugend vom 7. bis 9.
September 2007 in
Bautzen gibt es nur noch 6 freie Plätze.
Für 20,00 EURO gibt?s hier tausend nützliche Tips und Hinweise für Eure
Arbeit in Eurem selbstverwalteten Jugendclub.
Zudem sind Unterkunft und Vollverpflegung inklusive. Für Eure Selbstanreise
und -abreise könnt ihr bis zu 10,00 EURO pro Person von uns erstattet
bekommen.
Also ein Schnäppchen, um neue Ideen und Anregungen für die eigene
Jugendclubarbeit zu bekommen.
Die Themenschwerpunkte könnt Ihr mitbestimmen!
Die Sächsische Landjugend wird mit euch zusammen Fragen zu finanziellen
Angelegenheiten, Veranstaltungsorganisation sowie zu rechtlichen Regelungen
für die Jugendclubarbeit beantworten. Außerdem erhaltet Ihr methodische
Hinweise, wie man andere zum Mitmachen bewegen kann (Motivation), wie Ihr
Euch fair am besten durchsetzen könnt, ohne Euch unbeliebt zu machen und
wie man einen Club am besten leitet.
Zudem habt Ihr die Chance andere Jugendclubs kennen zu lernen und alle Eure
Fragen in das Workcamp einzubrinmgen. Das Ganze beginnt am Freitag Abend,
den 07.09.2007 um 17.00 bzw. 18.00 Uhr und endet am Sonntag Nachmittag, ca.
15.00 Uhr.
Bei Interesse meldet Euch umgehend bei: Sylvia Dammmüller, Sächsische
Landjugend e.V., Schnorrstraße 70, 01069 Dresden; 0351 - 4715266 oder per EMail:
sylvia.dammmueller@landjugend-sachsen.de
ANMELDESCHLUSS: 25.08.2007
5. | :: PRESSESCHAU ::
+++ Sächsische Schweiz / Thomas Sattelberg sitzt jetzt im Gefängnis +++
+++ Sachsen / Schwerpunkt ist Ostsachsen +++
+++ Sachsen / Konferenz gegen Rechtsextremismus geplant +++
+++ Sachsen / Die Inder haben um ihr Leben gezittert +++
+++ Rostock / Als der Mob die Herrschaft übernahm +++
+++ Sachsen / «Fremdenunfreundliche Grundstimmung» +++
+++ Berlin / Zentralrat fürchtet um Sicherheit von Homosexuellen und Juden
+++
+++ Mügeln / Wegsehen, schönreden, abtauchen +++
+++ Mügeln / Ausländer in Mügeln fürchten neuen Gewaltexzess +++
+++ Wismar / Werwölfe im Weltkulturerbe +++
+++ Mügeln bei Oschatz / Acht Inder bei Stadtfest angegriffen +++
+++ Dresden / Aktivist angeklagt +++
+++ Pirna / Graffiti-Kreuze auf der Straße als Mahnung +++
+++ Liebstadt / Jugendliche hadern mit ihrem Image +++
+++ Pirna / Rolandslanze bricht an Nazis +++
+++ Dresden-Klotzsche / Nazi-Schmiererei in Klotzsche nach NPD-Fete +++
+++ Dresden-Pappritz / "Wir machen weiter, bis wieder Ruhe ist" +++
+++ Dresden-Pappritz / Gute Laune bei der Ausländerhetze +++
+++ Dresden / Stadt will NPD-Fete verhindern +++
Quelle: Sächsische Zeitung, 23.08.2007
23.08.2007 / Sächsische Schweiz
Thomas Sattelberg sitzt jetzt im Gefängnis
Der SSS-Rädelsführer hat nun seine acht Monate andauernde Haftstrafe
angetreten.
Der bereits wegen Mitgliedschaft in der verbotenen rechtsextremistischen
Vereinigung "Skinheads Sächsische Schweiz" (SSS) zu einer Bewährungsstrafe
verurteilte Thomas Sattelberg (33) aus Pirna musste ins Gefängnis. Wie der
Dresdner Oberstaatsanwalt Jürgen Schär am Mittwoch gegenüber der SZ
mitteilte, hat Sattelberg jetzt eine acht Monate andauernde Haftstrafe
angetreten. Im Jahre 2006 war er dazu vom Landgericht Dresden verurteilt
worden, weil er als Rädelsführer die verbotene SSS weitergeführt hatte.
Sattelberg legte gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof ein,
hatte damit aber keinen Erfolg. Einzelheiten zum genauen Haftantritt und
dem Gefängnis, in dem Sattelberg sitzt, nannte Schär nicht. Nach seinen
Angaben sind weitere sechs Personen wegen Fortführung der verbotenen SSS
überwiegend aus dem Raum Pirna derzeit bei der Staatsschutzkammer
angeklagt. Unter ihnen ist auch der 25 Jahre alte Martin Schaffrath. Ihm
wird zur Last gelegt, die SSS als Organisation zusammengehalten zu haben.
Außerdem müsse er sich wegen gefährlicher Körperverletzung und
Propagandadelikten verantworten, sagte Schär. Sattelberg sitzt im
Landesvorstand der Jungen Nationaldemokraten (JN), dem NPD-Nachwuchs.
Schaffrath ist JN-Kreischef und Inhaber des Pirnaer Szene-Ladens "Crime
Store". (Von Frank Ellmers)
www.sz-online.de
23.08.2007 / Sachsen
Schwerpunkt ist Ostsachsen
Das Kulturbüro schätzt die Zahl der rechten Kameradschaften landesweit auf
etwa 50. Die Kleinstadt Mügeln in Nordsachsen war bisher kein Schwerpunkt
rechtsextremistischer Aktivitäten in Sachsen. Aber die rechten
Kameradschaften sind seit einiger Zeit mehr und mehr auch in der Region
Nordwestsachsen aktiv, erläutert Friedemann Bringt, Projektleiter mobile
Beratungsteams vom Kulturbüro Sachsen.
Im Landkreis Döbeln treffen sich regelmäßig Rechtsextremisten in einer
Kameradschaft Leisnig. Der harte Kern bestehe aus 15 bis 20 Personen,
insgesamt nähmen bis zu 50 Rechte an Aktionen und Kameradschaftsabenden
teil. Der Ort ist einer der Schwerpunkte der mobilen Beratungsteams. Bringt
sagte, Mitglieder der Kameradschaft Leisnig hätten sich am vorigen
Wochenende offenbar auch an den Gewaltausschreitungen in Mügeln beteiligt.
"Die Leute sind sehr mobil. In Leisnig war zu viel Polizei, deshalb sind
einige von ihnen nach Mügeln gefahren."
Saufen und randalieren
Die Kameradschaften nutzten hauptsächlich im Sommer Volksfeste dazu, sich
zu betrinken, Randale anzuzetteln, potenzielle Opfer ausfindig zu machen
und zu drangsalieren. Ihr Ziel: No-go-Areas (national befreite Zonen)
schaffen, in denen rechtsextreme Aktivitäten das Alltagsbild prägen, sodass
Menschen, die als "politische Feinde" betrachtet werden, dort aus Angst vor
gewalttätigen Übergriffen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen,
heißt es in einer Analyse des Kulturbüros. In Torgau gibt es eine Gruppe
namens "Schildauer Jungs". Auch im Muldentalkreis und in Colditz wurden
Kameradschaften beobachtet. Weitere Schwerpunkte der Rechtsextremisten sind
der Raum Mittweida, die Sächsische Schweiz und die Oberlausitz. In
Mittweida würden die Strukturen der verbotenen Kameradschaft "Sturm 34"
weiter bestehen. In der Region Ostsachsen sind nach Angaben des Kulturbüros
zwei Drittel der schätzungsweise landesweit 50 Kameradschaften aktiv. Der
Verfassungsschutz geht davon aus, dass den Gruppen etwa 700 Mitglieder in
Sachsen angehören. Das Kulturbüro Sachsen berät lokale Vereine,
Jugendinitiativen, Kirchengemeinden, Netzwerke, Firmen sowie
Kommunalpolitik und -verwaltung in Sachsen mit dem Ziel,
rechtsextremistischen Strukturen eine aktive demokratische
Zivilgesellschaft entgegenzusetzen. (Von Karin Schlottmann)
www.kulturbuero-sachsen.de
www.sz-online.de
23.08.2007 / Sachsen
Konferenz gegen Rechtsextremismus geplant
Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hat nach den Übergriffen
auf acht Inder in Mügeln Konsequenzen angekündigt. Unterdessen wird über
Fördermittel des Bundes für die Arbeit gegen Rechtsextremismusdebattiert.
Wir planen im November eine Konferenz mit Vertretern aus den sächsischen
Kommunen, um Maßnahmen gegen Gewalt und Extremismus zu erörtert", sagte
Milbradt dem "MDR Sachsenspiegel" am Donnerstag. Der Politiker warnte in
dem Gespräch aber erneut vor einem vorschnellen Urteil über den Vorfall in
Mügeln. Noch sei nicht geklärt, ob der Überfall auf die Inder am
vergangenen Wochenende tatsächlich einen rechtsextremistischen Hintergrund
habe. In der Nacht zum Sonntag hatten nach einem Stadtfest in Mügeln
mehrere Deutsche acht Inder gejagt, die in eine Pizzeria flüchteten. Dabei
wurden 14 Menschen, darunter die acht Inder, verletzt.
Pofalla: Brauchen nicht mehr Geld, sondern mehr Zivilcourage
CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hat sich gegen die Aufstockung der
Bundesmittel für Initiativen und Programme gegen Rechtsextremismus
ausgesprochen. "Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern mehr Zivilcourage",
sagte er der "Ostsee-Zeitung" (Donnerstag). Selbst wenn der Bund seine
Mittel verdoppelte, würde das Problem nicht gelöst, sagte Pofalla zu
Forderungen aus der SPD und von den Grünen nach den Vorfällen im
sächsischen Mügeln. Der parlamentarische Staatssekretär im
Familienministerium, Hermann Kues (CDU), wies darauf hin, dass der Bund die
Fördermittel für Projekte gegen den Rechtsextremismus von jährlich 19
Millionen um weitere 5 Millionen Euro aufgestockt und die Verantwortlichen
in Bund, Ländern und Kommunen auf ein gemeinsames Konzept eingeschworen
habe. "Dem Bund Untätigkeit im Kampf gegen rechtsextreme Tendenzen
vorzuwerfen, ist vor diesem Hintergrund völlig verfehlt", sagte er in einer
Mitteilung des Ministeriums. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU),
deren Ressort die Programme gegen Rechtsextremismus zugeordnet sind, soll
heute bei der Kabinettsklausur in Meseberg über die Programme berichten.
Kues wies in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Donnerstag) auch die
Forderung des Zentralrats der Juden zurück, die Zuständigkeit für den
Rechtsextremismus auf Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu
übertragen. "Dafür gibt es keinen sachlichen Grund", sagte er. "Beide
Ministerien arbeiten schon heute eng zusammen." In der Nacht zum Sonntag
hatten nach einem Stadtfest in Mügeln mehrere Deutsche acht Inder gejagt,
die sich in eine Pizzeria flüchteten. Dabei wurden 14 Menschen, darunter
alle Inder, verletzt. Die Polizei sprach am Mittwoch von einer Menge von 40
bis 50 Menschen. Es stehe fest, dass aus der Menge fremdenfeindliche
Parolen ertönten. Landespolizeipräsident Bernd Merbitz sagte aber, ein
rechtsextremer Hintergrund sei nicht Ursache der Tat gewesen. Heute
(Donnerstag) wird im Mügelner Rathaus eine Anlaufstelle für Zeugen
eingerichtet. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt bereits gegen zwei
21 und 23 Jahre alte Tatverdächtige aus Mügeln wegen Landfriedensbruchs.
Die Polizei stockte ihre Ermittlungsgruppe auf 26 Beamte auf.
