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Tibet ist groesser als Tibet / Der Dach-Schaden der Welt

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xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Michael Kraus · Politologe M.A.
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http://jungle-world.com/artikel/2008/16/21586.html

Jungle World Nr. 16/2008, 17. April 2008

Tibet ist größer als Tibet

Die chinesische Regierung soll mit dem Dalai Lama reden, fordern die EU und die USA. Allerdings sind in der Vergangenheit alle Verhandlungen gescheitert.

von Felix Wemheuer

Er strebe nicht die »Unabhängigkeit oder Trennung« Tibets von China an, sagte der Dalai Lama. »Wenn die Gewalt außer Kontrolle gerät, ist der Rücktritt meine einzige Option.« Bei der Pressekonferenz in Seattle am Sonntag war der Dalai Lama bemüht, dem Bild eines gemäßigten und friedlichen geistigen Oberhaupts der Tibeter zu entsprechen. Auf diesem Bild beruht die ideelle Unterstützung, die er aus dem Westen erhält. Die Parlamente der EU und der USA forderten die chinesische Regierung auf, mit dem Dalai Lama zu verhandeln.

Das Ziel der Unabhängigkeit Tibets gab der Dalai Lama offiziell bereits 1988 auf, damals formulierte er die Politik des »mittleren Weges«. Er wolle nach Tibet zurückkehren, wenn China weitgehende Au-tonomie garantiere und die Re-gion demilitarisiert werde. Nicht die vor 1959 herrschende Theokratie solle restauriert, sondern ein Mehrparteiensystem eingeführt werden. Seitdem schlägt sich der Dalai Lama mal als Übergangsgouverneur vor, mal bie-tet er den Rückzug aus der Politik an. Die Vorstellungen, wie weit die Autonomie gehen soll, variie-ren zwischen dem Hong-Kong-Modell (»Ein Land - zwei Systeme«) und dem Status Schottlands innerhalb Großbritanniens. Die weitgehende Autonomie des Hong-Kong-Modells würde einem tibe-tischen Gouverneur z.B. erlauben, die Zuwanderung von Han-Chinesen zu unterbinden.

»Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist - Hauptsache, sie fängt Mäuse«, sagte Deng Xiaoping: Viele Accessoires für den Tibet-Freund, hier in Hamburg ausliegend, werden in China hergestellt (Foto: PA/dpa/Jens Ressing)

Für die chinesische Regierung kommt ein Hong-Kong-Modell nicht in Frage, weil die Partei in Tibet dann die Macht abgeben müsste und keine »separatistischen Bestrebungen« verbieten könnte. Unannehmbar ist für sie auch, dass der Dalai Lama zu Tibet nicht nur die »Autonome Provinz Tibet« zählt, in der ca. 2,4 Millionen Tibeter leben, sondern auch das »ethnische Tibet«. In den angrenzenden Provinzen Qinghai, Sichuan, Gansu und Yunnan leben noch weitere ca. 2,8 Millionen Tibeter. Da viele Exiltibeter aus »Ost-Tibet« stammen, könnte der Verzicht auf diese Region die Community spalten.

Im Chinesischen gibt es kein geläufiges Wort für das »Groß-Tibet«, in dem nur ca. die Hälfte der Bevölkerung Tibeter sind. Auch in den Nachbarprovinzen wurden autonome Gebiete für die Tibeter eingerichtet, allerdings unter der Administration der jeweiligen Provinz. Der Dalai Lama fordert also nicht Geringeres als Autonomie auf ca. einem Viertel des Staatsgebiets der Volks-repu-blik China.

Die Tibeter gehören nicht zu den größten der 55 offiziell anerkannten Minderheiten Chinas, von denen viele im Westen kaum bekannt sind. Die chinesische Führung hat den Zerfall Jugoslawiens genau beobachtet und fürchtet einen Auftrieb von »separatistischen Tendenzen« in der Inneren Mongolei und Xin-jiang sowie eine Stärkung der Unabhängigkeitsbewegung in Taiwan, falls man die Kontrolle über Tibet verlieren würde. Befürch-tet wird außerdem, dass eine »weitgehende Auto-nomie« nur der erste Schritt zur Unabhängigkeit sein könnte.

