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http://www.jungewelt.de/2007/03-13/003.php?sstr=rassistische|hochkultur
Junge Welt, 13.3.07
Rassistische Hochkultur
Neulich in Berlin: Hans-Olaf Henkel hält die Laudatio auf ein Buch, in dem es von Stereotypen des Faschismus wimmelt
Von Thomas Wagner
Am 16. Februar fand im Berliner Tagungscenter der Bundespressekonferenz eine denkwürdige Buchpräsentation statt. Eingeladen hatte der in Berlin und Bonn angesiedelte Westkreuz-Verlag. Der effekthaschende Titel des beworbenen Werkes verhieß nichts Gutes: »Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung«, Autor: Der Historiker Manfred Pohl (siehe unten). Zwischen Sektempfang und Mittagsimbiß hielt der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel die Laudatio für das kulturrassistische Pamphlet aus dem inneren Kreis der deutschen Wirtschafts- und Politik=elite.
Mitte der Gesellschaft
Die Hinüberrettung von abendländischen Kulturwerten in die unvermeidliche Ära des »Multi-Colour-Man (MCM)«, heißt es in dem auf breite Leserschichten zielenden Druckerzeugnis, sei »unsere einzige Hoffnung und unser unveränderliches Ziel.« Die »Identität, das Zugehörigkeitsgefühl« sollten bei allen demographischen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte »deutsch, europäisch oder amerikanisch bleiben.« Weiter heißt es: Der »Kampf um die Weltherrschaft« habe begonnen. Der Islam sei eine »kriegerische Religion.« Im Kampf »zwischen den Muslimen und dem Weißen Mann« gebe es »keine Toleranz und keine Akzeptanz.« Moslems würden keine »europäische Identität übernehmen.« Bei Strafe des Untergangs brauche Deutschland eine »Erziehung zu mehr Arbeit, mehr Leiden«. Da nur fünf Prozent der Menschen in der Lage seien, geistige Höchstleistungen zu vollbringen und über 20 Prozent »nicht bildungsfähig« seien, müßten die Kinder schon in der Grundschule zwecks Elitenerziehung getrennt werden. Die derzeitige Demokratievorstellung müsse »infrage gestellt«, nach dem Modell einer Aktiengesellschaft umgeformt, die Regierung von entscheidungstarker Hand wie ein privates Unternehmen geführt werden. Die Frauen sollten aufhören, Männer werden zu wollen, statt dessen ihrem »biologisch ausgeprägten Mutterinstinkt folgen« und ihre Weiblichkeit »akzeptieren und zum Zug kommen lassen.«
Beim Autor dieser militanten Thesen handelt es sich um eine allseits respektierte Stimme aus der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft. Erst im Jahr 2001 hat der Wirtschaftshistoriker Manfred Pohl den Europäischen Kulturpreis der Kulturstiftung »Pro Europa« im Europäischen Parlament in Strasbourg erhalten. Vielleicht haben sich Handelsblatt, WirtschaftsWoche, Pforzheimer Zeitung, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Neue Presse deshalb unkritisch als Lautsprecher von Thesen hergegeben, die in der Terminologie der heutigen Sozialwissenschaft als kultureller Rassismus beschrieben werden müssen? Schenken wir einem taz-Bericht (19. 02. 07) Glauben, dann ist sich zumindest Hans-Olaf Henkel durchaus bewußt, welchen politischen Sprengstoff das Buch enthält: Wenn er es geschrieben hätte, so der prominente Unterstützer von Amnesty International, müsse er jetzt wahrscheinlich woanders Asyl beantragen: »Historiker können sich das ja erlauben.«
Wer ist Manfred Pohl? Der 1944 geborene Wissenschaftler studierte nach einer Banklehre Germanistik, Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft an den Universitäten in Saarbrücken und Frankfurt am Main. Dort lehrt er seit 1981 Unternehmensgeschichte und seit 1992 als Honorarprofessor Internationales Bank- und Finanzwesen. Von 1972 bis 2004 leitete er das Historische Institut der Deutschen Bank. Gemeinsam mit dem ehemaligen Chef und lebenslangen Ehrenvorsitzenden der Deutschen Bank Hermann Josef Abs betrieb Pohl 1976 als junger Historiker die Gründung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte. Es folgten 1990 die European Association for Banking History und 1997 die Society for European Business History.
Kapitalistischer Missionar
Pohl hat es wie kein Zweiter verstanden, seine historischen Kenntnisse und organisatorischen Fähigkeiten in den Dienst des Kapitals zu stellen. In seiner beruflichen Laufbahn hat er drei wesentliche Dinge erkannt. Erstens ist eine gut geschriebene Unternehmensgeschichte ein wichtiges Marketinginstrument. Zweitens hilft sie den heutigen Großunternehmen dabei, sich durch eine demonstrative Aufarbeitung der Vergangenheit in ein gutes Licht zu stellen und von ihrer nach wie vor ausgeübten Macht abzulenken. Drittens läßt sich das betriebswirtschaftliche Wettbewerbs- und Effizienzdenken in der Öffentlichkeit gut als verständlichess Politikmodell verkaufen. Just zu diesem Zweck gründete Pohl im Oktober 2003 zusammen mit dem Unternehmensberater Roland Berger und Hans-Olaf Henkel in Berlin den Konvent für Deutschland e.V., dessen Geschäftsführendes Vorstandsmitglied er heute ist. Innenpolitisch geht es um die Verschärfung neoliberaler Politik und den Umbau der parlamentarischen Demokratie zu einem Politik-Unternehmen, daß von direktdemokratisch legitimierten Erfüllungsgehilfen der Kapitaloligarchie regiert werden soll. Außenpolitisch soll das markwirtschaftliche Konkurrenzprinzip am besten dadurch propagiert werden, daß international agierende Unternehmen mehr als bisher in die Kultur und Bildung ihrer Gastländer investieren und auf diese Weise vor Ort gute Stimmung für die kapitalistische Sache machen. Den organisatorischen Rahmen für die neokoloniale Kulturmission des Kapitals gibt seit 2003 das von Pohl geleitete internationale Institute for Corporate Culture Affairs (ICCA).
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