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http://www.freitag.de/2008/19/08191301.php
FREITAG Nr. 19/2008 vom 09.05.2008
Wie die Chinesen fühlen
WER IST VERBOHRT?
Während die meisten Europäer glauben, das Gros der Chinesen sei brainwashed
durch Propaganda, wussten die Chinesen schon immer: Europa wird durch seine
verlogene Presse fehlinformiert. Gemeinsam ist beiden nur ihr Unwissen über
Tibet. Von Wolf Kantelhardt.
Großen Respekt [dem berühmten Poeten] Li Bai, schon in der Tang-Dynastie hat er
Frankreich beschimpft", heißt es in einer SMS. Es folgt ein Gedicht über eine
Berglandschaft in der Abenddämmerung, bei dem, die jeweils ersten und letzten
Zeichen jeder der vier Zeilen aneinander gereiht, fa guo qu si (deutsch: Tod
für Frankreich) und jia le fu wang (deutsch: Carrefour stirb) ergeben. Die
Nachricht schließt mit einer Aufforderung: "Bitte leite diese SMS an alle
weiter, dass [wir] Chinesen einmal stolz sein können". Stolz sein auf einen
über 1.200 Jahre alten Mordaufruf, der sich gegen eine französische
Supermarktkette richtet? Auch wenn das Gedicht nicht in klassischem Chinesisch
abgefasst wäre, hätten die meisten Europäer Verständnisprobleme. Aber auch das
Gros der Chinesen versteht nicht, weshalb als Protest gegen die Plünderung von
chinesischen Läden in Lhasa ihrer im Rollstuhl sitzenden Sportlerin Jin Jing in
Europa die Olympia-Fackel aus der Hand gerissen wurde.
Am 22. März, dem Tag, als die letzten westlichen Journalisten aus Tibet
ausgewiesen wurden, begann in China die Kampagne gegen die "verzerrte
Berichterstattung im Westen". Auf den Titelseiten der chinesischen Zeitungen
erschienen Screenshots der Websites westlicher Medien: CNN zeigte ein Foto der
Straßenschlachten in Lhasa, allerdings nicht im ursprünglichen Format, sondern
ohne die tibetischen Steinewerfer am rechten Bildrand. Auf dem Foto, mit dem
die BBC die "starke Militärpräsenz in Lhasa" deutlich machen wollte, stehen
Männer in Tarnanzügen in Wirklichkeit an der offenen Hecktür eines
Krankenwagens. Auf den Websites von Washington Post, FOX, N-TV, RFI, RTL und
Bild wurden Bilder aus Nepal verwendet, um Nachrichten aus Tibet zu
illustrieren.
Ein weiterer Screenshot zeigt das Fotos eines Mannes, der von Uniformierten
weggezerrt wird. "Ein Aufständsicher wird ... von Sicherheitsbehörden
abgeführt", meldete die Website der Berliner Zeitung dazu. Bei dem Mann soll es
sich aber laut chinesischen Medien um einen von der Polizei vor dem Mob
geretteten Chinesen handeln. Für die Chinesen ein typisches Beispiel: Sie gehen
davon aus, dass die westlichen Medien die Öffentlichkeit über die Vorgänge in
Lhasa getäuscht hat und glauben sogar, dass sie die Opfer auf chinesischer
Seite komplett verschwiegen hätten.
Die chinesische Berichterstattung über Tibet wartet mit einer großen Fülle von
Finanz- und Wirtschaftsstatistiken auf: 9 von 10 Renminbi (RMB), die die
tibetische Regierung ausgibt, stammen aus Transfers der Zentralregierung.
Zusätzlich dazu flossen 9,3 Milliarden RMB chinesische Hilfsgelder in 2.816
tibetische Projekte ... Doch das interessierte die meisten Chinesen wenig. Sie
sind vehemente Gegner einer tibetischen Unabhängigkeit. Sie glauben vage, dass
der Dalai Lama kein besonders guter Mensch ist. Genauso waren die Chinesen
bereits vor dem 22. März davon überzeugt, dass die westlichen Medien nichts
Gutes über China berichteten. Das wird in dem per Email weit verbreiteten
Gedicht Wie die Chinesen fühlen deutlich:
"Wir probierten den Kommunismus, um gleicher zu sein. / Ihr habt uns dafür
gehasst, dass wir Kommunisten sind. / Jetzt befürworten wir freien Handel und
privatisieren. / Ihr beschimpft uns als Merkantilisten.
