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Gentechnik und Herrschaft
Für eine erweiterte Kritik der Gentechnik
Gefahren und Nutzen - eine gefährliche Debattenlogik
Glaubt mensch den Umfragen, so sind 70, zeitweise sogar 80 Prozent der
Menschen in Deutschland skeptisch bis ablehnend gegenüber Gentechnik im
Agrar- und Lebensmittelbereich. Einen wesentlichen Anteil an dieser breiten
Mobilisierung von Öffentlichkeit hatten zwar die oft mit
herrschaftskritischen Positionen verbundenen Feldbesetzungen der 90er Jahre,
doch unter der anschließenden Führungsrolle von Umweltverbänden mit ihren
politischen und PR-Interessen verschoben sich die Begründungen. Nun stehen
schon seit längerem gesundheitliche und ökologische Risiken im Mittelpunkt
formulierter Ängste und Kritiken. Die sind oft nachvollziehbar und wichtig.
Aber sie sind ein Ausschnitt - und zwar der, der im gehobenen
BildungsbürgerInnentum und damit in der Zielgruppe der oft sehr
klientelorientierten Umweltverbände im Vordergrund steht. Diese Verkürzung
war und ist gefährlich.
Verkürzung der Argumentation
Wer Risiken in den Vordergrund stellt (bzw.: Gefahren), behauptet selbst,
dass die Gentechnik unproblematisch sein kann - nämlich dann, wenn die
Risiken einschätzbar und zu bewältigen wären. Das sei zwar nicht der Fall,
wird dargestellt, aber es stärkt immer diejenigen, die genau deshalb die
weitere Erforschung der Gentechnik einfordern. Außerdem kann es der
Gentechniklobby dann gelingen, für Einzelfälle Behauptungen aufzustellen, in
diesem und jenen konkreten Fall seien die Risiken bereits sehr gut erforscht
und handhabbar. Als Gegenargumentation bleibt dann durch die Schlacht mit
Fachausdrücken, Untersuchungen usw. - eine Debatte, bei der viele
BeobachterInnen schnell aussteigen und dazu neigen, der Personen mit dem
höheren wissenschaftlichen Grad (z.B. Prof., Fachbehördenleiter ...) mehr
Glauben zu schenken.
Die Gentechniklobby geht hier bereits geschickter vor und behauptet, dass
die Gentechnik Vorteile bringen würde (also bereits realisierbarer Nutzen) -
und dem nur Gefahren (also mögliche Schäden) entgegenstehen.
Wissenschaftliche Sprache
Denn in der Folge wandelte sich die Auseinandersetzungsform. Die in den
Risikodebatten auf wissenschaftliche Sprache trainierten GenpfuscherInnen
konnten sich hier gut bewegen und als "Wissenschaftler" inszenieren, denen
es vermeintlich nur um die Sache ging. Ständig warfen sie mit irgendwelchen
Gutachten um sich und schüchterten die KritikerInnen ein, die nicht so viele
Quellen und chemische Formeln herunterbeten konnten - oder schlicht nicht
gewohnt waren, so dreist zu lügen und irgendwelche sogenannten
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu zitieren, die es zum Teil überhaupt nicht
gab.
Stärkung einer Problemwahrnehmung, die genau solche Lösungen einfordert, die
Gentech-MacherInnen anbieten
Absurd: Wird Gentechnik als gefährlich eingestuft, ruft die Debatte über die
Größe der Gefahren das Verlangen nach mehr Klarheit im Sinne von
Risikoabschätzung hervor. Gefragt sind dann vermeintliche
Wissenschaftlichkeit ("jetzt bleibt mal sachlich") und Menschen mit Anspruch
auf fachliche Versiertheit. Das aber sind im Normalfall wieder genau die
MacherInnen der Gentechnik, sie sich und ihre Methoden als RetterInnen
inszenieren für Probleme, die ohne sie gar nicht bestehen würden.
Risiken und Nebenwirkungen
Es gibt eine weitere Schwäche der Risikodebatte - nämlich die, dass es eben
um Risiken, also nur mögliche Nachteile, geht. So können
GentechnikbefürworterInnen unwidersprochen formulieren, dass zwischen
Vorteilen und Risiken abzuwägen ist. Das aber ist schon tendenziös, denn es
besagt, dass Gentechnik das Positive tatsächlich schafft, das Negative aber
nur entstehen könnte. Oft bleibt es unbemerkt, dass sich die
BefürworterInnen so einen argumentativen Vorteil verschaffen.
Die emanzipatorische Perspektive: Herrschaftkritik und Gentechnik
Emanzipatorisch heißt, die Befreiung und Selbstentfaltung des Menschen (als
Individuum und als Gruppe, die aber aus freier Selbstbestimmung gewählt wird
- also nicht Kategorien wie Nation, Volk, Frau, Mann, Minderjährig,
Behindert ...) in den Mittelpunkt zu stellen und immer vom Menschen her zu
denken und nicht in vermeintlich über ihm stehenden Zielen. Wer die Heimat,
die Schöpfung, das Volk u.ä. beschützen will, denkt nicht vom Menschen,
sondern von über dem Menschen eingeordneten Einheiten her. Insofern ist eine
emanzipatorische Kritik der Gentechnik nicht nur eine Beschreibung von
"Nebenwirkungen" (also nicht nur Gefahren, sondern tatsächlichen
Nachteilen), sondern schafft auch Immunität gegen anti-emanzipatorische
Strömungen und Wertungen - seien sie religiös, rechts, esoterisch oder
verschwörungstheoretischer Art.
Durch die Herrschaftsbrille: Kritikpunkte an der Gentechnik
Daher ist eine Erweiterung und Zuspitzung der politischen Begründungen auf
weitere gesellschaftliche Fragen notwendig. Denn durch die
"Herrschaftsbrille", d.h. mit herrschaftsdemaskierendem Blick, hat die
aktuell entwickelte Gentechnik bereits deutlich erkennbare Nachteile. Diese
lassen sich auch nicht durch weitere "Sicherheitsforschung" abschaffen -
daher kippt auch das Argument der heute propagandistisch fast immer als
Sicherheitsforschung deklarierten Gentec-Versuche. Im Folgenden sollen
Kritikpunkte gegen Gentechnik benannt werden, die im System dieser Technik
verankert sind und innerhalb der herrschenden Verhältnisse
antiemanzipatorische Tendenzen stärken.
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