Antrag auf Fördergelder gegen Rechtsextremismus abgelehnt
Der sächsische Landkreis Torgau-Oschatz, zu dem der Ort Mügeln gehört,
hatte sich für 2007 um Fördergelder aus dem Programm der Bundesregierung
gegen Rechtsextremismus bemüht, war aber nicht berücksichtigt worden. "Am
25. April erhielten wir aus Berlin die endgültige Ablehnung unseres
Antrags", sagte der Sozialdezernent des Landkreises, Hans-Günter
Sirrenberg, der "Berliner Zeitung" (Donnerstag). "Wir wissen, dass es eine
mobile, gewaltbereite rechte Szene im Landkreis gibt." Deren Leute
erschienen immer wieder auf Dorffesten und sorgten für Unruhe.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat der Behauptung widersprochen,
es gebe in Ostdeutschland "No-Go-Areas", in denen Ausländer sich besser
nicht aufhalten sollten, um nicht Opfer eines rassistischen Überfalls zu
werden. Gabriel sagte der "Leipziger Volkszeitung" (Donnerstag), Vorfälle
wie in Mügeln seien kein spezielles ostdeutsches Phänomen, sie könnten
überall vorkommen. (dpa)
www.sz-online.de
23.08.2007 / Sachsen
Die Inder haben um ihr Leben gezittert
Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo sieht in Mügeln keine rechte
Organisation am Werk.
Der Inder Mandeep Singh stammt aus dem Bundesstaat Punjab. Er kam als
Asylbewerber nach Deutschland, heiratete hier und wohnt seit sechs Jahren
in Döbeln. Gestern stand der 30-Jährige wieder an seinem Stand mit Kleidung
am Döbelner Markt. Allerdings mit blutunterlaufenen Augen. "Vom
Pfefferspray", sagt er. Mandeep Singh ist einer der acht Inder, die am
Wochenende in Mügeln von Deutschen gejagt worden sind. Er schildert die
Nacht aus seiner Sicht. Mit seinen indischen Kollegen haben sie den Stand
aufgebaut, an dem sie am nächsten Tag beim Mügelner Stadtfest Kleidung
verkaufen sollten. Weil einer der Kollegen in Mügeln wohnt, wollten sie
gleich bei ihm übernachten. Am Abend gingen sie in die Pizzeria eines
Inders in Mügeln, danach mit dessen deutschem Fahrer und der deutschen
Kellnerin zusammen zum Festzelt. Das stand 20, 30 Meter entfernt. Sie
hätten im Zelt am Rand gestanden, auch ein bisschen getanzt. Dann hätten
aber die deutsche Kollegin gehört, dass es Streit gibt. "Drei waren es, die
Streit hatten", sagt Singh. Er sei mit seinen Kollegen gegangen,
schließlich hätten sie am nächsten Tag Arbeit gehabt. Aber vor der Tür
wären etwa 15 Leute gewesen, junge Männer, manche mit sehr kurzen Haaren,
manche mit etwas längeren. Die wären sofort mit Pfefferspray und
abgebrochenen Flaschen auf sie losgegangen, sie hätten keine Möglichkeit
gehabt, sich zu wehren, weil sie gleich Pfefferspray im Auge gehabt hätten.
Sie hätten sich bis in die Pizzeria gerettet, die Männer hätten sie
verfolgt, versucht die Tür vorn einzutreten und dann versucht, über den
Hinterhof einzudringen. "Die kannten sich aus." Singh ist schon lange auf
dem Markt in Mügeln, wie auch seine Kollegen. "Wir haben uns nie bedroht
gefühlt, wir haben uns wohl gefühlt", sagt Kumar Winod, ein anderer
indischer Händler in Döbeln, der am vergangenen Wochenende nicht in Mügeln
war. Er und seine Kollegen hätten keine Angst. "Zum nächsten Markttag gehen
wir wieder nach Mügeln. Deutschland ist unser zweites Zuhause, unsere
Kinder gehen zur Schule, wir arbeiten hier."
Der Augenzeuge
Eine ganz andere Darstellung der Ereignisse liefert ein Augenzeuge, der die
Inder auf Schadenersatz verklagen will. Ronny K., ein 21-jähriger
Dachdecker aus Wermsdorf, wurde nach eigenen Angaben von einer Bierflasche
getroffen und schwer verletzt. K. sagt, er habe beobachtet, wie drei Inder
vor dem Festzelt auf einen älteren Mann am Boden eingeredet hätten.
Festbesucher hätten versucht, die Inder abzudrängen und dabei "Nehmt Euch
zusammen!" gerufen. Dann sei die Situation eskaliert. Möglicherweise hätten
sich die Inder, zu denen inzwischen weitere Landsleute hinzugekommen seien,
bedroht gefühlt. Die Inder hätten Bierflaschen aufgehoben, den
Flaschenboden abgeschlagen und gegen Besucher gerichtet. "Dann drängten
weitere Festbesucher hinzu", sagt Ronny K. "Sie wollten den Indern die
Flaschen abnehmen." Plötzlich hätten die Inder die Flaschen in die Menge
geworfen. Eine traf Ronny K. am Hals. Bevor er in die Klinik gebracht
wurde, machte das Wort "Rache" die Runde, erinnert sich K. Er konnte nicht
mehr beobachten, was dann geschah. Seine Wunde wurde mit zwölf Stichen
genäht.
Die Polizisten
Polizeioberkommissar Jörg Hofmann kann den ganzen Trubel um den Vorfall nur
schwer nachvollziehen. Am vergangenen Wochenende wurde er in Mügeln zu
einem Einsatz gerufen, wie er ihn schon "mehr als genug" erlebt hat. Ein
Gerangel auf einer Tanzfläche in einem vollen Festzelt, die Beteiligten mit
Alkohol im Blut, eskaliert weit nach Mitternacht. "Das ist eine typische
Situation, die überall entstehen kann", sagt der Polizist. Doch das
Gerangel entwickelte sich anschließend anders als eine typische
Bierzeltschlägerei, weil offenkundig Fremdenfeindlichkeit mit im Spiel war.
Hofmann schildert gestern in der für Mügeln zuständigen Polizeidienststelle
Oschatz seine Erlebnisse der Öffentlichkeit. Der 44-Jährige berichtet
gelassen und sachlich. Er habe viele "hooligantypische Jugendliche" in
einem Pulk von rund 50 Deutschen ausgemacht, sagt er. Er habe gehört, wie
jemand gerufen habe "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus". Es müsse
weiter ermittelt werden, ob es auch ganz normale Randale im Festzelt
gewesen sein könne, sagte er. Kollege Andreas Reinhardt erinnert sich, dass
die Inder in der Pizzeria "um ihr Leben gezittert" haben, während ihre
Verfolger die Hintertür aufbrachen und erst flohen, als sie die Polizei
bemerkten.
Der Innenminister
Etliche Journalisten umlagern den kleinen Polizeiposten in Oschatz. Drinnen
informiert sich Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) über den
Stand der Ermittlungen. Dann tritt er auf die Vortreppe. Er hat die
Ermittlungsgruppe noch einmal verstärkt, im Rathaus in Mügeln können sich
ab heute Zeugen melden. Hunderte waren in dieser Nacht im Festzelt, die
allermeisten haben von den Geschehnissen wohl nichts mitbekommen. Buttolo
fasst die Erkenntnisse zusammen: Ein Gerangel auf der Tanzfläche habe sich
"hochgeschaukelt", Alkohol war im Spiel. Fremdenfeindliche Äußerungen sind
gefallen. Aktiv waren 15 bis 20, insgesamt habe die Polizei einen Pulk von
etwa 40 bis 50 Personen vor der Pizzeria angetroffen. In Mügeln, betont
Buttolo, war "keine rechtsorientierte Organisation am Werk". Schon vorher
hatte der Minister gesagt, den Begriff Hetzjagd halte er nicht für
zutreffend. (mit ddp) Die Eigentümerin des Mügelner Schlosses Ruhethal,
Sonja Nachtweide, veranstaltet am Sonntag um 11 Uhr im Schloss ein Forum
zum Thema "Was tun gegen Rechtsradikalismus?".
(Von Alexander Schneider und Frank Tausch)
22.08.2007 / Rostock
Als der Mob die Herrschaft übernahm
Von Julia Jüttner
Der Plattenbau brannte, die Masse johlte, Besoffene hoben die Hand zum
Hitlergruß: Ende August 1992 eskalierte im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen
der Fremdenhass, Ausländer bangten um ihr Leben. 15 Jahre danach ist nichts
vergessen - und doch vieles beim Alten.
Hamburg - Sie campieren im Dreck, auf zerfetzten Matratzen, ohne sanitäre
Anlagen - voller Hoffnung auf Asyl in einer besseren Welt. Die Wiese vor
dem elfstöckigen Plattenbau in der Mecklenburger Allee 18 in der Rostocker
Trabantenstadt Lichtenhagen ist ihr Zuhause geworden. Dort in dem Wohnblock
mit dem Mosaik aus Sonnenblumen an der Außenwand ist seit Ende 1990 die
zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern
untergebracht. Flüchtlinge müssen hier ein mehrtägiges
Registrierungsverfahren über sich ergehen lassen. Doch das Haus ist
hoffnungslos überbelegt. Viele der Sinti und Roma wissen nicht, wohin. In
ihrer Not kriechen sie unter die Balkone im Erdgeschoss oder kauern sich an
die kalte Hauswand. Mitleid allerdings kommt in der Nachbarschaft nicht auf
- im Gegenteil. Viele Anwohner fühlen sich belästigt, schimpfen über die
Zustände rund um das "Sonnenblumen-Hochhaus". Im Viertel schwelt die
Aggression.
Die Katastrophe beginnt im August 1992 mit kleinen Schlägereien. Anwohner
beschimpfen und bedrohen die Asylsuchenden. In der Nacht zum 23. August
eskaliert die Situation - aufgestaute Wut und Ausländerhass brechen sich
Bahn. Ein gewaltbereiter Mob aus überwiegend jugendlichen Rostockern
umzingelt den Plattenbau mit dem Sonnenblumen-Mosaik. Die Randalierer
bewerfen die Bewohner mit Steinen, zertrümmern Fensterscheiben und
skandieren ausländerfeindliche Parolen. Der Menschenauflauf wird schnell
größer. Neugierige Gaffer schließen sich zu einer johlenden Menge zusammen.
Die Einsatzleitung der Polizei weiß nicht, wie sie mit der Situation
umgehen soll. Eine Panne jagt die nächste. So werden erst drei Stunden,
nachdem die ersten Brandbomben flogen, Wasserwerfer eingesetzt, erst 18
Stunden nach den ersten Angriffen wird entsprechende Verstärkung
angefordert. Die Beamten ziehen sich zurück, um die Lage zu besprechen und
überlassen dem Mob das Feld. Die unberechenbaren Angreifer schleudern
Molotow-Cocktails und randalieren bis in die frühen Morgenstunden. Am
Mittag des 23. August rottet sich die geifernde Meute erneut vor dem
Plattenbau zusammen. Die Rostocker Polizeidirektion hat noch immer kein
Konzept gefunden und fordert verzweifelt Unterstützung aus Schwerin,
Anklam, Stralsund und Güstrow an sowie zwei Hundertschaften des
Bundesgrenzschutzes.
Unter die Angreifer mischen sich Neonazis aus Niedersachsen und SchleswigHolstein.
Etliche Fernsehsender haben sich inzwischen am Ort des Geschehens
eingefunden und berichten mit Liveschaltungen aus Lichtenhagen. Millionen
Menschen im In- und Ausland sitzen vor ihren Fernsehbildschirmen und
verfolgen das Unfassbare, das sich in Rostock abspielt: In Deutschland, das
so tolerant schien, wo die Nazizeit aufgearbeitet schien, müssen Ausländer
um ihr Leben fürchten - unter den Augen der Polizei. Die Kameras zeichnen
das Grölen der Menge auf, die Umstehenden applaudieren.
"Ich hab', wenn ich ehrlich bin, auch geklatscht - aber gegen die Polizei",
erklärt eine Rostockerin ihr damaliges Verhalten im Gespräch mit SPIEGEL
TV. Unter die Radikalen mischen sich gewöhnliche Bürger. In Rostock kämpft
die Polizei nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sie kämpft gegen ein ganzes
Viertel. Zeitweise bekriegen sich mehr als 1200 Rechte und Sympathisanten
mit 800 Polizisten. Erst am dritten Tag, dem 24. August, werden rund 200
Asylbewerber unter dem Schutz zweier Hundertschaften in Sicherheit
gebracht. Was auf Entspannung hoffen lässt, ist jedoch der Beginn des
traurigen Höhepunktes: Die Polizei rückt nach der Evakuierung ab, obwohl
sich 3000 Menschen auf der Straße vor dem "Sonnenblumen-Hochhaus"
versammeln. Eine bizarre Volksfeststimmung macht sich breit. Es kommt zu
brutalen Ausschreitungen: Der Mob attackiert ungehindert das benachbarte
Hochhaus Nummer 19, ein Wohnheim für Vietnamesen, die zum Teil als DDRVertragsarbeiter
nach Rostock gekommen waren. In dem Gebäude befinden sich
rund 150 Vietnamesen und 30 Deutsche, darunter auch Wolfgang Richter,
Rostocks Ausländerbeauftragter. Erneut werden Brandbomben ins Haus
geschleudert, Scheiben zerbersten, Balkone und Wohnungen gehen in Flammen
auf. Radikale stürmen das Gebäude, bewaffnet mit Baseballschlägern und
Äxten. Menschen schleppen kanisterweise Benzin für die Brandsätze herbei.
