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LVZ: Leipziger Volkszeitung zu Hetzjagd in Mügeln
Leipzig (ots) - Leitartikel Von Micha Schneider
Pawlowsche Reflexe
In Mügeln ist Schlimmes geschehen. Menschen hetzen Menschen
durch die Straßen, prügeln, werfen mit Steinen. Es gibt Verletzte.
Dies an sich würde keinesfalls den Rahmen des nationalen Interesses
sprengen, wären nicht ausländische Mitbürger in die Vorfälle
verwickelt. Sensibilisierung mit Blick auf ausländerfeindliche und
rassistische Umtriebe ist zwingend notwendig. Fehl am Platze aber
sind Vorverurteilungen, Pauschalisierungen und Stigmatisierungen.
Pawlowsche Reflexe laufen ab, wenn es um Gewalttaten geht, bei denen
Ausländer zu Schaden kommen. Sofort reden Außenstehende von Rassismus
und Rechtsextremismus. Ebenso reflexartig reagieren betroffene
Verantwortungsträger, die jegliche Tendenzen in dieser Richtung
negieren. Mügeln ist diesbezüglich ein Musterbeispiel. Noch bevor die
Untersuchungen der Vorfälle ins Laufen kamen, wurde der Ort als
Brutstätte neonazistischer Gewalt abgestempelt. Und das trotz des
Falls eines 1997 angeblich von Neonazis ermordeten Kindes in Sebnitz.
Mügelns Bürgermeister Deuse stellte ebenso vorschnell einen
Persilschein für alle Bewohner seines Ortes aus. Und das trotz der
Toten von Mölln und Dessau.
Fakt ist: Ausländerfeindliches Denken ist partiell vorhanden. In
Mügeln, in Leipzig, in Erfurt, deutschlandweit und weltweit. Das
Problem auf den Osten Deutschlands zu reduzieren, ist unredlich und
wenig hilfreich, erweckt zudem den Verdacht, nach dem
St.-Florians-Prinzip von sich auf andere abzulenken. NPD,
Republikaner und andere braune Seilschaften sind keine
Ost-Erfindungen, sondern vom Westen aus organisierte und finanzierte
Trupps. In wirtschaftlich gebeutelten Regionen mit Menschen, die sich
in die Verliererrolle gedrängt sehen, fallen ihre Parolen auf
fruchtbaren Boden. Einen Boden, den die Vor-Vorgänger-Partei der
Linken, die SED, bestellt hat. Anderssein war nicht gefragt, wurde im
Extremfall sogar bestraft. Denken und Handeln, selbst Kleidung,
Haarschnitt und Musik waren reglementiert. Die Möglichkeit einer
Begegnung mit Ausländern reduzierte sich "dank" Mauer und
Stacheldraht ohnehin auf ein Minimum.
Unabhängig vom Hintergrund der Vorgänge in Mügeln ist eine derartige
Gewaltorgie beschämend. Gleich ob Jagd auf Deutsche oder Ausländer
gemacht wird, gleich ob Frauen oder Männer, Kinder oder alte Menschen
angepöbelt, belästigt oder bedroht werden - hier ist nicht Wegschauen
oder gar Voyerismus gefragt, sondern couragiertes Handeln.
@ m.schneider ät lvz.de
Originaltext: Leipziger Volkszeitung
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