Nadeshda
Forum: cl.politik.antifa-presseschau
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>

40 Jahre Auschwitz-Prozeß

Conrad Taler

Auschwitz-Prozeß

40 Jahre danach. Was hat das Jahrhundertverfahren bewirkt?

Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß begann am 20. Dezember 1963 und endete nach 182 Verhandlungstagen am 19. August 1965. Angeklagt, »in den Jahren 1940 bis 1945 im Bereich des Konzentrationslagers Auschwitz (Polen) aus Mordlust oder sonst aus niedrigen Beweggründen
heimtückisch und grausam sowie teilweise mit gefährlichen Mitteln Menschen getötet zu haben«, waren 21 ehemalige Angehörige der SS sowie ein früherer »Funktionshäftling«.

Die Zuhörer saßen wie gelähmt und blickten mit schreckgeweiteten Augen auf die Frau im Zeugenstuhl. Soeben hatte sie noch mit beherrschter Stimme die Folterung von Häftlingen auf der berüchtigten
Boger-Schaukel geschildert, nun fehlten ihr plötzlich die Worte. Stockend berichtete sie, wie eines Tages auf einem Lastkraftwagen fünfzig Kinder im Alter von etwa fünf bis zehn Jahren ins Lager gebracht wurden. ›Ich erinnere mich an ein vierjähriges Mädchen...‹ Da bricht ihre Stimme ab, die Schultern beginnen zu zucken, die Zeugin bricht in verzweifeltes Weinen aus. Lähmendes Entsetzen macht sich breit ...«

So beginnt einer der Berichte, die ich vor vierzig Jahren für eine jüdische Zeitung in Wien über den Auschwitz-Prozeß schrieb. Das »Jahrhundertverfahren« gegen Beteiligte an dem Massenmord von Auschwitz begann am 20. Dezember 1963 in Frankfurt am Main. Manche hielten den Prozeß für eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte; tatsächlich hat er wenig verändert. Für die meisten verliert sich Auschwitz irgendwo in den Weiten des Ostens. Am Anus mundi – am Arsch der Welt, wähnte sich seinerzeit einer der akademisch gebildeten Mittäter. Dabei lag der kleine polnische Ort nur 40 Kilometer hinter der damaligen deutschen Grenze.

Inzwischen ist der Name in Gefahr, zu einem abstrakten Begriff zu werden. Ein deutscher Schriftsteller bezeichnete in einer
Paulskirchenrede Auschwitz als »Moralkeule«, mit der die Diskussion über die Vergangenheit eingeengt werde. Andere, insbesondere jüngere Menschen, fragen allenfalls: War da nicht was? Nicht jeder weiß, daß in Auschwitz 900 000 jüdische Menschen ermordet worden sind, Kinder, Frauen, Greise, junge und alte Männer. Insgesamt trieben die Nazis und ihre willigen Vollstrecker mehr als vier Millionen Juden aus ganz Europa zusammen und transportierten sie wie Schlachtvieh zur Tötung in die Vernichtungslager.

Aber ohne konkretes Wissen über den deutschen Faschismus erstarren die Gedenktage zum Ritual; Auschwitz verkommt zur Worthülse. So 1999, als der deutsche Außenminister Joseph Fischer den völkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen Jugoslawien mit dem Verweis auf Auschwitz zu rechtfertigen versuchte.

In dem Frankfurter Verfahren haben Überlebende die apokalyptischen Szenen des Massenmordes beschworen. Fassungslos hörten Richter, Journalisten und Zuhörer die Schilderung des Grauens beim Öffnen der Gaskammertüren. »Sie waren im Stehen gestorben. Eine Mutter hielt noch ihr Kind an der Brust. Auf dem Boden lagen grüne Kristalle. Es roch etwas nach Mandeln. Dann kam Stark und trieb uns an, die Öfen zu entschlacken.« Der Zeuge Filip Müller, der einem Sonderkommando im alten Krematorium des Stammlagers angehörte, blickte bei seiner Aussage auf den Angeklagten Hans Stark.

Die grünen Kristalle und der seltsame Mandelgeruch waren Überreste des giftigen Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B, das die Mörder mit dem Totenkopf auf der Mütze durch Öffnungen an der Decke eingeworfen hatten. Das Tötungsmittel stammte von der Firma DEGESCH, einem Tochterunternehmen der Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt (DEGUSSA). Sie war es auch, die das Zahngold, das den Leichen ausgebrochen wurde, einschmolz, damit es die Naziführung als Devisenbringer in die Schweiz verschieben konnte. Heute wird die Mitarbeit ausgerechnet dieser Degussa beim Bau eines Mahnmals für die Holocaust-Opfer für unverzichtbar gehalten.