Derzeit ist die chinesische Kritik an der »Dalai-Clique« wieder sehr scharf. Die Beziehungen waren jedoch wechselhaft. Von 1951 bis 1959 bestand eine Einheitsfront zwischen der KPCh und der theokratischen Oligarchie in Tibet. Wie kein anderer Vertreter einer Minderheit wurde der junge Dalai Lama von Mao Zedong hofiert. Die KPCh musste allerdings die Erfahrung machen, dass auf diese Weise die abhängigen Bauern und Leibeigenen nicht gewonnen werden konnten. Als der Dalai Lama nach dem Scheitern des tibetischen Aufstandes 1959 nach Indien floh, verbreitete die chinesische Regierung zunächst die Version, er sei von »Reaktionären« entführt worden.

Mit Hilfe der CIA wurden Tausende Tibeter an Waffen ausgebildet und führten in Teilen Tibets einen erbitterten Guerillakrieg. Im Vorwort des Buches »Buddha's Warriors« von Mikel Dunham drückt der Dalai Lama für diese Kämpfer seine Bewunderung aus. An andere Stelle betonte er, auch wenn er selbst langfristig eine friedliche Lösung anstrebe, so hätten die Tibeter damals keine andere Wahl gehabt. Der friedliche Weg müsse nicht für immer die Strategie darstellen.

In China wurde der Dalai Lama erst 1964 öffentlich als Verräter angegriffen und in den Kampagnen der darauffolgenden »Kulturrevolution« (1966 bis 1976) kritisiert. Mit den »demokratischen Reformen« nach 1959 wurden große Teile des Bodens der Klöster und Großgrundbesitzer an die Bauern verteilt. Die Kollektivierung der Landwirt-schaft wurde erst Anfang der siebziger Jahre abgeschlossen. In dieser Zeit gelang es der KP, Teile der tibetischen Jugend und der armen Bauern zu gewinnen. Die Entwaffnung und Kollektivierung der Nomaden führte allerdings immer wieder auch zu gewaltsamem Widerstand.

Die Unterstützung für den bewaffneten Widerstand stellten die USA im Zuge der Annäherung an China nach 1972 ein. Im indischen Exil eta-blierte der Dalai Lama zum ersten Mal in der tibetischen Geschichte einen modernen Nationalismus. Vor 1950 dachten weder die Bauern und Nomaden noch die Mehrheit der Geistlichen in nationalstaatlichen Kategorien. Tausende Flücht-linge und die Zerstörung der Klöster waren jedoch bestens geeignet, um eine nationale Iden-tität zu kreieren.

Mit dem Beginn der Reformpolitik nach 1978 griff die chinesische Regierung die Einheitsfrontstrategie wieder auf. Die Führung in Peking glaubte, die Legitimität ihrer Herrschaft über Tibet durch die Rückkehr des Dalai Lama stärken zu können. 1979 und 1980 besuchten drei Delega-tionen der tibetischen Exilregierung mit einem Bruder des Dalai Lamas Tibet. Die örtliche Parteiführung hatte zuvor noch die Tibeter ermahnt, ihren »Klassenhass« unter Kontrolle zu halten. Als dann Tausende Tibeter der Delega-tion einen überwältigen Empfang bereiteten, waren die Kader zutiefst geschockt. 1981 machte die chinesische Regierung dennoch dem Dalai Lama das An-gebot, als geistiges Oberhaupt des tibetischen Buddhismus in die Volksrepublik zu kommen, wenn er die Verfassung und die Zugehörigkeit Tibets zu China anerkenne. Die Bedingungen wurden später noch um die Annahme der chinesischen Staatsbürgerschaft erweitert. Auch 1998 fanden unter der Regierung von Jiang Zemin Geheimverhandlungen statt, in denen allerdings keine Ergebnisse erzielte wurden.

