Nadeshda
Forum: cl.menschenrechte.europa
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>

MenschenrechtsFragen

Buchrezension
MenschenrechtsFragen
Hg. von Heiner Bielefeldt, Franz-Josef Hutter, Sabine Kurtenbach, Garsten Tessmer zum 65. Geburtstag von Volkmar Deile.
Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2008, 208 S., 16,90 Euro

Text aus amnesty journal Mai 2008 von Ali Al-Nasani

Von Geiz und Ausbeutung

Das Buch »MenschenrechtsFragen« gibt einen lesenswerten Überblick über aktuelle Fragen der Menschenrechtspolitik.

Wie steht es um die Menschenrechte in Europa? Wie wirkt sich die Globalisierung auf die Menschenrechtspolitik aus? Und welche Chancen und Risiken ergeben sich aus der zunehmenden Professionalisierung von Menschenrechtsorganisationen? Diese Themen werden in dem jüngst erschienenen Sammelband »MenschenrechtsFragen« kontrovers diskutiert.

In ihrem Beitrag zur Europäischen Menschenrechtspolitik stellt Herta Däubler-Gmelin, die ehemalige Bundesjustiz-ministerin und derzeitige Vorsitzende des Menschenrechts-ausschusses des Bundestages, vor allem Defizite in den Ländern Osteuropas fest. Fehlende Zivilgesellschaft, gelenkte Medien und Diskriminierung von Minderheiten seien Symptome der ehemals autoritären Gesellschaftssysteme. Doch auch für die anderen Länder Europas mahnt Däubler-Gmelin effektiveren Menschenrechtsschutz an und verweist auf die immer noch fehlende Aufklärung geheimer CIA-Flüge und der Verschleppung von Gefangenen in Folterlager.

In ihrem Beitrag zur menschenrechtlichen Verantwortung von Unternehmen beschreibt die Misereor-Expertin Elisabeth Strohscheidt anhand von Beispielen aus Peru, Nigeria und China, wie Konzerne ihre Verpflichtungen zum Schutz der Arbeitnehmer umgehen. Sie stellt fest, dass extreme Armut das Resultat einer Wirtschaftspolitik ist, die keine gerechte Verteilung vorhandener Ressourcen zulässt. Für das ausgebeutete Personal der Firmen in den Ländern der »3. Welt« ist der Geiz der »i. Welt« alles andere als »geil«.

Sicherlich ist es kein Zufall, dass es mit Gerhart Baum gerade der ehemalige UNO-Sonderbeauftragte für den Sudan ist, der in seinem Beitrag daran erinnert, dass die internationale Menschenrechtspolitik mit dem Konzept der Schutzverantwortung im Schlussdokument des Reformgipfels von 2005 eine neue Norm des Völkerrechts aufgestellt hat. Die Staatengemeinschaft hat sich verpflichtet, gemeinsam die Verantwortung zu tragen, Zivilbevölkerung vor Kriegsverbrechen, Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen. Dieses Konzept der »Responsibility to protect« beleuchtet auch die langjährige Mitherausgeberin des Jahrbuchs Menschenrechte, Sabine Kurtenbach. Als Indikatoren von gewaltsam ausgetragenen Konflikten benennt sie die Einschränkung von Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit bei einer gleichzeitigen Konzentrierung politischer Macht. Als Instrument der Durchsetzung internationalen Rechts sieht Kurtenbach den Internationalen Strafgerichtshof, der in einer Art Vergangenheitspolitik geltendes Recht durchsetzt, Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung delegitimiert und dadurch Vertrauen in internationale Menschenrechtsnormen schafft.

Zu den Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme von Amnesty nimmt Michael Meier-Borst Stellung und beschreibt als die fünf wesentlichen Elemente für den Erfolg der Organisation die politische Unabhängigkeit, die Qualität der Recherche, die Nachhaltigkeit des Engagements, die Benennung von Unrecht und die Wirksamkeit des Handelns.

Die Aufsatzsammlung erscheint anlässlich des 65. Geburtstags von Volkmar Deile, dem langjährigen Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion und gibt durch die Diskussion der Themen und den gegenseitigen Bezug der Autoren aufeinander einen lesenswerten Überblick über aktuelle Fragen der Menschenrechtspolitik.

Der Autor ist Referent für Lobbyarbeit und internationale Kommunikation der deutschen Amnesty-Sektion.

Quelle
amnesty journal, 05/2008, Touristen und trojanische Pferde von Ali Al-Nasani, S. 37
20.05.08    Jana Böhnke <boehnke@gmx.de>
 Zurück zur Übersicht  Kommentar schreiben  << Aktuellere Nachricht | Frühere Nachricht >>
Forum: cl.menschenrechte.europa