Der Asphalt ist rutschig vom Sprit. Die Masse johlt und klatscht. Neonazis
und Besoffene heben die rechte Hand zum Hitlergruß. Vor den Kameras torkelt
ein Volltrunkener im Jogginganzug umher, der sich in die Hose gemacht hat
und ebenfalls die rechte Hand nach oben reckt.
Es habe sich so angefühlt, als sei "der Krieg wieder da", erinnert sich die
Vietnamesin Phuong Kollath, die selbst einst in der Mecklenburger Allee 18
wohnte, im Gespräch mit SPIEGEL TV. Befreundete Vietnamesen berichteten
ihr, wie sie sich in dem Hochhaus verschanzten: "Wir haben so getan, als
sei niemand mehr im Haus, als würde es sich nicht lohnen zu schreien,
Beifall zu klatschen oder einen Brandanschlag verüben zu müssen", hätten
ihre Freunde damals erzählt.
Aus nächster Nähe dokumentiert ein Reporter-Team der ZDF-Sendung
"Kennzeichen D" die Menschenhetze: Gemeinsam mit den Vietnamesen sind die
Journalisten in dem Hochhaus von Flammen eingeschlossen.
Rosemarie Melzer, eine Nachbarin, beobachtet fassungslos die Szenen, die
sich vor ihren Augen abspielen, und wählt den Notruf. Ihr Gespräch wird
aufgezeichnet: "Es brennt! Die Polizei ist mit anderen Dingen beschäftigt."
Die Reaktion des Mannes in der Leitstelle beunruhigt sie noch mehr. Man
werde sich darum kümmern, antwortet eine müde Stimme am anderen Ende. "Ich
hörte die Resignation aus seinen Worten." Vor Ort kommen die Retter nicht
an das brennende Haus heran. Die Brandstifter hindern die Feuerwehr über
eine Stunde lang an den Löscharbeiten. Im dichten Steinhagel müssen sich
die Feuerwehrmänner wieder zurückziehen.
Den im Haus eingeschlossenen Menschen gelingt es, aufs Dach des Gebäudes zu
fliehen. Gebückt verharren sie dort, um von unten nicht entdeckt zu werden.
Von dort gelangen sie in eines der Nachbarhäuser. Die Flüchtenden zittern
vor Angst. Anwohnerin Melzer gewährt einigen Zuflucht. Als sie mit SPIEGEL
TV darüber spricht, kämpft sie mit den Tränen - 15 Jahre später sind die
Szene noch immer so präsent wie damals. Mit dem Horror von damals kommen
auch viele der Polizeibeamten nicht klar. Bis heute haben einige das
Versagen der Staatsgewalt nicht verarbeitet. Einer berichtet SPIEGEL TV, er
habe - als er bereits auf dem Heimweg nach Hamburg war - erst von seiner
Frau am Telefon vom Ausmaß der Krawalle erfahren. Sie sei vor dem Fernseher
dem Geschehen näher gewesen als der Beamte vor Ort. "Wie? Ihr fahrt
zurück?", fragte sie ihn entsetzt. Hans-Heinrich Heinsen, damals Leiter des
Landespolizeiamtes von Mecklenburg-Vorpommern, räumt im Interview ein:
"Möglicherweise hat unsere Polizei nicht sofort erkannt, was da vorne
eigentlich los ist."
"Fremdenfeindlichkeit ist noch immer an der Tagesordnung"
Nach dem Schock von Rostock-Lichtenhagen haben viele Menschen das
Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen, etliche Bürgerinitiativen gegen Rechts
bilden sich. Ein Jahr später werden viele Randalierer wegen versuchten
Mordes, schwerer Brandstiftung oder Landfriedensbruch verurteilt. Den
letzten Tätern wird im November 2001 vor dem Schweriner Landgericht der
Prozess gemacht. Er endet mit Bewährungsstrafen wegen Mordversuchs und
schwerer Brandstiftung. Insgesamt kommt es zu weit mehr als 30 Prozessen.
Das Ergebnis: rund 40 Verurteilungen und Strafbefehle. Heute leben noch
mehr als 7000 Ausländer in Rostock, rund 800 davon stammen aus Vietnam. 15
Jahre nach Lichtenhagen scheint bei den Opfern nichts vergessen.
Ausländerhass schlägt ihnen noch immer entgegen. "Fremdenfeindlichkeit ist
immer noch an der Tagesordnung", sagt die Vietnamesin Phuong Kollath. Man
spüre den Hass täglich - auf dem Wochenmarkt, im Freibad, auf der Straße.
Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr kam die NPD in Lichtenhagen auf
6,1 Prozent, im Landesdurchschnitt sogar auf 7,3 Prozent. Im Landtag sitzen
sechs Abgeordnete der Rechtsextremen. "Wenn man die Kinder so erzieht, wie
es sich gehört, dürfte so etwas nicht noch mal kommen", sagt eine ältere
Rostockerin im Gespräch mit SPIEGEL TV und erklärt direkt im Anschluss,
dass ihrem Enkel von einem "Zuwanderer" das Handy geklaut worden sei. Auch
wenn er es wieder bekommen habe - "wir müssen uns das nicht gefallen
lassen".
Quelle: ddp, 22.08.2007
22.08.2007 / Sachsen
«Fremdenunfreundliche Grundstimmung»
Debatte über Fremdenfeindlichkeit nach Mügelner Hetzjagd im Osten neu
entbrannt
Die Hetzjagd auf eine Gruppe von acht Indern auf einem Stadtfest in Mügeln
hat eine neue Diskussion um rechtsradikale Tendenzen in Ostdeutschland
ausgelöst. Der Beauftrage der Bundesregierung für die neuen Länder,
Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), nannte die Ausschreitungen
«unerträglich» und forderte eine schnelle Aufklärung
Die Hetzjagd auf eine Gruppe von acht Indern auf einem Stadtfest in Mügeln
hat eine neue Diskussion um rechtsradikale Tendenzen in Ostdeutschland
ausgelöst. Der Beauftrage der Bundesregierung für die neuen Länder,
Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), nannte die Ausschreitungen
«unerträglich» und forderte eine schnelle
Aufklärung des Überfalls. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer
(CDU) warnte vor einer Unterschätzung rechtsradikaler Umtriebe in
Ostdeutschland und attestierte der Region eine «fremdenunfreundliche
Grundstimmung». Die Linke warf der Bundesregierung im Kampf gegen Rechts
Konzeptlosigkeit vor.
Die indische Botschaft in Berlin kündigte am Dienstag an, einen Mitarbeiter
nach Mügeln zu schicken, der sich dort einen Überblick über den Stand der
Ermittlungen verschaffen soll. Die indische Botschafterin in Berlin, Meera
Shankar, sagte, es müsse sicher gestellt werden, «dass sich so ein Ereignis
nicht wiederholt».
Unterdessen sucht die Polizei weiter nach Zeugen für die Vorfälle. Auch der
Staatsschutz ist eingeschaltet. Eine Sprecherin wies Berichte zurück,
wonach ein Deutscher vor den Ausschreitungen mit Messerstichen verletzt in
der Nähe des Marktplatzes aufgefunden worden sei. Zwar sei bei den
Ausschreitungen auch ein Deutscher verletzt worden, die näheren Umstände
seien aber noch unklar.
Bei dem Überfall am Sonntag hatten rund 50 Deutsche auf dem Festzelt die
Gruppe von acht Indern angegriffen und anschließend über den Marktplatz
verfolgt. Die Opfer konnten sich in eine Pizzeria flüchten, der Verfolger
schmissen aber Fenster ein und beschädigten eine Hintertür sowie das Auto
des Ladenbesitzers. Erst ein Großaufgebot an Polizei konnte die
Ausschreitungen beenden, insgesamt wurden 14 Personen verletzt, unter ihnen
alle acht Inder. Laut Polizei waren am Rande der Ausschreitungen auch
ausländerfeindliche Parolen zu hören gewesen. Auslöser war laut Polizei
eine Rempelei auf der Tanzfläche.
Der Bürgermeister der Stadt, Gotthard Deuse (FDP) hielt auch am Dienstag an
seiner Einschätzung fest, in Mügeln gebe es keine rechtsradikale Szene.
Sollten Neonazis hinter dem Angriff stecken, dann seien diese aus
Nachbarorten gekommen.
Mit seiner Einschätzung stieß Deuse auf teils heftige Kritik. Der
Vorsitzende des Vereins «Gesicht zeigen!» und frühere Regierungssprecher
Uwe-Karsten Heye, sagte, in Mügeln zeige sich das immer gleiche Ritual: Die
Verantwortlichen vor Ort versuchten, das Problem mit den Rechten
kleinzureden. Bundesverkehrsminister Tiefensee sagte, «es muss alles getan
werden, was nach Verharmlosung und Verniedlichung aussieht».
Auch Mügelner Bürger widersprachen Deuses Einschätzungen in einer ddpUmfrage
und sagten, es gebe sehr wohl ein Problem mit Rechten, das aber
seit Jahren unter den Teppich gekehrt werde.
Die Sprecherin der sächsischen Linksfraktion für antifaschistische Politik,
Kerstin Köditz, zeigte sich angesichts der Deutung Deuses über die Hetzjagd
empört. «Wenn das kein Rassismus ist, was dann?» Zudem sei die rechte Szene
in der Region Mügeln genauso aktiv wie in anderen Orten Sachsens auch.
Petra Pau, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag,
kritisierte, dass das Problem des Rechtsradikalismus seit langem bekannt
sei. Dennoch gebe es keine ressortübergreifende Strategie, mit der
Sachverstand gebündelt und die Zivilgesellschaft gestärkt werde.
Der Sprecher des Netzwerkes «Tolerantes Sachsen», Stephan Meister, sagte,
trotz der millionenschweren Unterstützung in Sachsen gelinge es nach wie
vor nur sehr schwer, die Entscheidungsträger und Verantwortlichen in den
Kommunen im Kampf gegen Rechts zu gewinnen. Hier fehlten oftmals klare
Positionen von Bürgermeistern, Vereinsvorsitzenden oder Stadträten.
(ddp)
www.spiegel-online.de
22.08.2007 / Berlin
Zentralrat fürchtet um Sicherheit von Homosexuellen und Juden
Scharfe Kritik an der Bundesregierung nach der Hetzjagd von Mügeln: Der
Zentralrat der Juden in Deutschland wirft Berlin vor, es gebe keinen
bundesweiten Aktionsplan gegen Rechtsextremismus. Generalsekretär Kramer
warnt: "Gestern Farbige, heute Ausländer, morgen Schwule und Lesben oder
vielleicht Juden."
Berlin - Nach der Hetzjagd auf Inder im sächsischen Mügeln warnt der
Zentralrat der Juden vor sogenannten No-Go-Areas in Ostdeutschland. Es gebe
immer die gleichen Vorfälle und die "stets gleichen Stellungnahmen der
politischen Vertreter, ohne dass es eine spürbare Änderung der Strategie im
Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit gibt", sagte der Generalsekretär des
Zentralrats, Stephan Kramer, der "Netzeitung". Angesichts dieser
Entwicklung "kann man nur die Diskussion um die No-Go-Areas wieder
aufnehmen".
Kramer sprach von einer "offensichtlichen Gefährdungslage" für Ausländer.
Daher "sollte man davor warnen, in bestimmten ostdeutschen Landstrichen und
Städten, sich als Ausländer oder erkennbar Fremder niederzulassen". Das sei
"keine Hysterie", sondern eine "bittere Tatsache", sagte Kramer. Der
Vorfall in Mügeln habe dies erneut bestätigt. "Gestern Farbige, heute
Ausländer, morgen Schwule und Lesben oder vielleicht Juden."
