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Bonn/Berlin – Die große Koalition einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen
Nenner. Dieser gemeinsame Nenner könnte das Land allerdings teuer zu stehen
kommen. Gleichsam über Nacht hat sich das Haushaltsdefizit von 35
Milliarden Euro auf 70 Milliarden Euro verdoppelt. Schuld daran seien die
teuren Vorschläge der verschiedenen Arbeitsgruppen, heißt es aus
Verhandlungskreisen. Der Staat würgt auch an anderer Stelle das Wachstum
ab. Nur die Hälfte der deutschen Wirtschaftskraft kommt aus dem privaten
Sektor. Deutschland ist schon lange kein Musterknabe mehr, auf den die
übrigen europäischen Länder mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung
blicken. Der einstige Klassenstreber hat in letzter Zeit seine
Hausaufgaben nicht mehr ordentlich gemacht und bei wichtigen
Reformmaßnahmen geschwänzt. Die Folge: Deutschland hat die rote Laterne
beim Wirtschaftswachstum, bei der Arbeitslosigkeit und bei der Rückführung
der Staatsverschuldung. Und auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in
Deutschland beträgt pro Kopf nur noch rund 27.000 Dollar, was unteres
Mittelfeld in der EU bedeutet.
Peter Hahne verweist in der Tageszeitung Die Welt http://www.welt.de auf
empirische Untersuchungen, die einen unmittelbaren Zusammenhang herstellen
zwischen einer hohen Staatsquote und einer ausgeprägten Wachstumsschwäche.
Mit jedem Prozentpunkt weniger Staatsaktivität ließe sich das Wachstum um
bis zu einem viertel Prozentpunkt steigern. Die Ökonomen Vito Tanzi von
der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IABD) und Ludger Schuknecht von
der Europäischen Zentralbank (EZB) haben in einer Untersuchung von 22
Industrieländern gezeigt, dass eine Konsolidierung der Staatsfinanzen und
eine Rückführung der Staatsquote selbst in einer Stagnationsphase zu einer
spürbaren Belebung der Wachstumskräfte führen kann.
Früher lief die Wirtschaft runder: Dies ist keine Mythisierung der guten
alten Bundesrepublik, sondern lässt sich an Zahlen und Statistiken
ablesen. „In den vergangenen Jahren ersetzte oft Reformrhetorik die echten
Reformen. Das gilt übrigens durch die Bank für alle Parteien“, sagt Michael
Müller, Geschäftsführer der Neusser a & o-Firmengruppe
http://www.aogroup.de. Hahne nennt die Fakten: Im Laufe der Jahre wurde
der Staat immer gefräßiger. 1960 beanspruchte der Leviathan nur rund 30
Prozent der Wirtschaftsleistung, 1970 waren es schon rund 39 Prozent. 2004
lag die Staatsquote zwar auf dem niedrigsten Stand seit 1991, doch mit 47,5
Prozent kann kaum noch die Rede sein von freier Marktwirtschaft.
Studien belegen, dass Länder mit niedrigerem Staatsanteil wirtschaftlich
erfolgreicher sind als die Staaten, wo die öffentliche Hand als Nimmersatt
auftritt. Staatsfixierte Politiker oder Wirtschaftswissenschaftler rechnen
dann gerne vor, dass dies nicht für die skandinavischen Länder gelte. Doch
auch hier muss man sagen, dass der im Vergleich zum angelsächsischen Raum
geradezu monströse Anteil des Staates in den nordischen Ländern in den
vergangenen Jahren spürbar zurückgefahren wurde. Nach Berechnungen des
Internationalen Währungsfonds (IWF) http://www.imf.org reicht eine Quote
von 30 Prozent aus, damit der Staat all seine Aufgaben erfüllen kann.
Wachstumsmotoren sind unter anderem Irland, die Vereinigten Staaten und
Australien, und in allen drei Ländern hält sich Väterchen Staat zurück.
„Libertäre, die die völlige Abschaffung des Staates fordern, reden Unsinn.
Das ist bestenfalls politisches Feuilleton“, meint Müller, der als
Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW)
http://www.bvmwonline.de auch gesellchaftspolitische Verantwortung trägt.
„Ich bekenne mich insofern zu einem starken Staat, wenn es um die
Sicherheit der Bürger geht und darum, dass alle Bürger eine gute
Ausbildung bekommen. Doch der deutsche Staat gibt das Geld seiner Bürger
für die falschen Dinge aus. Wir investieren zu wenig in die Zukunft,
nämlich in Bildung, in Forschung und Entwicklung. Stattdessen schnellen
die Ausgaben für konsumtive Zwecke wie Zinsen und Sozialleistungen in
astronomische Höhen.“ Für falsch hält es Müller auch, wenn die
Großkoalitionäre in Berlin jetzt nur wie die Buchhalter auf den außer Rand
und Band geratenen Etat schielten. Die fest eingeplante
Mehrwertsteuererhöhung werde weitere Jobs kosten. Und da sich die beiden
Volksparteien nicht auf grundlegende Arbeitsmarktreformen einigen könnten,
sei mit weiteren Horrorzahlen aus Nürnberg zu rechnen. „Wer den
Arbeitsmarkt nicht endlich liberalisiert“, so Müller, „der versündigt sich
insbesondere an den Menschen, die aus eigenem Verschulden oder wegen
unglücklicher Umstände über nur sehr geringe oder nicht mehr gefragte
Qualifikationen verfügen.“
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