Halt! Ihr habt verlangt: 1,3 Milliarden [Chinesen], die gut essen, zerstören
den Planeten!
Deswegen probierten wir es mit Geburtenkontrolle. / Dann habt ihr uns wegen
Menschenrechtsverletzungen verdammt. ..."
Doch durch den Abdruck der Screenshots hatten es die Chinesen zum ersten Mal
direkt vor Augen, wie in den westlichen Medien über ihr Land berichtet wurde.
Diese, aus ihrer Sicht absichtlich falsche Berichterstattung, verärgerte sie
zutiefst. Seitdem schwappt eine Welle des Nationalismus über das Land, wie es
sie seit der NATO-Bombardierung der Belgrader Botschaft vor neun Jahren nicht
mehr gegeben hat. Carrefour traf es im Gegensatz zur Belgrader Botschaft nur
zufällig: Wegen einiger Äußerungen von Präsident Sarkozy, wegen der
Zwischenfälle beim Pariser Fackellauf und wegen eines Gerüchts im Internet, der
Hauptaktionär Carrefours, Louis Vuitton Moët Hennessy, unterstützte finaziell
die Dalai-Lama-Clique. Per SMS wurde zu einem Boykott aufgerufen: " ... Lasst
die ganze Welt die Kraft der Solidarität des chinesischen Volkes erkennen, am
1. Mai sollen die Carrefour im ganzen Land leer bleiben - wenn Du dies 20 Mal
weiterleitest, bist Du der patriotischste Chinese".
- Mai 2008, Peking, Carrefour, Chuang Yi Jia Filiale. Die jungen Männer haben
vor dem Eingang gewartet. "Franzose?" Ein stämmiger Chinese kommt einen Schritt
näher. Er hat kurz geschorenes Haar und trägt eine Trainingshose. Eine große
Narbe auf dem muskulösen Unterarm und ein finsterer Blick lassen ihn bedrohlich
wirken. Als er erfährt, dass der Ausländer ein Deutscher ist, entspannt sich
seine Miene etwas. Aber eine Frage will er noch anbringen: "Weltfrieden ist
doch gut, oder?" Als ihm nicht widersprochen wird, entspannt er sich weiter.
"Ich bin hier, um zuzusehen", verrät er. Viel zu sehen gibt es nicht: eine
Countdown-Uhr über dem Eingang, die anzeigt, dass es noch 99 Tage bis zur
Eröffnungsveranstaltung sind, daneben der Satz: "China vor!" Darunter Kunden,
die volle Einkaufstüten nach Hause schleppen.
"Normalerweise wären es an einem 1. Mai viel mehr Kunden", behauptet der
Chinese trotzig. Da hat er recht, viel ist nicht los. Das einzig Interessante
hier sind die fünf Polizeiautos vor der Tür, doch die rund 20 Polizisten haben
nichts zu tun. Sie filmen ihre beiden Deutschen Schäferhunde mit einer
Videokamera.
Die meisten Europäer glauben in Bezug auf Tibet genau das Gegenteil von den
Chinesen: Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass der Dalai Lama ein guter
Mensch ist und befürworten vage eine tibetische Unabhängigkeit. Gemeinsamkeit
herrscht höchstens darin, dass auch sie die Wirtschaftsstatistiken über Tibet
nur wenig interessieren. Deshalb weiß auch kaum jemand, dass das
Wirtschaftswachstum die letzten sieben Jahre in Folge über zwölf Prozent lag
und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Tibet bereits 12.000 RMB
überschreitet ... Alles, was China sagt, ist sowieso Propaganda. Die Chinesen
in der Volksrepublik haben aufgrund mangelnder Pressefreiheit keine Ahnung, die
Chinesen im Ausland sind brainwashed. Dieses Argument kam auch in Bezug auf die
weltweiten Proteste von Chinesen gegen die "verzerrte Berichterstattung im
Westen" am 19. April.
"Westliche Medien deuten an, die chinesische Regierung fache die Flamme des
Nationalismus an, hätte aber auch Angst, die Kontrolle zu verlieren", sagt
Professor Yu Wanli vom Forschungszentrum für Internationale Strategien an der
renommierten Peking Universität, " ... immer denken sie, [die Unabhängigkeit
der chinesischen Zivilgesellschaft] sei nicht echt". Der Vorwurf ist nicht
unbegründet. Kaum jemand im Westen traut den chinesischen Medien zu, mehr als
ein Sprachrohr ihrer Regierung zu sein.