Scharfe Kritik äußerte Kramer an dem Verhalten der Bundesregierung in Bezug
auf Rechtsextremismus. "Es gibt bis heute keinen bundesweiten mit den
Ländern und Kommunen koordinierten Aktionsplan." Auf vielen Ebenen werde
"in operativer Hektik dahingewurstelt statt endlich lokale Erfahrungen,
Fähigkeiten und bundesweite Finanzierungsmöglichkeiten zu bündeln". Der
Generalsekretär des Zentralrats der Juden sprach sich in diesem
Zusammenhang dafür aus, Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die
Zuständigkeit für das Thema Rechtsextremismus zu entziehen und ihrem
Innenressort-Kollegen Wolfgang Schäuble (beide CDU) zu übertragen. Dort sei
die nötige Erfahrung und das Know-how für den Umgang mit dem Thema
vorhanden. "Das Familienministerium ist damit überfordert."
Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) wies gegenüber
SPIEGEL ONLINE den Vorwurf zurück, Sachsen sei für Menschen mit anderer
Hautfarbe eine No-Go-Area (mehr...). Er wies darauf hin, dass die
betroffenen Inder schon länger in der Umgebung lebten und - soweit er dies
vom Mügelner Bürgermeister gehört habe - auch integriert seien.
Indien forderte derweil eine schnelle Aufklärung des Vorfalls. "Wir
erwarten, dass die Schuldigen schnell gefunden werden", sagte Botschafterin
Meera Shankar der "Berliner Zeitung". Sie erwarte zudem, dass die deutschen
Behörden Vorkehrungen treffen, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen.
Shankar zeigte sich zufrieden, dass die Vorfälle von allen relevanten
politischen Kräften in Deutschland verurteilt werden. Zugleich teilte sie
mit, dass ein Vertreter der Botschaft nach Mügeln gereist sei. "Dabei geht
es uns auch darum, den betroffenen Landsleuten unsere Unterstützung
zuzusichern." In Mügeln hatte eine Gruppe von rund fünfzig jungen Deutschen
acht Inder nach einem Streit beim Stadtfest durch den Ort gehetzt. Dabei
waren die Inder verletzt worden, einige von ihnen schwer. Während der
Hetzjagd wurden Parolen wie "Ausländer raus" gerufen.
Wiefelspütz fordert NPD-Verbot
Als Reaktion auf Mügeln fordert der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz
mehr Geld für die Präventivarbeit gegen Rechtsextremismus. "Ich werbe sehr
dafür, die Mittel dafür weiter aufzustocken. Das Geld ist gut angelegt",
sagte Wiefelspütz der Tageszeitung "Die Welt".
Zugleich sprach er sich für ein NPD-Verbot aus. "Ich begrüße sehr einen
Verbotsantrag, wenn es die Chance gibt, dass er erfolgreich ist", sagte
Wiefelspütz. Dafür könne allerdings niemand eine Garantie abgeben. Ein NPDVerbot
war 2002 vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert.
Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach warnt bei dem Vorfall in Sachsen vor
Vorverurteilungen. "Ich rate dringend dazu, erst den Sachverhalt
aufzuklären und ihn dann zu bewerten", sagte Bosbach der Zeitung. Nach dem
ersten Anschein liege aber der Verdacht nahe, dass es ausländerfeindliche
Motive für die Tat in Mügeln gebe: "Deshalb warne ich zugleich vor einer
Bagatellisierung. Neben einem "konsequenten Durchgreifen" der Justiz sei
zivilgesellschaftliche Courage entscheidend gegen solche Angriffe auf
Ausländer. "Die Bevölkerung muss dagegen aufstehen, Widerstand leisten und
darf nicht wegschauen", sagte Bosbach. Durch Passivität ermuntere man nur
radikale Kräfte. Eine Aufstockung der Gelder gegen Rechtsextremismus werde
allein nicht weiterhelfen.
asc/ddp/AFP
www.spiegel-online.de
21.08.2007 / Mügeln
Wegsehen, schönreden, abtauchen
Von Philipp Wittrock
Ein Städtchen unter Generalverdacht: Nach der Hetzjagd auf Inder grübelt
Mügelns Bürgermeister Deuse über die Motive seiner enthemmten Mitbürger.
Die Tat sei ausländerfeindlich, aber nicht rechtsextrem, glaubt er und
appelliert an Zeugen, sich zu melden - doch viele wollen lieber ihre Ruhe.
Mügeln - Es ist schon eine Weile her, als Gotthard Deuse zum ersten Mal
Schlagzeilen machte: "Endlich tut ein Bürgermeister was!" feierte ihn die
Lokalausgabe der "Bild"-Zeitung. Auf dem Parkfest im Mügelner Ortsteil
Schweta hatte das Stadtoberhaupt der sächsischen Kleinstadt einen pöbelnden
Neonazi handfest in die Schranken gewiesen. Das war im Sommer 1994.
"Seitdem war nie wieder was", sagt der FDP-Mann 13 Jahre später im ersten
Stock des historischen Rathauses von Mügeln. "Bis zum letzten Wochenende."
Deuse, 59, blickt aus dem Fenster, vor dem sich der beschauliche Marktplatz
des 5000-Seelen-Ortes ausbreitet. Dienstag ist Markttag, ein paar Stände
stehen dort, es gibt Obst, Gemüse, Blumen, gegrillte Hähnchen. Die Inder
fehlen - normalerweise bieten sie hier ihre Stoffe feil. "Dass sie nicht da
sind, hat nichts mit dem Altstadtfest zu tun", beteuert Deuse. Der
morgendliche Regen habe sie abgehalten.
Das Altstadtfest - die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag auf
eben jenem Marktplatz haben Mügeln und seinen Bürgermeister unfreiwillig
auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Abendnachrichten der TV-Sender
katapultiert.
Acht Inder, unter ihnen die Markthändler, waren mit deutschen Besuchern des
jährlichen Stadtfestes aneinandergeraten. Was folgte, war eine regelrechte
Hetzjagd auf die Ausländer, an der sich Dutzende Menschen beteiligten, die
zum Teil rechtsradikale Parolen grölten. Die Inder konnten sich gerade noch
in die Pizzeria eines Bekannten retten. Am Ende waren 14 Menschen verletzt -
alle Inder, vier Angreifer und zwei Polizisten.
Beleidigende E-Mails
Deuse, einst von der Boulevardpresse zum Held im Kampf gegen Rechts gekürt,
muss sich plötzlich rechtfertigen. Waren es Neonazis? Mügeln - ein braunes
Nest? Schon erzählen Bewohner von aufgeregten Anrufen von Freunden und
Verwandten aus anderen Teilen der Republik: "Was ist denn bei euch los?"
Eine fassungslose Pensionswirtin erhielt beleidigende E-Mails: "NaziSchwein",
pöbelt ein Schreiber, "widerliche Nazibrut", ein anderer - und
ergänzt: "Wirklich ekelhaft Ihre Stadt, werde bestimmt nie dorthin fahren."
Deuse hat Angst um den Ruf seines Städtchens. Heftig schüttelt er den Kopf
und versucht sich mit einer Erklärung des Gewaltexzesses: "Ganz, ganz, ganz
schwierig" sei das alles. "Möglicherweise war es Ausländerfeindlichkeit,
Rechtsextremismus war es nicht." Der Bürgermeister will da einen feinen
Unterschied machen. Die "Ausländer raus"-Rufe sind nach etlichen
Zeugenaussagen nun einmal nicht von der Hand zu weisen. Aber rechtsextreme
Strukturen, eine Szene, die gibt es hier nicht, da ist sich Deuse noch
immer sicher. Doch mit Strukturen ist das so eine Sache. Von welchem
Organisationsgrad an lässt sich von Strukturen sprechen? Braucht es dafür
eine feste Clique, eine Kameradschaft, einen festen Treffpunkt? Wenn es
darum geht, sind im Umkreis von Mügeln viele solcher Strukturen bekannt. In
Mittweida hat das Innenministerium gerade erst den rechtsextremen "Sturm
34" verboten, in Schildau sorgen die sogenannten "Schildauer Jungs" für
Unruhe, und in Leisnig, nur 15 Autominuten von Mügeln entfernt - hat sich
eine Kameradschaft um eine regionale Neonazi-Größe etabliert. Auch in
Leisnig gab es am vergangenen Wochenende ein großes Volksfest. Nachdem es
dort in der Vergangenheit schon Ärger gegeben hatte, war die Polizei mit
starken Kräften vor Ort. Wie aus informierten Kreisen zu hören ist, sollen
einige bekannte Leisniger Neonazis sich am späten Samstagabend noch auf den
Weg nach Mügeln gemacht und dort kräftig mitgemischt haben.
Rechtsradikale Jugendliche auch in Mügeln
Wie weit die Neonazi-Strukturen aus dem Umkreis möglicherweise schon nach
Mügeln hineinwirken, lässt sich derzeit kaum feststellen. Sicher ist aber,
dass es auch hier Jugendliche gibt, die andere der braunen Ecke zuordnen.
Im Mügelner Jugendclub sind die Türrahmen mit Anti-Nazi-Aufklebern
vollgepflastert, Linke oder "Neutralos", besuchen den Club am alten
Wasserwerk, sagt ein Mitarbeiter. Hin und wieder lassen sich im "Free Time
Inn" allerdings auch ungebetene Gäste blicken: Der junge Mann weiß von
einer Clique von etwa zehn Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die
"zwei, drei Mal im Jahr" auch im Jugendclub provozierten oder schon mal das
Gartenmobiliar zerlegten. Die rechtsradikalen Jungs seien auch bei allen
Volksfesten präsent, sagt der Ehrenamtler - und schiebt hinterher: "Der
Bürgermeister redet sich das alles schön."
Der Angesprochene aber weiß nach eigenen Worten von solchen Jugendlichen
nichts. Genauso wenig will er bislang den unter einer Postfachadresse in
Mügeln ansässigen, einschlägigen Internet-Versandhandel gekannt haben. Seit
mehreren Jahren schon vertreibt nach Angaben der Mobilen Opferberatung in
Sachsen jemand über diese Plattform CDs, Poster und Klamotten aus der
neonazistischen Black-Metal-Szene. "Ich höre davon zum ersten Mal", sagt
Deuse und staunt. Er werde sich darüber beim Staatsschutz informieren.
Bürger wollen ihre Ruhe
Für morgen Abend hat das Stadtoberhaupt den Stadtrat zu einer Sondersitzung
einberufen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann soll auch der Leiter
der Polizeidirektion Westsachsen den Lokalpolitikern über den derzeitigen
Kenntnisstand berichten. Bislang ermittelt die Polizei nach der Hetzjagd
noch immer "in alle Richtungen". Eine 16-köpfige Sonderkommission vernimmt
derzeit etliche Zeugen. Neues gibt es bislang nicht: Kurz nach den
Ausschreitungen waren zwei 21 und 23 Jahre alte Männer vorläufig
festgenommen worden. Sie befänden sich zwar wieder auf freiem Fuß, der
Tatverdacht bestehe aber fort, hieß es heute. Und: Es handle sich um
Einheimische. Ein Umstand, der Gotthard Deuse Sorgen bereitet.
"Erschreckend" sei es, dass so viele Menschen - viele davon sicher in
Mügeln zu Hause - der Gewaltorgie tatenlos zusahen, dass sie möglicherweise
applaudierten, dass sie vielleicht sogar mitmischten, wie es Zeugen gesehen
haben wollen, dass sie dem Mob den Weg zur Hintertür der Pizzeria Picobello
wiesen, in der sich die Inder unter Todesangst eingeschlossen hatten. Er
könne zwar verstehen, dass einige Angst hätten, sagt Deuse. Dennoch rufe er
alle Bürger auf, sich bei der Polizei zu melden, sollten sie etwas gesehen
haben. Ein Appell, der bei einigen einstweilen ungehört verhallt. "Das ist
mir doch egal", erregt sich eine Mittvierzigerin auf dem Marktplatz.
"Sollen die sich doch die Köppe einschlagen. Damit hab' ich nichts zu tun."
Ihr Gesprächspartner im blauen Jogginganzug nickt eifrig. Ein paar Meter
weiter konstatiert ein junger Mann mit Baseball-Cap und Freundin im Arm:
"Das wird total aufgebauscht." Und die Blumenverkäuferin schimpft mit einer
Kundin: "Es gibt so viele wichtige Dinge auf der Welt. Dass da jetzt so ein
Theater gemacht wird."