Auch wenn gegenwärtig der Dalai Lama als die Ursache allen Übels in Tibet präsentiert wird, so hat sich die staatliche Propaganda seit den neun-ziger Jahren doch deutlich geändert. Vor allem während der »Kulturrevolution« wurden die Klös-ter des alten Tibets als »menschenfressende Höh-len« darstellen. Derzeit schickt die chinesische Regierung tibetische Folkloregruppen um die gan-ze Welt und versucht, den Tibet-Kitsch in den eigenen Dienst zu stellen. Über 50 Tibetologie-Institute in China produzieren Berge von Filmen, Fotobänden und wissenschaftlichen Büchern, die beweisen sollen, dass Tibet schon seit dem 13.#Jahr-hundert fester Bestandteil Chinas ist. Bunte Propagandabroschüren für Ausländer sollen den erneuten Aufschwung der buddhistischen Kultur dokumentieren und betonen die wirtschaftlichen Errungenschaften.

Die Solidarität für die Tibet-Bewegung weltweit zeigt jedoch, dass die chinesische Gegenpropaganda kläglich gescheitert ist. Allerdings ist der Dalai Lama seinen Zielen seit 1959 auch noch keinen Schritt näher gekommen. Für die chi-nesische Regierung sind die Proteste ein Ärgernis, weil sie die Inszenierung der Olympischen Spie-le beeinträchtigen. An den Verhältnissen in Tibet ändert das nichts, die chinesische Führung kann sich weiterhin Einmischung in die »inneren Angelegenheiten« verbitten und die Krise aussitzen.

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http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2000/08/31a.htm

Jungle World Nr. 08/1999, 16. Februar 2000

Der Dach-Schaden der Welt

Luise Rinser, Franz Alt und viele Grüne zählen zu den Fans des Dalai Lama. Aber die Begeisterung der Deutschen für den tibetanischen Gelbmützen-Orden ist älter als die Alternativ-Szene. von peter nowak

Mitte Januar beschäftigte eine märchenhafte Story für einige Tage die Weltpresse: Ein 14jähriger Junge war über den schneebedeckten Himalaja aus dem unter chinesischer Kontrolle stehenden Tibet nach Indien geflohen. Was die Geschichte für die Medien so interessant machte: Der Flüchtlingsjunge ist der dritthöchste Würdenträger des tibetanischen Buddhismus. Seine Anhänger bezeichnen ihn als 17. Karmapa, einer von vielen buddhistischen Inkarnationen. Zuflucht fand der Knabe in Dharamsala.

Für Esoteriker aus aller Welt ist dieser kleine nordindische Ort schon lange ein beliebtes Ziel ihrer Pilgerreisen, residiert doch dort seit mehreren Jahrzehnten der Dalai Lama mit seiner Exilregierung. Die ist zwar von keinem Staat der Welt anerkannt, trotzdem absolviert der Dalai Lama jährlich ein immenses Reisepensum, das einem viel beschäftigten Außenminister zur Ehre gereichen würde. Seine Auslandsaufenthalte changieren dabei zwischen Papstbesuch und Popstar-Auftritt. Die international organisierte Lama-Fan-Gemeinde betrachtet die leiseste Kritik an ihrem Idol als Sakrileg und reagiert mit Empörung und Denunziation.

Dass es nicht ungefährlich ist, sich mit den Freunden des Herrn Tentzin Gyatsu, wie der Dalai Lama mit bürgerlichem Namen heißt, anzulegen, bekam auch der in München lebende Wissenschaftsjournalist Colin Goldner zu spüren. Seine kritische Biografie über den Dalai Lama war kaum auf dem Markt, da gingen bei dem Verfasser auch schon Morddrohungen ein.

