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Rhein-Neckar-Zeitung
REGIONAL - HEIDELBERG 20.12.2003
10 Euro für den irakischen Widerstand?
Eine Panorama-Sendung sorgt für Aufregung in der Heidelberger
Friedensbewegung
Von Holger Buchwald
"Spenden für den Terror - Deutsche unterstützen Attentäter im Irak",
lautet der Titel eines Beitrags für das ARD-Magazin "Panorama" vom 11.
Dezember, der bei der Heidelberger Friedensbewegung derzeit für große
Aufregung sorgt. Vor laufender Kamera bezeichnet der Wortführer des
hiesigen Antikriegsforums, Joachim Guilliard, den bewaffneten Widerstand
gegen die US-amerikanischen "Besatzer" im Irak als "legitim". Für ihn
habe das "mit Terrorismus im engeren Sinn nichts zu tun". Außerdem ruft
der Autor der linken Zeitschrift "Junge Welt" dazu auf, den Widerstand
im Irak zu unterstützen.
Bei der Heidelberger Staatsanwaltschaft hat eine Privatperson
Strafanzeige gegen Guilliard gestellt. Das bestätigte ein Sprecher der
Behörde. Die Ermittlungen stünden am Anfang, bisher sei noch kein
Straftatbestand ersichtlich, der Guilliard vorgeworfen werden könnte.
Joachim Guilliard selbst gibt auf Anfrage der RNZ zu, dass er einen
Aufruf der "Antiimperialistischen Koordination" mit dem Titel "Spendet
10 Euro für den irakischen Widerstand" unterschrieben hat, als dieser
bei der "Jungen Welt" kursierte. Er habe aber nie für die Kampagne
gesammelt. "Wir rufen auf, den irakischen Widerstand zu unterstützen",
heißt es in dem Spendenaufruf der Antiimperialistischen Koordination. Im
Text ist aber nicht von militärischem sondern vielmehr von zivilem
Widerstand die Rede. Ansprechpartner für die Kampagne sei die "Irakische
Patriotische Allianz" (IPA). "Die IPA steht für den Aufbau einer
pluralistischen, demokratischen Gesellschaftsordnung, in der die
verschiedenen Religionen und Völker des Irak die Möglichkeit der
gleichberechtigten politischen und sozialen Beteiligung haben", heißt es
in dem Appell.
"Mit dem Aufruf hatte ich nie viel am Hut. Das war für mich nur so eine
symbolische Aktion", meint Guilliard. Er habe geglaubt, dass die IPA
nichts mit der irakischen Guerilla zu tun habe. In dem Panorama-Beitrag
wird dagegen behauptet, dass die Aktivisten der Patriotischen Allianz
mit Anhängern des ehemaligen Saddam-Regimes zusammen arbeiten und
Attentate durchführen.Guilliard fühlt sich vom Autor des Beitrages, John
Goetz, vorgeführt. Das Interview habe 90 Minuten gedauert, für die
Panorama-Sendung seien zwei Sätze völlig aus dem Zusammenhang gerissen
worden. Er will nun den Presserat informieren und zudem eine
Gegendarstellung erwirken.
Wie steht nun aber Guilliard zum bewaffneten Widerstand im Irak? - Er
gibt zu, dass er kein reiner Pazifist ist und früher schon die Kampagne
"Waffen für El Salvador" unterstützte. Im Internet kursiert übrigens
eine zweite Variante des Spendenaufrufs für den irakischen Widerstand:
"Geführt von hunderten Kämpfern, ist dieser Widerstand dazu bestimmt zu
wachsen und stärker zu werden." Der Text eines Autors mit dem Pseudonym
"Moloch", der den US-Soldaten ein "zweites Vietnam" prophezeit, endet
mit der gleichen Konto-Nummer wie der scheinbar harmlose Aufruf, den
Guilliard unterzeichnete.