Es scheint, als wollten viele Mügelner statt Aufklärung vor allem eines
haben: ihre Ruhe.
www.spiegel-online.de
20.08.2007 / Mügeln
Ausländer in Mügeln fürchten neuen Gewaltexzess
Von Philipp Wittrock und Sven Heitkamp
Ein gezielter Angriff von Neonazis? Im sächsischen Mügeln soll ein wütender
Mob acht Inder über den Marktplatz gehetzt haben. Augenzeugen berichten von
rechtsextremen Parolen, der Bürgermeister versichert, es gebe keine
Rechtsradikalen - und die Ausländer im Ort fürchten neue Übergriffe.
Mügeln - Hochbetrieb auf dem Marktplatz in Mügeln. Handwerker räumen die
Reste des Altstadtfestes weg, auf dem es in der Nacht zum Sonntag zur
Massenschlägerei kam. Und Journalisten interviewen reihenweise
Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP), 59, der seit 1990 im Amt ist. "Suchet
der Stadt Bestes" steht ins Portal seines 1882 aus roten Steinen erbauten
Rathauses gemeißelt. Deuse hält sich daran.
Hier soll ein rasender Mob - mehrere Dutzend Menschen - am frühen
Sonntagmorgen acht Inder über den Marktplatz des Ortes gehetzt haben.
Zeugen berichten, dabei seien Neonazi-Parolen geschrien worden: "Ausländer
raus" und "Hier regiert der nationale Widerstand". Die Inder retteten sich
in eine nahe gelegene Pizzeria eines Bekannten. (mehr...)
Solche Krawalle gebe es auch in Leipzig und Dresden, sagt der
Bürgermeister, "nun hat es Mügeln getroffen". Das tue ihm alles sehr leid.
Doch ein negatives Image habe das Städtchen nicht verdient. "Bisher gab es
hier keine Dinge, die mit rechts zu tun haben." Was sich genau in jener
Nacht zugetragen hat, könne er nicht sagen, er sei kurz zuvor heimgegangen.
"Wir müssen die Ermittlungen der Sonderkommission der Polizei abwarten."
Eine 36-Jährige, die in der Pizzeria Picobello arbeitet, war mittendrin,
als es zur Schlägerei kam. Sie schildert SPIEGEL ONLINE den Ablauf: Im
Festzelt spielte gegen Mitternacht die Kapelle Limit. Die Frau tanzte mit
ein paar Indern, die dienstags und donnerstags auf dem Markt Textilien
verkaufen. "Im Zelt hat der Streit angefangen", sagt sie. Vielleicht wurde
mal gerempelt, vielleicht habe es auch manchem nicht gepasst, dass eine
Deutsche mit Ausländern tanzt, vermutet sie. Dann habe es eine Warnung
gegeben: "Wenn ihr in fünf Minuten nicht verschwunden seid, gibt's Stunk."
Die 36-Jährige und einige Inder verließen daraufhin die Tanzfläche - doch
vor dem Festzelt begann die Schlägerei. "Die haben gewartet", sagt die
Frau. Die Inder flüchteten sich schließlich ins Picobello. "Wir haben
Schutz gesucht", sagt Herr Singh, der die Pizzeria betreibt. Er selbst habe
das Zelt schnell verlassen, als er merkte, dass es Krach geben könnte.
Singh sagt: Die zumeist jungen Angreifer haben "Ausländer raus" gebrüllt.
Das sagt auch die 36-Jährige. Sie sei angepöbelt worden: "Wie kannst du bei
Ausländern arbeiten?"
70 Polizisten drängen die wütende Meute ab
Die beiden Männer, die den Streit angefangen hätten, seien bekannt, sie
kämen aus Mügeln, sagt die Frau. Sie seien sogar Stammkunden im Picobello
gewesen. Doch viele andere, die an der Schlägerei beteiligt waren, seien
von auswärts gekommen.
Klar ist: Johlend versammelte sich die wütende Meute vor dem Lokal, drohte
mit dem Sturm des Restaurants, Scheiben gingen zu Bruch, Eingangs- und
Hintertür wurden eingetreten, das Auto des Pizzeria-Besitzers stark
beschädigt. Zahlreiche Schaulustige beobachteten das brutale Treiben. Das
Großaufgebot von rund 70 Polizisten wurde mit Steinen, Flaschen und Gläsern
beworfen, konnte die Menge schließlich abdrängen. Vorläufige Bilanz der
blutigen Nacht: Alle acht Inder, Händler aus der Gegend, wurden verletzt.
Sie sind inzwischen ebenso aus dem Krankenhaus entlassen wie vier verletzte
Angreifer und zwei Beamte.
Herr Singh kocht seit fünf Jahren in Mügeln. Er verkauft Pizza, Döner und
indische Gerichte. Angriffe habe er noch nie erlebt, sagt er. Jetzt habe er
Angst, dass so etwas wieder passiert. Die Jugendlichen im Jugendclub "Free
Time Inn" wurden schon öfter in Schlägereien verwickelt, sagt Vizechef
Alexander Striegler. Vor rund zwei Wochen hätten sie von einer E-Mail
erfahren, die in einem rechten Netzwerk kursierte. Darin sei von einem
geplanten Angriff auf das Jugendhaus die Rede gewesen. "Wir haben wegen der
Warnung extra zugemacht, obwohl sonst das ganze Wochenende geöffnet ist",
sagt der 25-Jährige. "Es war abzusehen, dass was passieren soll." Auch die
Polizei wurde informiert. "Die Rechten haben sich wohl ein anderes Opfer
gesucht." Ende der neunziger Jahre hatten die jungen Leute den Club von der
rechtsextremen Szene übernommen. Seither steht "Neonazis stoppen" an der
Eingangstür.
Quelle: www.spiegel-online.de
20.08.2007 / Wismar
Werwölfe im Weltkulturerbe
Von Philipp Wittrock
Sie vernageln ihre Fenster, attackieren Nachbarn, beschießen Demonstranten
mit Stahlkugeln. Neonazis verschrecken in Wismar Einwohner und Touristen.
Die Stadt sieht sich als Hochburg des Rechtsextremismus gebrandmarkt - und
reagiert hilflos: mit einer Imagekampagne.
Wismar - Zwischen historischer Schönheit und zeitgenössischem Schandfleck
liegen nur ein paar Schritte. Vom Alten Hafen aus, wo die Touristen das
barocke Baumhaus mit den zwei Schwedenköpfen bewundern oder zum Bootstrip
in die Wismarer Bucht starten, geht es durch das spätgotische Wassertor
über geputztes Kopfsteinpflaster auf den Spiegelberg. Um das große Fenster
im Hochparterre des Altbaus mit der Hausnummer 21 rankt sich üppiger Efeu.
Bis vor kurzem war die Scheibe noch mit einem großen Holzbrett vernagelt -
"Nazis raus" und "Fight Fascism" hatte jemand mit Edding darauf geschmiert.
Auch jetzt, wo der Sichtschutz auf Druck des Ordnungsamts entfernt wurde,
ist nicht viel zu erkennen. Doch jeder weiß, womit hinter der Scheibe des
"Werwolfshops" Geld verdient wird. Hier gehen einschlägige CDs von Bands
wie "Kraftschlag" über den Tresen, Reichskriegsflaggen, Rudolf-Hess-Poster
oder T-Shirts mit "Combat 18"-Aufdruck, dem militanten Arm des hierzulande
verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour". Es gibt alles, was das
braune Herz begehrt.
Die potentielle Kundschaft des Ladens muss man in der Hansestadt nicht
lange suchen. Stolz trägt sie das Stadtwappen auf der Brust, dazu den
Schriftzug "Fronthafenstadt Wismar". Oder Kapuzenpullover der bei
Rechtsradikalen beliebten Marke Thor Steinar. Man sieht sie in der
Fußgängerzone der Altstadt, die die Unesco zum Weltkulturerbe erhoben hat,
zwischen den Touristengruppen auf dem Marktplatz - man sieht sie vor dem
Geschäft am Spiegelberg.
Der "Werwolfshop" ist einer von drei Treffpunkten einer rechtsextremen
Wismarer Szene, deren aggressives Selbstbewusstsein den Bürgern zunehmend
Angst macht. Nachbarn berichten von Drohungen und Pöbeleien auf offener
Straße, von tätlichen Angriffen auf Passanten. Neonazis, die betrunken vor
dem Haus abhingen, beschimpften eine Anwohnerin als "Kommunistenschwein",
weil sie ein rotes T-Shirt trug. "Mach die Juden-Musik aus", brüllten
Skinheads einer anderen ins Fenster, die einer Oper lauschte.
Stahlgeschosse aus der Wolfshöhle
Ein Teil der braunen Clique lebt direkt um die Ecke, in der "Wolfshöhle
II", einem rechtsextremen Wohnprojekt, das sich im vergangenen Jahr in der
Fischerstraße 2 eingerichtet hat. An der Haustür in der engen Gasse hängt
ein kleines Poster mit Werwolf-Motiv und Handy-Nummer zur Kontaktaufnahme.
Die Neonazis gehen auf Nummer Sicher: In der Mitte des Logos "Werwolf
Wismar" haben sie die dazu gehörenden, nur leicht entfremdeten SS-Runen
nachträglich mit einem Fragezeichen überklebt. Laut Impressum residiert mit
dem "Totenkopfversand" hier auch einer der größten Neonazi-Internetshops,
der bis vor kurzem noch als "H8-Store" firmierte und zu dessen SzeneImperium
auch der Werwolfshop gehört.
Eskalation vor dem Nazi- Laden
Wismar, Mitte August 2006: Eine Demonstration gegen Nazis zieht an einem
Laden vorbei, der zur rechtsextremen Szene gehört. Die Situation eskaliert:
Die Kurzhaarigen holen Baseball- Schläger hervor. Und die Polizisten
greifen zu ihrer Dienstwaffe.
Als im April eine von Wismarer Antifaschisten organisierte Demonstration an
der von der Polizei abgeriegelten Fischerstraße halt machte, schossen
Neonazis vom Dach der "Wolfshöhle" mit Zwillen Stahlkugeln in die Menge der
rund 300 linken Protestierer. Einer von ihnen wurden von einem Geschoss am
Kopf verletzt. Beamte durchsuchten anschließend das Haus, nahmen einen
mutmaßlichen Täter fest - und stellten zehn mit Stacheldraht umwickelte
Axtstiele sicher.
Schon acht Monate zuvor war die Situation bei einer Demo gegen die Wismarer
Rechtsextremisten eskaliert. Seinerzeit hatte sich eine Handvoll Neonazis
vor dem "Werwolfshop" - damals noch in der Neustadt beheimatet - mit
Baseballschlägern dem Protestzug entgegengestellt. Mehrere Polizisten
hielten die Werwolf-Gang daraufhin mit durchgeladenen Dienstwaffen in
Schach. Von der Internetplattform YouTube ging das Video der dramatischen
Szenen um die Welt.
Hitlergruß in der Berufsschulklasse
Das Schaufenster des Tattoo-Studios "Needle of Pain" in der ABC-Straße ist
zerborsten. Das kommt häufiger vor, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Wenn
irgendwo das Glas an einem einschlägigen linken oder rechten Treffpunkt
splittert, dauert es oft nur einen halben Tag, bis es auf der Gegenseite
scheppert. Das "Needle of Pain" ist der dritte Neonazi-Brennpunkt; hier
sollen die Kunden neben Körperschmuck auch mit rechtsextremen
Propagandamaterial versorgt werden. Auf der anderen Seite, ein paar Meter
weiter die Straße herunter, sitzen Katrin Frenkel und Horst Krumpen im
Bürgertreff "Treffpunkt Altstadt" und zucken mit den Schultern: "So ist das
hier in Wismar". Die beiden gehören zum Vorbereitungsteam des Netzwerks für
Demokratie und Toleranz, in dem sich zahlreiche Wismarer Vereine, Verbände,
Parteien und Privatleute gegen Rechtsextremismus engagieren. Frenkel und
Krumpen erzählen von angespuckten Touristen, von verprügelten ausländischen
Studenten, von Drohungen mit der Baseballkeule auf dem Bahnsteig, von einem
Überfall auf einen Jugendclub, vom rechtsradikalen "Grillfest gegen links",
vom Hitlergruß im Klassenzimmer der Berufsschule, von gezielten
rechtsradikalen Anwerbeversuchen unter arglosen Jugendlichen. "Wir wollen
die Bürger gegen die Neonazis mobilisieren", sagt FDP-Mann Krumpen. Dazu
gehört Unterstützung für die geplagten Bewohner des Spiegelbergs genauso
wie grundlegende Aufklärungsarbeit wie etwa Info-Abende unter dem Motto:
"Rechtsextrem - was ist das eigentlich?"
