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Getreide - Globaler Konsum größer als Produktion
- Neue Ära des Hungers - Lebensmittelpreise steigen weltweit an
- Weltgetreidereserven auf niedrigstem jemals registrierten Stand
- US-Regierung setzt Prioritäten und wird Länder oder bedürftige
Regionen aus ihrem Hilfsprogramm USAID herausstreichen
Wenn die Nahrungsmittel nur gerecht verteilt würden, dann gäbe es keinen
Hunger in der Welt, lautet eine weit verbreitete Vorstellung. So
wünschenswert es auch ist, wenn alle Menschen wenigstens theoretisch
genügend zu essen hätten, diese Vorstellung lässt sich immer weniger mit den
globalen Getreide-Produktionszahlen in Einklang bringen. Seit Jahren
übersteigt der weltweite Verbrauch an Getreide die erzeugte Menge, was zur
Folge hat, dass immer mehr Menschen hungern und die Reserven schrumpfen.
Diese haben inzwischen den niedrigsten Stand seit fast 50 Jahren erreicht.
Würde die Menschheit von heute auf morgen keinerlei Ernten mehr einfahren,
so besäße sie nur noch für zwölf Wochen Getreide, dann wäre alles
aufgebraucht. Bei Weizen sind die Reserven bereits auf neun bis zehn Wochen,
bei Mais auf rund sieben Wochen geschrumpft. Bei Reis und anderen
Getreidesorten sieht es nicht viel besser aus, und ein Ausweichen auf
Nahrungsmittel wie Fleisch, Fisch, Gemüse, Algen oder Pilze ist aus
verschiedenen Gründen nicht möglich. So hängt die Herstellung von Fleisch,
Eiern und Milchprodukten letztlich wiederum vom Getreide ab; Gemüse ist
ähnlich wie Getreide von klimatischen Bedingungen abhängig und kann dieses
nicht ersetzen; viele Speisefische sind überfischt oder bereits
verschwunden; Algen und Pilze vermögen zwar den Speiseplan hier und da zu
bereichern, aber sie eignen sich nicht als Grundnahrungsmittel für größere
Menschenmengen.
Eine Bilanz der gegenwärtigen Welternährung sieht somit düster aus. Der
jüngste "Grain Market Report" (Nr. 374, 24.1.2008)[1] des International
Grains Council[2] bringt die existentielle Not, die aufgrund des
Getreidemangels beziehungsweise der rasant gestiegenen Getreide- und
Lebensmittelpreise im vergangenen und diesem Jahr in vielen Ländern Einzug
gehalten hat, in nüchternen Zahlen zum Ausdruck. In der Abschätzung für die
Saison 2007/08 steht einer weltweit produzierten Weizenmenge von 603 Mio.
Tonnen ein Verbrauch von 611 Mio. Tonnen gegenüber, beim Mais ist das
Verhältnis 765 Mio. Tonnen Produktion zu 770 Mio. Tonnen Verbrauch. Dabei
wandert ein beträchtlicher Teil der Ernte nicht in den Nahrungssektor,
sondern in die Herstellung von Biosprit und in die Tierfütterung.
Die jüngste Abschätzung das International Grains Council für die globale
Getreideproduktion des laufenden Berechnungsjahrs in Höhe von 1,657 Mrd.
Tonnen liegt aufgrund der geringeren Maisernte in den USA und des trockenem
Wetters in Argentinien um zwei Millionen Tonnen unterhalb der Prognose vom
November 2007. Aber selbst der damalige Wert hätte nicht genügt, um den
globalen Verbrauch von 1,676 Mrd. Tonnen Getreide zu decken.
Wie sind diese Zahlen zu bewerten? Die globalen Getreidereserven schmilzen
zusammen, trotz einer Steigerung der Ernten. Die Europäische Union hat
bereits eine dramatische Entwicklung durchlaufen. Sie musste aus
preisregulatorischen Gründen ihre Getreide-Interventionsbestände von
vierzehn Millionen Tonnen auf den Markt werfen und hat inzwischen weniger
als eine Million Tonnen zur Verfügung.
Wenn heute mehr als 850 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden, so würde
diese Zahl spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem die Weltreserven aufgebraucht
sind, exponentiell steigen. Was nicht bedeutet, dass bis dahin die Not der
Menschen gleich bliebe. Verschiedene Entwicklungen lassen darauf schließen,
dass sich die Menschheit in diesem Jahr an der Schwelle zu einer
Massenverelendung befindet. Es hängt wohl von den nächsten Ernteergebnissen
ab, in welchem Ausmaß der Hunger in der Welt zunehmen wird. Die Frage lautet
nicht, ob er überhaupt zunimmt. Selbst wenn die Ernte in diesem Jahr gut
ausfallen sollte, würde das das Wachstum des globalen Getreidemangels nur
verzögern, nicht beheben. Die Weltgetreidevorräte werden vermutlich nie
wieder den früheren Stand von 18, 24 oder noch mehr Wochen erreichen.
Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen, das die weltweit
größte Hilfsorganisation ist, die Lebensmittel verteilt, hat in der
vergangenen Woche eine Krisensitzung einberufen, da sie für die
bereitgestellten Spendengelder immer weniger Lebensmittel einkaufen kann.
Ein Preisanstieg von beispielsweise 40 Prozent für Weizen bedeutet nämlich,
dass für die gleiche Summe entsprechend weniger Getreide eingekauft wird.