Wer Goldners Buch liest, kann den Ärger des Dalai-Lama-Fan-Clubs verstehen, räumt doch der Verfasser konsequent mit allen Mystifizierungen auf, die sich um den Vorsteher des Gelbmützen-Ordens gebildet haben. So bezeichnet er die feudale Herrschaft unter den Klosterbrüdern in Tibet als eine der brutalsten Ausbeutergesellschaften. Menschenrechte, Demokratie oder gar Gleichberechtigung waren dort unbekannt.

Für den weltweiten Lama-Fan-Club sind solche Einwände schlicht Propaganda aus Peking, mit der man sich nicht auseinander setzen will. Zu denen, die auf ihrer lebenslangen Suche nach dem Erlöser bei dem tibetanischen Guru angedockt haben, gehört auch die Schriftstellerin Luise Rinser, die sich immer schnell begeistern ließ, ob für Hitler oder für Nordkoreas großen Vorsitzenden Kim Il Sung. Dass auch Franz Alt, der Trendsetter der Esoterik-Szene und Autor des Bestsellers »Jesus - der erste neue Mann«, zu den Anhängern des Lama gehört, verwundert nicht.

Bemerkenswerter findet es Goldner schon, dass eine exponierte Verfechterin grüner Basisdemokratie wie Petra Kelly den Exponenten des Feudalsystems so vorbehaltlos verehrte. »Das persönliche Verhältnis Petra Kellys zum Häuptling der Gelbmützen war geprägt von nachgerade religiöser Inbrunst und Hingabe, selbst letzte Reste kritischer Distanz dem führenden Vertreter einer feudalen und theokratischen Gesellschaftsordnung gegenüber waren ihr schon nach kurzer Zeit abhanden gekommen.« Kellys unermüdliche Fan-Aktivitäten zahlten sich für den Dalai Lama aus. Sie verhalf ihm nicht nur in Europas Alternativ-Kreisen zu Popularität, sondern leistete auch publizistische Vorarbeit für die Verleihung des Friedensnobelpreises, der ihm 1990 zuerkannt wurde.

Aber auch den schwarzen Schafen in seiner Fangemeinde bleibt das Gelbmützen-Oberhaupt freundschaftlich verbunden. Dazu gehört Shoko Asahara, der Guru der japanischen Aum-Sekte und Verantwortliche für die Giftgasanschläge auf die Tokioter U-Bahn im Jahre 1994. Shoko Asahara verdankt seine rasche Karriere in Japans Esoterik-Szene den persönlich gezeichneten Empfehlungsschreiben des Dalai Lama. In einem von Goldner zitierten Brief des Dalai Lama heißt es: »Meister Asahara ist ein kompetenter religiöser Lehrer und Yoga-Lehrer und ein erfahrener Meditationsausübender.« Und auch noch nachdem die Mordanschläge Asaharas weltweit für Entsetzen sorgten, bezeichnete der Tibeter Asahara als seinen, wenn auch unvollkommenen Freund.

Dass der Guru alte Freunde nicht im Stich lässt, bewies er auch im Fall Heinrich Harrers. Der auch in der hiesigen Free-Tibet-Szene hoch geschätzte ehemalige Bergsteiger nennt sich selber den Lehrer und langjährigen Vertrauten des Dalai Lama. Schon zwanzig Jahre, bevor Kelly und Co. Tibet in der Alternativ-Bewegung zum Thema machten, löste Harrer mit seinem Buch »Sieben Jahre in Tibet« in Deutschland einen Tibet-Boom aus. Wenn es um die Geschichte der chinesischen Gräuel in Tibet geht, ist Harrer immer an vorderster Front mit dabei.

Über seine eigene Vergangenheit mochte er allerdings nicht so gerne sprechen, und die hiesige Tibet-Fangemeinde wollte es auch nicht so recht wissen. In den USA gab es so viel Zurückhaltung nicht. Als »Sieben Jahre« in Hollywood verfilmt wurde, avancierte Harrers Nazi-Vergangenheit zum Gesprächsthema. Bereits 1933 sei der Österreicher Harrer in die damals in seinem Heimatland noch illegale SS eingetreten, in die NSDAP gleich nach dem Anschluss 1938. Auch seine Tibet-Expedition hat die SS ausgerüstet und finanziert. Ursprünglich sollte es um die Bezwingung des Nanga Parbat im Himalaja gehen. Nazideutschland wollte auch auf dem Gebiet des Alpinismus den Engländern die Schau stehlen. Während ihrer Tibet-Tour begann jedoch der Zweite Weltkrieg.