Auch wenn das Ziel ein gemeinsames ist, immer wieder gibt es
Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Interessen unter dem Dach des
Netzwerks zu bündeln. Besonders Stadt und Bürgerschaft handelten nicht
immer konsequent, beklagen Frenkel und Krumpen. Wie könne es sonst sein,
dass ein im Kampf gegen die Szene erfolgreicher Jugendtreff wegen
gestrichener Personalzuschüsse seine Sozialarbeiterin verliere? Oder dass
ein dem rechtsextremen Umfeld nahe stehendes Sicherheitsunternehmen
Ordnerdienste auf dem Hafenfest leiste? Ganz zu schweigen von der
verbockten Sonderförderung aus dem Bundeshaushalt für Projekte gegen Rechts.
"Wir können uns das nicht erklären", beteuert Stadtsprecher Frank Junge.
Bis zu 300.000 Euro für den Kampf gegen Rechtsextremismus gehen Wismar bis
zum Jahr 2010 durch die Lappen, weil der aussichtsreiche Antrag auf die
Fördermittel Ende vergangenen Jahres nicht fristgerecht beim
Bundesfamilienministerium eingegangen war - obwohl man ihn in Wismar
ausgefüllt haben will. In der Berliner Behörde bemerkte ein Sprecher
seinerzeit süffisant, dass man bei Online-Bewerbungen auch auf den Button
"Absenden" klicken müsse.
Mit vergleichsweise minimalen finanziellen Mitteln hat Wismars
Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken (SPD) unter dem Motto "Neugierig.
Tolerant. Weltoffen" nun eine Imagekampagne für die Hansestadt gestartet.
Mit einheitlichen Buttons, Aufklebern und Plakaten sollen die Bürger
zeigen, dass sie die Neonazis in der Stadt nicht dulden. Doch vier Monate
nach Beginn der Aktion zeigt kaum jemand in der Innenstadt mit dem blauroten
Logo im Schaufenster oder am Auto Flagge. Auch die Resolution gegen
Rechts haben auf der eigens geschalteten Internetseite erst knapp 1500
Menschen per Mausklick unterzeichnet. "Die Resonanz stimmt uns nicht
zufrieden", räumt man auch im Rathaus der 45.000-Einwohner-Stadt ein.
"Wir reden nichts klein"
Hinter vorgehaltener Hand wird in Kreisen des Netzwerks kritisiert, die
Kampagne sei ohnehin weniger dem ernst gemeinten Kampf gegen die Neonazis
als vielmehr der Sorge um den Ruf der Stadt geschuldet. Tatsächlich
beklagte sich Bürgermeisterin Wilcken mit Blick auf die Bilder vom
bewaffneten Polizeieinsatz bei der Antifa-Demo im vergangenen Sommer über
die "unfaire" Berichterstattung, die der Stadt zu Unrecht das
"Kainszeichen" einer Hochburg des Rechtsradikalismus eingebracht habe.
Gleichzeitig wehrt sich die Stadt immer wieder gegen den Vorwurf, sie nehme
das rechtsextreme Problem nicht ernst. Es gebe eine Diskrepanz zwischen der
Erwartungshaltung der Bürger - etwa der Nachbarn des Szeneladens - und den
ordnungsrechtlichen Möglichkeiten. "Nur weil uns der Laden nicht gefällt,
können wir ihn nicht einfach zumachen", heißt es bei der Stadtverwaltung.
"Wir reden aber nichts klein." Nur sei das Problem eben nicht größer als in
anderen ostdeutschen Städten auch, betont Sprecher Junge und verweist auf
die Einschätzung des Verfassungsschutzes.
Der allerdings erkennt im Großraum Wismar immerhin einen "regionalen
Schwerpunkt rechtsextremistischer Subkulturen". Dazu zählt die örtliche
Polizei einen "eher unpolitischen" Kern von rund 20 Personen, für die eine
"relativ hohe Gewaltbereitschaft prägend ist", wie Revierleiter Rainer
Dittschlag sagt. "Es sind immer die gleichen Leute, die auffällig werden."
Die aber haben gemeinsam für satte 120 Einträge in der Sammelakte gesorgt -
von Diebstahl über Volksverhetzung bis zu schwerer Körperverletzung.
Zugeschlagen wird auch schon mal untereinander: Während derzeit vor Gericht
ein Totschlag im Milieu aus der Neujahrsnacht verhandelt wird, hatten
Anwohner des Spiegelbergs und der Fischerstraße erst vor wenigen Tagen
wegen eines lautstarken nächtlichen Streits wieder einmal die Polizei zur
"Wolfshöhle" bestellt. Die beiden Männer, die die Beamten vor Ort antrafen -
einer von ihnen am Kopf verletzt -, wollten von einer ernsten
Auseinandersetzung zwar nichts wissen. Am nächsten Morgen aber entdeckten
Anwohner in der Gasse große Blutlachen und Blutspritzer an der Hauswand. In
der Lokalpresse war von einer Auseinandersetzung in der rechtsextremen
Szene die Rede, mit einem Hammer soll ein Mann einem anderen auf den
Schädel geschlagen haben.
Zynisch genug, dass die erneute Negativschlagzeile sogar für einen
Hoffnungsschimmer sorgt. Es gibt Gerüchte, dass der permanente Ärger
inzwischen auch dem Vermieter der "Wolfshöhle" zuviel wird. Bislang galt er
als mindestens gleichgültig gegenüber der Gesinnung seiner Mieter. Nun aber
denkt er offenbar darüber nach, den Bewohnern fristlos zu kündigen. Ob die
dann allerdings aus Wismar verschwinden, bleibt abzuwarten.
Quelle: www.spiegel.de
20.08.2007 / Mügeln bei Oschatz
Acht Inder bei Stadtfest angegriffen
Bei einem Altstadtfest im sächsischen Mügeln haben Dutzende deutsche
Jugendliche acht Inder attackiert und in einer regelrechten Hetzjagd durch
die Straßen getrieben. Alle Inder, vier Angreifer und einige Polizisten
wurden verletzt.
Nach einem Streit im Festzelt waren die Inder nach Polizeiangaben aus dem
Festzelt in eine nahe gelegene Pizzeria geflüchtet. Dorthin verfolgte sie
eine Gruppe von etwa 50 zumeist jungen Deutschen. Die Angreifer traten die
Tür der Gaststätte ein. Rund 70 Polizeibeamte drängten die Angreifer dann
ab. Bei den handgreiflichen Auseinandersetzungen wurden acht Inder und vier
Deutsche verletzt. Einer der indischen Festbesucher und ein Deutscher
mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch zwei Polizisten erlitten
Verletzungen. Zahlreiche Schaulustige hatten sich den Überfall mit
angesehen.
"Ein fremdenfeindliches Motiv wird nicht ausgeschlossen", sagte
Landespolizeipräsident Bernd Merbitz der Deutschen Presse-Agentur. Die
Polizei ermittele aber in alle Richtungen. Die "Leipziger Volkszeitung"
berichtete in ihrer Montagausgabe, die deutschen Angreifer hätten
ausländerfeindliche Parolen gebrüllt. Dies konnte der Leiter des
Direktionsbüros bei der Polizei Westsachsen, Reinhard Böttcher, nicht
direkt bestätigen. "Zeugenaussagen zufolge könnte es solche Parolen gegeben
haben", sagte er.
Was den Streit ausgelöst hat, ist noch offen. Bisher sei auch
noch unklar, ob die Schaulustigen zustimmend applaudiert "oder
einfach nicht eingegriffen" hätten. "Fakt ist: Der Alkohol hat um
diese Zeit eine Rolle gespielt - und außerdem war plötzlich mal was los",
sagte Böttcher.
Quelle: www.taz.de
14.08.2007 / Dresden
Aktivist angeklagt
Die Staatsanwaltschaft Dresden hat einen siebenten mutmaßlichen Aktivisten
der rechtsextremen Vereinigung "Skinheads Sächsische Schweiz" angeklagt.
Ihm wird neben Körperverletzung und Propagandadelikten auch vorgeworfen,
den "organisatorischen Zusammenhalt eines verbotenen Vereins
aufrechterhalten zu haben. (dpa)
Quelle: www.sz-online.de
10.08.2007 / Pirna
Graffiti-Kreuze auf der Straße als Mahnung
Von Florian Thalmann
Jugendliche aus fünf Nationen treffen sich zum zweiten Mal in Pirna, um die
Gedenkspur auszubessern und zu erweitern. Die Betten sind aufgestellt, das
Geschirr hat seinen Platz gefunden, die Waschräume sind gewienert:
Jugendliche aus fünf Nationen versammelten sich am 4. August im
Binationalen Internat in Pirna, um sich mit Geschichte zu befassen. Sie
leisten einen Beitrag zum Gedenken an die Euthanasieverbrechen der
Nationalsozialisten -- unter Regie des Volksbundes Deutsche
Kriegsgräberfürsorge. Die erste Woche stehen Veranstaltungen, Workshops und
Arbeitseinsätze auf dem Programm. Am 12. August zieht das Camp für eine
Woche in die Tschechische Republik. "Wir wollen erreichen, dass die Völker,
die in Zeiten des Krieges gegeneinander kämpften, zusammenarbeiten. Wir
hoffen, dass das zu einer dauerhaften Versöhnung und zum Abbau von
Vorurteilen führt", sagt Andrea Lehm, eine der Gruppenleiterinnen. Die
Jugendlichen, die aus Deutschland und Italiens, aus Polen, Russland und der
Tschechischen Republik angereist sind, hatten es sich zur Aufgabe gemacht,
die bekannte Gedenkspur vom Sonnenstein durch Pirna zu erweitern und
auszubessern.
Die Zahl der Kreuze, aus denen die Gedenkspur besteht, stimmt mit der Zahl
der auf dem Sonnenstein getöteten Menschen überein: 1940 und 1941 wurden
dort 13720 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen sowie 1031
Häftlinge aus Konzentrationslagern vergast. An diese traurigen Zahlen
möchten die Jugendlichen erinnern. Sie bringen, mit Sprühdosen und
Schablonen bewaffnet, Kreuze auf der Straße an. "Wir finden es schade, dass
trotz der Auffälligkeit der Gedenkspur und der bekannten Geschichte der
Gedenkstätte auf dem Sonnenstein nicht sehr viele Pirnaer die Aussage der
Kreuzspur verstehen. Nur wenige wissen, was diese Art des Denkmals
symbolisch ausdrücken soll", sagt Lehm. Als wäre es abgesprochen, passiert
in diesem Moment eine Mutter mit ihren Kindern den Arbeitsplatz der
Jugendlichen. Als eines der Kinder fragt: "Mama, warum machen die das?",
überlegt die Mutter kurz und sagt dann: "Kommt, wir müssen weiter!" Genau
gegen diese Unwissenheit kämpft der Volksbund Deutsche
Kriegsgräberfürsorge. "Wir sind sehr erstaunt über den Einsatz der
Jugendlichen. Sie sind voll dabei und interessieren sich sehr für die
Geschichte", sagt Andrea Lehm. "Auch das Beisammensein im Camp macht viel
Spaß. Es ist ein sehr internationales Treffen, unsere Sprachen sind Deutsch
und Englisch, manchmal auch Tschechisch. Alle arbeiten zusammen, wir sind
ein starkes Team."
Geselligkeit nicht vergessen
Nach täglich mehreren Stunden Straßenmalerei in prallem Sonnenschein soll
auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Die Jugendlichen möchten auch
viele Orte kennenlernen. So werden sie zu einer Stadtführung nach Dresden
fahren, besuchen die Brauerei in Radeberg oder verbringen einen Tag auf dem
Schloss Moritzburg. Doch leider bleibt bei allem ein Wermutstropfen: "Dass
diese Treffen organisiert werden, ist zwar sehr schön, doch wir dürfen
letztendlich nicht vergessen, dass wir hier nur die symbolische Arbeit
leisten, was an der Kreuzspur deutlich wird", so Andrea Lehm. Der
dauerhafte Erfolg der Völkerverständigung hänge von vielen Menschen ab.
Quelle: www.sz-online.de
08.08.2007 / Liebstadt
Jugendliche hadern mit ihrem Image
Von Ute Himmer
Die Polizei hat ein wachsames Auge auf den Jugendklub Liebstadt. Die jungen
Leute sind sich keiner Schuld bewusst. Die Mitglieder des Liebstädter
Jugendklubs sind sauer. Sie werden von der Polizei beobachtet. "Ab und zu
steht die Polizei mit einem Auto auf dem Garagenhof. Wir können das
Fahrzeug vom Fenster des Klubs aussehen", sagt Anett Webers. Denn das
Domizil der Jugendlichen befindet sich an einem Hang über dem Garagenhof.
