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14.04.2008
WARNUNG VOR TEUREN LEBENSMITTELN
IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn befürchtet wegen steigender Lebensmittelpreise dramatische Hungersnöte. Die Proteste gegen die hohen Preise haben die Regierung von Haiti weggefegt. Heidemarie Wieczorek-Zeul macht Biosprit dafür verantwortlich
IWF merkt's auch
VON JOST MAURIN
Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank haben vor Hungerkrisen infolge der stark gestiegenen Lebensmittelpreise gewarnt. Sollte Nahrung so teuer bleiben wie bisher, würden hunderttausende Menschen hungern müssen, sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn während der Frühjahrstagung beider Finanzorganisationen am Wochenende in Washington. "Es ist nicht nur eine humanitäre und wirtschaftliche Frage, sondern auch eine, die die Demokratie betrifft." Die Preisexplosion könnte ein Konfliktherd für die Zukunft werden. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) nannte diese Entwicklung gar ein "Monster".
Auch Weltbankpräsident Robert Zoellick wies auf den Zusammenhang der höheren Lebensmittelpreise und der größeren Nachfrage nach Getreide für die Produktion von Agrosprit hin: "Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können", erklärte Zoellick. "Und das wird von Tag zu Tag schwieriger." Die internationale Gemeinschaft müsse für mindestens 500 Millionen Dollar fehlende Nahrungsmittel kaufen.
Die jüngsten Proteste gegen die gestiegenen Preise von Asien über Nordafrika bis in die Karibik haben also die Spitzen der internationalen Organisationen aufgeschreckt. Am Freitag hatte schon die Welternährungsorganisation FAO vor Not und Unruhen in 37 armen Staaten gewarnt.
Wegen der Proteste stürzte am Wochenende eine Regierung: Der Senat von Haiti zwang Ministerpräsident Jacques Edouard Alexis während einer Sondersitzung zum Rücktritt. Bei den Unruhen in dem ärmsten Land Lateinamerikas waren in der vergangenen Woche fünf Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. Am Samstag wurde im Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince ein nigerianischer Mitarbeiter der Vereinten Nationen erschossen.
Auch in Bangladesch kam es im Zuge von Demonstrationen gegen die gestiegenen Lebensmittelpreise zu Gewalt. Bei Straßenschlachten zwischen Polizisten und Arbeitern wurden am Wochenende mindestens 50 Menschen verwundet.
Überall leiden besonders die ärmsten Schichten der Bevölkerung an den Preiserhöhungen. Sie mussten bisher schon bis zu 75 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Und es ist noch mehr geworden: Nach Angaben der Weltbank stiegen die Nahrungsmittelpreise in den vergangenen drei Jahren weltweit um 83 Prozent, für Weizen sogar um 181 Prozent.
Schuld seien die reichen Staaten, kritisierte die Hilfsorganisation Oxfam. "Ihre Nachfrage nach Biosprit treibt die Nahrungsmittelpreise nach oben", erläuterte Oxfam-Expertin Elizabeth Stuart. Sie wollen mit dem Treibstoff aus Weizen, Soja oder Palmöl unabhängiger von Erdölimporten werden und ihre Klimabilanz aufbessern. Ob Agrosprit tatsächlich klimafreundlich ist, ist höchst umstritten. Weitere Ursachen für die höheren Lebensmittelkosten sind die gestiegenen Energiepreise, die die Produktion und den Transport von Nahrungsmitteln verteuern. Außerdem essen zum Beispiel die Chinesen wegen ihres wachsenden Wohlstands mehr und vor allem mehr Milch- und Fleischprodukte. Für die Herstellung solcher Lebensmittel wird besonders viel Getreide benötigt.
Wie das Problem gelöst werden kann, ließen IWF und Weltbank am Wochenende weitgehend offen. Zoellicks Forderung nach Lebensmittellieferungen im Wert von 500 Millionen Dollar kann die Not nur vorübergehend lindern. Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul forderte, vorerst die Pläne zu stoppen, normalem Treibstoff noch mehr Agrosprit beizumischen (siehe unten).
Mitarbeit: Hans-Ulrich Dillmann in Port-au-Prince
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14.04.2008
Umweltschutz widerspricht Entwicklungshilfe
Sigmar Gabriel und Heidemarie Wieczorek-Zeul uneins über das weitere Vorgehen in Sachen Biosprit
BERLIN taz Die deutsche Ministerin für Entwicklungshilfe, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), macht vor allem einen Grund hinter dem Anstieg der Nahrungsmittelpreise aus: Immer mehr Getreide landet nicht in Mägen von Menschen, sondern in Tanks von Motoren. Die SPD-Politikerin forderte deshalb am Wochenende in Washington, die Pflicht zur Beimischung von Agrosprit zu herkömmlichen Kraftstoffen zumindest vorläufig zu stoppen. Der Markt für Agrosprit müsse so reguliert werden, dass die Produktion des Treibstoffs die Lebensmittelpreise nicht weiter hochtreibt.
