|
Solidarität gegen Schauprozess in Ägypten
Ägyptische Blogger werben um internationale Unterstützung für 49
Demonstranten, die vor einem Notstands-Staatssicherheitsgericht angeklagt
sind.
Am 9. August wird gegen 48 Männer und eine Frau ein Schauprozess vor
einem ägyptischen Notstands-Staatssicherheitsgericht eröffnet. Die
Menschen werden angeklagt, im April an einem zweitägigen Aufstand in
Ghazl El-Mahalla im Nildelta beteiligt gewesen zu sein. Ägyptische
Blogger rufen Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen zur Solidarität
auf, um das Mubarak-Regime unter Druck zu setzen.
Die Ägypter wurden verhaftet, nachdem Sicherheitskräfte des MubarakRegimes
am 6. April einen Streik bei "Misr Spinning and Weaving" - mit
27.000 Arbeitern die größte Textilfabrik im Nahen Osten - aufgelöst
hatten. Die Textilarbeiter hatten angesichts der rasant angestiegenen
Lebensmittelpreise eine Erhöhung des Mindestlohns verlangt, der seit 1984
stagniert.
Nachdem die versprochene Steigerung ausblieb, organisierte der
"Textilarbeiterbund" den Streik. Diese unabhängige Gewerkschaft wurde im
letzten Jahr nach einer Reihe erfolgreicher Fabrikbesetzungen in der
ägyptischen Textilindustrie gegründet. Nachdem die Gewerkschaft zum
Streik am 6. April aufgerufen hatte, umzingelten tausende
Sicherheitskräfte das Fabrikgelände. Daraufhin demonstrierten tausende
Einwohner von Mahalla in Solidarität mit den Textilarbeitern und gegen
die Lebensmittelpreise an diesem und dem folgenden Tag.
Die Sicherheitskräfte bekämpften die Demonstranten mit Schlagstöcken,
Tränengas, Wasserwerfern, Gummigeschossen und scharfer Munition. Sie
töteten drei Menschen und verletzten hunderte.
Im Anschluss durchsuchten die Sicherheitskräfte die angrenzenden
Stadtviertel und nahmen hunderte Bürger fest, darunter die Organisatoren
des Streiks. Viele dieser Aktivisten sind aufgrund internationalen Drucks
freigelassen worden, aber andere Bürger Mahallas sind immer noch im
Gefängnis, obwohl keine Anklage erhoben ist. Freigelassene berichteten
gegenüber der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von Folter in
den Polizeistationen und Staatssicherheitsgebäuden: schwere Schläge,
Elektroschocks und sexueller Missbrauch. Gefangene wurden gezwungen, auf
dem Boden zu schlafen und mit Vergewaltigung bedroht. In mehreren Fällen
traten die Sicherheitskräfte auf die hilflos am Boden Liegenden ein.
Die Angeklagten befinden sich in einem undurchschaubaren Dickicht aus
Notstandsgesetzen und Sondergerichten. Staatssicherheitskräfte
verweigerten sich Anordnungen aus dem Büro des zuständigen Staatsanwalts,
einige Gefangenen freizulassen. Andere wurden nach ihrer Freilassung
verschleppt oder unter Sondergesetzen wieder verhaftet.
Das Mubarak-Regime hat entschieden, 43 Menschen vor das NotstandsStaatssicherheitsgericht
zu stellen - ein Gericht, dem nach Aussagen von
internationalen Menschenrechtsgruppen jegliche internationale Standards
fehlen, um ein sicheres und gerechtes Verfahren zu gewährleisten. 6
weitere Angeklagte sind auf der Flucht und werden in Abwesenheit vor
Gericht gestellt.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fordert, die
Inhaftierten freizulassen und die Verfolgung auszusetzen. Sarah Leah
Whitson, Direktorin der Abteilung Naher Osten und Nordafrika, sagte: "Die
Regierung hat nicht nur das Streikrecht der Arbeiter verletzt, sie hat
den Inhaftierten grundlegende Rechte verweigert. Nichts rechtfertigt es,
Demonstranten zu foltern und ohne Anklage dauerhaft zu inhaftieren."
In Ägypten gilt seit 1981 ununterbrochen der Ausnahmezustand, unter
dessen Bedingungen auch das Notstands-Staatssicherheitsgericht eingeführt
wurde. Nach Auskunft von Amnesty International leistet der
Ausnahmezustand schon seit seiner Verhängung Menschenrechtsverletzungen
Vorschub, darunter Inhaftierungen ohne Anklageerhebung, Folterungen und
Misshandlungen, unrechtmäßigen Einschränkungen der Rechte auf freie
Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sowie unfairen
Prozessen vor Militärgerichten und den Notstands-
Staatssicherheitsgerichten. Den 49 Angeklagten drohen Gefängnisstrafen
zwischen sechs und zehn Jahren Zwangsarbeit.
Mit Material von Hossam El-Hamalawy/Human Rights Watch/Amnesty International
Übersetzung und Bearbeitung: Jan Maas
Links
Blog der Solidaritätskampagne (arabisch, zum Teil auf englisch übersetzt):
http://abtalelmahalla.blogspot.com/
Artikel von Hossam El-Hamalawy (englisch):
http://arabist.net/arabawy/2008/07/10/cry-out-in-anger-at-egypt%E2%80%99s-showtrials/
Fotos vom Aufstand in Mahalla:
http://www.flickr.com/photos/elhamalawy/sets/72157604976268798/
Jahresbericht 2007 von Amnesty International (deutsch):
http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/44cc9b529851e45ac1256aa1004bb4c0/bb55bc1
666929989c12572fe0042e22d?OpenDocument
Erklärung von Human Rights Watch zum Schauprozess (englisch):
http://hrw.org/english/docs/2008/07/18/egypt19391.htm
- Quelle
- http://mahalla49.wordpress.com/2008/08/06/solidaritat-gegen-schauprozess-in-agypten/
NADESHDA Mailbox e.V._ / 0211-9053863 (X.75) / 0211-9345453 (V.34)
http://www.nadeshda.org / Informationen aus Politik Umwelt Kultur
|