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Baden-Wuerttemberg: Initiativen gegen Preis- und Qualitaetsverfall bei Lebensmitteln

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http://www.suedwest-aktiv.de/region/neuekreisrundschau/rundschau_lokal/3415331/artikel.php

Südwest Presse - 23.02.2008

Zwischen Geiz und Profit

Ex-Manager Adalbert Binder nimmt Konsumgewohnheiten unter die Lupe

ANDREAS BALKO

"In Deutschland stehen teure Einbauküchen, um darin billige und minderwertige Nahrungsmittel zuzubereiten." Mit dieser These stieg Adalbert Binder in seinen provokativen Vortrag vor zahlreichen interessierten Besuchern im Eutendorfer Gemeindehaus ein. Im Lauf des Abends beschäftigte sich Binder kritisch mit den Konsumgewohnheiten der Verbraucher, mit der Herkunft und Qualität von Lebensmitteln sowie der Strategie von Großunternehmen.

Dem Bezirksarbeitskreis Gaildorf des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg war es gelungen, den ausgebildeten Kaufmann als sachkundigen Referenten zu gewinnen. Adalbert Binder weiß, wovon er redet; der heute 72-Jährige war über Jahrzehnte im Management eines großen Lebensmittelkonzerns tätig. Heute setzt er sich für lokal produzierte und vertriebene Lebensmittel ein. Deshalb gehört er auch zu den Mitbegründern der Stadt-Land-Partnerschaft des Evangelischen Bauernwerks. Außerdem hat er einen wesentlichen Anteil zur Entwicklung des Herkunfts- und Qualitätszeichen Baden-Württemberg (HQZ) beigetragen.

Binder beklagte, dass Lebensmittel in der heutigen Gesellschaft keinen Wert mehr hätten. Den Grund dafür sieht er in der Überproduktion, die durch massive Subventionen zustande gekommen sei. In der Folge sei es zu einem Preisverfall und zu einem Verlust der Wertschätzung von Nahrung gekommen.

Die meisten Verbraucher kennen nur den Preis, nicht den Wert eines Lebensmittels, klagt Binder. Auch interessierten sie sich wenig für die Umstände, unter denen Lebensmittel produziert werden. Dies liege im Interesse der Großproduzenten und großen Discounter, die die Verbraucher im Unklaren ließen über die Schadstoffbelastung, die Problematik von Anbau und Transport.

Der Verbraucher frage jedoch nicht nach solchen Produktionsbedingungen, denn "billig" sei zum alleinigen Entscheidungskriterium beim Kauf geworden. Lebensmittel müssten billig sein, damit man sich andere Dinge leisten könne. "Konsumenten verschulden sich für Großbildschirme, gleichzeitig geht ein Aufschrei durch das Land, wenn sich die Milch um 20 Cent verteuert", berichtete Binder.

Kritisch setzte sich der Referent auch mit der Werbe- und Absatzstrategie der Industrie auseinander, die er hinter diesem Konsumverhalten sieht. Wünsche und Bedürfnisse würden ständig künstlich erzeugt, und die Werbung beeinflusse die Wahrnehmung des Verbrauchers. Das ursprünglich als Werbegag geplante Motto "Geiz ist geil" sei zum Inbegriff einer vorherrschenden Einkaufsmentalität geworden. Binder sieht darin die Werteskala bedroht, denn wo der Geiz regiere, werde der Wert von Arbeit nicht mehr anerkannt. Geiz werde zur Tugend hochstilisiert, und Solidarität gelte als Dummheit. Nicht mehr das Produkt stehe im Mittelpunkt, sondern der Schnäppchencharakter. Doch der Schnäppchenjäger sei letztlich nicht der Gewinner, sondern nur der Geköderte.

Letzten Endes seien die Großkonzerne die Gewinner. Kleine landwirtschaftliche Erzeuger, Handwerksbetriebe und Fachgeschäfte blieben dabei auf der Strecke. Alle Großen verbinde nur das Ziel, immer weiter zu wachsen. Dabei weise Deutschland bereits jetzt die höchste Dichte an Discountern in Europa auf.

