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Hinrichtung vor Hakenkreuzfahne
Russische Rassisten stellen angebliches Mord-Video ins Internet
VON FLORIAN HASSEL
Moskau. Das Video ließ selbst den abgehärteten Nutzern des russischen
Internets die Haare zu Berge stehen. Am Sonntagnachmittag stellte der
Benutzer "antigypsyone" ("Anti-Zigeuner Eins") im Blog livejournal.com
einen Link zur Skinhead-Site National Socialism/White Power ein. Von dort
ging es mit wenigen Mausklicken zu einem 2 Minuten und 42 Sekunden langen
Video.
Das zeigte, gefilmt in einem Waldstück vor einer Fahne mit Hakenkreuz,
den Mord an zwei Männern, angeblich aus der Kaukasusrepublik Dagestan und
dem zentralasiatischen Tadschikistan. "Uns haben russische
Nationalsozialisten festgenommen", sagen die verängstigten Männer. Dann
schneiden Maskierte einem die Kehle durch, schießen dem anderen vor einer
ausgehobenen Grube in den Kopf. Begleitet werden die Morde von HeavyMetal
-Musik und von Rufen "Ruhm für Rus!" - eine altertümliche, von
Nationalisten gepflegte Bezeichnung für Russland.
Binnen Stunden tauchte das Video unter den Top 30 des führenden
Internetdienstes yandex.ru auf. Nachdem am Montag die Tageszeitung
Kommersant berichtete, nahm die Abteilung "K" des Innenministeriums,
zuständig für Hochtechnologie-Verbrechen, Ermittlungen auf. Ob das Video
nun echt oder eine durch Montage entstandene Fälschung sei: Die Urheber
hätten sich strafbar gemacht, sagte eine Polizei-Sprecherin - mindestens
mit Anstachelung zum Rassenhass und Herabsetzung der Menschenwürde.
Sollten Kriminaltechniker indes die Echtheit des Videos bestätigen, wäre
der gefilmte Mord für Russland keine Premiere. Sowohl tschetschenische
Rebellen als auch Angehörige russischer Todesschwadronen hielten im
Tschetschenienkrieg die Ermordung ihrer Gegner auf Video fest. Neu wäre,
dass auch russische Neofaschisten zu diesem Mittel greifen: Bisher
filmten sie sich nur beim Zusammenschlagen von Kaukasiern.
Im Fall des Anschlages auf den Zug nach Petersburg vom Montagabend ließen
die Behörden am Mittwoch durchsickern, es seien zwei mögliche Verdächtige
slawischen Aussehens mit Phantombildern zur Fahndung ausgeschrieben
worden. Auch im Lager extremer Nationalisten werde gefahndet, meldete die
Agentur Interfax.
Im Fall des mutmaßlichen Mord-Videos gab das Innenministerium schon eine
Festnahme bekannt. Ein rechtsextremer Student aus dem südrussischen
Maikop habe gestanden, das Video verbreitet zu haben. Er habe es von
einem Unbekannten erhalten.
Sollten die Morde tatsächlich geschehen sein, wären sie nur die jüngsten
einer Reihe rassistischer Gewalttaten in Russland. Für das Jahr 2005
zählte das Moskauer Sowa-Zentrum 461 Opfer rassistischer Übergriffe -
davon 47 Tote. 2006 starben von 541 Opfern 55. In diesem Jahr sei die
Todesrate weiter gestiegen, sagt Semjon Tscharnij vom Sowa-Zentrum. "Von
Januar bis Juli 2007 haben wir mindestens 36 Tote durch rassistische
Übergriffe registriert - vor allem Usbeken und Tadschiken, Armenier und
Aserbaidschaner, aber auch Koreaner, Vietnamesen, Georgier, Kalmyken,
Tataren und Russen."
Nach Umfragen sympathisieren 15 Prozent der russischen Jugendlichen mit
rassistischen Ideen. Das Sowa-Zentrum schätzt die Zahl russischer
Neofaschisten auf 60 000 bis 70 000, das Moskauer Büro für Menschenrechte
kommt gar auf 500 000 vorwiegend jugendliche Rechtsradikale. Sowa-Zentrum
und Menschenrechtsbüro beschuldigen die Regierung, mit Kampagnen gegen
Georgien und Litauen, Migranten und dem Arbeitsverbot für kaukasische
Händler einen "steuerbaren Nationalismus" zu schaffen.
Rassistische Morde werden oft heruntergespielt. Etwa der am aus Tatarstan
stammenden Damir Sainullin. Der 23 Jahre alte Landwirtschaftsstudent
wurde am 1. Juli in Sankt Petersburg von Neofaschisten
zusammengeschlagen. Eine 22-Jährige durchschnitt ihm eine Arterie mit
einer Glasscherbe. Die Justiz sah den Mord als Rowdytum. Auch als mehr
als 20 Skinheads am 21. Juli in Angarsk in der Region Irkutsk ein AntiAtom
-Zeltlager angriffen und der 26 Jahre alte Atomkraftgegner Ilja
Borodajenko mit gebrochenem Rückgrat starb, wollte die Polizei keinen
politischen Hintergrund sehen.
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Dokument erstellt am 15.08.2007 um 18:00:10 Uhr
Erscheinungsdatum 16.08.2007
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