|
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
Nachdem das Greuelmärchen vom angeblichen chinesischen "Massaker" in Tibet im März 2008 nicht mehr haltbar ist, wurde eine andere derbe Geschichte nachgeschoben: Nach Auffassung exiltibetischer Kreise sollen sich chinesische Soldaten als Mönche verkleidet und die Proteste im Stil von "Agents provocateurs" angezettelt haben. Dies würde auch die anfängliche Zurückhaltung der chinesischen Polizeikräfte in Tibet erklären.
Doch nach jüngsten Hinweisen (siehe Anhang) verbirgt sich hinter dem angeblichen "Beweisfoto" eine plumpe Manipulation - wie so häufig in der exiltibetischen Szene. Auch finde ich interessant, dass die chinesischen Sicherheitskräfte diesmal nicht früh und hart genug losgeprügelt haben sollen - sonst wird ihnen Mordlust geradezu unterstellt. Auch hier zeigt die Widersprüchlichkeit wieder einmal die Unredlichkeit der Demagogen.
Ich bin gespannt, welches Märchen die protibetische Separatistenbewegung sich als nächstes ausdenkt. Wie wäre es mit "Chinesen essen tibetische Kinder bei lebendigem Leib"? Ein Erfolg wäre in Deutschland garantiert, denn "der gelben Gefahr" traut der antichinesische Durchschnitts-Teutone so ziemlich alles zu; außerdem könnte mit der Geschichte zusätzlich an beliebte und tief verwurzelte antisemitische Muster angeknüpft werden.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
Michael Kraus · Politologe M.A.
Bismarckstr. 24 · 63065 Offenbach/Main
Tel. 0175 / 1813861 · michael_kraus_75 ät gmx.de
http://www.attac.de/ · http://www.junge-ngg.net/
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
http://www.tagesspiegel.de/politik/international/china/Tibet;art17239,2520835
Tagesspiegel, 27.4.2008, 0:00 Uhr
Tibet-Konflikt
Ein Foto und seine Geschichte
Im Internet kursiert ein Bild als Beleg für Chinas fragwürdiges Vorgehen in Tibet. Ein polnischer Mönch hat es in alle Welt verschickt. Doch es stammt aus einer Filmproduktion. Von Malgorzata Borkowska.
Die Soldaten bereiten sich auf ihren Filmauftritt vor. (Bild: Internet; http://www.tagesspiegel.de/medien/hermes/cme1,210098.html )
Berlin - Im Internet zirkuliert derzeit ein Foto, das wegen der aktuellen Tibet-Debatte und der Kritik an Chinas Vorgehen hohes Konfliktpotenzial hat. Das Foto zeigt Männer in Armeekleidung und mit kahlgeschorenen Köpfen, die dabei sind, ihre Uniformen gegen tibetische Mönchskutten auszutauschen. Der Begleittext behauptet, es handele sich um chinesische Soldaten, die als Agents Provocateurs in Tibet Unruhen schüren würden.
Radoslaw Araszkiewicz hat den Text geschrieben. Der polnische Mönch lebt mehrere Monate im Jahr in Nepal. Das Foto, sagte er dem Tagesspiegel, habe ihm ein tibetischer Freund aus Lhasa geschickt. Und er bekräftigt: Ja, es zeige chinesische Soldaten kurz vor ihrem "Einsatz" als tibetische Mönche. Er habe das Foto weltweit verschickt, sagt Araszkiewicz, um den Tibetern im Kampf gegen die chinesischen Unterdrücker zu helfen. Die Empfänger seines Briefes haben dann ihren Teil zur weiteren Verbreitung des Fotos und seiner Legende beigetragen. Das Bild wurde rund um den Erdball verschickt: nach Polen, in die USA, nach Kanada - auch in die Redaktion des Tagesspiegels.
Offenbar waren viele Empfänger vom Wahrheitsgehalt der Geschichte überzeugt. "So etwas kommt mir sehr bekannt vor", sagt zum Beispiel Ewa Lajer-Burcharth, polnische Professorin für Kunstgeschichte an der US-Universität Harvard in Massachusetts. Das Foto erinnere sie an Provokationen, wie sie sie während der Zeit des Kommunismus in Polen erlebt habe. In Kanada veröffentlichte das Internetmagazin "Canada Free Press" das Bild, jedoch mit der Erklärung, ein britischer Geheimdienstsatellit habe die Fotografie aufgenommen.
Die Realität sieht aber offenbar anders aus: "Bei dem Bild handelt es sich um ein Foto, das während der Dreharbeiten zu einem Abenteuerfilm gemacht wurde - und zwar schon vor sieben Jahren", sagt Adam Koziel, Tibet-Experte der Helsinki-Stiftung für Menschenrechte dem Tagesspiegel. Die chinesischen Soldaten seien Statisten. Offenbar habe ein Mitglied des Filmteams die schauspielernden Armeeangehörigen fotografiert, "zu Dokumentations- oder Erinnerungszwecken". Bei dem Film handele es sich um "The Touch" des Hongkonger Kameramanns ("Tiger & Dragon") und Regisseurs Peter Pau, mit Michelle Yeoh in der Hauptrolle. Der Film, 2001 in Nepal, China und Tibet gedreht, erzählt die Geschichte eines Herumtreibers und seiner Ex-Geliebten. Die beiden jagen einem Medaillon in Herzform hinterher, das der Schlüssel zu einem buddhistischen Heiligtum ist und dessen Besitz die Weltherrschaft verspricht.
Rückendeckung für seine Version der Geschichte erhält Koziel von der Menschenrechtsgruppe Internationale Kampagne für Tibet (IKT), die bestätigt, dass es sich um ein Bild von der Produktion des Films "The Touch" handele. Adam Koziel zweifelt auch nicht an den guten Absichten derer, die das Foto verbreitet haben, gibt aber zu bedenken: "Chinas Armee besteht ja nicht aus Idioten - die Soldaten würden sich nie in aller Öffentlichkeit auf der Straße verkleiden". Zudem verweist er auf jene Leute auf dem Bild, die ganz offensichtlich nicht zum Filmteam gehören oder an der Produktion teilnehmen, sondern neugierig die Dreharbeiten, beziehungsweise deren Vorbereitung, beobachten.
Das Foto und der Artikel sind inzwischen von der Website von "Canada Free Press" verschwunden. Die Internetkarriere des Bildes und seiner Legende dürfte dennoch weitergehen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.04.2008)
|