WFP-Direktorin Josette Sheeran sprach in diesem Zusammenhang von einer neuen
Ära des Hungers. Man sei erstmals einem Notfall ausgesetzt, ohne dass dieser
durch Dürre, Krieg oder Naturkatastrophen ausgelöst worden sei.
Mit anderen Worten, der Nahrungsmangel ist von systemischer Natur.
Agrarökonomen rechnen zwar damit, dass die Bauern in diesem Jahr zusätzliche
Flächen bewirtschaften, weil es einen besonderen Anreiz darstellt, wenn die
Getreidepreise hoch sind, aber im weltweiten Maßstab wird das nicht den
wachsenden Bedarf ausgleichen. Zudem sind einer Ausweitung der
landwirtschaftlichen Flächen natürliche Grenzen gesetzt. Es sei denn, die
Menschheit würde sämtliche Regenwälder abholzen, aber das wäre alles andere
als empfehlenswert, weil das wiederum Einfluss auf das Klima hätte und die
Erderwärmung beschleunigte. Der mögliche Nutzen wäre jedenfalls von
kurzfristiger Natur. Schon heute gibt es Verschiebungen im
Niederschlagsregime des Amazonas-Regenwalds, was Experten unter anderem auf
die Abholzung zurückführen. Neben weiteren Faktoren hat dies in den letzten
Jahren zu ausgewachsenen Dürren und der Notwendigkeit, im "immerfeuchten"
Regenwald Notbrunnen zu bohren, geführt.
Auch Hochgebirge, Wüsten, Mangroven und andere bislang unbewirtschaftete
Flächen lassen sich nicht so einfach in eine agraische Nutzung überführen.
Im Weltmaßstab ist die landwirtschaftliche Fläche nicht nennenswert zu
vergrößern. Zahlreiche Regierungen haben in jüngster Zeit Maßnahmen
ergriffen, um den heimischen Getreidemangel zu kompensieren. So hat die
Europäische Union die Importzölle für fast alle Getreidesorten aufgehoben
und das System der Flächenstillegung außer Kraft gesetzt. Umgekehrt hat
China Ausfuhrzölle auf Getreide, Weizenmehl und Sojabohnen verhängt.
Russland hat die Ausfuhrzölle für Getreide auf 40 Prozent angehoben, Indien
die Reisausfuhr unterbunden. Und die Hilfsorganisation der US-Regierung
USAID (U.S. Agency for International Development) hat vor wenigen Tagen
mitgeteilt, dass sie ihre Hilfslieferungen wegen der hohen
Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr drastisch zurückschrauben wird
(Washington Post, 1.3.2008).[3]
Jeff Borns, Direktor des Programms Food for Peace, das die Hilfslieferungen
für USAID koordiniert, erklärte, dass man zur Zeit Land für Land durchgehe
und prüfe, welches in welchem Umfang weiter versorgt werden solle und
welches nicht. Fast vierzig Länder erhalten derzeit Unterstützung durch
USAID, darunter Äthiopien, Honduras, Irak, Somalia und die westsudanesische
Provinz Darfur. USAID erwägt nicht, Budgetnachforderungen wegen des
voraussichtlichen Verlustes von 200 Millionen Dollar, der in diesem Jahr
wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise entstehen wird, zu stellen. Nach
welchen Kriterien die US-Regierung künftig weiterhin Nahrungsmittelhilfe
verteilt, ist unklar, aber es liegt auf der Hand und hat sich auch in der
Vergangenheit gezeigt, dass die Nahrungsversorgung politisch
instrumentalisiert wird. In missliebigen Ländern wie Simbabwe oder Sudan
beispielsweise läuft die US-Nahrungsmittelhilfe nicht über die Regierung.
Annähernd zeitgleich mit der Meldung des WFP vor gut einer Woche, dass ihm
aufgrund des rapiden Preisanstiegs die Mittel ausgehen und man sich
gezwungen sehen könnte, die Essensrationen für die Bedürftigen zu reduzieren
oder aber Menschen total aus der Versorgung herauszustreichen, wurde im
ewigen Eis der norwegischen Insel Spitzbergen eine Saatgutbank in Betrieb
genommen, die einmal die größte der Welt werden soll.[4] Sie wurde angelegt,
damit im Falle einer Katastrophe eine Vielfalt an Samen zur Verfügung steht,
aus denen vom Aussterben bedrohte oder ausgestorbene Pflanzen gezüchtet
werden könnten.
Die aktuelle Entwicklung auf dem Getreideweltmarkt erweckt den Anschein, als
sei eine Katastrophe etwas anderer Natur längst eingetreten. Die Menschheit
befindet sich zwar ebenfalls in einer Phase eines rapiden Artenschwunds
unter den Nutzpflanzen, aber akut mangelt es vor allem rein quantitativ an
Getreide. Angesichts dessen mutet das Sichern von Saatgut im Innern eines
Bergs in einer unzugänglichen polaren Weltregion, die als Grenzgebiet
zwischen Ost und West einem militärisch dichten Überwachungsnetz unterliegt,
durchaus symbolträchtig an. Der Menschheit steht allem Anschein nach eine
schwere Hungersnot bevor.
4. März 2008
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[1] www.commodities-now.com/content/research/ags-and-softs/ags-and-softs.php
[2] http://www.igc.org.uk/
[3] http://www.ethiopianreview.com/content/2012
[4] http://www.grain.org/articles/?id=36
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