"Diese Beobachtung ist nicht schön", fügt die 25-Jährige hinzu, die im Klub
den berühmten Hut mit auf hat. "Wir sind uns keiner Schuld bewusst", sagt
auch Annett Wengler. "Unser Klub ist ein ganz normaler Jugendklub", sagt
sie. Das unterstreicht ebenso ein junger Mann, der aber seinen Namen nicht
in der Öffentlichkeit nennen möchte. "Vor einiger Zeit hat es mal Probleme
gegeben", ergänzt er. "Das ist aber schon lange her." Da wurde der Klub mit
lauter Musik, Gegröle und fremdenfeindlichen Attacken in Zusammenhang
gebracht. Auslöser: Alltagsrassismus, den ein gebürtiger Mosamikaner und
seine Familie in Liebstadt erfahren muss (die SZ berichtete).
Vorurteil haftet
"Passiert etwas, heißt es immer schnell, dass welche aus dem Klub als Täter
dabei seien", sagt Anett Webers. "Soweit wir wissen, gibt es bei uns jetzt
niemanden mit rechter Gesinnung. Aber wir scheinen für immer abgestempelt
zu sein." Die Jugendlichen tun zwar ganz cool, aber es ist ihnen schon
anzumerken, dass ihnen die Beobachtungen durch die Gesetzeshüter an die
Nieren gehen. Auch in puncto Ruhestörung haben sie ein reines Gewissen. "Es
wurden neue Fenster eingebaut, bei denen kaum Lärm nach außen dringen
kann", sagt Anett Webers. "Außerdem hätte uns der Bürgermeister schon den
Kopf gewaschen, wenn etwas anliegen würde", ergänzt sie. Das bestätigt
Rainer Kristmann, der Bürgermeister Hans-Peter Retzler (Die Linke) während
seines Urlaubs vertritt. "Mir ist nichts bekannt, dass es mit dem Klub
Probleme gäbe", sagt er. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Klub als
Prügelknabe für alle möglichen Sachen herhalten muss", macht Marcus seinem
Unmut Luft. "Dabei bemühen wir uns um ein besseres Image", ergänzt Webers.
Sie spielt dabei vor allem auf das Grillfest im Oktober vorigen Jahres an.
Weit über 150 Liebstädter zog es da auf das Klubgelände. Stolz erzählen die
Jugendlichen von dem Lob, das sie von vielen Liebstädtern bekamen.
Wieder eine Grillfete geplant
In diesem Jahr will der Klub wieder zu einer Grillfete einladen. Als Termin
ist Ende August/Anfang September angedacht. Aber auch das Domizil soll
weiter verschönert werden. "Das Dach muss ausgebessert und die Toiletten
erneuert werden", zählt Anett Webers einige der Aufgaben auf. Die Polizei
wird dies alles mit wachen Augen begleiten. "Für die Kontrolle des
Liebstädter Klubs gibt es aber keinen besonderen Anlass, obwohl die
Ereignisse vor rund einem Jahr immer im Hinterkopf sind," sagt
Pressesprecher Mirko Göhler von der Polizeidirektion Oberes ElbtalOsterzgebirge.
Es würden alle Jugendklub regelmäßig unter die Lupe
genommen. "Wir wollen im Vorfeld wissen, ob etwas abgeht", so der Sprecher.
Quelle: www.sz-online.de
08.08.2007 / Pirna
Rolandslanze bricht an Nazis
von Marco Mach und Daniel Förster
Der Chef löst Bielataler Mittelalter-Gruppe auf. Der Grund: Hier kämpften
auch Mitglieder der früheren SSS und der NPD mit. Männer in Kettenhemden
und mit heruntergeklapptem Visier gehen im Rittergut Bielatal aufeinander
los. Schwerter klirren. Doch jetzt sind die Klingen verstummt. Die
"Rolandslanze" ist zerbrochen. Die Interessensgemeinschaft gibt es nicht
mehr. Und das liegt vor allem an drei der rund zwölf Mitglieder: Thomas
Rackow (29) aus Struppen, Ferry Weihs (28) aus Pirna und Hartmut Gliemann
(42) aus Sebnitz. Sie sind keine unbeschriebenen Blätter im Buch über die
rechtsextreme Szene im Kreis. Die beiden ersten sind verurteilte Mitglieder
der ehemaligen Skinheads Sächsische Schweiz (SSS). Der damalige
Rädelsführer Rackow ist heute Kreisgeschäftsführer der Jungnationalen (JN),
Gliemann Vizechef der Kreis-NPD. Alle drei gehörten zuletzt der RosenthalBielataler
"Rolandslanze" an, die sich mit dem hochmittelalterlichen Leben
um 1207 und Schwertkämpfen beschäftigte. Gehörten! Denn ihr Chef, Roland
Wichmann, hat die Gruppe wegen ihnen jetzt mit sofortiger Wirkung
aufgelöst. Auch die von Rackow betreute Internetseite gibt es nicht mehr.
"Ich will nichts mit der rechten Szene zu tun haben", begründet der 38j
ährige Wichmann alias Ritter Roland von Thunaustauff. Berufliche
Zukunftsangst klingt mit. Schließlich ist der gebürtige Rheinland-Pfälzer
und selbstständige Schauspieler seit 2000 auf der Festung Königstein und
auch im Dresdner Hoftheater tätig. Dieser Schritt gegen Rechts erinnert
stark an den kürzlichen Ausschluss des Schönaer NPD-Gemeinderates Mario
Viehrig aus dem örtlichen Heimatverein (die SZ berichtete). Doch hier wirft
er Fragen auf: Warum kommt das Ende jetzt und so plötzlich? Schließlich
sind die drei schon eine Zeit lang dabei. Aber sowohl Wichmann als auch
Gemeinderätin Karin Neunaber (48, parteilos), auf deren Rittergut in
Bielatal die Gruppe montags übte, wollen die Verbindungen von Rackow, Weihs
und Gliemann zur SSS und NPD nicht gekannt haben, sagen sie. Erst das
Kulturbüro Sachsen in Pirna habe ihnen jetzt die Augen geöffnet. Dazu die
Geschehnisse rund um die Brausensteiner Mühle im Dorf. Dort haben Rackow
und Co. seit Jahreswechsel einen Szenetreff aufgebaut.
"Wir waren zu naiv und blauäugig, haben uns über Hintergründe gar keine
Gedanken gemacht", geben sich Wichmann und Neunaber selbstkritisch und
fühlen sich überfahren. Wichmann: "Ich habe mich nur darauf konzentriert,
dass ich mit der Gruppe irgendwann mal so richtig auftreten kann." Nicht
mal nach dem Festumzug zur 650-Jahr-Feier 2006 in Rosenthal-Bielatal, in
dem die Gruppe samt Weihs, Gliemann und Rackow mitgelaufen ist, hätte sie
irgendjemand auf deren Verstrickungen angesprochen. Und auch beim
geselligen Weintrinken seien die Politik oder persönliche Einstellungen nie
Thema gewesen. Noch vor gut zwei Wochen, als Gliemann in der Rolle des
Ulrich von Falkenstein beim Ritterfest in Bielatal zum Ritter geschlagen
wurde, habe Wichmann dessen Nachnamen nicht mal gekannt. Dabei war er auch
schon beim Zeltlager zum Kirnitzschtalfest 2006 aufgetaucht. Wie soll es
nun weitergehen? Wichmann weiß es noch nicht. Gliemann dagegen will auf
jeden Fall auf privater Ebene weitermachen und als Einzelperson an Festen
teilnehmen, sagte er auf SZ-Nachfrage. Wie Gliemann bedauert auch Rackow,
der einen schwedischen Krieger verkörperte, die Auflösung der Gruppe. Ihre
Teilnahme sei ein reines privates Hobby gewesen und hätte keinen
politischen Hintergrund gehabt, betonen sie. Doch das Interesse der NPD/JN
am Mittelalter ist bekannt. Regelmäßig finden Feldschlachten statt und auch
eine AG Brauchtum gibt es.
Chronologie
2000/2001: In Gersdorf erhebt sich eine mittelalterliche Festung. Zu Ostern
finden Feldschlachten statt, Mitglieder der rechtsextremen Skinheads
Sächsische Schweiz (SSS) sind dabei. Schauspieler Roland Wichmann spielt
abends mit dem Dudelsack und lernt SSS-Mitglied Ferry Weihs kennen. In
Jahren danach tauchen die SSS-Mitglieder Weihs und Thomas Rackow als Ritter
bei Festen zunächst als Gäste und später, wie 2005 in Maxen, auch in Aktion
auf. Juli 2006: laufen sie im Festumzug beim 650-jährigen Jubiläum von
Rosenthal-Bielatal mit. Frühjahr 2007: Die Mittelalter-Gruppe
"Rolandslanze" beginnt in Bielatal, intensiv Schauspiele für Auftritte
einzustudieren. (df)
Quelle: Sächsische Zeitung , Dresden , 08.08.2007
07.08.07 / Dresden-Klotzsche
Nazi-Schmiererei in Klotzsche nach NPD-Fete
Unbekannte haben am Sonntagmorgen einen Garagenkomplex auf der
Boltenhagener Straße, Klotzsche, mit sieben bis zu einem Meter großen
Hakenkreuzen, SS-Runen und Schriftzügen besprüht. Mit der schwarzen Farbe
schrieben sie "Willkommen" und "Wir waren da" auf zehn Garagentore,
außerdem "Rech" auf die Karosserie eines Mercedes, der in einer Garage
stand. Die Höhe des Schadens ist noch unklar. Die Polizei geht von einer
rechtsextremistischen Straftat aus, der Staatsschutz ermittelt. "Wir müssen
auch prüfen, ob es einen Zusammenhang mit Pappritz gibt", sagte eine
Polizeisprecherin. Nur Stunden vor der Tat endete in der Ortschaft eine
politische Veranstaltung der NPD. (lex)
Quelle: www.sz-online.de
06.08.2007 / Dresden-Pappritz
"Wir machen weiter, bis wieder Ruhe ist"
von Alexander Schneider
In Dresden-Pappritz trafen sich am Sonnabend wieder Rechtsextreme. Im Dorf
wollen das viele nicht mehr hinnehmen.
Nein, dieses eklige Lied habe er nicht selbst geschrieben, nur aus dem
Mexikanischen übersetzt, sagt Gerhard Schöne. Dann stimmt der Liedermacher
an: "Ein Popel, ein Popel, ein Popel, o-la-la!" Die Gitarre vor der Brust
steht Schöne vor dem Dorfteich in Dresden-Pappritz. Seine Zuhörer bevölkern
die Hauptstraße, Kinder bemalen den Asphalt, Initiativen informieren über
rechtsextremistische Umtriebe und wie man sich dagegen wappnet, es gibt
Kaffee und Brötchen. Bürgerfrühstück auf der Straße des Friedens. Zur
gleichen Zeit durchsuchen nur einen Kilometer weiter Dutzende Polizisten in
schwerer Montur jedes einzelne Auto. An diesem sonnigen Sonnabend hat die
NPD wieder mal zur Großveranstaltung nach Dresden-Pappritz gerufen. Nach
dem "Pressefest" des Riesaer Partei-Verlags Deutsche Stimme 2006 lud nun
die NPD-Jugendorganisation JN zum "Sachsentag" mit Rechtsrock und
politischen Reden ins Dorf im Schönfelder Hochland. Auch Georg Milbradt
wohnt hier, aber Sachsens Ministerpräsident spielt an diesem Tag keine Rolle
Geplatzter Hotel-Traum
Vielmehr reden alle über Wolfgang Jürgens. In Pappritz kungelt der Inhaber
der Tennisanlage schon seit Jahren mit den Rechtsextremen -- angeblich weil
er sein Grundstück möglichst lukrativ verkaufen will, nachdem sein Traum
eines Fünf-Sterne-Hotels im Hochland geplatzt ist. Nun stellt Jürgens seine
Wiesen der NPD zur Verfügung. Und die nimmt dankend an. Große Flächen für
solche Versammlungen finden sich in Sachsen nicht viele. Zwischenzeitlich
war sogar geplant, den Sitz der Partei dorthin zu verlegen. Doch die
Tennishalle wurde baupolizeilich gesperrt, die Gebäude sind nicht für Büros
zugelassen. Wolfgang Jürgens hat inzwischen nicht nur das ganze Dorf gegen
sich aufgebracht. Die Leute gehen nun auf die Straße -- aus Protest gegen
ihn und den braunen Spuk, der alljährlich ihren Ort heimsucht. Das
Bürgerfrühstück, mit Bedacht weit weg vom umstrittenen Anlass des Protests,
soll ein Zeichen gegen den Rechtsextremismus sein. "Ignorieren können wir's
nicht", sagt Jan Kaboth, Sprecher der Bürgerinitiative "Pappritz ist bunt"
und Stadtrat der Dresdner Bürgerfraktion. "Wir machen weiter, bis wieder
Ruhe ist", so der Familienvater. Vor vier Wochen wurde bekannt, dass die
NPD an diesem Sonnabend erneut etwas Großes plant. Die Initiative hat
daraufhin ein buntes Programm aus dem Boden gestampft, das den ganzen Tag
dauert. Dabei halfen wohl Kaboths Kontakte. Der 42-jährige gelernte Tänzer
ist Veranstaltungsmanager. Die Feuerwehr ist dabei, der Dorfklub, die
Volkssolidarität, Parteien und Bürgerinitiativen. Selbst Kirchen haben zum
friedlichen Protest aufgerufen.