Nach dem Raub des Zahngoldes wurden die Leichen zum Krematorium gefahren und verbrannt. Was mit der Asche geschah, schilderte im Prozeß der Zeuge Jehuda Bacon aus Israel. Als 14jähriger sei er in Auschwitz zusammen mit anderen Kindern vor einen Pferdewagen gespannt worden, mit dem im Winter die Asche der verbrannten Opfer abgeholt wurde. »Wir mußten die Asche auf die vereisten Wege schütten«, berichtete er.

Auschwitz – das waren neben dem Massenmorden in den Gaskammern auch die Erschießungen an der »Schwarzen Wand«, über die ein Angeklagter ungerührt sagte, er habe die Teilnahme als »Mutprobe« aufgefaßt, und die tödlichen Phenolinjektionen in den Herzmuskel, zu denen ein Angeklagter bemerkte: »Ich machte meinen Dienst, weiter habe ich nichts gemacht.«

Auch das Verhalten der industriellen Nutznießer des Judenmords gehört zum Erinnern. In den Betrieben des IG-Farben-Konzerns und anderer Unternehmen mußten die Häftlinge Sklavenarbeit verrichten. Wer nicht die volle Leistung brachte, den schoben die Herren mit den weißen Westen wieder an die SS ab, und er endete in der Gaskammer oder unter der Phenolspritze.

»Was uns zu denken geben sollte«, sagte der ehemalige Häftlingsarzt Dr. Otto Wolken als Zeuge, »das ist die Tatsache, daß diese Mordmaschine nie in Gang gekommen wäre, wenn sich nicht Zehntausende zu ihrer Bedienung bereit gefunden hätten.« Diesen Hintergrund wollte der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer ebenfalls ausleuchten. Aber in der Gesellschaft der Bundesrepublik kamen Zweifel auf, ob das Verfahren tatsächlich einen Beitrag zur politischen Aufklärung leisten würde. Enttäuscht und zornig sprach Bauer von einer »unbußfertigen Verschwörung des allgemeinen Nichtwissens«.

Das Verdikt richtete sich gegen jene Teile der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die mit der Aufarbeitung der Nazizeit nichts zu tun haben wollten und statt dessen ihre politische Energie in den Kalten Krieg und die Bekämpfung des Kommunismus investierten. Bei der konservativen politischen Elite stieß Fritz Bauer mit seinem Verlangen nach Bloßlegung der Wurzeln des deutschen Faschismus auf schroffe Ablehnung. Ein junger Abgeordneter der CDU aus dem Mainzer Landtag hielt dem in der Emigration ergrauten Juristen entgegen, der zeitliche Abstand zum sogenannten Dritten Reich sei noch viel zu kurz, um ein abschließendes Urteil »über den Nationalsozialismus« fällen zu können. Helmut Kohl hieß der Mann, der später als Bundeskanzler das Wort von der »Gnade der späten Geburt« in die Welt setzte.

Nichts kennzeichnet das politische Klima in der Bundesrepublik Anfang der sechziger Jahre besser als die Tatsache, daß zwei Monate nach Prozeßbeginn einem der Sklavenausbeuter von Auschwitz das Große Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Geehrt wurde der ehemalige IG-Farben-Direktor Dr. Heinrich Bütefisch, der von einem alliierten Gericht in Nürnberg wegen der Ausbeutung von Auschwitz-Häftlingen zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Inzwischen hatte ihn die Ruhrchemie AG Oberhausen zum stellvertretenden Vorsitzenden ihres Aufsichtsrates berufen, und der Bundesverband der deutschen Industrie war so angetan von seinen Verdiensten, daß er ihn zur Auszeichnung vorschlug. Erst als eine jüdische Zeitung in der Schweiz die Ordenskanzlei des Bundespräsidenten auf die Vergangenheit des famosen Ordensträgers hingewiesen hatte, verlangte Bundespräsident Heinrich Lübke die Rückgabe des Verdienstkreuzes.

Der peinliche Mißgriff war kein Versehen. Mich hat diese Verhöhnung der Opfer von Auschwitz nicht weniger aufgewühlt als der Prozeß selbst. Ich saß nur wenige Meter entfernt von den Männern, denen unvorstellbare Verbrechen zur Last gelegt wurden. Ich suchte nach einem Kainsmal, einem Zeichen der Schuld in den Gesichtern der Angeklagten, aber ich sah nur ganz normale glatte Gesichter, entdeckte nirgendwo einen Hinweis auf den Zynismus, mit dem die einstigen »Herrenmenschen« ihren Opfern im Lager begegnet waren.