Weil diese Unterstellung den Chinesen bekannt ist, steht auf der Website
www.anti-cnn.com, die sich zum Sprachrohr der verärgerten Chinesen gemacht hat,
gleich in den ersten Zeilen, die Site sei von Freiwilligen aufgebaut, die
allesamt "in keinem Kontakt zu irgendwelchen Regierungsbeamten" stehen. Und ein
Blogger fragt im Forum: "Ich weiß nicht, woher das kommt, dass die westlichen
Medien immer denken, alle Chinesen, die Englisch könnten oder in der Lage
seien, eine Website aufzubauen ... arbeiteten für die Regierung?"
Dabei ist das Internet auch in China pluralistisch. Es gibt Dummheiten wie den
Aufruf, auch französische (Zungen-) Küsse zu boykottieren. Falschmeldungen, wie
die Nachricht, die französische Regierung hätte Carrefour zwei Millionen Dollar
zur Verfügung gestellt, damit in allen chinesischen Filialen am 1. Mai die
Preise gesenkt und ausländischen Journalisten vorgeführt werden könne, wie voll
die Filialen trotz Boykottaufruf wären. Appelle an das Organisationskomitee für
die Olympiade (BOCOG), das Transportflugzeug, einen in Toulouse endmontierten
Airbus A-330, gegen eine Boeing auszutauschen. Und auch lustige Beiträge, wie
die Forderung nach "Freiheit für Korsika". Sollen doch Franzosen auch einmal
spüren, wie es ist, wenn sich Ausländer auf die Seite von Seperatisten stellen,
die eine Teilung des eigenen Landes fordern.
Angesichts dieser Meinungsvielfalt kann man kaum davon ausgehen, dass hier
hauptsächlich Regierungsangestellte am Werk seien. Und Chinas 120 Millionen
Internetnutzer haben Zugang zu dieser Meinungsvielfalt - mit Abstrichen. Denn
"dizhi jialefu" (deutsch: Boykottiert Carrefour) ist derzeit auf den großen
chinesischen Internet-Portalen sina (google.cn) und baidu als Suchbegriff
verboten. Trotzdem gab es in den Blogs eine lebhafte Diskussion darüber - über
20 Millionen Internet-Nutzer sollen online Boykottaufrufe unterschrieben haben.
Andere Beiträge wiesen im Vorfeld des 1. Mai darauf hin, dass Carrefour in
China mit zu 99 Prozent chinesischen Angestellten zu 99 Prozent in China
hergestellte Produkte verkauft. Und in Bezug auf Li Bais Gedicht fand ein
Blogger heraus, dass es in Wirklichkeit aus dem Roman Der Traum des Helden,
Buch IV, 101 Kapitel, des Autors Yan Suixin stammt und mehrere Zeichen
ausgetauscht wurden. Er schließt mit den Worten: "Patriotismus ist gut, aber
Patriotismus bedeutet nicht, Menschen zu beschimpfen".
Dabei sind Chinesen sowieso viel schneller dabei, sich gegenseitig als
"Volksverräter" zu beschimpfen, als Angehörige eines Volkes der nationalen
Minderheiten rassistisch anzupöbeln. Selbst nach "3/14", wie die
Straßenschlachten in Lhasa in China mittlerweile heißen, hörte man kaum
irgendwo rassistische Sprüche gegen Tibeter.
Die einzigen, die im Zuge der Kampagne gegen die "verzerrte Berichterstattung"
unter Gewalt zu leiden hatten, waren Chinesen: ein Herr Zhu in Kunming, der
sich mit einem Schild: "Harmonie schaffen, gegen Boykotte" vor den dortigen
Carrefour gestellt hatte und dafür mit Plastik-Mineralwasserflaschen beworfen
wurde, sowie die Eltern der in den USA studierenden Chinesin Grace Wang. Die
soll bei einer Demonstration auf dem Campus der Duke University in North
Carolina auf der Seite tibetischer (oder zumindest nicht auf der chinesischer)
Studenten gestanden haben. Dafür wurde die Wohnung ihrer Eltern in Qingdao
verwüstet.
Der patriotischste junge Chinese vor dem Eingang des Carrefour ist inzwischen
vollends aufgetaut. "Deutsche Autos sind von hoher Qualität", erklärt er. Und
nach einem Moment des Nachdenkens fügt er hinzu: "Eigentlich sind wir zu
Ausländern doch richtig freundlich, oder?"
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