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junge Welt vom 22.12.2003
Inland
Behörden leugnen rechten Hintergrund
Baden-Württemberg: Mahnwache und Trauermarsch nach Mord an drei
Spätaussiedlern in Heidenheim
Tanja Bauder-Wöhr
In einem waren sich lokale Behörden und Medien sofort einig: Der Mord an
drei jugendlichen Spätaussiedlern vor einer Diskothek im
baden-württembergischen Heidenheim in der Nacht zum Sonnabend habe
keinerlei rechtsradikalen Hintergrund gehabt, wurde unisono vermeldet.
Der 17jährige Gymnasiast Leonard S., der die drei Jugendlichen mit
mehreren Messerstichen niedergestreckt hatte, ist in der Stadt jedoch
keineswegs unbekannt. In der Diskothek »K2«, die sich als
unkommerzielles Freizeitangebot versteht, hatte S. seit einiger Zeit
Hausverbot, da er ein »stadtbekannter Neonazi« sei, so Volker
Spellenberg, der Geschäftsführer des »K2«, am Wochenende. Gegen S. lief
bereits ein Ermittungsverfahren, weil er am 3.Oktober gemeinsam mit
anderen Neonazis Punks vor eben dieser Diskothek attackiert und dabei
einen Jugendlichen mit einem Schlagstock schwer verletzt hatte.
Verschwiegen wurde zunächst auch, daß S. auch diesmal in Begleitung
einer Gruppe war, die sich als »Eingreifreserve« für eine offenbar
geplante Schlägerei in den Büschen versteckt hielt.
So »unbegreiflich«, wie das Geschehen vom Wochenende jetzt in der
Lokalpresse geschildert wird, ist der brutale Mord ohnehin nicht. Seit
Jahren gibt es im beschaulichen Heidenheim eine äußerst aktive rechte
Szene, die durch Aufkleber und Schmierereien regelmäßig in Erscheinung
tritt, Schulungen anbietet und über einen bekannten Treffpunkt in einer
Kneipe verfügt. Doch die Lokalpolitiker zeigten sich bisher blind und
taub und boykottierten und diffamierten antifaschistische Aktionen.
Am Abend nach der Tat versammelten sich mehrere hundert meist
Jugendliche zu einer Mahnwache vor der Diskothek und zogen mit einem
Trauermarsch durch die Stadt. Sie wollen auch in den nächsten Tagen und
Wochen dafür sorgen, daß die lokalen Verantwortlichen endlich ihre
Ignoranz gegenüber den Neonazistrukturen in Heidenheim aufgeben.
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