Doch welche Konsequenzen soll der Verbraucher aus diesen Entwicklungen ziehen? Adalbert Binder rief dazu auf, "nein" sagen zu lernen. Es gehe darum, aus Überzeugung nein zu sagen zu den künstlich erzeugten Bedürfnissen. Es gelte, Zweifel zu äußern, Hintergründe zu erkunden und eine neue Bescheidenheit zu üben. Der Konsument solle nein sagen lernen zu billigen und schlechten Lebensmitteln und zu einem System, bei dem ausschließlich der Profit im Mittelpunkt steht.

Gleichzeitig warb Binder darum, eine neue Lebensfreude zu entdecken, indem man aufhöre, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Und es gehe darum, "Ja" zu sagen zu Produkten, die ökologisch verantwortlich angebaut werden, gesund sind und fair gehandelt werden. Wer etwas verändern wolle, müsse sein Einkaufsverhalten ändern und auf Lebensqualität statt auf Quantität setzen.


http://www.wfga.de/Informationen/GewaltfreiAktiv/GewaltfreiAktiv33.pdf

Gewaltfrei Leben Lernen - Februar 2008

What you buy is what you get

Politischer Konsum ist nötiger und wirksamer denn je

Geiz ist geil! Das haben uns Werbetafeln jahrelang eingebläut. Jetzt kommt nach und nach das heilsame Erwachen: Immer mehr Leute erkennen, dass dieser Geiz mit dazu beiträgt, unsere Welt zu ruinieren und genau die Probleme schafft, gegen die wir politisch so verzweifelt anrennen. Die Menschen erkennen aber auch zunehmend, dass wir dem Wirtschaftsgeschehen nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern wir als KonsumentInnen am längeren Hebel sitzen. Damit eröffnen sich dem politischen Widerstand neue Perspektiven.

Jede seriöse ReferentIn über die Kriegs- und Krisenherde dieser Welt (Irak, Iran, Afghanistan, Kongo etc.) wird letztlich auf die wirtschaftlichen Interessen der beteiligten Konfliktparteien zu sprechen kommen: Öl und andere Rohstoffe, Sicherung der Handelswege, Erhaltung bzw. Etablierung welthandelsfreundlicher Regierungen, geostrategische Absicherung unseres Wohlstandes. Das sind die eigentlichen Ziele der neuen Kriege. Allerdings setzen die Strategien der Friedensbewegung selten direkt an diesen Interessen an.

Das Gleiche gilt für die Debatte um Klimaerwärmung und globale Umweltverschmutzung: Der wirtschaftliche Hintergrund ist klar, die Stoßrichtung des Protests ist jedoch auf gesetzgeberische Forderungen konzentriert. Dabei geben selbst konservative PolitikerInnen längst zu, dass der Staat am Gängelband der Wirtschaft hängt. Und die Wirtschaft hängt vom Markt, von der Nachfrage und damit von uns KonsumentInnen ab.

Einkaufen als politische Aktion

Dies kann beklagt werden, es bietet aber auch eine große Chance: Wir können das wirtschaftliche "Gleichgewicht" unmittelbar und wirksam beeinflussen, indem wir mit politisch bewussten Kaufentscheidungen wirtschaftliche Konsequenzen erzwingen. Denn selbst geringfügige Veränderungen der Verkaufzahlen werden in den Wirtschaftszentralen argwöhnisch registriert. Wenn Umsatzeinbußen anhalten, muss reagiert werden, sonst gerät das Unternehmen oder zumindest das Management unter die Räder und die Kundschaft wandert dauerhaft zur Konkurrenz ab.

Da wir täglich Geld ausgeben, haben wir täglich die Möglichkeit, mit ihm eine politische Willensbekundung zum Ausdruck zu bringen: Welche Qualität, welche Umweltstandards, welchen Rohstoffverbrauch und welche Herstellungsbedingungen möchten wir haben - und welche nicht.