30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen gingen laut Studien auf den Agrosprit-Boom zurück, argumentierte die Ministerin. Wenn immer mehr zahlungskräftige Raffinerien Getreide kaufen, steigt die Nachfrage und damit der Preis - und den müssen genauso die Armen in Entwicklungsländern bezahlen, wenn sie Brot kaufen.
Auch für den Klimaschutz wird Agrosprit nach Meinung der Ministerin kaum etwas bringen. "Es wird dem weltweiten Klima nichts nutzen, wenn in den Industrieländern die Autos mit Agrarkraftstoffen fahren, und zugleich am Äquator die tropischen Regenwäldern abgeholzt werden", sagte sie. Tatsächlich werden etwa in Brasilien für den Sojaanbau Bäume gerodet, die das Treibhausgas Kohlendioxid binden.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) aber widersprach: Die Agrarkraftstoffe könnten nicht in erster Linie für die Preissteigerungen verantwortlich gemacht werden, erklärte er bei einem Treffen mit seinen EU-Amtskollegen in Slowenien. Wichtiger sei der gewachsene Wohlstand und damit die höhere Nachfrage nach Produkten aus Tieren, für die Futtermittel gebraucht werden. Für den Anbau dieser Pflanzen opfern Bauern zusehends mehr Flächen. Die Europäische Union müsse nun mit Importstandards verhindern, dass für die Herstellung von Futtermitteln weitere Regenwälder gerodet werden.
Die EU will den Anteil von Agrosprit am gesamtem Kraftstoffverbrauch bis 2020 auf 10 Prozent erhöhen. Dabei sollen Mindestanforderungen für den Anbau Gefahren für die Nahrungsmittelversorgung und die Umwelt reduzieren.
JOST MAURIN
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2008/04/14/a0036
14.04.2008
Biosprit und Hungeraufstände
KOMMENTAR VON BERNWARD JANZING
Es ist ein dankbares Thema für die Schlagzeilen: Biosprit führt zu steigenden Lebensmittelpreisen und damit zu Hunger in der Welt. Unruhen in armen Ländern sind die Folge, warnen jetzt die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Befürchtet wird, dass die Aufstände gegen teure Grundnahrungsmittel sich bald zu Bürgerkriegen auswachsen. Schon können all diejenigen in den Industrieländern frohlocken, denen Klima- und Umweltschutz schon immer suspekt war: "Seht doch, wohin euer Ökoquatsch führt."
Nun ist die Schlagzeile "Hunger durch Biosprit" leider nicht verkehrt. Denn der Zusammenhang ist unverkennbar: Wo früher Nahrungsmittel angebaut wurden, wachsen rund um den Globus immer häufiger Energiepflanzen - mit untragbaren Konsequenzen für die Ärmsten. Und doch ist die Schlagzeile auf eine Weise zugespitzt, die in die Irre zu leiten droht.
Der Anbau von Energiepflanzen in einigen armen Ländern spricht nicht grundsätzlich gegen die Nutzung von Bioenergie. Es spricht lediglich gegen den globalen Handel mit Biomasse, der zwangsläufig zu einem unfairen Wettbewerb um Agrarrohstoffe führt. Denn gegen die Summen, die wir für unsere Mobilität zu zahlen bereit sind, können die Armen der Welt in einem globalen Markt nicht bestehen.
Das Fazit darf nicht heißen: Bioenergie ist aus humanitären Gründen unvertretbar. Es muss stattdessen lauten: Bioenergie ist nur vertretbar, wenn sie in regionalen Wirtschaftskreisläufen genutzt wird. Wenn zum Beispiel ein hiesiger Landwirt Energiepflanzen anbaut und diese in seiner Biogasanlage in Strom und Wärme umsetzt, so ist das unbedingt begrüßenswert. Wir brauchen die Bioenergien schließlich als Bestandteil einer ökologischen und klimaverträglichen Ökonomie.
International jedoch kann der Wettbewerb um Agrarrohstoffe im wahrsten Sinne tödlich sein. Und deswegen kann es nur zwei Auswege geben: Entweder die Produzenten in den Entwicklungsländern begrenzen den Export von Biorohstoffen selbst, was jedoch häufig nicht zuletzt wegen der Korruption dieser Staaten unpraktikabel ist. Oder die Industriestaaten verweigern die Annahme - und genau das sollten sie jetzt tun.
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