"Die weitere Entwicklung des zivilen wie militärischen Widerstands im
Irak wird entscheidend für die Zukunft des Landes sein", sagte Guilliard
auf einer Kundgebung am 25. Oktober. Ein Aktivist der Friedensbewegung
meint dementsprechend: "Sicherlich wurde Guilliard von Panorama
vorgeführt."
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Hallo zusammen,
Das ARD-Magazin Panorama strahlte am Donnerstag den 11.12. abends einen
Beitrag über die angebliche Unterstützung des bewaffneten Widerstands im
Irak durch die hiesige Friedensbewegung aus.
Wie zu befürchten war, stellte dieser skandalöse Beitrag die Positionen
vieler Interviewter völlig verzerrt da, indem aus den Interviews nur
wenige aus dem Zusammenhang gerissene Fetzen gebracht wurden. So hatte
mich der Journalist John Goetz beispielsweise gefragt, ob denn der
bewaffnete Widerstand angesichts der Übermacht des Gegners Sinn mache.
Meine Antwort darauf, daß sich die Guerilla zu Recht Chancen ausrechnen
kann, daß die Irakbesatzung innenpolitisch in den USA irgendwann nicht
mehr haltbar sein wird, wenn sie den US-Truppen viele Verluste zufügt,
klingt im Beitrag, durch entsprechenden Schnitt zweier Sätze, so, als
würde ich die Iraker dazu auffordern, möglichst viele US-Soldaten zu
töten.
Der Bericht selbst enthält eine ganze Reihe von Falschaussagen, um
Zusammenhänge vorzutäuschen, wurden Kommentare mit falschen Bildern
unterlegt.
Selbstverständlich führte diese Sendung, die in "kulturzeit" von 3-sat
wiederolt wurde, zu erheblichen Irritationen. Ich habe in der heutigen
jungen Welt kurz Stellung dazu bezogen
(http://www.jungewelt.de/2003/12-13/018.php), ausführliche Informationen
zur Panorama-Sendung und eine Stellungnahme von mir
sowie auch schon von einigen anderen, habe ich auf unsere Homepage
gestellt
(http://www.antikriegsforum-heidelberg.de/irakkrieg2/aktionen/panorama_jg1.htm).
Ich weiß, dass es in der Frage, wie weiter im Irak und wie sieht man den
Widerstand (zivil und militärisch) im Irak, unterschiedliche
Einschätzungen gibt. Ich habe meine Ansicht ja in mehreren
Zeitungsaktikeln und in einer IMI-Studie beschrieben (entsprechende
Links sind in genannter Stellungnahme).
Gerne nehme ich auch noch kritische Stellungnahmen und
Diskussionsbeiträge von anderen hier auf.
Viele Grüße,
Joachim Guilliard
junge Welt vom 13.12.2003
Interview
Irak-Kriegsgegner von Bild-TV vorgeführt: »Panorama« unter falscher
Flagge?
Joachim Guilliard arbeitet im Antikriegsforum Heidelberg. Im
PapyRossa-Verlag erscheint in diesen Tagen das von ihm mit
herausgegebene Buch »Irak – Krieg, Besetzung, Widerstand«
Interview: Rüdiger Göbel
F: Das ARD-Magazin Panorama strahlte am Donnerstag abend einen Beitrag
aus über den irakischen Widerstand und dessen mutmaßliche Unterstützung
durch die hiesige Friedensbewegung. Sie wurden dort als Terrorpate und
Saddam-Freund am Neckar diffamiert. Wie kam es zu Ihrer Beteiligung an
der Sendung »Spenden für den Terror – Deutsche unterstützen Attentäter
im Irak«?
Der Fernsehjournalist John Goetz besuchte uns in Heidelberg und
behauptete, er mache für das ARD-Magazin Monitor eine Reportage über die
Friedensbewegung nach dem Irak-Krieg. Er wußte, daß weder ich noch
andere aus unserem Antikriegsforum für Panorama nicht zur Verfügung
gestanden hätten. Das Interview mit mir dauerte ca. 90 Minuten, wobei er
sich am Ende auf die Kampagne zur Unterstützung des bewaffneten
irakischen Widerstands konzentrierte und immer wieder nachbohrte, obwohl
ich ihm zu erklären versuchte, daß diese Frage in der deutschen
Friedensbewegung keine Rolle spielt.
