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Rhein-Neckar-Zeitung
REGIONAL - MANNHEIM 30.12.2003
Die Bahn stellt Strafanzeige
Hausbesetzung im Jungbusch dauert an - Wird heute geräumt?
Seit dem ersten Weihnachtsfeiertag ist dieses Gebäude, das der Deutschen
Bahn gehört, besetzt. Foto: Tröster
boo. Rund zwanzig junge Menschen hielten auch gestern ein leer stehendes
Gebäude im Stadtteil Jungbusch besetzt. Sie protestieren gegen die von
der Stadt geplante "Nobel-Sanierung" dieses Stadtteils. Vertreter der
deutschen Bahn AG, die das Gebäude vom Land gepachtet hat, sprach
gestern mit den Hausbesetzern und machte ihnen klar, dass sie das Haus
spätestens in der dritten Januarwoche abreißen werde. Dazu sei sie per
Vertrag verpflichtet. Kurz vor Redaktionsschluss sagte ein Bahnsprecher
auf Anfrage, dass man Strafantrag gestellt habe. Die Rechtsabteilung des
Unternehmens plane, Antrag auf Räumungsanordnung beim Amtsgericht zu
stellen.
Die aus dem linken Spektrum kommenden Hausbesetzer halten sich seit dem
ersten Weihnachtsfeiertag in dem seit geraumer Zeit leer stehenden
Gebäude auf, das zuletzt von der nicht mehr existierenden Umzugsfirma
ASH am Verbindungskanal Linkes Ufer genutzt wurde. Die Besetzer wenden
sich gegen die ihrer Ansicht nach luxuriöse Sanierung und befürchten,
dass durch die Neuordnung sozial schwache Bewohner vertrieben werden.
Sie könnten sich dagegen vorstellen, hier einen Stadtteiltreff mit
Nachhilfeangeboten für ausländische Kinder oder Proberäume für
Musikschaffende einzurichten.
Die Polizei war auch gestern präsent, verhinderte jedoch, dass weitere
Personen Zugang zu dem besetzten Gebäude bekamen. Die Versorgung der
Besetzer mit Lebensmitteln erfolgte über Seile und Körbe. Drei Vertreter
der Immobilienabteilung der Deutschen Bahn, die das Gebäude gepachtet
hat, machte den Hausbesetzern gestern klar, dass man gegenüber dem Land
als Eigentümerin vertraglich verpflichtet sei, die Halle bis Ende
Februar abzureißen.
Man hoffe nun auf die Einsicht der jungen Leute, ansonsten müsse die
Räumung veranlasst werden.
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"Kleinarbeit statt Ideologie"
Beteiligungskultur im Jungbusch gilt als vorbildlich
Von unserem Redaktionsmitglied Anke Philipp
Mit einem Angebot zur Zusammenarbeit endete gestern ein Gespräch
zwischen dem Pfarrer der Hafenkirche, Ulrich Schäfer, und den
Hausbesetzern im Jungbusch. Schäfer, der Mitglied im örtlichen
Koordinierungskreis und SPD-Bezirkbeirat ist, forderte die jungen Leute
auf, "gemeinsam mit uns zu überlegen, was jetzt nötig ist". Als "großes
Missverständnis" bezeichnete Kulturbürgermeister Dr. Peter Kurz die
Aktion: Schließlich werde gerade im Jungbusch alles unternommen, um das
Quartier sozial zu stabilisieren und die Entwicklung ausgewogen zu
gestalten.
Gegenüber der Zeitung äußerte Ulrich Schäfer einerseits Verständnis für
die Jugendlichen: "Auch wir haben Sorge, dass Prestigeprojekte
(Popakademie, Musikpark) mit einer Edelsanierung einher gehen könnten".
Genau dies versuche man aber zu verhindern, arbeite seit Jahren mit
vielen Menschen im Koordinierungskreis und dem Quartiergremium zusammen.
Ziel sei es dabei, den Stadtteil gemeinsam mit den Bewohnern zu
entwickeln - eine mühsame Kleinarbeit, die viel Geduld erfordere. Der
Jungbusch, so glaubt Schäfer, eigne sich deshalb kaum als Austragungsort
"ideologischer Gefechte".
In der Tat bemühen sich Gemeinschaftszentrum und Quartiermanagement seit
Jahren, die geplante Aufwertung des Quartiers im Rahmen der 2007-Pläne
zur 400-Jahr-Feier sozial verträglich zu gestalten: So wurde nicht nur
das Beteiligungsgremium geschaffen, ein Stadtteilservice aufgebaut und
die kulturellen Aktivitäten (besonders für Jugendliche) intensiviert.