Das war das eigentlich Erschreckende. Es waren völlig
durchschnittliche Menschen, die da in Auschwitz ohne äußeren Zwang ihr mörderisches Handwerk verrichtet hatten. Keiner von ihnen war gezwungen, an dem grauenvollen Ort zu verbleiben. Wer weg wollte, konnte dies ohne Gefahr für Leib und Leben tun. Das haben
Zeugenaussagen einwandfrei ergeben. Es war der eingefleischte Haß auf Juden, Marxisten und Intellektuelle, der den Boden bereitete, auf dem das Unfaßliche geschah.

Fritz Bauer hat als einer der ersten vor dem Wiederaufleben dieses Hasses gewarnt. Er sah in ihm das ideologische Vehikel zur Beförderung antidemokratischer Affekte und Emotionen, an denen sich der nazistische Ungeist hochranken konnte. Daß der Mitverfasser des Nazikommentars zu den Nürnberger Rassegesetzen Hans Globke ungeachtet weltweiter Proteste als Staatssekretär im Bundeskanzleramt Konrad Adenauers fungierte, unterlief nach Bauers Überzeugung alle Bemühungen zur Bekämpfung des Unrats in den Köpfen der Menschen.

Ehemalige Generale Hitlers, die mit ihren Eroberungsfeldzügen den Massenmord im Osten überhaupt erst möglich gemacht hatten, wurden zum Aufbau der Bundeswehr herangezogen. Alte IG-Farben-Direktoren saßen wieder in Spitzenpositionen der chemischen Industrie, und in der Justiz amtierten seelenruhig ehemalige Blutrichter, so als hätte niemals auch nur ein einziger von ihnen Todesurteile wegen sogenannter Rassenschande gefällt.

Folgerichtig versuchten die Verteidiger der Angeklagten, den Auschwitz-Prozeß als eine Art Verschwörung ehemaliger Häftlinge hinzustellen – nicht gerade der jüdischen, das wäre unschicklich gewesen, aber der kommunistischen Häftlinge aus dem Internationalen Auschwitzkomitee. Die Kommunisten galten ohnehin während des Kalten Krieges als Urheber allen Unheils. Aber daß den Verteidigern auch das Wort »Schauprozeß« entschlüpfte, empörte den Gerichtsvorsitzenden am Ende dann doch. Auch den Einwand, die Angeklagten hätten sich in einem Befehlsnotstand befunden, ließ er nicht gelten, schließlich ist keinem einzigen SS-Angehörigen aus der Weigerung zur Teilnahme an
Massentötungen jemals ein Nachteil erwachsen.

Am Ende verhängte das Gericht nach 182 Verhandlungstagen am 19. August 1965 sechsmal lebenslanges Zuchthaus und elfmal befristete
Freiheitsstrafen; drei Angeklagte wurden freigesprochen. In der Urteilsbegründung findet sich der Satz: »Selbst wenn in allen Fällen die Angeklagten wegen Mittäterschaft zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt würden, würde eine Division dieser Strafe durch die Zahl der Opfer niemals auch nur zu einer annähernd gerechten Sühne führen; dazu ist ein Menschenleben viel zu kurz.«

In meinem letzten Bericht schrieb ich: »Trotz der milden Urteile hat dieses Verfahren ein Gutes: Es hat die Nachwelt mit ihrer
Vergangenheit konfrontiert. Der Jugend wurde vor Augen geführt, wo es endet, wenn politischer und völkischer Wahnwitz ins Kraut schießen. Sie ist gewarnt.«

Vor einem halben Jahrhundert – es war 1952 bei der Einweihung des Mahnmals im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen – hat der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, jene Deutschen ins Gebet genommen, die ein neues Nationalbewußtsein begründen wollten, indem sie eigene Schuld durch den Verweis auf andere Schuld zu relativieren versuchten. Solches Aufrechnen sei das »Verfahren von moralisch Anspruchslosen«, eine »verderbliche, banale Angelegenheit«. Seine Mahnung hat – in Sonderheit bei der bürgerlichen »Mitte« – wenig gefruchtet.

Als Anfang der achtziger Jahre im Bundestag ein Gesetzentwurf gegen das Leugnen und Verharmlosen der Naziverbrechen eingebracht wurde – bekannt als Gesetz zum Verbot der Auschwitz-Lüge – erlangten die Unionsparteien hartnäckig eine »Aufrechnungsklausel«, wie ein Kritiker sich ausdrückte. Mit ihr wurde die Naziherrschaft in eine Reihe gestellt mit anderen Gewaltregimen. Da war sie wieder, jene verderbliche, banale deutsche »Angelegenheit«.

  • Conrad Talers Berichte vom Auschwitz-Prozeß sind als Buch erschienen: »Asche auf vereisten Wegen«, PapyRossa Verlag, Köln, 154 Seiten, 12,90 Euro
20.12.03    Andreas Schmitz <herr.schmitz@freenet.de>
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>
Forum: cl.politik.antifa-presseschau