Aus diesen vielen Versuchen wurden nun zwei Sätze völlig aus dem
Zusammenhang gerissen und gesendet. So hatte mich Goetz beispielsweise
gefragt, ob denn der bewaffnete Widerstand angesichts der Übermacht des
Gegners Sinn macht. Meine Antwort darauf, daß sich die Guerilla zu Recht
Chancen ausrechnen kann, wenn sie den US-Truppen viele Verluste zufügt,
klingt im Beitrag, durch entsprechenden Schnitt zweier Sätze, so, als
würde ich jeden Iraker dazu auffordern, möglichst viele US-Soldaten zu
töten.
F: Panorama segelte in Heidelberg unter falscher Flagge und produzierte
Bild-TV?
Es ist klar, daß wir hier reingelegt wurden und es sich von Anfang an um
eine gezielte Kampagne zur Diffamierung der Friedensbewegung handelte.
Dafür bürgt auch der Mitautor Ivo Bozic von der »antideutschen«,
US-Kriege befürwortenden Wochenzeitung Jungle World. Als ich erfahren
hatte, daß die Interviews nicht für das kritische Magazin Monitor,
sondern für Panorama sind, habe ich deren Verwendung sofort untersagt.
Ich werde den Presserat dazu anrufen.
F: Wie stehen Sie nun zum irakischen Widerstand?
Der Hauptskandal des Panorama-Beitrages liegt weniger in der Täuschung,
sondern darin, daß sich ein Magazin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
auf so skandalöse Weise auf die Seite derer stellen kann, die den Irak
völkerrechtswidrig überfallen haben. Schließlich sind dabei mindestens
10 000 Zivilisten und mehrere zehntausend Soldaten getötet worden.
Angriffe auf Besatzungstruppen werden auf die gleiche Stufe gestellt,
wie die auf Zivilpersonen oder Hilfsorganisationen und die Frage des
Widerstands allein auf den militärischen reduziert. Ich plädiere für
Differenzierung. Die angeprangerte 10-Euro-Kampagne z. B. spricht im
Aufruf von der Unterstützung beim Aufbau »einer breiten und vielfältigen
Bewegung«. Im Interview mit Goetz, wie in meinen Artikeln zum Thema (u.
a. im Internet unter www.antikriegsforum-heidelberg.de zu finden) wird
einer Einigung der wichtigsten gesellschaftlichen Kräften im Irak – über
ideologische und konfessionelle Grenzen hinweg – und dem zivilen
Widerstand Vorrang eingeräumt.
Die internationale Unterstützung für das Besatzungsregime hingegen,
worauf die Panorama-Redaktion letztlich abzielt, verlängert das Leiden
der Menschen im Irak – der Iraker und auch der ausländischen Soldaten.
Adresse: http://www.jungewelt.de/2003/12-13/018.php
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Junge Welt
20.12.2003
Interview: Rüdiger Göbel
Trotz Hetze in ARD-Magazin: Weiter Spendenerfolg für Irak?
jW sprach mit Willi Langthaler von der Antiimperialistischen
Koordination (AIK) in Wien * Langthaler leitete vor der US-Invasion
mehrere Solidaritätsdelegationen in den Irak. Im ProMedia-Verlag (Wien)
erschien von ihm zuletzt zusammen mit jW-Mitarbeiter Werner Pirker das
Buch »Ami go home. Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus«.
F: Das ARD-Magazin Panorama wetterte in der vergangenen Woche gegen die
mutmaßliche Unterstützung des irakischen Widerstands durch die hiesige
Friedensbewegung. Im Zentrum stand dabei die von Ihnen mitinitiierte
Kampagne »10 Euro für den irakischen Widerstand«, mit der laut Panorama
terroristische Aktivitäten finanziert würden. Welche Reaktionen
erhielten Sie auf die Sendung?
Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Viele haben sich bereit
erklärt zu Spenden, einige – trotz der Hexenjagd auf all jene, die den
nach internationalem Recht legitimen Widerstand unterstützen –
öffentlich dafür mit ihrem Namen einzustehen. In den nächsten Tagen
werden wir die neue Liste der deutschen Unterstützer der irakischen
Résistance veröffentlichen. Der Beitrag von Panorama hat gezeigt, daß in
der deutschen Bevölkerung eine signifikante demokratische Minderheit
vorhanden ist, die im Medienapparat keine Stimme hat. Millionen bleiben
trotz der Gehirnwäsche dabei, den Widerstand für gerechtfertigt zu
halten, und nicht wenige hegen offene Sympathie mit dem Widerstand gegen
den amerikanischen Versuch, ihr Weltreich mit roher Gewalt aufzurichten.
F: Innerhalb der Friedensbewegung ist man offensichtlich noch immer
nicht so weit, zu einer mit geltendem Völkerrecht konformen Meinung zu
stehen.
Die Friedensbewegung macht einen eurozentristischen Fehler, wenn sie den
Irakern pazifistische Kampfmittel vorschreiben will. Glaubt denn irgend
jemand wirklich noch, daß die USA eine andere Sprache als die bewaffnete
Selbstverteidigung verstehen? Das irakische Volk im Widerstand ist der
Protagonist des Kampfes gegen den präventiven Weltkrieg der USA. Frieden
ist nur durch Gerechtigkeit möglich. So wie für den Frieden der
Faschismus besiegt werden mußte, so muß es heute der Amerikanismus. Wenn
die Friedensbewegung das nicht versteht, dann endet sie unter dem
Deckmantel der Neutralität wie so viele ehemalige Linke als humanitäre,
demokratische oder eben pazifistische Bombenleger – so wie der deutsche
Außenminister Joseph Fischer.
Zu den Unterstützern des Widerstands gehören bei uns in Wien einige
antifaschistische Widerstandskämpfer und Verfolgte des Naziregimes. Eine
von ihnen pflegt auf die Frage nach der Stärke des Widerstandes mit
einer Gegenfrage zu reagieren: »Sie wollen wissen, wieso der
antifaschistische Widerstand so schwach war? Beantworten Sie sich die
Frage, warum Sie den irakischen Widerstand nicht einmal mit zehn Euro
unterstützen wollen. Dann haben Sie die Antwort.«
F: Der Widerstand im Irak wird hierzulande mit »Terrorismus« übersetzt.
Steht eine Kriminalisierung der Solidarität bevor?
Natürlich zielt der Panorama-Beitrag auf die Kriminalisierung des
Widerstands ab. Wie die USA das internationale Recht und die
Menschenrechte außer Kraft setzen, so versuchen es auch, ihre
europäischen Parteigänger. Unterstützung des Widerstands heißt daher
auch, die in Jahrhunderten erkämpften grundlegenden demokratischen
Rechte wie Meinungs-, Versammlungs- und Organisationsfreiheit zu
verteidigen.
F: Rechnen Sie mit einem Zusammenbruch des Widerstands nach der
Verhaftung Saddam Husseins?
Im Gegenteil: Der sorgfältig inszenierte Propagandaerfolg der USA wird
nicht lange anhalten. Saddam Hussein wirkte, als wäre er wie Abdullah
Öcalan unter Drogen gesetzt worden. Die nächsten Aktionen der irakischen
Partisanen werden zeigen, daß der Widerstand feste Wurzeln in der
Bevölkerung hat. Die Geschichte hat bereits bewiesen, daß Saddam und die
Baath-Partei nicht in der Lage waren, das Land gegen die
angloamerikanische Aggression zu verteidigen. Nur eine auf die
Unterklassen gestützte revolutionäre antiimperialistische Bewegung kann
die Besatzer verjagen. Es gibt starke Anzeichen, daß sich der Widerstand
in diese Richtung entwickelt.
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