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- http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2008/06/werden-wir-von-der-wikipedia-regiert.php
Werden wir von der Wikipedia regiert?
Kategorie: Politik
Eine E-Mail-Konversation zwischen Sebastian Edathy (SPD), dem
Vorsitzenden des Innenausschusses des Bundestags, und dem bekannten
Publizisten Henryk M. Broder offenbart Erschreckendes: Offenbar greifen
unsere Abgeordneten auf die Wikipedia zurück, wenn sie sich über die
Aktivitäten des Verfassungsschutz informieren möchten.
Auf Broders Weblog in der "Achse des Guten" hat der Journalist vor
einigen Tagen einen interessanten E-Mail-Wechsel mit Herrn Edathy
veröffentlicht. Broder und Edathy diskutieren darin die spannende Frage,
ob eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz eher beim Blog
"Politically Incorrect" (PI) oder beim Online-Portal "Muslim-Markt"
angebracht wäre. Der Wortwechsel ist lesenswert und lässt tief blicken -
die ganz entscheidende Information findet sich jedoch erst in der
letzten E-Mail Edathys. Dieser lässt Broder wissen, dass der
Muslim-Markt "seines Wissens" nach bereits vom Verfassungsschutz
ausgewertet werde, während er sich bei PI "nicht sicher" sei. Wo aber
hat sich der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses darüber
informiert, welche Webseite vom Verfassungsschutz beobachtet wird und
welche nicht?
In der Wikipedia natürlich, dem (zugegebenermaßen in der Regel recht
guten) Online-Nachschlagewerk, in dem jeder (fast) jeden Eintrag
modifizieren kann und in dem sich manche Artikel stündlich ändern. Für
mich stellte sich sogleich die Frage: Wenn schon Herr Edathy in der
Wikipedia Recherchen über die Tätigkeiten des Verfassungsschutzes
anstellt, für wie viele andere Abgeordnete ist das Online-Lexikon dann
noch eine wesentliche Informationsquelle - und vor allem zu welchen
Sachverhalten? Stammzellendebatte? Einwanderungsstatistiken?
Klimawandel? Fahrradhelme?
Eine kurze Online-Recherche führte mich zu einem SPIEGEL-Artikel vom
Januar 2008 über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, in dem Rainer
Stinner (FPD) - Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen
Bundestages - zu Protokoll gibt, dass er sich über die
Afghanistan-Mission am liebsten in der Wikipedia informiert: "Ich fühle
mich besser unterrichtet über laufende militärische Operationen in
Afghanistan, wenn ich etwa bei Wikipedia nachsehe, als in den
offiziellen Mitteilungen der Bundesregierung." Mein Anfangsverdacht war
damit bestätigt und ich recherchierte weiter.
Auf abgeordnetenwatch.de stoß ich auf eine wahre Goldgrube: Angelika
Beer (Grüne) empfiehlt den Wikipedia-Artikel zu HAARP als Gegenposition
zu einem Bericht des EU-Parlaments, Heidemarie Rose-Rühle (Grüne)
besorgt sich aus der Wikipedia die Ergebnisse der
Eurobarometer-Befragung, Rolf Stöckel (SPD) hat sich in der Wikipedia
über "Chemtrails" informiert, Volker Beck (Grüne) hat die Definition von
"politischer Religion" bei Wikipedia nachgeschlagen und sich darüber
informiert, was genau ein "Evangelikaler" ist, Gabriele Nicklis (PBC)
hat in der Wikipedia nachgesehen wie eigentlich das Ehegattensplitting
funktioniert, Simone Szurmant (FDP) hat sich in der Wikipedia über das
Aspberger Syndrom kundig gemacht und Daniela Raab (CDU) zitiert auf die
Frage, wer im Rahmen der Gefahrenabwehr als "Gefährder" eingestuft wird
- aus der Wikipedia. Den Vogel schießt aus meiner Sicht der NPDler
Andreas Molau ab, der die Wikipedia wie ein Buch bzw. einen Experten
zitiert ("Wikipedia geht von etwa 20 Millionen [sic] Opfer des
Stalinismus aus"). Ebenfalls rührend: Katja Kipping (die LINKE) bemüht
die Wikipedia bei der Frage, ab wann ein Mensch eigentlich als arm
gelten kann.
Immerhin: Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD) findet die Wikipedia unterirdisch
schlecht und Dr. Hans-Peter Uhl (CSU) hält das Nachschlagewerk offenbar
für tendenziös. Abgesehen davon wird die Wikipedia in deutschen
Politikerkreisen offenbar sehr geschätzt und intensiv genutzt. Und warum
auch nicht - schließlich, so lässt das Büro von Volker Beck wissen,
bekommt man dank Wikipedia einen einfach geschriebenen Einblick in
komplexe Sachverhalte. Und mal ehrlich - eine einfache Zusammenfassung
als Grundlage reicht doch eigentlich auch bei komplizierten
Entscheidungen völlig aus. Aus der Informationstheorie weiß man immerhin
schon lange, dass die Entscheidung immer schwieriger wird, je mehr
Informationen zur Verfügung stehen....
Mit einem Wort: WOW. Keinem Studenten würde ich eine Arbeit durchgehen
lassen, in der ständig aus der Wikipedia zitiert wird - bei Land- und
Bundestagsabgeordneten muss ich wohl damit leben. Eine Frage drängt sich
dabei aber natürlich auf: Wenn der Vorsitzende des Innenausschusses die
Wikipedia bemüht, um sich über laufende Verfassungsschutz-Beobachtungen
zu informieren und wenn Mitglieder des Verteidigungsausschusses den
Afghanistan-Einsatz via Wikipedia verfolgen - welchen Einfluss haben
dann eigentlich die Wikipedia-Autoren (ungewollterweise) auf politische
Entscheidungsprozesse in diesem Land? Da jeder in der Wikipedia selbst
Änderungen vornehmen kann, stellt sich doch automatisch die Frage, ob
man mit dem richtigen Wikipedia-Edit nicht eventuell sogar mehr bewegen
kann als mit dem Gang zur Wahlurne. Denn wenn ich weiß, dass unsere
Abgeordneten nicht nur die Wikipedia als Recherchetool verwenden,
sondern die Informationen darin offenbar auch noch als besonders
vertrauenswürdig einstufen....
Oder, um den Blogpost mit einem Augenzwinkern zu beschließen: Regieren
uns am Ende gar bereits die Wikipedianer - und das, ohne es zu wissen?
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