Kritischer Konsum und Boykott

Die alltägliche bewusste Produkt-Wahl kann ergänzt werden mit einer zeitweisen Zuspitzung des Protests auf ein oder wenige Produkte oder Firmen im Rahmen von gezielten Boykott-Kampagnen: Dies ist mit das Wirksamste, was gewaltfreie Widerstandsbewegungen aufzubieten haben. Die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion hat schon vor Jahren in ihrem Heft "Boykott - Die große Macht der kleine Leute" die vielfältigen Erfolge und die Erfolgsbedingungen von Kaufverweigerung dargelegt und an wirksamen Boykott-Kampagnen (z.B. Schlecker- und Lidl-Kampagne) mitgewirkt. Im Zeitalter der deregulierten Märkte, der unübersichtlichen Wirtschaftsverflechtungen und der ruinösen Billigproduktion können gerade die KonsumentInnen den Nerv des Wirtschaftssystems treffen, wenn sie gemeinsam ihre Macht einsetzen - die Macht, ein Produkt zu kaufen oder es bewusst zu unterlassen.

Unsere Verwicklung ins Unrecht

Vielen Menschen war und ist ihre Verwicklung in die ausbeuterischen, umweltschädigenden und kriegstreibenden Wirtschaftskreisläufe nicht bewusst. Die Werbung zeigt nur die schönen Produkte und die glücklichen Menschen, nicht aber die unmenschlichen Produktionsbedingungen, vor allem in den so genannten Freihandelszonen in Fernost. Was sich hinter den geilen Billigpreisen verbirgt, kommt erst langsam ans Licht einer größeren Öffentlichkeit. Jetzt sehen wir zunehmend, wie unsere Schnäppchenjagd auf dem Rücken von Menschen und Natur ausgetragen wird.

Täglich im Supermarkt oder Discounter, im Spielzeugladen und in den Unterhaltungsmedien- und Computer-Märkten, im Bekleidungsgeschäft, beim Teppichkauf oder beim Baumarkt kaufen wir gerne die billigen Waren, die in fernen Ländern in ausbeuterischen und mörderischen Produktionsstätten produziert und mit billigem Öl um die halbe Welt transportiert werden. Und profitieren gleichzeitig durch Geldanlagen bei Vermögensfonds an den Gewinnen von Firmen, die wir nie und nimmer unterstützen würden, wenn wir ihnen das Geld direkt geben müssten.

Sind wir bereit, faire Preise zu zahlen?

Für die Unternehmen sind die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, die Umgehung hiesiger Umwelt- und Sozialstandards und der kostengünstige und umweltschädigende Einsatz von Öl und anderen Rohstoffen schon fast eine Überlebensbedingung geworden. Firmen, die in Deutschland produzieren, können dem Preisdruck immer weniger standhalten. Das Mehr an Qualität und menschlichen Arbeitsbedingungen wird bislang kaum von den KäuferInnen honoriert. Aber das ändert sich und kann - systematisch betrieben - zu einer "Einkaufsrevolution" werden.

Die Einkaufsmacht wirkt

Wie schnell sich durch politischen Konsum mit entsprechender Öffentlichkeitsarbeit Unrechtssituationen abstellen lassen, zeigt das Beispiel Tchibo und die Textilproduktion in Bangladesh:

'Im September 2004 deckte die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign - CCC) auf, dass in einer Zulieferer- Fabrik von Tchibo 230 Textil-Arbeiterinnen entlassen worden waren, nur weil sie Mitglied in einer Gewerkschaft waren. Als die Kampagne daraufhin innerhalb eines halben Jahres 20.000 Protestpostkarten unter die Leute gebracht hatte, übte Tchibo Druck auf seine Lieferanten aus, so dass die Entlassenen wieder eingestellt wurden und künftig die Mitgliedschaft in Gewerkschaften erlaubt sein sollte.' (Vgl. Tanja Busse, S. 48f)

Bekannter sind der erfolgreiche Protest gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar, bei dem der Boykott von Shell-Tankstellen eine schnelle Kehrtwendung des Ölkonzerns herbeiführte, der Nestlé-Boykott in den 70er-Jahren wegen todbringender Babynahrung oder die auch von der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion mit konzipierte und getragene Kampagne für die Durchsetzung von sozialen Mindeststandard bei der Drogeriekette Schlecker.

