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http://www.heise.de/newsticker/meldung/100550
NATO soll sich gegen Cyberattacken rüsten
Bei der Verteidigung des Cyberspace soll künftig die NATO eine
wichtige Rolle spielen. Das unterstrichen der Präsident des
Atlantic Council[2], Fred Kempe, und der estnische Botschafter in
Washington, Väino Reinart, bei der Vorstellung eines Berichts[3]
(PDF-Datei) des Atlantic Council und des British North American
Committee (BNAC[4]) zum Thema Netzsicherheit. Das
US-Verteidigungsministerium habe bei einem Treffen von
NATO-Vertretern in Washington gefordert, dass die NATO die
Cybersecurity zu einem zentralen Thema ihrer Arbeit machen solle,
erklärte Kempe. Botschafter Reinart verwies auf die Rolle der NATO
als Garant für die Sicherheit seiner Mitgliedsstaaten seit 60
Jahren. Auch wenn er bei Cyberattacken nicht gleich den
"Bündnisfall" eintreten sieht, erwarte man die Erarbeitung von
Strategien gegen Angriffe auf die Netze der Länder.
Estland hatte diese Forderung erstmals nach den massiven
Attacken[5] auf estnische Regierungs- und Unternehmensserver im
vergangenen Frühjahr erhoben[6]. "Estland wird Ende des Jahres
seine Strategie zum Thema Cybersecurity verabschieden", sagte
Reinart. Zugleich soll Anfang kommenden Jahres letzte Hand an die
Texte zur Schaffung des "Nato Center of Excellence in Cooperative
Cyber Defense" gelegt werden. Die Teilnahme der USA an dem Center
in Tallin begrüße man sehr, sagte Reinart gestern. Laut einer
Pressemitteilung[7] der Estnischen Botschaft in Washington haben
neben den Vereinigten Staaten auch Bulgarien, Deutschland,
Litauen, Polen und Spanien ihre Zusammenarbeit bei der Initiative
angekündigt.
Die breit berichteten Attacken, die den Betrieb des Netzes in
Estland in die Knie zwangen, kamen zu einem erklecklichen Teil
über russische Regierungsserver[8]. Sicherheitsexperten hatten
nach den Attacken keine Hinweise[9] auf eine Beteiligung Moskaus
finden können. Es sei bis heute nicht klar, wer wirklich
"abgedrückt" habe, sagte Paul Kurtz, der als COO von Good Harbor
Consulting verschiedene US-Präsidenten in Sachen Cybersecurity
beraten hat. "Es ist schwierig, festzustellen, ob die russische
Regierung Estland aufs Korn genommen, nur kurz weggesehen hat oder
die beteiligten russischen Rechner schlicht Zombies waren", sagte
Kurtz, "wir wissen es nicht."
Daher ist es auch mit Sanktionen so eine Sache, sagten die
Experten auf die Frage, welche Möglichkeiten denn die NATO in
Zukunft haben könnte. Auch die Frage nach möglichen
Handelsbeschränkungen und einer Ächtung der "digitalen
Schurkenstaaten", etwa im Rahmen der Welthandelsorganisation,
beantwortet Kurtz eher zurückhaltend. Seine Empfehlung ging eher
dahin, das Risikobewusstsein bei Regierungsstellen und auch in den
Chefetagen der Unternehmen zu schärfen. Wie Reinart empfahl er die
Ratifizierung und â\200" vor allem â\200" die Umsetzung der Cybercrime
Konvention des Europarates.
In vielen Ländern sei der Betrieb von Botnetzen keine Straftat,
warnte Reinart. Das habe auch bei der Verfolgung der Angreifer auf
Estland zu erheblichen Schwierigkeiten geführt. Viele Anfragen in
anderen Ländern wurden daher nicht zufriedenstellend beantwortet,
so Reinart. Vor zahlreichen Gesetzeslücken im US-amerikanischen
Gesetz warnte bei der Debatte gestern Robert Holleyman, der
Präsident der Business Software Alliance (BSA). Der vorgestellte
Bericht verweist allerdings auf mindestens fünf
Gesetzesinitiativen im US-Kongress, die für mehr Sicherheit in den
Netzen und auch vor den Gefahren des Identitätsdiebstahls schützen
sollen.
Kurtz unterstrich mit Blick auf die globale Natur des Phänomens
die Notwendigkeit internationaler Standards, die beiden ISO
Standards 27001 ( Information technology â\200" Security techniques
â\200" Information security management systems â\200" Requirements) und
ISO 17799 (Information technology â\200" Security techniques â\200" Code
of practice for information security management), der im
vergangenen April noch einmal erneuert wurde. Regierungsstellen
und Unternehmensleitungen tun nach seiner Ansicht zu wenig
angesichts Weiterentwicklung der Kriminalität im Netz. "Russische
und chinesische Cyberkriminelle gehen ein uns aus in den Netzen
von Regierungen und Unternehmen", sagte Kurtz.
"Cyberkriminalität ist heute lukrativer als der gesamte Handel mit
illegalen Drogen", warnte auch Paul Twomey, Präsident und CEO der
Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN[10]),
der privaten Verwaltung des Domain Name System (DNS). "Ich könnte
Ihnen gleich für 25 Cent pro Maschine ein Botnetz mieten und einen
Angriff nach Wunsch für Sie starten für 30.000 Euro", beschrieb
Twomey die kriminellen Geschäftsmodelle. Selbst vergleichsweise
einfache Attacken wie Diebstahl oder Übernahme des Domainnamens
eines Unternehmens könne die Betroffenen Millionen kosten. Twomey
berichtete vom Anruf eines Unternehmens, dessen Seite von einem
Pornoanbieter übernommen worden war. So etwas könne teuer werden,
etwa wenn man, wie in einem anderen Fall einer "verlorenen" Domain
täglich für eine Viertelmillion Dollar Software verkaufe, sagte
Twomey.
Auf grundsätzliche Maßnahmen zum Schutz der eigenen Netze,
Adressressourcen und Daten verweist der vorgestellte Bericht. Die
Hauptforderung dabei ist, dass Unternehmenschefs das Zepter bei
der Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Damit es keine Ausrede
dafür gebe und auch Zeitmangel nicht vorgeschoben werden könne,
habe man eigens eine herausnehmbare Checkliste gemacht. "Sie
können diese Liste herausreißen und den Rest des Berichts
vergessen", sagte Twomey. ("Monika Ermert") / (vbr[11]/c't)
- Links
-
- http://www.acus.org
- http://www.acus.org/docs/071212_Cyber_Attack_Report.pdf
- http://www.bnac.org/
- http://www.heise.de/security/news/meldung/89013
- http://www.heise.de/newsticker/meldung/91714
- http://www.estemb.org/news/aid-953
- http://www.heise.de/newsticker/meldung/89857
- http://www.heise.de/newsticker/meldung/90501
- http://www.icann.org
- mailto: vbr ät ct.heise.de
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