Der Ärger war angekündigt
Auch Dresdens Vize-Oberbürgermeister, Herbert Feßenmayr (CDU), ist da. "Es
ist wichtig, dass Sie hier sind und friedlich Aufmerksamkeit erregen", sagt
er zu den Protest-Frühstückern. "Wir müssen uns mehr Gedanken über
Weltoffenheit und gemeinsames Agieren gegen Rechtsextremisten machen."
Feßenmayr sagt, Jürgens habe schon vor Jahren angekündigt, der Stadt
Probleme zu bereiten. Nun sind sie offenbar da. Am Sonnabend feiert Jürgens
mit der NPD. Viele Einwohner sprechen zuerst von Wolfgang Jürgens, wenn sie
nach den Nazi-Festen vor ihrer Haustür gefragt werden. "Wir verstehen
nicht, dass der immer noch hier wohnen kann", sagt eine Frau. "Wieso hat
man sein Blockhaus nicht schon längst abgerissen?" Immerhin liegt längst
eine Abrissverfügung vor. Das Blockhaus, das im Landschaftsschutzgebiet
steht und einmal als Baustelleneinrichtung geplant war, ist nach Ansicht
der Stadtverwaltung ein Schwarzbau. Jürgens soll im Frühjahr eine Erklärung
unterschrieben haben, es nicht mehr zu nutzen. Doch die Pappritzer
beobachten, wie dort noch immer Rollläden rauf und runter gehen. Immer
wieder hat die Bürgerinitiative die ungeklärten Verhältnisse rund um die
Tennishalle thematisiert. Auch die Landeshauptstadt hat reagiert. Nachdem
Jürgens keine konkreten Pläne für die Freizeitanlage vorgelegt hatte, hob
der Stadtrat Mitte Juli den Vorhabenplan für das Gelände auf. Das war nicht
immer so. Als 2006 plötzlich das rechte Pressefest anstand, duckte sich die
Stadtverwaltung geschlossen ab und überließ die Pappritzer sich selbst.
"Wir hatten damals richtig Angst", sagt Jan Kaboth. "Es wusste doch
niemand, was passieren wird." Dass es nicht ganz so schlimm kam, lag damals
am schlechten Wetter: Die 7000 Besucher standen im Regen. Dieses Jahr nun
fällt der braune Spuk viel kleiner aus. Doch der Widerstand gegen die
rechtsextremen Umtriebe ist größer. Das Rathaus hatte versucht, die
Veranstaltung auf dem Gelände aus baurechtlicher Sicht zu verhindern.
Dagegen hatte die NPD vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich geklagt.
Weniger Glück hatten sie indes beim Alkoholverbot für ihre politische
Veranstaltung. Die Richter bekräftigten erst am Freitagnachmittag die
Auflagen der Stadt -- mit der Folge, dass am Sonnabend Polizei und
Ordnungsamt alle Hände voll damit zu tun hatten, zu verhindern, dass Bier
aufs Gelände gelangt. Der Sachsentag wird so zu einer recht nüchternen
Szenefeier.
Initiative ist selbstbewusst
Die Pappritzer Initiative bringt zwar immer noch weniger Menschen auf die
Straße als die Rechtsextremen, aber die Mitglieder sind selbstbewusst
geworden. Sie ließen sich im Vorfeld auch nicht verunsichern, als die
Plakate für ihr Fest wiederholt abgerissen wurden. Michael Stolz etwa kam
vergangene Woche gerade mit André Gerbatsch von einem Vorbereitungstreffen
der Initiative, als sie mitten in der Nacht einen jungen Mann aus Pappritz
beim Wegtragen eines Plakates erwischten. "Wir haben uns eine Stunde lang
mit ihm darüber unterhalten, warum er das gemacht hatte", sagt Stolz. "Es
kam aber nicht viel zurück." Vor einem Jahr hätten sie wohl nicht so
reagiert. Gar nicht reagierte indes zunächst Ortsvorsteher Hans-Jürgen Behr
(CDU). In seinem erst letzte Woche erschienene Gemeindeblatt Hochlandkurier
fehlt jeder Hinweis auf das Fest der Initiative. Manuela Schott, die für
die Grünen im Ortschaftsrat sitzt, ist darüber empört: "Auch bei uns im
Hochland leben Ausländer, die Angst haben und sich nicht mehr auf die
Straße trauen, gerade wenn die NPD hier Großveranstaltungen macht."
Gibt es demnächst Paintball?
Ortsvorsteher Behr sagt, er habe nicht für die NPD werben wollen. Immerhin
aber besucht auch er am Nachmittag das Bürgerfest. "Es ist eine schöne
Sache geworden, hätte ich gar nicht erwartet", sagt er und kündigt an, es
im nächsten Gemeindeblatt zu würdigen. Doch Behr muss sich weitere Kritik
gefallen lassen. So hatte der Ortschaftsrat bereits im Herbst beschlossen,
ein öffentliches Forum zum Rechtsextremismus zu veranstalten. Bislang ist
nichts passiert. Nun überlegt die Initiative, das Forum zu veranstalten.
Dafür machen bereits neue Gerüchte die Runde. Uwe Meenen, Vorstandsmitglied
der bayerischen NPD und als Käufer der Tennisanlage im Gespräch, will dort
angeblich in 14 Tagen eine Paintball-Turnier veranstalten, bei dem sich die
Teilnehmer gegenseitig beschießen -- mit bunter Farbmunition.
Quelle: www.sz-online.de
06.08.2007 / Dresden-Pappritz
Gute Laune bei der Ausländerhetze
von Marco Mach
Junge Nationalisten aus dem Kreis sind beim 1. Sachsentag in Dresden dabei.
Eine Momentaufnahme. Porträtaufnahmen von Personen seien nur mit deren
Zustimmung erlaubt, belehrt Versammlungsleiter Andreas Storr die
Journalisten vor dem Zaun um die Dresden-Pappritzer Tennishalle. Kein
Problem, das ist sowieso üblich. Also Willkommen auf dem Sachsentag der
Jungen Nationaldemokraten (JN), dem Nachwuchs der rechtsextremen NPD.
Geschätzte 500 Neonazis haben am frühen Sonnabendnachmittag schon die 15
Euro Eintritt entrichtet. Darunter auch viele bekannte Gesichter aus der
Sächsischen Schweiz. Da ist Thomas Rackow, der JN-Kreisgeschäftsführer. Der
29-Jährige, einen Fotoapparat um den Hals, scheint anfangs ein waches Auge
auf die Journalisten zu werfen, bleibt knapp hinter ihnen. Am Wochenende
zuvor hat er noch in Schweden beim "Nordiska Festivalen" gesprochen. Bei
diesem Festival der nationalen Bewegung stand auch der deutsche rechte
Liedermacher Frank Rennicke auf dem Plan. Ja, er habe viele Kontakte nach
Schweden, sagt Rackow. Und auch in Pappritz tritt eine schwedische Band
auf, Asynia. Erst einmal geht jedoch die sächsische Rechtsrock-Band
Sachsonia auf die Bühne. "Die linke Neustadt brennt", grölen sie. Später
"frei, sozial und national". Und das sind nur die harmlosen Sachen, die sie
spielen dürfen. Doch die Neonazis wollen nicht so recht tanzen, die Frauen
nicht ihre "Möpse" zeigen -- wie es der grobmotorige Frontmann fordert.
Die Besucher sind vorwiegend jung, männlich, tätowiert, haben kurz
geschorene Haare und tragen T-Shirts mit Aufschriften wie "Good Night Left
Side", "Hatecore" oder "Sächsische Schweiz -- Fight The System". Doch auch
weibliche Gäste sind zu sehen, Opas, ebenso Männer mit Zöpfen und Kinder.
Der Sohn vom Neustädter NPD-Kreisrat Steffen Richter spielt gerade in der
Hüpfburg gleich neben der Bühne. Am Ende der Zuhörer-Traube scherzen NPDKreisgesch
äftsführerin Carmen Steglich aus Königstein samt Tochter und
Reinhardtsdorf-Schönas Gemeinderat Mario Viehrig mit Skrewdriver-Basecap.
Skrewdriver war eine neonazistische Band.
JN-Kreischef Martin Schaffrath will nicht mit der Presse reden. An seinem
Klamottenstand weist der Inhaber des Szeneladens "The Store" in Pirna und
Sponsor des Sachsentages ab. Inzwischen beschimpft Holger Apfel, NPDFraktionschef
im Landtag, Ausländer als "arrogante Wohlstandsneger". Dafür
bekam er im Landtag einen Ordnungsruf. Dann wettert er wieder mal gegen die
Integration, wünscht den in Deutschland lebenden Ausländern eine gute
Heimreise und erntet für die plumpen, alten Sprüche sogar Applaus. Und
tschüss ...
Quelle: Sächsische Zeitung, 03.08.2007
03.08.2007 / Dresden
Stadt will NPD-Fete verhindern
Erneut soll am Sonnabend eine Kundgebung mit viel brauner Musik in Dresden
stattfinden. Die Polizei plant einen Großeinsatz.
Die Landeshauptstadt ist gestern damit gescheitert, eine erneute NPDVeranstaltung
in Dresden-Pappritz mit Hilfe des Baurechts zu verhindern.
Das Verwaltungsgericht Dresden hat dem Versammlungsrecht einen höheren Rang
eingeräumt und einem Antrag der rechtsextremen Partei stattgegeben. Die
Bauaufsichtsbehörde dürfe die Nutzung eines Grundstücks für eine konkrete
politische Veranstaltung nicht ohne Berücksichtigung des Grundrechts der
Versammlungsfreiheit verbieten, argumentiert die 12. Kammer. Die Dresdner
Bauaufsicht hatte eine Nutzungsuntersagung verfügt, weil die Fläche als
Brache nicht wiederholt ohne Baugenehmigung anderweitig genutzt werden
dürfe. Nach dem Pressefest der NPD 2006 plant nun die Jugendorganisation JN
am 4. August einen "Sachsentag", eine politische Kundgebung mit reichlich
Musik und Skinhead-Rock -- wieder auf der Fläche der Tennisanlage. Die
Stadt teilte mit, eine Beschwerde gegen die Entscheidung zu prüfen.
Pappritzer veranstalten aus Protest gegen die NPD ein Bürgerfest, an dem
auch Rathaus-Vertreter teilnehmen. Junge Antifaschisten haben zu einer
Gegendemonstration aufgerufen, bei der -- wie bei der JN-Veranstaltung -mit
mehreren Hundert Teilnehmern gerechnet werden muss. Die Polizei
bereitet einen Großeinsatz vor, um die Sicherheit zu gewährleisten. (lex)
Unsere Projekte 2007 werden u.a. gefördert & unterstützt durch: das
Landesprogramm "Weltoffenes Sachsen",den Lokalen Aktionsplan Sächsische
Schweiz, das "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend",
den Landkreis Sächsische Schweiz, die Stadt Pirna, die Amadeu-AntonioStiftung,
die Friedrich Ebert Siftung, die Städtische
Wohnungsbaugesellschaft Pirna, die Firmen www.4koepfe.de & www.computerstephan.
de sowie zahlreichen privaten Spenderinnen & Spendern.
Allen unser herzliches Dankeschön!
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