Harrer und sein Begleiter wurden von den Engländern gefangen genommen, konnten fliehen und schlugen sich bis in die tibetanische Hauptstadt Lhasa durch, wo Harrers Erfolgsstory begann. Die bot genau den Stoff, den die Mehrheit in Deutschland in den fünfziger Jahren hören wollte. Wen sollten da die Nazi-Verstrickungen schon interessieren? Kein Wunder, dass Harrer auf die Kritik aus den USA unwirsch reagierte und sie prompt als perfides Spiel der Pekinger Kommunisten abtat.

Sekundiert wurde ihm von der Lama-Dynastie. »Die Naziherrschaft ist 60 Jahre her, Heinrich war weit weg und konnte nichts über die Verbrechen wissen. Aber einen Holocaust gibt es auch heute, und das ist der Völkermord der Chinesen an unserem Volk«, erklärte der Bruder des Dalai Lama. Der Meister selbst ging noch weiter: »Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war - und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkriegs weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, dass die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, wir sollten sie in Ruhe lassen und ihnen helfen«, erklärte er 1998 in einem Playboy-Interview.

Ob er wusste, dass es die Nazis waren, die schon in den dreißiger Jahren für die erste Tibet-Begeisterung in Deutschland sorgten? Die Kinos zeigten Tibet-Filme, insbesondere Bergsteiger-Filme, es gab zahllose Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema, so Goldner. Der Höhepunkt des NS-Engagements am Dach der Welt war eine von Heinrich Himmler ausgerüstete Expedition, die sich in Tibet auf die Suche nach der Wiege der Arier machte. Bei Himmlers Projekt spielten neben strategischen Erwägungen auch esoterische Hirngespinste eine Rolle, die auch heute noch durch Teile der Tibet-Soliszene wabern.

So war der Runenforscher und SS-Mann Karl-Maria Willigut der Überzeugung, in Tibet hätten Überlebende des sagenhaften untergegangenen Kontinents Atlantis Reiche aufgebaut und dort all ihr Wissen aufbewahrt. Auch die theosophischen Wahn-Ideen der russischen Spiritistin Helena Petrovna Blavatsky haben sich aus den dreißiger Jahren bis heute erhalten und stehen bei einem nicht geringen Teil der Tibet-Soliszene hoch im Kurs. Blavatsky geht von höheren und niederen Rassen aus. Die Juden sind nach Blavatsky als »abnormes und unnatürliches Bindeglied zwischen der vierten und der fünften Wurzelrasse« anzusehen, während die Arier zur höchsten Rasse gehören. Es versteht sich fast von selbst, dass diese krude Esoterik bei den Nazis wohlgelitten war.

Die Blavatksy-Jüngerin Alice Ann Bailey, glühende Hitler-Verehrerin und Propagandistin des Dritten Reiches, behauptete, spiritistische Weisungen direkt von der »Großen Weißen Bruderschaft« zu empfangen, zu der nur besonders Erleuchtete Zugang hätten, darunter Napoleon, Mussolini, Hitler und Franco. Auch Bailey ist eine der Vordenkerinnen der heutigen New-Age- und Esoterik-Szene, wo ihre Bücher zur Grundlagenliteratur zählen.

Goldners materialreicher Recherche fällt das Verdienst zu, die braune Vergangenheit der deutschen Tibet-Begeisterung ausgeleuchtet zu haben. Dass er dabei nicht wenige der selbstgerechten Dalai-Lama-Fans zur Weißglut reizt, ist ein positiver Nebeneffekt.

Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs. Alibri, Aschaffenburg 1999, 455 S., DM 39

06.05.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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