Kritischer Konsum: täglich + umfassend

Angesichts der moralischen Bedenklichkeit so vieler Konsumgüter heutzutage ist es aber auch sinnvoll, durch einen alltäglichen und umfassenden kritischen Konsum langfristige Veränderungen herbeizuführen, wie es z.B. mit dem Bio-Boom bereits gelungen ist und mit dem Umsteigen auf Anbieter von Naturstrom derzeit im Gange ist. Die zunehmenden Informationen über die skandalösen Zustände in den Billiglohnländern öffnet vielen die Augen und eine wachsende Zahl von Siegeln und Zertifizierungen erleichtern die Orientierung, welche Produkte akzeptabel sind und welche nicht.

Achtung vor Augenwischerei

Dabei darf man jedoch nicht der Augenwischerei durch Pseudo-Standards, die von den Firmen selbst kontrolliert werden, aufsitzen. Auch der Hinweis darauf, dass es in den Ländern Gesetze gibt, die Kinderarbeit verbieten und soziale Mindeststandards festlegen, reicht nicht aus, denn diese Gesetze werden häufig nicht eingehalten - und weder die Regierungen noch die Firmen haben ein Interesse daran, dass sich dies ändert. Nur ein unabhängiges Kontrollsystem mit unangekündigten Inspektionen ist seriös. Noch wirksamer dürfte die gewerkschaftliche Organisierung und Kontrolle durch die Beschäftigten selbst sein, sofern dies möglich ist und gelingt.

JedeR kann mitmachen: Wagen wir den ersten Schritt - und den nächsten...

Politischer Konsum ist kein Konsumverzicht und keine individuelle Aktion. Er lässt sich gut mit Aufklärungsgesprächen, Öffentlichkeitsarbeit und anderen Formen politischer Veränderung verbinden. Sein Vorteil: JedeR kann ihn täglich, gefahrlos und ohne (große) Nachteile praktizieren.

Natürlich fällt es uns schwer, von der alten Gewohnheit abzurücken, beim Einkauf in erster Linie auf den Preis zu schauen. Es ist oft auch finanziell und vom Aufwand her nicht machbar, von heute auf morgen sein ganzes Konsumverhalten auf den Kopf zu stellen. Aber schon mit einem Produkt eigener Wahl (oder im Rahmen einer Boykott-Kampagne) anzufangen, ist ein erster, guter Schritt. Damit ist der Weg des politischen Konsums beschritten. Wer den ersten Schritt getan hat, kann leichter weitergehen. Wir müssen nicht bereits am Ziel und hundertprozentig korrekt sein, um die Welt verändern zu können. Schon wenn jedeR bei einem Teil seiner/ihrer Einkäufe auf die Produktions-Bedingungen achtet, kann eine Welle wirtschaftlichen Drucks ausgelöst werden.

Wenn wir erleben, wie Einkaufen zu einer politischen Aktion wird, dann wird Politik zum Alltag und Konsumieren zum "Konsum der Befreiung" (Maria Mies). Arbeiten wir mit an einer Welt, in der niemand mehr Krieg führt, um Billigproduktion und Profitinteressen militärisch abzusichern - weil niemand mehr an solchen Produkten Interesse hat.

Christoph Besemer

Literaturtipps

Tanja Busse: Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht, aktualisierte Taschenbuchausgabe, Heyne Verlag, München 2008

Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien 2003

Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden: Boykott - Die große Macht der kleinen Leute, Karlsruhe 1993 www.wfga.de

03.03.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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