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Buchrezension
Christiane Neudecker: Nirgendwo sonst
Luchterhand, München 2008,270 S., 17,95 Euro
Text aus amnesty journal Mai 2008 von Ralf Schmitz
Touristen und trojanische Pferde
In dem Roman »Nirgendwo sonst« begegnen sich zwei Rucksacktouristen in
Myanmar, das von einem brutalen Militärregime regiert wird.
»Ich bewundere dich für deine Vergangenheit«, sagt Sine, die Dänin auf dem
Selbsterfahrungstrip, zu dem ostdeutschen Backpacker, der behauptet, im
Kofferraum eines Wagens mit diplomatischer Immunität in den Westen geflohen
zu sein. Dieser seltsame Satz steht am Anfang der Begegnung der beiden
Rucksacktouristen, die sich auf einem Trampelpfad in Myanmar begegnen und
ineinander verlieben. Auf der Bewunderung fußt (und zerbricht) die
Liebesgeschichte, die Christiane Neudecker in ihrem Roman »Nirgendwo sonst«
vor dem Hintergrund des Militärregimes in Myanmar erzählt.
Die Autorin hat das Land, das während der Proteste buddhistischer Mönche für
kurze Zeit die Nachrichten beherrschte, vor fünf Jahren bereist. Anschließend
begann sie mit der Arbeit an ihrem Romandebüt und machte sich dabei die
Auffassung Mister Khins, einer ihrer burmesischen Nebenfiguren, zu eigen:
Dieser appelliert bei einer Begegnung mit den Rucksackreisenden an die
Touristen, als »trojanische Pferde« die Welt nach Myanmar zu tragen und in
»Europa, Amerika, Australien« von der Unterdrückung in seinem Land zu
berichten.
Dabei hat der ostdeutsche Backpacker zunächst etwas anderes im Sinn: Er will
sein Leben neu sortieren. Durch eine Laune des Schicksals wird er nach Myanmar
verschlagen, für das er sich zuvor nicht einmal beiläufig interessiert hat. Er
trifft auf die naive, begeisterungsfähige Sine, die ihn kurzerhand zum
»Spezialisten für die Überwindung von Diktaturen« erklärt. Abseits der
vorgeschriebenen Touristenrouten kommt er schließlich der Wahrheit gefährlich
nah auf die Schliche: »Noch nie habe ich so ein Land gesehen. Nichts stimmt
überein. Nicht die Zeitungsberichte mit dem ungetrübten Anblick. Nicht die
scheinbar fröhlichen Menschen mit der Grausamkeit der Unterdrücker. Die
Fassade vor Ort ist nahtlos, sie bröckelt nicht. Aber dann sind da die
wenigen Dinge, die man weiß. Die man gehört hat, vorher. Über die Missachtung
der Menschenrechte, die Folter.«
Christiane Neudecker erzählt eine Geschichte von Liebe und Lügen in einer
abweisenden und zugleich gastfreundschaftlichen Fremde so souverän und
raffiniert verschachtelt, dass man sich an das »Haus nur aus Fluren« erinnert
fühlt, das sich der Backpacker als idealen Lebensraum vorstellt. In Burma
kommt er der Verwirklichung seines Wunschtraums auf unvorhergesehene,
unheilvolle Weise nahe. Zunächst aber scheitert er bei dem Versuch,
vergangenes Unglück zu überwinden und stolpert übergangslos in die nächste
Lebenskrise.
Der Mann aus Deutschland wirkt dabei wie ein Repräsentant typischer
Rucksacktouristen, deren Gebaren die Autorin keineswegs so eindimensional
darstellt, wie der rührige Mister Khin sich das wünscht. Bei all dem gerät
die Lage des Landes an keiner Stelle in Vergessenheit. Neudecker hat die für
den Reisenden unsichtbare, unterschwellig jedoch allgegenwärtige
Willkürherrschaft sowie die Gefährdung der Einheimischen unter den Bedingungen
der Militärdiktatur beklemmend eindrücklich eingefangen. Erst deren
Schilderung verleiht diesem fesselnden Reiseroman die nötige Tiefenschärfe
und fordert den Leser dazu auf, den Blick nach Myanmar zu richten und zu
registrieren, dass sich seit den Unruhen im September des vergangenen Jahres
nichts zum Besseren verändert hat.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Köln.
- Quelle
- amnesty journal, 05/2008, Touristen und trojanische Pferde von Ralf Schmitz, S. 36
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