Stadt und Gemeinderat beschlossen zudem den Bau der Turnhalle mit
bürgerschaftlicher Einrichtung und die Umgestaltung der Hafenstraße -
beides Vorhaben, die den Bewohnern sehr am Herzen lagen. Insbesondere
der Bau der Turnhalle, so Quartiermanager Michael Scheuermann in einem
"MM"-Gespräch zum Jahreswechsel, werde den Stadtteil weiter stärken und
den Jungbusch für die Bewohner attraktiver machen. Scheuermann: "Unser
Augenmerk gilt auch den ressourcenschwächsten Bevölkerungsgruppen, zum
Beispiel den jungen Migranten, die von der positiven Gesamtentwicklung
nicht abgehängt werden dürfen".
Vor den Kopf gestoßen fühlten sich die Bewohner indes beim Spatenstich
für die Popakademie: Bei der Veranstaltung im Sommer hatte der
Oberbürgermeister angekündigt, dass man den Stadtteil bald nicht mehr
wieder erkennen werde. Vermisst wird vor Ort auch eine Lösung der
Verkehrsprobleme, besondere in der belasteten Dalbergstraße: Den Bau der
Westtangente, die den Jungbusch eigentlich vom Durchgangsverkehr
befreien sollte, strich Widder jetzt aus dem Haushaltsplan der Stadt.
© Mannheimer Morgen - 30.12.2003
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Hungern für "die Sache" und für ganz Deutschland Strafantrag gegen
Hausbesetzer im Jungbusch / Polizei stoppt die Lebensmittelversorgung
Frischer Wind weht durch den Jungbusch, die Nächte werden eisiger, die
Hausbesetzer am linken Ufer (wir berichteten) kriegen langsam kalte
Füße. Seit gestern Mittag hat die Polizei die Lebensmittelversorgung
gestoppt. Grund dafür ist ein Strafantrag, den die Deutsche Bahn
gestellt hat. Sie hat das Haus am Hafen, das seit dem Standortwechsel
der Umzugs-Firma ash leer steht, gepachtet und hätte es laut Vertrag
bereits abreißen lassen müssen.
Die Hausbesetzer, knapp zehn Leute etwa Anfang 20, wissen: Jetzt geht es
um Hausfriedensbruch. Die Lebensmittelvorräte werden knapp, Strom und
warmes Wasser gibt es sowieso nicht, und langsam geht auch dem Akku vom
Mobiltelefon der Saft aus. "Die wollen anscheinend, dass wir hier
verhungern", kommentiert einer die Maßnahmen der Polizei. Und in der Tat
steht dem nach eigenen Worten "bunt zusammen gewürfelten" Haufen kein
schmackhafter Jahreswechsel bevor. Denn "im Moment sieht es ganz danach
aus, als ob erst mal nichts passiert", glaubt Polizeisprecher Martin
Boll. Der Strafantrag landet beim Amtsgericht und wann die Ordnungshüter
letztlich zur Räumung des Gebäudes aufgefordert werden, vermag im Moment
keiner zu datieren.
Trotzdem: "Wir bleiben, egal wie lange", schwören die Jungs und Mädels
im Haus mit der Nummer 20. In den Abendstunden lassen sie sich bei
Kerzenschein eine warme Mahlzeit schmecken - voraussichtlich die letzte
für längere Zeit. "Wir dürfen uns keine Gasflasche mehr für unseren
Kocher bringen lassen", erklärt ein junger Besetzer. Für ein paar Tage
reiche der Vorrat an kaltem Essen und Getränken noch, meint er. Und
dann? "Dann essen wir halt nichts mehr, das ist uns die Sache wert!"
Über "die Sache" - einen autonomen Freiraum für sozial schwache
Jungbusch-Bewohner zu schaffen - müssen die Hausbesetzer nun mit dem
Land Baden-Württemberg diskutieren, das über die staatliche
Hafengesellschaft das Gebäude besitzt. Auf Din-A-4-Papier hat sich die
Truppe die Punkte notiert, die sie in den kommenden Tagen mit Vertretern
des Landes klären wollen. Oberstes Ziel: Das Haus soll nicht abgerissen
und kostenlos in ihren Händen bleiben. Nach eigenen Angaben stammen die
meisten Besetzer aus dem Jungbusch. Das sei aber nicht wichtig, meint
einer. "Die Aktion ist nur ein Beispiel für das, was in ganz Deutschland
passiert. Überall werden autonome Zentren geschlossen und sozial
Schwache aus ihrem Lebensraum verdrängt. Das akzeptieren wir nicht." Am
Abend erhalten sie erneut ideelle Unterstützung: Eine Demo mit 60 Leuten
vom Paradeplatz zum Hafen verläuft friedlich. ast
© Mannheimer Morgen - 30.12.2003
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